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Warum das Sammeln von Fossilien so zufrieden macht

Glücks-Steine

Peter Kujath aus Emmerthal kennt dieses starke Gefühl. Mike Polschinski kennt es ebenfalls. Und auch ich sehne mich immer wieder danach, es neu zu erleben, dieses ganz bestimmte Glücksgefühl, das etwas Kindliches hat, weil der Anlass dafür so harmlos ist und auch, weil viele einen dafür belächeln. Es baut sich auf beim geduldigen Suchen und überflutet einen beim Finden von – Versteinerungen. Seeigel etwa, die aussehen können wie am Strand verloren gegangene Schmuckstücke, lösen aus, was Hobby-Paläontologe Mike Polschinski so umschreibt: „Das Glück, etwas einst Lebendiges in den Händen zu halten, viele Millionen Jahre alt, und noch nie zuvor hat es ein anderer Mensch berührt.“

veröffentlicht am 11.04.2014 um 12:59 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:27 Uhr

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Polschinski ist Sprecher des Paläontologischen Arbeitskreises Porta Westfalica. Peter Kujath handelt mit Versteinerungen und Mineralien, und ich bin eine von denen, die Sommer für Sommer stundenlang über steinige Strände an der Ostsee wandern, das Rauschen des Meeres im Ohr und die Augen zu Boden gerichtet, um sie über die unendlich vielen Steine schweifen zu lassen. Seeigel können faustgroß sein oder klein wie ein Knopf. Manchmal sind sie perfekt erhalten mit ihren fünf sternförmigen Streifen und den fein angeordneten Punkten dort, wo einst die Stacheln saßen, meistens allerdings findet man Bruchstücke.

„Ja, Sie suchen Versteinerungen, die die Natur bereits präpariert hat“, sagt Peter Kujath. „An der Ostsee befreit das Meer die Fossilien aus dem umgebenden Gestein und schenkt Ihnen fix und fertig ein schönes Stück. Ich bin ja eher mit Hammer und Meißel unterwegs.“ Jedenfalls dann, wenn er sich zum Beispiel aufmacht in den aufgelassenen Steinbruch Pötzen im Süntel, wo jedermann nach Versteinerungen suchen darf, die zwar nur selten einfach so herumliegen, sondern noch im Gestein festsitzen, dafür aber nicht die typischen Schleifspuren zeigen, die entstehen, wenn ein Stein zwischen anderen Steinen von den Wellen hin und hergestoßen wurde.

Weserbergland war

Teil eines Meeresbodens

Da das Weserbergland, wie ganz Norddeutschland, vor rund 150 Millionen Jahren Teil eines Meeresbodens war, gehören in erster Linie Seelilien, kleine Muscheln und ab und zu auch ein Seeigel zu den Fundstücken. In Kreidegruben sind sie wie eingebacken in eine bröckelige weiße Kreideschicht und müssen mit Drahtbürste, Stichel oder einem kleinen Schleifgerät freigelegt werden. Peter Kujath liebt es, sich mit dieser durchaus meditativen Arbeit zu beschäftigen, obwohl sich mit solchen Dingen kein Geld verdienen lässt. Kaum jemand kauft Versteinerungen, die ein anderer gefunden hat, abgesehen von wirklich prächtigen Ammoniten oder Abdrücken von Tieren, die sich zwischen Sandsteinplatten erhalten haben. An der Ostsee steht das glückliche Finden im Mittelpunkt der Liebe zu Versteinerungen, und dazu die Atmosphäre am Wasser und unter der Steilküste, wo man meistens ganz alleine ist, übliche Touristen zieht es an die für Steinesucher langweiligen Badestrände. Mit Bruder und Schwester, wir drei sind seit unserer Kindheit fasziniert von versteinerten Seeigeln und auch von den „Donnerkeilen“, den orange-leuchtenden, pfeilspitzenähnlichen Überresten bereits ausgestorbener Tintenfische, den Belemniten, mit ihnen war ich gerade auf der Insel Rügen, dort, wo aus der hochhaushohen Kreideküste ständig neue Fossilien herausbrechen.

