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Das große Grauen: der Schwarze Tod

Hameln im Würgegriff der Pest

Die Pest, seit dem 17. Jahrhundert als „Schwarzer Tod“ bezeichnet, war das ganze Mittelalter hindurch bis hinein in die Neuzeit für ganz Europa eine tödliche Bedrohung, der man vollkommen hilflos gegenüberstand. Wir werfen einen Blick in die Geschichte und zeigen, wie die Krankheit auch in Hameln gewütet hat.

veröffentlicht am 29.01.2017 um 13:14 Uhr
aktualisiert am 29.01.2017 um 15:50 Uhr

Pestkrankes Paar: Der Arzt im Hintergrund versucht mit einem Kräuterbund das „üble Miasma“, die bösen Dünste zu vertreiben (Buchmalerei in der Toggenburg-Bibel, St. Gallen 1411, Reproduktion).

Autor:

Viktor Meissner
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.Es fing eigentlich ganz harmlos an. Wie jedes Säugetier, das frei lebt, können auch Ratten schon mal Flöhe haben. An sich nichts Besonderes. Die Menschen vergangener Jahrhunderte hatten sich längst an Parasiten jeglicher Art gewöhnt: Wanzen, Zecken – und eben auch Flöhe. Die Ratten selbst sah man als schädliche Nahrungskonkurrenten an, den auf ihnen lebenden Flöhen maß man keinerlei weitere Bedeutung zu. Was für eine tödliche Gefahr damit auf das gesamte Abendland zukam, ahnte man damals nicht.

Zwar war das Byzantinische Reich von 542 bis 594 immer wieder mit geringen Unterbrechungen von der grauenvollen Gefahr heimgesucht worden („Justinianische Pest“), aber die alten Geschichten waren in Vergessenheit geraten.

Die Pest, seit dem 17. Jahrhundert als „Schwarzer Tod“ bezeichnet, war das ganze Mittelalter hindurch bis hinein in die Neuzeit für ganz Europa eine tödliche Bedrohung, der man vollkommen hilflos gegenüberstand.

Doktor Schnabel von Rom: Die Karikatur von 1656 zeigt die Schutzmaßnahmen der Ärzte im Umgang mit Pestkranken. Sie bestanden aus einem Hut und Mantel aus gewachstem Tuch oder Leder, Schutzbrille mit geschliffenen Gläsern, Schnabelmaske mit „wohlriechender Spezerey“, Stulpenhandschuhen, Stiefel und einem Zeigestock.

Über die Seidenstraße erreichte die Pest unerkannt und heimlich im Jahr 1347 den damals genuesischen Handelsstützpunkt Kaffa (heute Feodosia) auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer, der damals gerade von Djam Bek Khan belagert wurde. Als im Lager der Tataren urplötzlich die Pest ausbrach, schleuderte man noch etliche Pestleichen mit Katapulten in die Festung und in die Hafenstadt, um den Widerstand der belagerten Genuesen zu brechen. Kurz darauf aber mussten die Tataren durch das einsetzende Massensterben in ihren eigenen Reihen die Belagerung abbrechen und die Einwohner von Kaffa selbst flüchteten voller Panik auf die gerade auslaufenden Schiffe der Genuesen. Das Große Sterben hatte begonnen.

Beim Durchfahren des Bosporus brachte die Flotte die Pest nach Konstantinopel, danach trennte man sich. Einige Schiffe fuhren in die Adria und verseuchten dort ganz Dalmatien und die Lagunenstadt Venedig, andere landeten im Oktober 1347 in Messina und Catania auf Sizilien. Die panikartig fliehende Bevölkerung verschleppte die Pest auf das Festland nach Neapel, von wo sie sich auf dem Landweg weiter ausbreitete. Obwohl die genuesischen Schiffe aus ihrem Heimathafen durch Brandpfeile vertrieben wurden, war es schon zu spät. Der Schwarze Tod war bereits an Land gegangen und schritt entlang der Handelswege unaufhaltsam weiter. Im November 1347 erreichten die Pest-Schiffe das ahnungslose Marseille, wo der Tod alsbald seine Ernte begann. Für Frankfurt am Main wurde das Osterfest 1349 zum Desaster. Im März 1350 wütete die Seuche in Visby auf Gotland, Lübeck und Hamburg erlebten sie im Juli und August, wobei Lübeck mehr als die Hälfte der Einwohner einbüßte, Hamburg etwa ein Drittel; Bremen verlor sogar 70 Prozent seiner Bevölkerung. Geisterschiffe trieben mit ihren toten Besatzungen auf den Meeren und wo sie anlandeten, brachten sie den nichtsahnenden Helfern den Tod; auf diese Weise kam die Pest nach Norwegen und verseuchte von dort aus ganz Skandinavien.

