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Als die Ottensteiner den Neersenern Vieh und Holz klauten – und umgekehrt

Grenzstreit wird zum Kleinkrieg

Heftige Grenzstreitigkeiten zwischen dem Amt Ottenstein und den Grafen von Spiegelberg-Pyrmont bestimmten vor rund 500 Jahren das Leben auf der Ottensteiner Hochebene. Ausgelöst wurde dieser Konflikt durch die Expansionspolitik Herzogs Heinrich des Jüngeren von Braunschweig-Lüneburg, zugleich Fürst zu Braunschweig-Wolfenbüttel. Er versuchte, die Pyrmonter Pfandinhaberschaft am Haus Ottenstein gewaltsam zu beenden.

veröffentlicht am 07.07.2018 um 11:01 Uhr

Aus dem Copiar des Dorfes Nederssen. Dieses Dokument befindet sich heute im Hessischen Staatsarchiv in Marburg. Foto: Warnecke

Autor:

Wolfgang Warnecke
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Graf Herman von Everstein war sich 1393 mit Graf Hermann von Pyrmont über die Verpfändung einig geworden. Sie blieb auch bestehen, als zu Beginn des 15. Jahrhunderts das Eversteiner Grafenhaus ausstarb und der Besitz an die Welfen überging. Herzog Bernhard von Braunschweig-Lüneburg belehnte zudem Graf Moritz von Pyrmont 1460 mit den Dörfern Nedersen, Glesse und Ludeborn „mit allem Zubehör“. Der Pfandbesitz verblieb auch weiterhin bei Pyrmont, als durch die welfische Erbteilung 1495 Herzog Erich der Ältere von Calenberg das Amt Ottenstein erhielt. Mit der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1522) kam das Amt Ottenstein dann aber an seinen Bruder Herzog Heinrich dem Jüngeren, der 1516 Ottenstein einnahm und die Pyrmonter Pfandinhaberschaft in gewaltsamer Manier beendete.

Als neuer Pfandbesitzer des Amtes Ottenstein fungierte von nun an der Marschall Hermann von der Malsburg. Die sich zwischen 1520 und 1549 immer weiter zuspitzenden Auseinandersetzungen sind vom Pyrmonter Amtmann Johann Seiler im „Copiar des Dorfes Nederssen“ ausführlich dokumentiert worden. Die etwa 200 Seiten umfassende, in Buchform gebundene archivalische Briefsammlung Seilers befindet sich heute im Hessischen Staatsarchiv in Marburg.

Im Rahmen der Forschungen des „Freundeskreises für Heimatgeschichte“ wurde das Neersener Copiar, das wertvolle Hinweise auf die Herrschaftsverhältnisse der Pyrmonter Bergdörfer vom 14. bis zum 16. Jahrhundert gibt, von Heinrich Jonas, Herbert Schmitmeier und Wolfgang Warnecke entdeckt und ausgewertet. Der in Lügde geborene Amtmann Seiler kopierte per Abschrift zahlreiche Brief- und Amtsschreiben der Spiegelberg-Pyrmontischen Kanzlei mit den Herrschaftlichen Verwaltungen von Kassel, Wolfenbüttel, Celle, Plesse, den Herren von Polle und Falkenhagen sowie den Befehlshabern des Amtes Ottenstein.

Diese Steintafel mit der Jahreszahl 1536 und Wappenschild mit dem schreitenden Hirsch der Grafen von Spiegelberg ist an der Südseite der Pauluskirche in Neersen befestigt. Foto: Warnecke
  • Diese Steintafel mit der Jahreszahl 1536 und Wappenschild mit dem schreitenden Hirsch der Grafen von Spiegelberg ist an der Südseite der Pauluskirche in Neersen befestigt. Foto: Warnecke

6 Kühe und 19 Ziegen in Neersen geraubt und in Ottenstein geschlachtet

Für Herzog Heinrich bot sich nach dem Tod von Graf Moritz von Pyrmont und dem Aussterben des Pyrmonter Grafenhauses 1494 eine günstige Gelegenheit zur Ausdehnung seines Einflusses auf die westliche Seite der Hochebene. Die sich anschließende ungeklärte Pyrmonter Erbnachfolge, ausgelöst durch einen 31-jährigen Streit um die Grafschaft Pyrmont zwischen den Edelherrn zur Lippe und den Grafen von Spiegelberg, nutzte er aus und zog 1519 während eines Rittes einen neuen Grenzverlauf. Er nahm die bis dahin zu Neersen gehörende Feldmark Lichtenhagens und die Dörfer Glesse und Ludenborn für sich in Anspruch.

