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Dirk Heumann wurde ohne Gelenke in den Handballen geboren / Lange wollte seine Mutter den Grund nicht wahrhaben

Hände ohne Gelenke - Die schweren Folgen von Contergan

Ungefähr 5000 Kinder sind zwischen 1957 und 1961 mit schweren Missbildungen, vor allem an Armen und Beinen, zur Welt gekommen. Von ihnen leben heute noch etwa 2400. Ihr Mütter hatten während der Schwangerschaft das verschreibungspflichtige Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan der Firma Grünenthal eingenommen. Der Wirkstoff Thalidomid, der auch gegen Schwangerschaftsübelkeit wirken sollte, verursachte die sogenannten Conterganschäden. Vor 50 Jahren begann der Prozess von Opfern gegen Grünenthal.

veröffentlicht am 05.02.2018 um 18:00 Uhr

Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa
Kerstin Lange

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Kerstin Lange Redakteurin zur Autorenseite
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Dirk Heumann ist vor 57 Jahren ohne Gelenke im Bereich der Handballen geboren. „Nun ja, ich hatte eben kein Gelenk im Daumen, aber darum haben sich meine Eltern damals nicht wirklich gekümmert. Das war eben so“, erzählt Heumann. In der Schule sei er gehänselt worden, weil man ihm die Beeinträchtigung immer wieder anmerkte. „Ich kann eben nicht so zugreifen, wie andere, kann mich nicht normal bewegen und irgendwie nehme ich immer eine Schonhaltung ein, die inzwischen zu erheblichen Haltungsschäden geführt hat“, so der Rintelner, der ein Opfer des größten Medikamenten-Skandals der Nachkriegsgeschichte ist – ein Opfer von Contergan. Das Medikament mit dem Wirkstoff Thalidomid war 1957 als Schlaf- und Beruhigungsmittel in Tabletten- und Tropfenform auf den Markt gekommen.

Heumann lebt mit seiner Beeinträchtigung, hat sie angenommen. Er absolvierte eine Ausbildung in der Gastronomie, musste aber nach zehn Jahren umschulen, weil die Schmerzen so unerträglich waren, dass er eine entlastende Tätigkeit ausüben musste. „So wurde ich Versicherungskaufmann“, erzählt Heumann. Ein Kollege bei der Versicherung sei es dann auch gewesen, der ihn darauf angesprochen hat, ob seine fehlenden Gelenke in den Händen etwas mit dem Schlafmittel Contergan zu tun hätte. „Der Kollege hat mich überhaupt erst auf die Idee gebracht, dass ich ein Contergan-Opfer sein könnte“, erinnert sich Heumann. Der Rintelner sprach seine Mutter darauf an, die die „Sache“ herunter spielte. „Ja, ich habe zwar drei Tabletten davon genommen, weil ich nicht schlafen konnte und Schmerzen hatte, aber du hast doch nichts“, bekam ich zur Antwort. „Meiner Mutter war das peinlich.

Zunächst war Contergan frei verkäuflich

Auf den ersten Blick fällt es kaum auf. Dirk Heumann fehlen die Gelenke in beiden Handballen. Das beeinträchtigt ihn enorm. Foto: la
  • Auf den ersten Blick fällt es kaum auf. Dirk Heumann fehlen die Gelenke in beiden Handballen. Das beeinträchtigt ihn enorm. Foto: la
Täglich unternimmt Dirk Heumann mit Mischlingshündin Jayla lange Spaziergänge in und um Rinteln. Foto: la
  • Täglich unternimmt Dirk Heumann mit Mischlingshündin Jayla lange Spaziergänge in und um Rinteln. Foto: la


Am 1. Oktober 1957 brachte die Firma Grünenthal mit Sitz in Rheinland-Pfalz das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan in der Bundesrepublik auf den Markt. Es war zunächst frei verkäuflich und galt als gut verträglich. Es wird zudem auch gegen schwangerschaftsbedingte Übelkeit eingenommen. Doch wie sich später herausstellt, schädigt das Mittel den Embryo in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft schwer, wenn es in einer bestimmten Phase des ersten Schwangerschaftsdrittels eingenommen wird. Die Folgen waren fatal und wurden nicht sofort mit dem Medikament und dessen Wirkstoff Thalidomid in Verbindung gebracht.

Tausende Babys mit schweren Missbildungen geboren


Gegen Ende des Jahres 1960 wurde in der Bundesrepublik festgestellt, dass die Zahl von Neugeborenen mit Missbildungen extrem angestiegen ist. Zwischenzeitlich wurden dafür sogar Atomtests, ein ungesunder Lebensstil der Mütter und genetische Faktoren verantwortlich gemacht. Die nach den Erfahrungen im Dritten Reich abgeschaffte Meldepflicht für Missbildungen verzögert weiter, dass der Anstieg sofort statistisch erkannt und belegt werden kann. Mitte 1961 wurde Contergan rezeptpflichtig und Ende November des Jahres vom Markt genommen.

Zu spät für Tausende Familien und ihre Babys mit verkümmerten Gliedmaßen. Weltweit wird die Zahl der Contergangeschädigten Menschen auf 10 000 geschätzt. Nach Angaben des Bundesverbandes Contergangeschädigter kamen in Westdeutschland ungefähr 5 000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt. Von ihnen leben heute noch etwa 2 400. Wie viele Totgeburten auf die Einnahme von Contergan zurückgehen, ist nicht bekannt.

