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Grüne Gentechnik? „Das ist moderner Krieg“

Ulrike Rohlmann ist eine Kämpferin, Worte sind ihre Waffe. Wenn sie, wie gerade auf der Frühjahrstagung des Kreisimkervereines in Todenmann, über die Gefahren der Gentechnik in der Landwirtschaft spricht und damit zugleich über die Bienen und wie man sie schützen muss, dann verwundert es nicht, dass sie im letzten Jahr den „Apistikus“-Preis erhielt, einen Preis, der auf der größten Imkerveranstaltung Deutschlands in Münster an Menschen verliehen wird, die sich besonders für die „Apis“, die Honigbienen, einsetzen. „Ich will nicht gegen etwas kämpfen, sondern für etwas“, sagt sie. „Man kann es so zusammenfassen: ,Du musst dein Leben ändern!‘“

veröffentlicht am 30.03.2011 um 00:00 Uhr

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Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Garten- und Landschaftsbauer und Imker Gregor Rohlmann, gründete sie vor drei Jahren das Netzwerk „Imker für gentechnikfreie Regionen“ und ist außerdem eine treibende Kraft in einem weiteren Netzwerk, das Landwirte, Imker, Wissenschaftler und Naturschützer vereint, dem „Blühende Landschaften“. Dass die „Grüne Gentechnik“, auch Agro-Gentechnik genannt, immer zur Sprache kommt, wenn von der wichtigen Funktion der Bienen für die „blühenden Landschaften“ die Rede ist, hat tiefe Gründe: Bienen tragen durch ihre Bestäubungsarbeit entscheidend dazu bei, dass sich gentechnisch veränderte Pflanzen unkontrolliert fortpflanzen können.

So ist es Ulrike Rohlmanns Anliegen, nicht nur auf die weltweite Gefährdung der Bienenvölker durch die Varroa-Milbe hinzuweisen, die einst aus Asien eingeschleppt wurde und der die Bienen, oft bereits durch Pestizide, durch Monokulturen und den Klimawandel geschwächt, wenig entgegenzusetzen haben. Sie besteht ebenso darauf, nicht die Augen vor den Auswirkungen der Agro-Gentechnik zu verschließen.

„Firmen wie Monsanto, die gentechnisch verändertes Saatgut herstellen und weltweit auf aggressive Weise vertreiben, sie führen eine moderne Art des Krieges“, sagt sie. Im Bestreben, den Saatgutmarkt und dazu den Markt für Insektenschutz- und Düngemittel zu kontrollieren, gingen diese Firmen vor wie Imperialisten, die sich die Welt unterwerfen wollen.

Unbeschwert durchs Kornfeld? Viele Landwirte erhoffen sich durch Gentechnik Vorteile für ihre Produktion. Viele beteiligte Firmen sprechen von einer friedlichen Koexistenz von genfreier Landwirtschaft und solcher, die gentechnisch veränderte Pflanzen einsetzt. „Diese Koexistenz gibt es nicht“, sagt hingegen Gentechnik-Gegnerin Ulrike Rohlmann. Fotos: Miredi/Fotolia.com/cok

Nun tobt schon seit langer Zeit eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern und den Gegnern der Agro-Gentechnik, mit Argumenten, die nicht nur zufällig denjenigen in der Atomkraftdebatte ähneln. Immer argumentiert die eine Seite mit den großen Fortschritten, die ihre Technik für die Menschheit bringe, während die andere Seite auf die unbeherrschbaren Gefahren für die Zukunft verweist. Die einen versichern, dass sie alle möglichen Risiken in Laborversuchen geprüft hätten, die anderen ziehen Beispiele aus der Vergangenheit heran, bei denen sich erst im Laufe der Zeit erwies, wie gefährlich die Errungenschaften wirklich waren: Asbest, das Pflanzenvernichtungsmittel DDT, aber auch Medikamente wie Contergan oder eben die Kernenergie.

