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Haben Einzelkämpfer falschen Ehrgeiz?

Ein gefallener Engel, so steht er da, der junge Mann, mit verzweifeltem Gesichtsausdruck klatschnass, mitten im Wasser, und die schönen weißen Engelsflügel hängen müde nach unten. Er ist das Aushängeschild für die Fasten-Aktion der Evangelischen Landeskirche, die unter einem bemerkenswerten Motto steht: „Gut genug! Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz“.

veröffentlicht am 17.03.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

Seit dem Jahr 2003 wird die vorösterliche Fastenzeit mit so einem Leitthema versehen. Neben dem Verzicht auf alltägliche Genüsse wie Süßigkeiten, Alkohol, Zigaretten oder Fernsehen ging es in der Vergangenheit übergreifend auch darum, die Fastenzeit „ohne Ausreden“ zu überstehen, „ohne Geiz“ oder „ohne Zaudern“ – alles Aufforderungen, wie es scheint, sich bewusst dem Anspruch zu stellen, ein besserer Mensch zu werden. Dass die Fastenzeit 2012 nun unter dem Motto steht, es einfach mal genug sein zu lassen, das wirkt wie ein Ausbruch aus der bisherigen Themenschiene. Der „Trend zur Selbstoptimierung“ solle hinterfragt und durchbrochen werden, so heißt es in den Erläuterungen zur Fastenaktion.

Auf der Internetseite der Evangelischen Kirche Deutschlands „evangelisch.de“ schreibt ein Leser-Kommentator: „Das klingt nach Selbstrechtfertigung des Mittelmaßes.“ Ein anderer hält dagegen: „Ehrgeiz sich zu verbessern gehört zum Menschen. Aber es ist ein schmaler Grat zwischen richtigem und falschem Ehrgeiz, und wir haben diesen Grat in unserer Gesellschaft längst überschritten.“ Ein Dritter fragt ironisch, ob das „Ohne falschen Ehrgeiz“-Motto wohl Gott beseelt habe, als er den Menschen schuf.

„Der Mensch ist des Menschen größter Feind“, meint Andreas Kühne-Glaser, Superintendent des Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg. „Sie machen es sich gegenseitig schwer mit den Ansprüchen, die sie aneinander stellen.“ Nun stellt das Fasten im religiösen Kontext natürlich Ansprüche. Während die evangelische Kirche den Gläubigen keine direkten Vorschriften macht und es dem Einzelnen überläst, ob und wie er sich dem Fasten stellt – im Jahr 1522 protestierte der Schweizer Huldrich Zwingli mit einer Streitschrift gegen die strengen Fastengesetze und löste damit die Reformation in Zürich aus – gilt das Fasten für Katholiken als eine Verpflichtung, die untrennbar mit Buße und innerer Reinigung verbunden ist. In der Zeit von Aschermittwoch bis zum Abend des Ostersamstags sollen alle Gläubigen zwischen dem 14. und dem 60. Lebensjahr jeden Freitag und am Aschermittwoch nur eine fleischlose Hauptmahlzeit einnehmen. An den anderen Tagen dürfen andere Verzichte oder auch besondere Akte der Nächstenliebe das eigentliche Fasten ersetzen.

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Dabei spielt das Fasten auch bei den Protestanten eine Rolle. Jesus lebte es den Gläubigen vor, als er für 40 Tage in die Wüste ging und fastete, um sich auf die Versuchungen durch den Teufel vorzubereiten und dann durch die Lande zu ziehen, die Jünger zu berufen und seine Botschaft zu verbreiten. Auch Moses fastete vierzig Tage vor seiner Begegnung mit Gott auf dem Berg Sinai, wo er die zehn Gebote entgegennahm, und der Prophet Elias nahm ebenfalls ein 40-tägiges Fasten auf sich, ehe er bereit war, Gottes Stimme zu hören und seinen prophetischen Auftrag zu erhalten. „Im Fasten wird man sich seiner Grenzen bewusst, aber man erlebt auch die Freude, sie zu überwinden und gewinnt dadurch innere Stärke“, so Andreas Kühne-Glaser.

Der katholische Pfarrer Peter Wolowiec, als Seelsorger zuständig für die Gemeinden Rinteln und Hessisch Oldendorf, er sieht im Fasten eine „Brücke zu Gott“, die sich für jeden Gläubigen anders gestalte. „Das Fasten stellt eine einfache aber grundlegende Frage: Bin ich frei oder bin ich nicht frei?“ Der Verzicht auf Dinge, an die man sich im Alltag gebunden fühlt, beginne mit dem Vertrauen auf Gott und der guten Hoffnung, dass man den Verzicht durchhalten werde. „Ja, Fasten und Buße gehören zusammen, aber nicht im Sinne einer Strafe oder Kasteiung, sondern insofern, als die Buße Erkenntnis über mich selbst bringt und auf diese Weise ebenfalls zur inneren Freiheit beiträgt.“

Peter Wolowiec wusste als Katholik nichts vom diesjährigen evangelischen Fastenmotto „Gut genug! Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz“. Ihm fällt gleich die Geschichte der Heiligen Thérèse von Lisieux (1873-1897) ein, einer jungen Karmeliterin, die in ihrem kurzen Leben nicht nur durch unzählige Fürbitten anderen Gläubigen den Weg zu Gott ebnete, sondern auch durch intensives Fasten die Schuld anderer auf sich nahm, um die anderen zu entlasten.

