weather-image
×

Wie die Städte mit den Sinti umgegangen sind

Hameln, Uslar und das „Zigeunerproblem“

In Hameln und in Uslar lebten nach dem Zweiten Weltkrieg Sinti-Familien. Obwohl den beiden Städten zunächst gar nicht bewusst war, dass zwischen den Familien enge verwandtschaftliche Beziehungen bestehen, tauschten sie sich über ihr jeweiliges „Zigeunerproblem“ aus. Der Briefwechsel ist überliefert.

veröffentlicht am 21.09.2017 um 16:53 Uhr

Philipp Killmann

Autor

Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

Offiziell war mit Kriegsende die Naziherrschaft zwar vorbei. Doch damit verschwand das Gedankengut der Nazizeit nicht automatisch aus den Köpfen. So war vielen Städten daran gelegen, ihre Gemeinden weiter „zigeunerfrei“ zu halten. Die bloße Anwesenheit von Sinti wurde als „Zigeunerproblem“ erachtet. Dass mit diesem „Problem“ teilweise wohl recht unterschiedlich umgegangen wurde, wird am Beispiel eines brieflichen Austauschs zwischen den Städten Hameln und Uslar deutlich. Demnach ist Hameln im Vergleich zu Uslar offenbar mit besonderer Härte gegen die Sinti vorgegangen.

Lange bevor den beiden Stadtverwaltungen klar ist, dass zwischen den in ihren Kommunen ansässigen Sinti-Familien enge verwandtschaftliche Beziehungen bestehen, tauschen sie sich über ihr jeweiliges „Zigeunerproblem“ aus. Ende März 1958 setzt sich Uslars Stadtdirektor Otto Dauer mit der Stadt Hameln in Verbindung. Die „Advent-Zigeunermission“ des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands in Northeim habe die Stadt „auf die katastrophalen Wohnverhältnisse“ der fünf in Uslar ansässigen „Zigeunerfamilien“ aufmerksam gemacht, schreibt Dauer. Ihre Wohnwagen seien so schlecht, „dass sie bald nicht mehr bewohnt werden können“. Es ist die Familie des späteren Hamelners Reilo Weiß, damals 10 Jahre alt, von der in dem Schreiben die Rede ist. Die Stadt, so der Stadtdirektor weiter, wolle sich dem „Zigeunerproblem etwas mehr annehmen“. Dauer habe gehört, dass in Hameln „das Zigeunerproblem vorbildlich gelöst“ worden sei: zum einen durch den Bau von Baracken, zum anderen durch die Bereitstellung von Räumen „für die Durchführung caritativer Arbeit an den Zigeunern (Erteilung von Deutschunterricht, Kochvorführungen, Gesundheitsfürsorge, Ratschläge in der Haushaltsführung usw.)“. Der Stadtdirektor schließt den Brief in der Hoffnung auf „rechtbaldige Antwort“, „da in den Wohnverhältnissen der in Uslar seßhaften Zigeuner unbedingt etwas unternommen werden muss“.

2 Bilder
Reilo Weiß (4. v. li.) mit seiner Familie vor ihrem Wohnwagen in Uslar. Foto: Reilo Weiß/pr

Gut einen Monat später, am 24. April, antwortet der Hamelner Stadtdirektor Johannes Wagner mit einem anderthalbseitigen Brief. „Die zehn Zigeuner-Familien“ in Hameln würden „ihre Wohnwagen mehr oder weniger absichtlich verkommen lassen, um damit zu erreichen, dass für sie eine Baracke gebaut wird“, schreibt Wagner. Der Gedanke eines Barackenbaus sei von der Stadt jedoch bereits Ende 1956 fallengelassen worden, „und zwar aus grundsätzlichen Erwägungen“, so Wagner: „Es muss nämlich damit gerechnet werden, dass dann von anderen Kreisen und Gemeinden weitere Zigeuner zuziehen werden“. Damit wird unmissverständlich klar: Sinti sind in Hameln damals schlicht und ergreifend unerwünscht. Es folgen Ausführungen Wagners über das vermeintlich unsägliche Verhalten der Familie Weiß und ein Bericht über den Bau des von den Sinti abgelehnten Wohnwagenstellplatzes neben der Kläranlage. Abschließend stellt Wagner noch klar, dass in Hameln keine Räume für „caritative Arbeit an den Zigeunern“ zur Verfügung gestellt wurden.

Tatsächlich findet sich auch in den Akten der Stadtverwaltung kein einziger Hinweis darauf, dass die Stadt sich jemals um karitative Maßnahmen für die Sinti bemüht hätte. Erst 1963 kommt Stadtdirektor Wagner auf den Gedanken, die katholische Kirche in den Konflikt mit der Familie Weiß einzubeziehen, wenn auch nur, um das „Zigeunerproblem“ durch „eingehende Betreuung“ lösen zu wollen. Es blieb bei der Idee (wir berichteten).

Soziale Maßnahmen, wie sie Uslars Stadtdirektor fälschlicherweise zu Ohren gekommen waren, ergreift jedenfalls nicht die Stadt Hameln, sondern werden von einzelnen Bürgern ergriffen. Hildegard Graf von der „Landeskirchlichen Gemeinschaft“ in der Sandstraße etwa, die, wie berichtet, neben ihrer Missionarstätigkeit bei Behördengängen behilflich ist oder Hausaufgabenhilfe gibt. Oder Gertrud von Reden, die am Rettigs Grund ab und an Lebensmittel vorbeibringt und beim Verfassen von Briefen hilft.

Jahre nach der Korrespondenz zwischen Wagner und Dauer, im Dezember 1962, zieht die Uslarer Sinti-Familie um Robert Rose (1909-1983) – Reilo Weiß‘ Stiefvater –, zu ihrer Verwandtschaft in Hameln. Dort zweifelt die Stadt Roses Angaben zu seiner durch die Nationalsozialisten erlittenen Verfolgung prompt an.

Zur Überprüfung von Roses Aussagen wendet sich Stadtdirektor Wagner an einen Rechtsanwalt in Uslar, der offenbar für Roses Entschädigungsverfahren zuständig ist. Die Ehefrau des Anwalts bestätigt Roses Angaben.

In diesem Zusammenhang fragt Wagner auch, „wie es käme, dass die Zigeuner alle Uslar verlassen hätten“. Die Frau des Rechtsanwalts schildert: „Die Zigeuner in Uslar, die fast ausschließlich zur Sippe Weiß gehören, seien in Wohnbaracken untergebracht gewesen“, die im Zuge des „Barackenräumprogramms“ abgerissen worden waren. Dafür habe die Stadt „den Zigeunern Wohnwagen zur Verfügung gestellt“.

Reilo Weiß hat dies umgekehrt in Erinnerung. Die Stadt sei dagegen gewesen, dass die Sinti in Wohnwagen wohnten und hätte ihnen deshalb eine Holzbaracke zur Verfügung gestellt. „Später gab uns die Stadt Geld für die Fahrt nach Hameln“, sagt Weiß. „Die wollte uns wohl loswerden.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt