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Wie Pflegeeinrichtungen mit Demenzkranken umgehen

Hätte Todesfall einer 84-Jährigen verhindert werden können?

Der tragische Todesfall einer an Demenz erkrankten 84-jährigen Frau ließ kaum jemanden kalt. Sie verließ am Montagnachmittag unbemerkt eine Tagespflege in Rinteln. Trotz einer großen Suchaktion wurde die Frau erst nach zwei Tagen in der Nähe des Friedhofs von Handwerkern gefunden – tot. Es handelt sich um keinen Einzelfall: Immer wieder muss die Polizei ausrücken, um an Demenz erkrankte Menschen zu suchen. Immer wieder wird dabei auch die Öffentlichkeit um Hilfe gebeten. Etwa im Fall des bis heute nicht wiedergefundenen Helmut W., der im Herbst 2016 aus einem Pflegeheim in Rinteln-Friedrichshöhe verschwand.

veröffentlicht am 08.12.2017 um 16:51 Uhr

Es kommt häufig vor, dass Demenzkranke plötzlich aufstehen und sich auf den Weg machen. Festhalten darf man sie nicht. Symbolfoto: dpa
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Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Die Schwierigkeit ist, dass Menschen nicht eingesperrt oder durchgehend mit einem Peilsender überwacht werden dürfen, nur weil sie dement sind. „Da geht es um die Menschenwürde“, verdeutlicht Aimo Würfel, Geschäftsführer der Tagespflege „Am Bären“. „Aber man muss dann eben genug Personal haben, um diese Menschen zu begleiten, wenn sie die Einrichtung verlassen.“ Natürlich dürfe es nicht passieren, dass jemand unbemerkt die Tagespflege verlässt.

Schon alleine aus Brandschutzgründen dürfe man die Türen nicht abschließen, und es müsse auch mehr als einen Ausgang geben. „Aber für jeden demenzkranken Patienten mit Weglauftendenzen brauche ich dann auch einen freien Mitarbeiter, der mit hinausgeht.“ Wenn man nicht genug Mitarbeiter habe, müsse man eben ablehnen, weitere Demenzkranke mit Weglauftendenzen aufzunehmen. In seiner Einrichtung werde aus diesem Grund derzeit nur eine Person mit dieser Problematik betreut.

Würfel erklärt: „Diese Menschen leben bereits in ihrer eigenen Welt. Dann kommt etwa ein 80-Jähriger auf den Gedanken, er wolle seine Eltern in Berlin besuchen. Unabhängig davon, dass seine Eltern schon lange nicht mehr leben und er zu Fuß natürlich nie nach Berlin käme, macht er sich dann von einem Moment auf den anderen auf den Weg.“ Darauf müsse sein Team dann flexibel reagieren können. „Man sieht ja, dass er plötzlich vom Tisch aufsteht und weiß, dieser Gast geht nicht nur mal schnell auf den Flur.“ Dann müsse sich ein Mitarbeiter die Zeit nehmen können – ohne dabei die anderen zu vernachlässigen –, die Gruppe mit ihm zusammen zu verlassen, und ihn in Ruhe davon zu überzeugen, wieder zurückzukehren. „Meistens sagt ihnen ihr Körper nach einiger Zeit von selbst, dass sie nicht mehr weiterkommen. Dann geht man entweder gemeinsam zurück, oder der Mitarbeiter ruft mit dem Diensthandy an und wir holen sie ab.“

Eine Ergotherapeutin hilft einer an Demenz erkrankten Bewohnerin im Seniorenheim. Foto: dpa
  • Eine Ergotherapeutin hilft einer an Demenz erkrankten Bewohnerin im Seniorenheim. Foto: dpa

Die Problematik ausreißender Demenzkranker haben übrigens nicht nur Pflegeheime, sondern auch Krankenhäuser. Krankenschwestern aus dem Sana-Klinikum in Hameln etwa berichten, dass es immer wieder vorkomme, dass demente Patienten plötzlich verschwunden seien. Auch hier liegt es am Personalschlüssel: Klinikkonzerne wie Sana sind in erster Linie gewinnorientiert und sparen gerne am Personal. Dann bleibt zu wenig Zeit für zum Beispiel demente Patienten.

Von einer Überwachung mit einem GPS-Sender in der Tagespflege hält Würfel dagegen überhaupt nichts. „Das hat etwas mit Menschlichkeit zu tun. Entweder ich setze mich vor den Computer, und schaue nur den grünen Punkten zu, wie sie hin und her flitzen, oder ich beschäftige mich wirklich mit den Menschen. Dann sehe ich ja, wenn jemand die Gruppe verlässt.“

Dann brauche man aber genügend Personal, damit eine Pflegekraft im Zweifelsfall mit der dementen Person die Einrichtung verlassen kann. Daher hätten GPS-Sender in einer Tagespflege seiner Meinung nach nichts zu suchen. Anders sehe es dagegen in einem Pflegeheim aus. Dort sei jeder Mitarbeiter für eine deutlich höhere Anzahl an Bewohnern zuständig – eine durchgängige Überwachung sei weder angedacht noch möglich. „Da kann schon mal jemand einfach das Haus verlassen.“ In diesem Fall könnten GPS-Sender durchaus Sinn machen.

Das Seniorenheim in Rinteln-Friedrichshöhe testete im vergangenen Jahr den Einsatz eines GPS-Senders. Er hatte die Form einer Uhr, brachte aber nicht die gewünschten Ergebnisse. „Wir haben festgestellt, dass der Bewohner meist ganz woanders war, als es angezeigt wurde“, so Heimleiterin Claudia Jürgens auf Anfrage. Daher habe man den Test nach einiger Zeit wieder eingestellt. Grundsätzlich bekenne sich das Haus aber zu seiner offenen Einstellung. „Wir wollen auch keine geschlossene Abteilung einrichten“, so Jürgens. Jeder Bewohner dürfe kommen und gehen, wie er wolle – niemand sei eingesperrt. Allerdings gehe man sehr wohl speziell auf die Bedürfnisse von demenziell Erkrankten mit Weglauftendenzen ein. „Wir haben Fotos von ihnen ausgedruckt, damit beim Empfang gleich klar ist, das ist jemand, der möglicherweise nicht zurückkehrt.“ Dennoch habe jeder Bewohner – auch jene mit Demenz – die Möglichkeit, spazieren zu gehen.

Christine Paul leitet eine Tagespflege in Bad Eilsen. Sie erklärt – wie auch schon Aimo Würfel –, dass Demenzkranke immer wieder versuchen würden, die Einrichtung alleine zu verlassen. „Wir versuchen sie dann mit allen Möglichkeiten der Überredungskunst, vom Hierbleiben zu überzeugen“, so Paul. Aber wenn das nichts nütze, müsse man die Angehörigen informieren, dass eine Betreuung in der Einrichtung nicht möglich sei.

Die Geschäftsführerin der Rintelner Tagespflege lehnte eine Stellungnahme zu dem Fall der verstorbenen 84-Jährigen rigoros ab. Über die genauen Umstände, die zum unbemerkten Verschwinden der Seniorin führten, wollte auch die Polizei wegen der laufenden Ermittlungen keine Auskunft geben. Als Nächstes werde man die genaue Todesursache ermitteln, erklärte die zuständige Sachbearbeiterin.

Aber man muss dann eben genug Personal haben, um diese Menschen zu begleiten.

Aimo Würfel, Geschäftsführer Tagespflege

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