Dass bis zum Verbot im Jahr 2009 auch in Deutschland der gentechnisch veränderte Mais Mon810 auf speziell ausgewiesenen Flächen ausgesät werden durfte, hat mit den verlockenden Versprechen der amerikanischen Firma Monsanto zu tun.

Dieser Mais produziert ein Gift, das die Larven seines größten Feindes, des Maiszünslers, tötet und dadurch einen drastisch reduzierten Einsatz von Insektiziden ermöglicht. Genmanipulierter Raps, wie er vor etwa zehn Jahren versehentlich in Deutschland ausgesät wurde, auch er schien so ungeheuer praktisch zu sein, ist er doch resistent gegen ein bestimmtes Unkrautvernichtungsmittel, das seine Konkurrenten schlagartig unterdrückt. Auch andere genmanipulierte Pflanzen wie zum Beispiel Soja scheinen es der Landwirtschaft leichter zu machen, die Erträge zu steigern, auf geradezu geniale Weise siegreiche Nutzpflanzen hervorzubringen. Doch was ist der Preis dafür?

Nicht viel anders als die Atomindustrie argumentieren die Agro-Gentechniker mit umfassenden Sicherheitsmaßnahmen, die verhindern sollen, dass sich ein GAU, ein größter anzunehmender Unfall, ereignet. Der bestünde darin, dass die manipulierten Pflanzen nicht so zielgenau wie erwartet ihre Aufgaben erfüllen. Dass sie Insekten töten, die eigentlich nicht betroffen sein sollten und andere Pflanzen schädigen, die gar keine Unkräuter sind. Vor allem: Dass sie, einmal in die Welt gesetzt, sich übermächtig ausbreiten und nicht mehr rückholbar sind. Und genau das, so Ulrike Rohlmann als Gentechnikgegnerin, sei ja längst der Fall.

Längst sei wissenschaftlich bewiesen, dass die Agro-Gentechnik nicht beherrschbar sei. Nicht nur sei ja der Mon810-Mais verboten worden, weil er eben doch auch Insekten wie Marienkäfer und Schmetterlinge schädige, in Amerika, Kanada oder Argentinien, wo transgener Mais, Raps, Soja ungehindert angebaut werde, hätte die gentechnikfreie Landwirtschaft bereits kaum noch eine Chance.

Die Folgen seien dramatisch: Verharschte Böden auf Maisfeldern, weil das selbst produzierte Insektengift 24 Stunden rund um die Uhr in die Erde eindringe und bis in 20 Zentimeter Tiefe alles tierische Bodenleben abtöte; Raps, dessen Pollen vom Wind und von den Bienen verbreitet werde und anderes Pflanzenleben rücksichtslos verdränge; dazu eine Verarmung des Sortenreichtums insgesamt und – nicht zuletzt – die Tatsache, dass Genfelder nur in den ersten Jahren weniger Pflanzen- und Insektengifte brauchten, danach aber aufgrund von sich neu bildenden Resistenzen weit mehr als die konventionelle Landwirtschaft.

Nicht umsonst waren zur Frühjahrstagung des Kreisimkervereines neben Berufs- und Hobbyimkern auch die Landwirte Schaumburgs eingeladen. Zwar ist wegen des noch bestehenden Verbotes vom Mon810-Mais nicht akut zu befürchten, dass irgendjemand Felder mit transgenen Maispflanzen anlegt. Auch transgener Raps wird nicht angebaut werden.

Doch sind unter den Landwirten Deutschlands viele Gentechnikfreunde zu finden, die sich dadurch Vorteile für ihre Produktion erhoffen. Ihnen legte Ulrike Rohlmann nahe, gerade im Gegenteil mit vollkommen gentechnikfreien Produkten für sich zu werben.

