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Quälerei war früher „Erregung öffentlichen Ärgernisses“/ Tierschutz seit 80 Jahren gesetzlich verankert

Haben Tiere Würde?

In einem Zeitungsartikel von 1924 wurde er als „Pferdequäler“ bezeichnet, der Gastwirt Willi H. aus Deckbergen. Im harten Winter hatte er seine Tiere einen zu schweren Schlitten ziehen lassen, sie waren stark ins Schwitzen geraten und mussten dann ohne Schutzdecke in der Kälte ausharren. Sie brachen schließlich zusammen. Der Gastwirt musste damals mit einer Anzeige rechnen, ebenso wie Pferdebesitzer, die ihre Zugtiere rücksichtslos über die steile Katzenbuckelbrücke an der Rintelner Bünte trieben.

veröffentlicht am 17.05.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:22 Uhr

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Zur Anwendung kamen dann allerdings nicht geltende Tierschutzgesetze, sondern Gesetze gegen die Erregung öffentlichen Ärgernisses. Deutschlands erstes Tierschutzgesetz entstand vor 80 Jahren, es war eines der ersten Gesetze, das die Nationalsozialisten gleich nach der Machtergreifung im Jahr 1933 einführten.

Dass ausgerechnet die Nazis ein Gesetzeswerk rund um den Tierschutz gestalteten, welches auch nach dem Krieg bis auf wenige Änderungen weiterhin seine Gültigkeit behielt, mag eine Ironie der Geschichte sein. Doch während zuvor Tierquälerei nach dem Reichsstrafgesetzbuch von 1871 nur dann bestraft wurde, wenn sie in der Öffentlichkeit stattfand und geeignet schien, vor allem das Moralempfinden von Frauen und Kindern zu irritieren, hieß es nun: „Verboten ist, ein Tier unnötig zu quälen oder roh zu misshandeln. Ein Tier quält, wer ihm länger dauernde oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden verursacht; unnötig ist das Quälen, soweit es keinem vernünftigen, berechtigten Zweck dient.“

Dabei ging es nicht nur um eventuelle Tierquälereien privater Tierhalter, sondern unter anderem auch um die gesetzliche Regulierung von Tierversuchen, den „Vivisektionen“, für die nun erst ein Genehmigungsverfahren durchlaufen werden musste. Und um Regelungen rund ums Schlachten, wobei die Betäubung der zu tötenden Tiere erstmals im Rahmen eines Tierschutzgesetzes vorgeschrieben und das „Schächten“ gänzlich verboten wurde. Das Schächten, das betäubungslose Ausblutenlassen eines Schlachttieres, haben früher die jüdischen Metzger praktiziert. Heute dürfen sie es aus Gründen der Religionsfreiheit wieder, ebenso wie moslemische Schlachter.

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Das neue Tierschutzgesetz von 1933 stieß auf große Zustimmung unter den Bürgern. Wenn es bisher in Deutschland auch noch keine einheitlichen Gesetze zum Schutz von Tieren gegeben hatte, so waren im Laufe des 19. Jahrhunderts doch schon viele Tierschutzvereine entstanden, der erste im Jahr 1837 in Stuttgart, die sich 1881 zum Deutschen Tierschutzbund zusammenschlossen. Der Tierschutzverein in Bückeburg wurde 1908 gegründet, derjenige in Hameln allerdings erst 1936 mit dem Kreistierarzt und Veterinärrat Dr. Ocker als Vorsitzendem.

Dass der Tierschutzgedanke sich relativ spät öffentlich manifestierte, bedeutet nicht, zuvor seien alle Menschen den Tieren gegenüber gleichgültig gewesen. In alten Berichten unserer Zeitung finden sich immer wieder Artikel, in denen eine schlechte Behandlung von Tieren angeprangert wird. Stefan Meyer, Leiter des Heimatmuseums Eulenburg und des Rintelner Stadtarchivs, kann da Einiges aufzählen.

So wirbt 1906 ein Schlachtermeister damit, dass er den Schlachttieren einen schnellen Tod garantieren könne. Im selben Jahr wird empört darüber geschrieben, dass Kinder Fische an der Exter quälten. 1894 ruft man dazu auf, die hungernden Vögel im Winter zu füttern, und überhaupt gab es zum Beispiel einen ausgeprägten Vogelschutz im Schaumburger Land. Der wurde angeregt vom Prinzen Hermann zu Schaumburg-Lippe, dessen großes Interesse an der Vogelzucht im Jahr 1878 zur Gründung eines Geflügelzuchtvereines führte, mit einer Reihe von Vorschriften über einen guten Umgang mit den Tieren.

Grubenpferde waren

wertvoller als die menschliche Arbeitskraft

Auch Nutztiere, wie etwa die Grubenpferde, die im Untertagebergbau eingesetzt wurden, galten den meisten „Kumpels“ nicht einfach nur als „Sache“, wie es Hans-Dieter Kreft, Museumsleiter im Bergbaumuseum Osterwald bei Salzhemmendorf, weiß. „Zum einen gab es polizeiliche Vorschriften darüber, wie man die Tiere zu behandeln habe“, sagt er. „Grubenpferde waren wertvoller als die billig zu habende menschliche Arbeitskraft und sollten möglichst lange überleben.“ Auf der anderen Seite wurde schlichtweg verachtet, wer die Pferde, die „Kameraden unter Tage“ misshandelte. „Schließlich teilten die Tiere ja das schwere Arbeiterschicksal mit den Bergbauleuten.“

Das „Reichstierschutzgesetz“ von 1933 war so umfassend formuliert, dass es auch für die Gesetzgebung nach den Krieg maßgeblich bleiben sollte, wobei völkische Sätze wie die, dass das deutsche Volk besonders tierliebend und sich (anders als andere Völker) der hohen ethischen Verpflichtungen dem Tiere gegenüber bewusst sei, selbstverständlich gestrichen wurden. Seit dem Jahr 2002 ist der Tierschutz sogar als „Staatsziel“ im Grundgesetz verankert. Tatsache bleibt allerdings, dass es der Tierschutz weiterhin überall da besonders schwer hat, wo er Wirtschafts- und Forschungsinteressen einschränken würde. Auch die Nazis, die vor grausamsten Menschenversuchen nicht zurückschreckten, verboten Tierversuche nicht wirklich, sie nutzen die Gesetze in erster Linie dafür, jüdische Wissenschaftler zu schikanieren und speziell ihnen keine Erlaubnis zur Forschung am lebenden Tier zu gestatten.