1352 erlosch die große Pandemie. Niemand weiß, wie viele Opfer sie wirklich gefordert hat. Exakte Quellen gibt es nicht und die zeitgenössischen Schätzungen entsprechen häufig nicht der Realität, da sie oft übertrieben dargestellt wurden, zum einen unter dem Eindruck des überall herrschenden Grauens, zum anderen aber auch um die gewünschte Hilfe zu bekommen. Man nimmt heute an, dass etwa 25 Millionen Menschen der Seuche zum Opfer gefallen sind, ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung.

Nach der 1826 erschienenen „Geschichte der Stadt Hameln“ des Stadtchronisten Friedrich Sprenger soll die Pest 1384 in Hameln gewütet haben, von der aber weiter nichts bekannt sei, als dass ein gewisser de Polde (gemeint ist Johannes von Pohle, † 1395), Stiftsherr und „senior canonicus“ des Bonifatiusstiftes zu Hameln, sagt, er habe seine Chronik „post epidemia“ geschrieben. Hier zieht Sprenger allerdings einen falschen Schluss: Johannes von Pohle hat seine Chronik im Jahr 1384 geschrieben, also nach der großen Pestpandemie von 1347 bis 1352. Hameln lag damals inmitten des Pestgebietes und ist nicht von der Seuche verschont worden.

Ein weiterer Hinweis über eine Pestpandemie findet sich als handschriftlicher Eintrag in einer 1788 von Johann Georg Herrenkind verlegten Geschichte über die Stadt und Festung Hameln. Der unbekannte Schreiber hat auf der letzten Seite des Büchleins Folgendes hinzugefügt: „In Hameln war 1374 die 4. Pest-Epidemie kurz vorher gewesen.“

Nach einer von 1566 bis 1568 dauernden Pestepidemie beschloss der Magistrat als vorbeugende Maßnahme den Bau einer Wasserleitung von einer reinen Quelle auf dem etwa 2700 Meter vom Zentrum entfernt liegenden Borberg direkt in die Stadt mitten ins Zentrum. Diese Wasserleitung scheint auch gebaut worden zu sein, denn auf einer Stadtansicht von 1622 ist mitten auf der Osterstraße an der westlichen Ecke des Hochzeitshauses ein wohl durch den Gefälledruck (100 Meter Höhenunterschied) des Wassers gespeister, ständig sprudelnder Brunnen abgebildet, aus dem sich die Bürger versorgen konnten. Als man im Zuge der Altstadtsanierung in den 1970er-Jahren an dieser Stelle Erdarbeiten durchführte, fanden sich allerdings keine Spuren (mehr) davon.

Am Eckhaus vom Münsterkirchhof zur Beginenstraße ist ein Sandsteinrelief eingemauert, das heute allgemein als „Peststein“ bekannt ist. Dieser Stein stammt ursprünglich vom nahe gelegenen Münsterkirchhof und war das 1570 errichtete Grabmal für Katharina Amelung, geborene Vogedes, die, wie die Inschrift erzählt, am 30. August 1566 nachmittags um 6 Uhr an der Pest verstarb.

Erneutes Unheil durch die Seuche traf die Stadt im Jahre 1581. Der Chronist Sebastian Spilker berichtet dazu: „1400 Menschen brachte ebenda in der Stadt Hameln die wilde Pest um. Was Wunder? Mitten in ihren gebauten Häusern verachten sie den Abtritt; sie selbst waren Anlass für das doppelte Übel. Und so „kackt sich jeder das eigene Übel hin und bekommt es entsprechend. Man sagt ja, dass jeder seines eigenes Glückes Schmied ist“.

Hauptgrund für Pestausbruch
waren unhygienische Zustände

Im Herbst 1625, inmitten des Dreißigjährigen Krieges, begann eine durch umherziehende Söldnerheere eingeschleppte Pestepidemie in ganz Niedersachsen zu wüten, die erst im November 1626 erlosch. Wie Sprenger berichtet, sind nach den Eintragungen im Hamelner Kirchenbuch damals innerhalb dieses einen Jahres 1242 Einwohner gestorben, andere Quellen erzählen von 1143 Opfern; Hameln hatte zu der Zeit etwa 2100 Einwohner. Hauptgrund für den neuerlichen Pestausbruch waren neben den umherziehenden Horden auch die kriegsbedingten beengten, unhygienischen Verhältnisse in Hameln. Der Chronist Friedrich Meissel schreibt über die Stadt: „In den Jahren 1623 und 1624 waren viele Leute aus der Umgegend, aus Furcht vor den Kaiserlichen Völkern, mit ihrer wertvollsten Habe in die Stadt gekommen, auch Soldaten kamen herein, besonders nach der Niederlage Herzog Christians bei Stadtlohe (1623), ebenso Werber, denen man aber nicht gestattete, ihr Gewerbe hier zu treiben. Bald war es ein armer Schüler oder ein vom Kriegsvolk beraubter Student, bald ein aus Böhmen vertriebener Pastor oder Schulmeister, abgebrannte Leute aus allen Gegenden des Reiches oder solche, die zum Wiederaufbau einer Kirche sammelten (z.B. 1623 aus Hajen), aus türkischer Gefangenschaft Entronnene usw. Alle diese erhielten von der Stadt eine Gabe. Aber gegen die Hausbettelei musste der Rat einschreiten. „Da sich die Bettler für und für häufen, ist beschlossen, keine fremden Bettler hereinzulassen.“ Ein Bettelvogt wurde angestellt und ein „Loch“ (kleiner Kellerraum) im „Heiligen Geiste“ (ein Armenhaus) für die Bettler eingerichtet. Auch Abenteurer, Spione und allerlei Gesindel kam in die Stadt. Der Kreisoberste schreibt an den Rat: „Da er aus sicherer Quelle erfahren, daß sich in Hameln herrenloses Gesindel aufhalte und allerhand Exzesse begehe, so sollte ein jeder, der nicht Bürger oder in des Rats Bestellung, in zwei bis drei Tagen die Stadt verlassen, falls er keine redliche Ursache seines Aufenthaltes angeben könnte.“ Die Reiseherren berichteten, dass sich im Hause einer Witwe allerhand loses leichtfertiges Gesindel befände, und Tobias von Dempter macht den Rat darauf aufmerksam, „daß im öffentlichen Hause (Bordell) gar ein sodomitisches Leben geführt würde, und daß Meister Marten, der Bader, ihm gestanden, daß er einen in der Kur hätte, welcher an dem Orte morbum Gallicum (Syphilis) bekommen“. Kurzum – in Hameln herrschten zu jener Zeit in jeder Hinsicht katastrophale Zustände!