Jetzt, im fortgeschrittenen Altern, stellt sich den Betroffenen eine ganz neue Frage: Wurden durch den Wirkstoff vor der Geburt auch Gefäße geschädigt? „Es gab einen Fall, bei dem ein Herzkatheter gelegt werden sollte, wo die Ärzte nicht zum Herzen gekommen sind, weil die Blutbahnen anders lagen“, nennt der Vorsitzende des Bundesverbands Contergangeschädigte, Georg Löwenhauser, ein Beispiel, das diesen Verdacht nährt. Bei einem anderen Contergan-Opfer seien gleich zwei Anomalien an den Gefäßen aufgetaucht: Blutgefäße waren demnach an einer Stelle, wo sie der Operateur nie vermuten würde. „Das hätte gefährlich werden können“, so Löwenhauser. Schon die Heidelberger Universität ging 2012 in einer Studie zur Situation Contergangeschädigter von Schäden auch an den Gefäßen aus. Was allerdings erst noch in einer Vergleichsstudie wissenschaftlich zu beweisen wäre. Die Conterganstiftung bereitet nach eigenen Angaben eine solche Sutdie mit einem Expertengremium vor. „Um wissenschaftliche Erkenntnisse zu bekommen, brauchen wir mindestens zwischen 450 und 500 Betroffene“, sagt Margit Hudelmaier vom Stiftungsvorstand. Parallel dazu müsse eine Gruppe ohne Contergan-Schäden untersucht werden.

„Ich habe mich daraufhin untersuchen und meine Gefäße messen lassen. Das Ergebnis ist noch offen“, sagte Heumann dazu. Er leide aber unter ständig kalten Füßen – also an Durchblutungsstörungen.

Heumann ging schließlich ebenfalls mit seiner Vermutung zu einem Arzt. „Ich fuhr zu einem Orthopäden nach Nürnberg, der Gutachter für Contergangeschädigte ist und der bestätigte meine Vermutung nach umfangreichen Untersuchungen“, erzählt Heumann.

2013 habe er schließlich einen Antrag auf Entschädigung gestellt. „Der Einsatz der Contergan-Stiftung ist sehr gut. Die Anträge werden schnell angenommen und auch wenn die Bearbeitung etwas dauert, weil dort alles Ehrenamtliche tätig sind, weiß man sich gut aufgehoben“, so Heumann. Er bekam eine Erwerbsminderungsrente und einer Contergan-Rente zugesprochen. „Die Contergan-Rente ist okay und außerdem bekomme ich dauerhaft zwei Mal pro Woche Krankengymnastik, und zwar ohne Diskussionen“, erzählt Heumann. Ohne sei es aber auch nicht zu ertragen.

Stiftung ist für alle Ansprüche Betroffener zuständig


Die Firma Grünenthal zahlte im Zuge dessen 100 Millionen D-Mark in die 1972 gegründete Stiftung „Hilfswerk für behinderte Kinder“, rechtlich wurde damit jeder weitere Anspruch gegen die Firma ausgeschlossen. Der größte Medizinskandal der Bundesrepublik war durch den Vergleich für die Firma erledigt. Das 2005 in „Conterganstiftung für behinderte Menschen“ umbenannte Hilfswerk ist bis heute für sämtliche Ansprüche der Betroffenen zuständig. Aus Bundesmitteln flossen bis 2016 mehr als eine Milliarde Euro. Die Contergan-Geschädigten erhalten seit 2013 je nach Grad ihrer Schädigung eine monatliche Rente zwischen 612 und 6.912 Euro.

Im Zuge des Contergan-Skandals wurde das Arzneimittelrecht in der Bundesrepublik drastisch verschärft. Die therapeutische Wirksamkeit muss seitdem in geeigneten Studien nachgewiesen werden.

Durch seine ständige Schonhaltung und das „andere Greifen“ sind die Halswirbelsäule und der Schulterbereich von Dirk Heumann ständig verspannt. „Ich muss auch regelmäßig zu Schmerzmitteln greifen“, erzählt Heumann. „Und besser wird das alles nicht.“

Daher stelle er auch immer wieder Verschlechterungsanträge, die stets genehmigt würden. Seit fünf Jahren ist Heumann Rentner. „Zum Ausgleich gehe ich sehr oft schwimmen und täglich bin ich eine Stunde mit dem Hund unterwegs. Ich habe noch Glück gehabt. Andere hat es viel schwerer getroffen und nein, ich bin meiner Mutter nicht böse. Sie konnte schließlich nichts dafür. Sie hat ein Medikament genommen, dass ihr der Arzt verschrieben hatte. Allerdings hätte sie sich schon damals mit an die Klage anbinden können. Das hätte vieles erleichtert“, sagt Heumann.

Eine Entschuldigung steht noch aus

„Es gibt sehr viele Contergangeschädigte, die bei dem Wort Grünenthal komplett zumachen, die von Grünenthals nichts sehen und hören wollen, bis es eine Entschuldigung gibt“, sagt Löwenhauser. „Es gibt bisher keine Entschuldigung für das Leid, das Grünenthal uns angetan hat.“

Entschuldigt hat sich der Aachener Pharmakonzern 2012 nur dafür, nicht früher auf die Opfer zugegangen zu sein. Internationale Opferverbände hatten das als wertlos und sogar beleidigend bezeichnet.

Von Grünenthal heißt es in einer Stellungnahme: „Anlässlich des 60. Jahrestags der Markteinführung von Thalidomid in Deutschland drücken wir unser aufrichtiges Bedauern zur Thalidomid-Tradgödie und den Folgen für betroffene Menschen und ihre Familien aus.“ In der Vergangenheit habe das Unternehmen dies bereits vielfach zum Ausdruck gebracht. „Auch wir wünschten, die Tragödie wäre niemals geschehen.“



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