„Das ist kein falscher Ehrgeiz“, meint er. „Das ist ein stilles Heldentum, gar nicht so unähnlich den Gebeten all der Mütter und Großmütter, die für ihre Kinder und Enkelkinder beten.“ In jedem Fasten stecke die Hoffnung darauf, dass Gedankenkraft etwas bewirken könne, ein Vertrauen auf die Kraft der Geistigkeit. „Ich glaube nicht, dass man darin zu ehrgeizig sein kann, es sei denn, man missachtet die Worte Jesu in der Bergpredigt: ,Salbe Dein Haar, wenn Du fastest, und wasche Dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass Du fastest, sondern nur Dein Vater, der auch das Verborgene sieht.‘“

Superintendent Kühne-Glaser bezieht das Fastenmotto nicht so direkt auf das Fasten selbst. „Falscher Ehrgeiz, der drückt sich in meinen Augen vor allem dadurch aus, dass man als Einzelkämpfer unterwegs ist und meint, immer seines eigenen Glückes Schmied sein zu können.“ Wer an sich den Anspruch stelle, stets alles im Griff zu haben und Zusammenarbeit und Aufgabenteilung als Schwäche auslege, der überfordere sich selbst und mache sich quasi zum Gott seines Lebens. „Für viele Menschen bedeutet es, Mut zu zeigen, wenn sie andere um Hilfe bitten, es kostet sie Überwindung, entspricht nicht ihrem Selbstbild. In diesem Sinne ist ein interessantes, herausforderndes Motto.“

Sieht man sich auf den Internetseiten von „evangelisch.de“ um, speziell auf den Seiten, die rund um die Fastenaktion eingerichtet wurden, so fällt auf, dass Kommentare dort, im Gegensatz zu den Fastenaktionen der letzten Jahre, nur spärlich gesät sind. Auch auf Facebook ist „Sieben Wochen ohne“ vertreten, etwa 3400 Nutzer bewerteten die Aktion mit „Gefällt mir“, doch die Anzahl der Beiträge hält sich sehr in Grenzen und es gibt ganze Tage, wo sich niemand an Gesprächen rund um das Fasten beteiligte. Ja, ihm sei klar, dass nur wenige Potestanten überhaupt die Passionszeit als Fastenzeit sähen, so Andreas Kühne-Glaser, als Vorbereitung auf die Trauer um Jesu Leiden und Tod und die Freude über Auferstehung und Erlösungsversprechen. „Immer weniger Menschen glauben an Gott“, sagt er und fügt hinzu. „Aber dadurch verschwindet Gott nicht aus der Welt.“

Was ihn selbst beträfe, so eröffne sich ihm das Fasten desto mehr, je älter er werde. „Nach und nach erst spüre ich nachhaltig, das der bewusste Verzicht auf Alltagsgewohnheiten meinen Blick verändert – übrigens tatsächlich auch, was den falschen Ehrgeiz betrifft, diese Verlockung in der beruflichen Arbeit, den eigenen Weg als den einzig richtigen anzusehen, statt bereitwillig anzuerkennen, dass das, was an selbst mit Ehrgeiz verfolgt, nicht immer gut für andere ist.“

Pfarrer Peter Wolowiec sagt, sein Fasten bestehe nicht im Verzicht aufs Essen, sondern unter anderem darin, seinen Tag ganz neu zu ordnen, sehr früh morgens aufzustehen, den Sonnenaufgang zu erleben, offen zu sein für eine neue Sicht auf die Dinge und das Leben.

Und der gefallene Engel auf den Plakaten, Flugblättern und Internetseiten? Man kann ihn mit „Luzifer“ in Zusammenhang bringen, den gestürzten Lichtbringer, von dem manche aufgrund gewisser Bibelstellen meinen, er sei ein gefallener Erzengel, der größenwahnsinnig wurde und dafür durch den „Höllensturz“ büßen musste. Auch die Verbindung zum Griechen Ikarus liegt nahe, der der Sage nach so euphorisch mit den von seinem Vater Dädalos gebauten Flügeln Richtung Sonne flog, dass das verbindende Wachs schmolz und er zu Tode ins Meer stürzte. In beiden Fällen greift der alte Spruch: „Hochmut kommt vor dem Fall“.

So gesehen hätte es einen ganz pragmatischen Sinn, auf „falschen Ehrgeiz“ zu verzichten. „Das Fastenmotto soll ja nicht nur sieben Wochen, sondern quasi universale Gültigkeit haben“, so Andreas Kühne-Glaser. Atomenergie mit ihrem unzerstörbaren, strahlenden Abfall, die Gentechnologie, greife sie nun ins Erbgut von Pflanzen oder von Menschen ein, das seien Beispiele für einen falschen Ehrgeiz der Menschheit, die das Machbare auch immer umsetzen wolle, auf die Gefahr hin, wie ein Ikarus der Zerstörung zu nahe zu kommen.

Mit diesem Plakat, das einen „gefallenen Engel“ zum Thema hat, macht die evangelische Kirche auf die Fastenzeit aufmerksam.

Foto: chrismon

Vorösterliches Fasten – das bedeutet für viele Menschen mehr als nur Verzicht auf

Alkohol, Zigaretten und Süßigkeiten.

Dem „Trend zur Selbstoptimierung“ will die evangelische Kirche mit ihrem Fastenmotto „Gut genug! Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz“ entgegenwirken. Was aber sind die Essenzen (teil-)abstinenten Lebens? Ansichten von Geistlichen und andere Meinungen.



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