Rigoros ging man vor, wenn die Pest bereits ausgebrochen war. In der Pestordnung von 1712 heißt es: „Sollte aber (XXXIX.) Welches doch der grosse Gott in Gnaden verhüten wollte, aller gebrauchten Mensch=möglichen Veranstaltungen ungeachtet sich begeben, daß eine gifftige ansteckende Seuche in einigen Örtern unserer Lande verspüret würde; So ist solches bey Tag und Nacht zu unserer Geheimte=Raht=Stube zu berichten; solcher Ort, er sey Stadt oder Dorff, zu sperren, und, wie des die Gelegenheit desselben mit sich bringet, zu verpallisadieren (= Palisade: hohes Hindernis aus dicht aneinander gesetzten, oben meist angespitzen Pfählen), oder mit tiefen Graben zu umziehen; die Zugänge mit zulänglichen Wachten zu besetzen; auch niemanden heraus zu lassen; sondern, da sich jemand boshaffter Weise heraus begeben wollte, Feuer auf denselben zu geben (= auf ihn scharf zu schießen), und die geringste Communication mit andern Leuten nicht zu verstatten.“

Der „Schwarze Tod“ schlug letztmalig zwischen 1711 und 1713 in einigen Gegenden Norddeutschlands zu – bis heute ist die Seuche nicht wieder aufgetaucht …

Um die immer noch unbekannte Ursache der Erkrankung endlich zu finden, schickte die französische Regierung den seit 1890 als Schiffsarzt in Indochina arbeitenden Alexandre Émile Jean Yersin (1863–1943) nach Hongkong, als eine 1894 von der Inneren Mongolei ausgegangene Pestwelle die südchinesische Küste erreichte.

Yersin gelang im Juni 1894 die Isolierung des Erregers aus den Bubonen von Pestopfern. Er wies weiter nach, dass der von ihm entdeckte Pesterreger auch für das in Hongkong gleichzeitig aufgetretene massenhafte Rattensterben verantwortlich war. Das letzte Glied der Infektionskette, die Übertragung vom Tier auf den Menschen durch den Biss des Rattenflohs, entdeckten drei Jahre später Masanori Ogata und Paul-Louis Simond in Bombay. 1970 erhielt das Bakterium zu Ehren des Entdeckers den heutigen Namen: Yersinia pestis.

Abschließend eine Bemerkung zur Rattenfängersage: Nach der allerdings nicht gerade üppigen aktuellen Quellenlage hat die Pest zum Zeitpunkt des sagenhaften Kinderauszuges (1284) in Hameln nicht gewütet.


Quellen: Meissner, Viktor;Rattenfänger, Pest und Ratten, Ausstellungskatalog Hameln 2009/Meissner, Viktor; Seuchen des Mittelalters und der frühen Neuzeit, in: Jahrbuch Museumsverein Hameln 1986/87 / Herr, Johann Daniel; Collectanea 1765 zur Geschichte der Stadt Hameln. Als Buchausgabe: Museumsverein Hameln 1998/Lersch, Bernhard; Geschichte der Volksseuchen, Berlin 1896/Meissel, Friedrich;Kurze Geschichte der Stadt Hameln, Hameln o.J./Sprenger, Friedrich; Geschichte der Stadt Hameln, Hannover 1826/Winkle, Stefan; Kulturgeschichte der Seuchen, Düsseldorf 1997/Wolf, Armin; „Peststein“ 400 Jahre alt, in: Jahrbuch Museumsverein Hameln 1970.



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