Heute sind zwar Tierversuche an Primaten, wie etwa den Schimpansen, verboten, und auch für die Erprobung von Kosmetikprodukten darf nicht mehr mit „Versuchskaninchen“ gearbeitet werden. Doch werden jährlich noch immer über zwei Millionen kleinere Säugetiere vor allem in der Grundlagenforschung genutzt und anschließend getötet – ungeachtet der Kritik etwa der „Ärzte gegen Tierversuche“, die regelmäßig darauf hinweisen, dass sich bei vielen solcher Versuche die Erkenntnisse, die aufgrund von Experimenten an tierischen Organismen gewonnen wurden, gar nicht auf den Menschen übertragen lassen.

Ähnlich problematisch an seine Grenzen stößt ein umfassender Tierschutz in der industriellen Fleischproduktion und Massentierhaltung. Immer wieder werden die Vorschriften zur artgerechten Haltung verschärft, doch ändert das insgesamt wenig daran, dass unsere Nutztiere weiterhin als „Sache“ definiert werden – als Gebrauchsgüter, deren eigene Interessen sich den menschlichen Bedürfnissen zu fügen haben. Tierschutz greift da nur so weit, wie es sich wirtschaftlich ohne große Einbußen rechtfertigen lässt. Selbst in der biologischen Viehhaltung setzt man Kühe mit überdimensionierten Eutern ein, wird das Schlachtvieh massenweise in den großen Schlachtbetrieben und nur noch in seltenen Fällen individuell vom Hausschlachter getötet.

Wenn es bereits vor der Ausformulierung des ersten Tierschutzgesetzes trotzdem bereits gesetzliche Regelungen gab, die darauf abzielten, dass Tiere nicht (unnötig) gequält werden dürfen, so stand eigentlich ein „Menschenschutz“-Gedanke dahinter. Es ging darum, menschliches Eigentum nicht zu schädigen, die Arbeitsbedingungen der Schlachter durch Betäubungsvorschriften zu verbessern und der menschlichen „Verrohung“ entgegenzuwirken.

Fortlaufende Versuche, Wirtschaftlichkeit mit

Ethik zu vereinbaren

Möglicherweise trägt so ein „Menschenschutz“-Ansatz tatsächlich weiter als etwa das relativ neue Tierschutzgesetz in der Schweiz, wo es in der Präambel heißt: „Zweck dieses Gesetzes ist es, die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen.“ Denn: Lässt sich die Forderung, den Tieren analog zum Begriff der „Menschenwürde“ eine eigene Würde zuzusprechen, überhaupt mit irgendeiner Nutzung von Tiere vereinbaren? Angefangen beim Schlachten und Essen, bis hin zu Tierversuchen oder Züchtungen, die Nutztiere zu nur noch mit Medikamenten überlebensfähigen Eier-, Milch- und Fleischlieferanten machen.

Die amerikanische Wissenschaftlerin Kate Darling plädierte kürzlich in eine zunächst absurd anmutende andere Begründungsrichtung. Sie fordert eine Ethik für den Umgang mit Robotern, nicht auf der Basis, dass Roboter eine eigene, schützenswerte Würde besäßen, sondern um der menschlichen Gefühle willen, die durch Roboter ausgelöst werden können, seien es vielleicht die kleinen Tamagotchis, seien es Minensuchroboter, die auch dann noch weiterhumpeln, wenn ihre Stützbeine verletzt wurden.

Da die Menschen Menschliches auch in Maschinen hineininterpretieren, solle man zumindest kein öffentliches Ärgernis dadurch erregen, menschenähnliche Roboter zu misshandeln. Ohne auf ein „Mitgefühl“ zu rekurrieren jedenfalls und darauf, dass dieses Gefühl eine für den Menschen grundlegende ethische Dimension bedeutet, würden Tierschutzgesetze entweder Forderungen stellen, die sich niemals umsetzen ließen oder nur daran orientiert sein, ob bessere Bedingungen für die Tiere den Menschen materielle Vorteile bringen.

„Tierschutzgesetze befinden sich in einem laufenden Prozess“, so der Hamelner Amtstierarzt Dr. Peter Bolten. „Sie sind immer der Versuch, die Ansprüche an Produktivität und Wirtschaftlichkeit in den Betrieben mit dem ethischen Anspruch einer Achtung vor dem leidensfähigen Tier zu vereinbaren.“ Dass es sich dabei nur um Kompromisse handeln könne, sei wohl unausweichlich. „Immerhin besitzen wir überhaupt verbindliche entsprechende Gesetze, auf die wir uns bei unseren Betriebsprüfungen beziehen können.“

Vor 80 Jahren ist der Schutz von Tieren in Deutschland erstmals festgeschrieben worden. Ausgerechnet die Nationalsozialisten haben Tiere per Gesetz unter Schutz gestellt – die Gründe dafür sind heute andere. Doch immer, wenn Wirtschafts- und Forschungsinteressen eine Rolle spielen, stößt der Tierschutz an Grenzen.



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