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Vom steten Bemühen der Menschen, am Kopf gepflegt auszusehen

Haarige Geschichte

Vor 40 Jahren, als Barbara Grosser in Rinteln ihre Ausbildung zur Friseurin begann, hatte sie manchmal Kunden, die es so heute kaum noch gibt: ältere Frauen mit Hochsteckfrisuren, die zum Haarewaschen kamen – alle vier Wochen.

veröffentlicht am 16.11.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 12:42 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

„Das roch nicht gerade angenehm“, sagt sie. „Aber so etwas gehörte nun mal zur Friseurarbeit damals dazu.“ Dass die meisten Menschen sich täglich die Haare waschen, ist eine relativ neue Erscheinung. Flüssiges, also umkompliziert zu handhabendes Shampoo gibt es erst seit Beginn des Jahrhunderts. Heißt das, in früheren Zeiten war eine fettige und verschwitze Haartracht die Regel?

Zu diesem Schluss kann man durchaus kommen, wenn man sich mit den Berichten über die angeblichen hygienischen Bedingungen etwa im Mittelalter und der frühen Neuzeit befasst – wo bestenfalls einmal in der Woche gebadet wurde und zeitweilig sogar die Angst herrschte, die Berührung mit Wasser könne dem Körper schaden; wo es jedenfalls in den Städten fast immer sehr umständlich war, überhaupt an Wasser heranzukommen, und viele Haushalte zu arm waren, um sich Seife oder gar Öle oder Parfüm leisten zu können, und wo die Kleidung nur an seltenen Waschtagen gereinigt wurde – da dürfte es auch um die Haare nicht gerade reinlich bestellt gewesen sein. Oder?

„Es haben eben alle irgendwie gestunken, da ist es nicht so aufgefallen wie bei den älteren Damen in meiner Lehrzeit“, vermutet Barbara Grosser. Dem Hamelner Friseurmeister Jens Meyer fallen zum Thema gleich so spektakuläre Überlieferungen ein wie die Flohfallen in kunstvoll aufgetürmten und gepuderten Frisuren am französischen Hof des 18. Jahrhunderts, oder gar von Mäusen, die es sich in Perücken gemütlich gemacht haben sollen.

Kopftuch zum Verbergen unansehnlicher Haare?

Mariella Conrad, Obermeisterin der Friseurinnung Schaumburg, geht davon aus, dass die Frauen durch die Jahrhunderte auch deshalb meistens ein Kopftuch trugen, um ihre nicht besonders ansehnlich wirkenden Haare zu verbergen, und dass unter so mancher Männerperücke lieber gleich ein kahl geschorener Kopf steckte. Was genau dran ist an solchen Spekulationen, lässt sich nicht leicht nachprüfen: Insgesamt ist über die Haarhygiene früherer Zeiten nur wenig bekannt.

Andererseits gibt es kaum ein Stück Literatur, in dem bei der Beschreibung von Menschen nicht wunderschöne Haare eine Rolle spielen. Man denke nur an das Märchen von Rapunzel, die für ihr schönes, langes Haar berühmt war. Auch Gemälde zeigen Menschen mit sehr gepflegten, ja prachtvollen Haaren, und über die alten Germanen berichtet Plinius der Ältere, dass ganz Rom sie um ihre seidenweichen, glänzenden blonden Mähnen beneidet habe. Man geht davon aus, dass sie es waren, die die Haarbürste und die Seife erfanden, leiten sich doch die romanischen Wörter für diese Gegenstände aus dem Germanischen ab. Zu den ältesten Grabbeilagen, die Archäologen entdeckten, gehörten Kämme aus Knochen oder Horn, aus Elfenbein und Fischgräten. Irgendwie muss es doch auch vor dem Jahr 1927, als der Berliner Hans Schwarzkopf das erste Shampoo vertrieb, möglich gewesen sein, das Haupthaar auf angemessene Weise zu pflegen.

Ja, durchaus, das bestätigen alle drei Friseure. Man benutzte in den meisten Fällen einfach Kernseife, um die Haare von Schmutz, Fett, Schweiß und Gerüchen zu befreien. Das Problem dabei: „Seife trocknet die Haare aus“, so Jens Meyer. „Sie sind dann zwar sauber, sehen aber strohig aus und verhaken sich ineinander. Seife allein macht keine schönen Haare.“ Schon früh aber hatte man entdeckt, dass saure Spülungen dem Austrocknen entgegenwirken können.

Der ehemals berühmte Erfurter Apotheker und Pharmazeut Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770-1837) beschreibt in einem seiner Bücher unzählige Rezepte für parfümierte Essige, die, so kann man annehmen, zum großen Teil für das Haarspülen eingesetzt wurden. Seife ist alkalisch und lässt die Haarstruktur aufquellen. Auf diese Weise kann es gut gereinigt werden. Damit das Haar sich wieder glatt und geschützt schließt, muss es nach dem Waschen so behandelt werden, dass das eher saure Klima wieder hergestellt wird – eine durchaus umständliche Prozedur. „Deshalb war das Pudern der Haare ja auch beliebt“, sagt Jens Meyer, „und später dann die Trockenshampoos. Die nehmen das Fett von der Kopfhaut auf und man kann die nächste Wäsche etwas hinauszögern.“

Nun ist es natürlich kein sinnloser Zufall der Evolution, dass Haare und Fett in so engem Zusammenhang stehen. Das „Fett“, genauer, der Talg, den man „Sebum“ nennt und der von Talgdrüsen, die direkt mit der Haarwurzel verbunden sind, produziert wird, dieses Zeug also, was alle unbedingt und schnellstens wieder loswerden wollen, es hat eine schützende und pflegende Funktion für das Haar. Wenn es sich dazu mit den Duftstoffen vermischt, die in sogenannten „apokrinen Schweißdrüsen“ entstehen, entwickelt sich ein natürlicher Körpergeruch, der eine nicht unbedeutende Rolle für das menschliche Miteinander spielt. Dieses Zusammenspiel von Haar, Sebum und Duftstoffen, sollte es wirklich so schlecht eingerichtet sein, dass es den Menschen am Ende verzottelte, verfettete und stinkende Haare einbrachte?