Die Schätze, die dort auf einen Finder warten, man bezahlt sie mit dem eigenartigen Gefühl, ständig unter einem Damoklesschwert zu wandern, so extrem steht die Kreidewand über dem schmalen Strand, so, als könnten Abbrüche jeden Moment jemanden unter sich begraben. Bäume neigen sich über den Rand in 30, 40 Metern Höhe, andere, mächtige Stämme stecken kopfüber in der Steilwand oder versperren den Weg, sodass man sich beim Ausweichen nasse Füße im Meer holt, dessen Wogen heranrollen. Dafür rufen einen auf Schritt und Tritt die Donnerkeile herbei, die man weniger findet, als vielmehr einfach aufhebt. Die Rügener Seeigel versteinerten in Feuerstein, sie sind hellblau, dunkelblau, grau, schwarz, weiß und oft so groß, dass der Rucksack langsam immer schwerer wird. Unmöglich aber kann man sie liegen lassen.

Versteinern, was genau das in Bezug auf die meisten Seeigel bedeutet, erklärt Dr. Detlef Grzegorczyk, im Münsteraner LWL-Museum für Naturkunde zuständig im Bereich der paläontologischen Bodendenkmalpflege: Die abgestorbenen Tiere sanken damals auf den Meeresboden, wo sie ihre Stacheln verloren und von allerlei Tieren gefressen wurden, bis nur noch ihre Hülle übrig blieb, die sich mit Sedimenten ausfüllte, so, dass ein genaues Stein-Abbild des Tieres entstehen konnte. Manchmal bleibt die Kalkschale erhalten und glitzert in der Sonne mit ihren wie eingemeißelten Schuppenreihen.

Im Schneckentempo nur kommen wir bei der Suche an der Rügener Küste voran. Bückt sich einer von uns, um etwas aufzuheben, stoppen auch die anderen: Wo ein Seeigel ist, sind meistens noch mehr. Wie Kinder zeigen wir uns die Funde, begutachten sie genau, gar nicht nach wissenschaftlichen Kategorien, sondern daraufhin, wie wunderschön sie aussehen, wie gut sie erhalten sind, wie sanft sie in der Hand liegen, und wir führen dabei Gespräche, die seit Jahrzehnten immer dieselben sind: Wie es kommt, dass diese Spuren von Urzeitleben uns so sehr bewegen.

Mike Polschinski, der das alles auch so gut kennt, er freilich lässt den wissenschaftlichen Blick nicht außen vor. „Unsere Region hat weltweite Bedeutung“, sagt er. „Nicht nur ist sie Dinosaurierland, wo man tatsächlich versteinerte Dinosaurier-Knochen finden kann. Damals herrschte zudem ein subtropisches Klima mit reicher Flora und Fauna im Urmeer.“ Schade nur, dass man als Suchender kaum auf Zufallsfunde hoffen kann. Außerhalb von Steinbrüchen und Kreidegruben entdecke man höchstens hier und da mal winzige Muscheln an Waldböschungen oder auf frisch umgepflügten Ackerrändern. Alles andere ist im Gestein versteckt, und auch noch aus anderen Gründen nicht frei zugänglich.

Ohne spezielle Genehmigungen darf man keine Steinbrüche und Gruben betreten oder sich auf Privatgelände zum Sammeln herumtreiben. Wenn Mike Polschinski als Mitarbeiter des Bergbaumuseums von Kleinenbremen als einziger weit und breit mehrmals im Jahr Führungen zu Fundstellen anbietet, dauert es vorher oft Monate, bis er die entsprechenden Erlaubnisse von den Firmen, denen das Gelände gehört, erhalten hat. Auch da, wo nicht mehr gearbeitet wird, kann es gefährlich sein, an den steilen Hängen herumzuklettern. Der alte Steinbruch Pötzen mit seinem freien Zugang für alle ist da eine Ausnahme.

Hat die Vorbereitung aber geklappt, dann können bis zu 25 Interessierte an so einer Exkursion teilnehmen, auch Kinder ab acht Jahren. Hammer, Meißel, Handschuhe und am besten auch eine Schutzbrille sollten im Gepäck sein, die Kleidung muss geländetauglich sein, besonders das Schuhwerk, und jeder bekommt Schutzhelm und Warnweste gestellt. Den ganzen Tag ist man dann unterwegs, und wenn alles gut läuft, bringt man versteinerte Ammoniten, Muscheln, Fischzähne und Pflanzen mit nach Hause. Seeigel und Donnerkeile werden kaum dabei sein, aber, so Polschinski, das Glücksgefühl des Suchens und Findens, das sei auch im Weserbergland zu haben. Eben überall da, wo Wesen aus der Vergangenheit von Hundert Millionen Jahren zu uns sprechen, davon, dass sie lebten, die Meere bevölkerten, dass sie untergingen und trotzdem noch da sind.



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