Die Auseinandersetzungen begannen am 24. September 1520, als den Einwohnern von Neersen unter dem Ottensteiner Amtmann Jost von Zersen unter Gewalteinwirkung Kühe und Ziegen geraubt und anschließend 36 Kühe und 19 Ziegen in Ottenstein geschlachtet wurden. Dieses Ereignis blieb kein Einzelfall, die Ottensteiner Tier-Diebstähle nahmen stetig zu. Hinzu kamen Holzklauereien und heftige Streitigkeiten um das Weiderecht in Wald und Wiesen. Auch auf Ottensteiner Seite herrschte große Unruhe, denn die Neersener entwendeten ebenso Vieh und Holz in der Ottensteiner Gemarkung.

Seit 1537 nahmen nach dem Tod von Graf Friedrich von Spiegelberg die Streitigkeiten nicht nur zahlenmäßig zu, sie wurden auch immer heftiger und hitziger geführt. Der neue Lehnsinhaber in Ottenstein, Hermann von der Malsburg, bekannte 1538 in einem Brief, dass er von Herzog Heinrich den Befehl erhalten habe, Neersen einzunehmen. Zwei Jahre später eskalierten die Ereignisse zu einem „offenen Krieg“, wie Johann Seiler wörtlich beschrieb, denn nach weiteren Ottensteiner Viehdiebstählen wurden in Neersen vier Männer und ein Mädchen niedergeschossen und in mehreren Häusern „Kisten und Kasten (Möbel), „Kessel, Pott und Fenster und alles, was vorhanden war“, zerschlagen und zum Teil entwendet.

Die neue Kirche in Neersen sollte wohl auch Schutz vor Ottensteiner Übergriffen bieten

Nach den ersten Auswertungen des Copiars durch den „Freundeskreis für Heimatgeschichte“ wurde deutlich, dass Johann Seiler beinahe ein Vierteljahrhundert lang auf diplomatischem Wege versuchte, den alten Grenzverlauf für das Dorf Neersen mit den Holz- und Feldmarken Lichtenhagens, der Glesse und des Ludenborns wiederherstellen zu lassen. Heinrich Jonas hat das in der „Geschichte der Pyrmonter Bergdörfer“ detailliert beschrieben. Im Grunde war dies der politische Hintergrund der Grenzfehde, die zwischen Ottenstein und Neersen heftig und emotionsvoll geführt wurde.

Da weder Neersen noch die Glesse in Braunschweig-Wolfenbüttler Lehnsregistern des 14. Jahrhunderts genannt wurden, konnte Historiker Dr. Hermann Engel nachweisen, dass damit Herzog Heinrich der Jüngere praktisch keinen Rechtsanspruch auf die Braunschweig-Lüneburger Lehen Neersen, Glesse und Ludenborn besaß. Nur der großen Gegenwehr der Neersener und dem Engagement von Johann Seiler war es zu verdanken, dass zumindest das Dorf Neersen für die Grafen von Spiegelberg-Pyrmont erhalten blieb. Bemerkenswert war auch der Neubau der Neersener Kirche in diesen unruhigen Zeiten. Das Copiar berichtet in einem Brief von 1536: „Als die von Nederssen ire Kirchen bauwhen wollen, haben sie in der Langen Grundt einen Kalkofen gebrent, welchs die Ottensteinischen nit gern leiden wollen, und hat derhalb des Marschalls Frauw an meinen gnädigen Herrn von Spiegelbergk um Abschaffung desselben geschrieben.“

Man kann davon ausgehen, dass die neue Kirche den Neersenern auch Schutz vor weiteren Ottensteiner Übergriffen bieten sollte. Gleichzeitig konnte mit dem Neubau der Herrschaftsanspruch des Hauses Spiegelberg-Pyrmont auf die westliche Seite der Ottensteiner Hochebene untermauert werden. Noch heute ist an der Südseite der Pauluskirche eine Steintafel mit der Jahreszahl 1536 und dem Wappenschild mit dem „schreitenden Hirsch“ als Wappen der Grafen von Spiegelberg zu sehen.

Die über Jahrhunderte bestehende mittelalterliche Einheit Neersens mit der Feldmark von Lichtenhagen und der Glesse wurde 1519 durch die neue Grenzfestlegung Herzogs Heinrichs des Jüngeren getrennt. Bis auf den heutigen Tag wird dieser neue Grenzverlauf mit der unmittelbar nordöstlich von Neersen verlaufenden Kreisgrenze zwischen Hameln-Pyrmont und Holzminden dokumentiert.



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