Barbara Grosser bringt das Stichwort von den „hundert Bürstenstrichen“ an, mit dem langes Haar täglich gepflegt werden sollte. „Heute gilt diese Regel kaum noch, genau deshalb, weil die Haare so oft gewaschen werden“, sagt sie. „Aber früher diente langes, geduldiges Bürsten dazu, das natürliche Haarfett bis in die Haarspitzen hinein zu verteilen.“ Diese Fleißarbeit lässt die Haare weich und glänzend erscheinen, ohne dass sie fettig wirken müssen. „Die Kopfhaut unterscheidet sich im Prinzip ja gar nicht groß von der Gesichtshaut“, so Grosser. „Jedes Waschen entfettet die Haut und zwingt sie dazu, das wieder auszugleichen. Je mehr und je aggressiver man wäscht, desto stärker wird die Fettproduktion angekurbelt.“

Tägliches Haarewaschen hat auch Nachteile

Im Gegenzug bedeutet das: Wer seiner Kopfhaut die Chance gibt, ein eigenes Gleichgewicht herzustellen, kommt mit entscheidend weniger Haarwäschen aus als Menschen, die mit täglichem Haarewaschen sofort jedes Fett entfernen und damit den Talgdrüsen signalisieren, dass sie auf der Stelle wieder tätig werden müssen.

Die schönen Haare, von denen in historischen Zeugnissen über die Jahrtausende hinweg immer wieder die Rede ist, sie sind offensichtlich keine Erfindung und kein bloßes Wunschdenken, auch dann nicht, wenn die Haare eher selten mit Wasser, Reinigungsstoffen und sauren Spülungen in Berührung kamen.

Eine über 80-jährige Rintelnerin erzählt davon, wie aufwendig es für sie als junges Mädchen gewesen ist, ihre langen Haare zu waschen. Als Flüchtlingskind lebte sie mit ihrer Mutter in einem Zimmer, wo es nur ein winziges Waschbecken gab. Höchstens alle drei, vier Wochen wurde Wasser auf dem Küchenherd erhitzt, wurden eine Zinkwanne und ein Krug ausgeliehen und ihr Haar in langwieriger Prozedur von der Mutter gewaschen und ausgespült. „Ich hasste das und tat alles, um es so lange wie möglich hinauszuzögern“, sagt die alte Frau. Auch das Haaretrocknen habe ja, ohne Föhn, Stunden gedauert. Dann lächelt sie und meint: „Der Vorteil ist: Ich brauche meine Haare bis heute nur zwei Mal im Monat zu waschen. Und, wie sieht es aus?“ Gut sieht es aus, ihr Haar, das sie in einem kleinen Dutt gebunden trägt, ganz normal gepflegt, so, wie es sein soll.

Im Internet kann man auf manchen Seiten von Experimenten rund um den gelungenen Verzicht auf das Haarewaschen mit Shampoo lesen. Vorbedingung dafür, dass solche Experimente nicht im Frust enden, ist Geduld im Umgang mit fettigem Haar, die mehrere Wochen anhalten muss. Es dauert eine Zeit lang, bis die Talgproduktion zurückgeht und sich dem Umstand angepasst hat, dass das Sebum nicht mehr sofort entfernt wird. Wer diese Übergangsphase mit unansehnlichem Haar nicht auf sich nehmen will, sollte den Ratschlägen von Mariella Conrad folgen. „Man darf nicht an einem guten Shampoo sparen“, sagt sie. „Hochwertige Haarwaschmittel sorgen dafür, dass das Haar nicht zu sehr aufquillt und auch dafür, dass die Kopfhaut nicht geradezu blank gemacht wird, also frei von allen Stoffen, die Kopfhaut und Haar schließlich auch schützen.“ Shampoos, die auf das jeweilige Haar abgestimmt seien, können es pflegen, ohne es übermäßig mit Zusatzstoffen zu belasten. „Ich muss gestehen, dass wir Friseure uns nicht so besonders gut auskennen mit den unzähligen Produkten in den Drogeriemärkten. Aber man kann uns immer fragen, wie ein Shampoo, das im Salon besonders gut tat, zusammengesetzt ist.“

Unterschiedliche Veranlagungen spielen allerdings wohl auch dabei mit, ob jemand leicht oder eher kompliziert zu pflegende Haare besitzt. Friseurin Barbara Grosser etwa, die doch ihr Leben lang mit allen nur denkbaren Haarpflegeprodukten zu tun hat, sie wäscht die eigenen Haare nur einmal in der Woche. „Ich habe mich gar nicht speziell darum bemüht“, sagt sie. „Ich glaube, da habe ich einfach Glück.“

Flohfallen in den gepuderten Turmfrisuren, Mäuse in den Perücken – davon wissen Friseure zu erzählen, wenn das Gespräch auf die Körper- und Haarpflege im 18. Jahrhundert kommt. Tatsächlich machen wir uns heutzutage nur bei seltenen Gelegenheiten klar, dass regelmäßiges Haarewaschen nicht immer gang und gäbe war.



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