Wenn nämlich auch keine genmanipulierten Futterpflanzen auf Deutschlands Feldern angebaut werden dürfen, so importieren viele Landwirte transgenes Futter. Das verstößt gegen kein Gesetz. Milchprodukte und Fleisch dürfen auch dann verkauft werden, wenn die Tiere mit gentechnisch verändertem Soja gefüttert wurden. In vielen Supermärkten aber sei zum Beispiel bereits die „faire Milch“ erhältlich, die zwar nicht nach Öko-Maßstäben produziert werde, dafür aber das Label „Ohne Gentechnik“ tragen dürfe. Auch Firmen wie Zott werben auf diese Weise für ihre Milchprodukte.

„Unsere Chancen gegen die Gentechnik liegen letztlich bei den Verbrauchern“, so Rohlmann.

Imker haben es da schwerer. Sie können ihren Honig nicht umstandslos als „gentechnikfrei“ bezeichnen. Während bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen eine gewisse Verunreinigung durch Gentechnik erlaubt ist – die Grenze liegt bei 0,9 Prozent, sie wurde festgelegt, weil sich durch die gemeinsamen Transportwege von gentechnisch veränderten und gentechnikfreien Futtermitteln die totale Reinheit nicht garantieren lässt – ist für das tierische Produkt Honig die Null-Toleranz gefordert. Honig darf keinen transgenen Pollen enthalten.

Da Bienen aber fliegen, wie sie wollen, und da es Versuchsfelder für allerlei transgene Pflanzen gibt – Kartoffeln, Weizen, Gerste – lassen sich Verunreinigungen nicht ausschließen.

„Die Agro-Gentechnikindustrie redet von der friedlichen Koexistenz beider Formen der Landwirtschaft“, so Ulrike Pohlmann. „Die aber gibt es nicht. Bienen können nicht lesen, sie wissen nicht, ob ein Feld gentechnisch bewirtschaftet wird oder nicht.“ Zwar sei es gesetzlich gefordert, dass Versuchsfelder zwischen 150 bis 300 Meter Abstand von Nachbarn halten müssten, doch Imker gelten nicht als „Nachbarn“. Werden irgendwo gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut, dann müssten die Imker weggehen. Und das in viel größerem Umkreis, denn Bienen fliegen bis zu zehn Kilometer weit.

„Hat das alles denn überhaupt noch Sinn“, fragt ein Landwirt aus der Runde. „Ich bin pessimistisch. Die Produktion ist weltweit so weit fortgeschritten, nächste Zulassungen sind doch schon auch hier schon längst geplant.“ Ja – tatsächlich könne es sein, dass Mon810 wieder zugelassen wird, die Entscheidung sei in den nächsten zwei Wochen zu erwarten, meint Pohlmann. Und doch könne man die Agro-Gentechnik in Europa noch stoppen.

Genmanipulierter Mais etwa sei vor allem für die Biogras-Produktion interessant. Statt aber ungeheure Monokulturen anzulegen, könne man auch Wildpflanzenwiesen anlegen. Der Ertrag für die Biogasausbeute sei größer, die damit verbundene Arbeit sehr viel geringer – und für die Bienen entstünden „Paradiese“. Es gebe Alternativen. Die Versprechen der Agro-Gentechnik seien vordergründige, die am Ende nur Firmen wie Monsanto Gewinne einbrächten.

„Wir alle müssen uns an diese alte Weisheit erinnern, dass wir die Erde nur von unseren Kindern geliehen haben.“ Erinnern taten sich wohl alle an diesen Satz, der in den Wochen nach der Reaktorkatastrophe in Japan fast zum geflügelten Wort wurde.

Auch wenn die Honigbiene essenziell wichtig ist, findet sie kaum mehr Platz in unserer Umwelt. Das Netzwerk „Imker für gentechnikfreie Regionen“ will Landwirte, Imker, Wissenschaftler und Naturschützer an einen Tisch bringen – und hat sich neben dem Schutz der Bienen ein schärferes Augenmerk auf die sogenannte Grüne Gentechnik auf die Fahnen geschrieben. Die nennt Netzwerk-Gründerin Ulrike Rohlmann „nicht beherrschbar“.



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