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Unzählige Menschen arbeiten hinter den Kulissen der Stadtgalerie / Ein Tag voller Tatendrang

Glück in Schichten

6.08 Uhr, real-Warenannahme, es riecht nach feuchter Pappe. Uwe Wendelken entlädt Lastwagen 3203. In der Nacht ist er aus Bremen gekommen, an Bord sind unter anderem Gurken, Orangen und Orchideen. Doch die Ladung ist Wendelken egal. „Da guck‘ ich nicht mehr nach“, brüllt er, während die Rollen des Hubwagens über den Estrich scheppern. „2, 4, 3, 1“, ruft Wendelken, als er mit einer Palette an Marijan Vivek vorbeifährt. Mit einem Kugelschreiber hakt Vivek die Nummer auf dem Lieferschein ab. Vivek arbeitet in der Warenannahme. Eine blaue Jacke schützt ihn gegen die Kälte. Jeder Artikel, der in den Regalen liegt, muss vorher an seinen Augen vorbei. „Das einzige Problem, das wir hier haben, sind die Fahrstühle“, sagt er. Sie sind das Nadelöhr für die Ware. Alle Artikel müssen mit zwei Lastenaufzügen in den Keller fahren. Dabei kann es zu Staus kommen, wenn die Fahrer ihre Lastwagen schneller entladen, als die real-Mitarbeiter die Fahrstühle leeren. „0, 4, 3, 5, 0“, ruft Wendelken, Vivek hakt ab.

veröffentlicht am 26.02.2013 um 00:00 Uhr

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6.49 Uhr, Erdgeschoss, die Geschäfte liegen noch im Dunkeln. Katrin Wolff von der Reinigungsfirma GFG wringt ihren Mopp aus. „Wir müssen bis 8 Uhr die Ladenstraße fertig haben“, sagt sie. Vier Frauen wischen die Ränder, während ein Kollege auf der Wischmaschine durch die Stadtgalerie fährt. Wolff ist seit der Eröffnung vor fünf Jahren dabei. In dieser Zeit hat sie viele Kunden kennengelernt, und viele Kunden kennen sie. „Ich bin hier nicht mehr privat beim Einkaufen“, sagt Wolff. „Gerade wenn ich es eilig hab, ist es schlimm.“ Wenn sie durch die Galerie bummelt, bückt sie sich gelegentlich nach Müll. Ihren Kindern hat sie verboten, die Glasscheiben anzufassen. Doch der Job habe einen entscheidenden Vorteil: Wenn sie vor den Geschäften wischt, guckt sie hin und wieder in die Schaufenster. „Da hole ich mir dann Ideen für Geschenke.“

7.26 Uhr. Beim Bäcker liegen die ersten Brote in der Auslage. Der Duft von frischen Brötchen zieht durch das menschenleere Gebäude. Draußen geht die Sonne auf, es schneit. 7.43 Uhr. „Jetzt kommt endlich Leben in die Bude“, sagt Haustechniker Sörn Rehberg und geht auf die Tür zu. „Morgens ist hier ja tote Hose.“ Mit der rechten Hand schließt er die Eingangstür auf. „Guten Morgen“, ruft Rehberg den wartenden Kunden entgegen. Nach den Eingangstüren öffnet er die Rolltore für das Parkdeck. Es ist 7.52 Uhr. Rehberg ist komplett in rot gekleidet, aus einer Tasche lugt ein roter Schraubenziehergriff. Auch Rehberg ist seit der Eröffnung dabei. „Als noch nicht eröffnet war, haben wir uns hier gnadenlos verlaufen.“ Heute kenne er jede Ecke. „Ich wohne ja hier“, sagt er. Mit drei Haustechnikern und einem Hausinspektor ist Rehberg der erste Ansprechpartner für alle Mieter. Der Elektroinstallateur tauscht Glühbirnen aus und repariert Kinderspielgeräte. Wenn Rehberg über die Stadtgalerie spricht, redet er von „meinem Center“. Sein Lieblingsort sei die Klimaanlage. „Das ist mein Schätzchen.“

8 Uhr. Die Klimaanlage brummt in dem Turm, der aufs Parkdeck führt. Ein bis zweimal am Tag schaut sich Rehberg die Anlage an. Sie pustet 18 Grad warme Luft in die Stadtgalerie, ob Sommer, ob Winter. Es ist 8.21 Uhr, als Rehberg die Tür zum Notstromaggregat auf dem Parkdeck aufschließt, ein Dieselmotor von MAN, so groß wie ein Kleinlaster. „Der war noch nie im Noteinsatz, nur, wenn wir ihn gezwungen haben.“ Durch die Katakomben geht es zurück. „Manchmal verlaufen sich hier auch Kunden“, sagt Rehberg in einem der Gänge hinter den Geschäften.

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8.48 Uhr. Während bei real die Kunden an den Kassen stehen und beim Bäcker belegte Brötchen über den Tresen wandern, schlafen die meisten Geschäfte noch. Nur bei Christ ist das Gitter ein Stück hochgezogen. Eine Mitarbeiterin steht auf einer Leiter und kratzt ein Werbeplakat vom Schaufenster ab. Hinter den Glastüren bei Douglas stapeln zwei Mitarbeiterinnen Parfum für den Osterverkauf, bis um 9.30 Uhr die Geschäfte öffnen.

9.59 Uhr, Kasse 4, real. Sybille Cwiklinski beginnt ihre Schicht. Kasse 4 ist eine ihrer Lieblingskassen. Über das Langarm-Shirt hat sie ihre Mitarbeiter-Weste gezogen. Cwiklinski hat ihre Kasse noch nicht eingerichtet, da steht schon der erste Kunde am Band. Orangen, Eier und Toast schieben sich über den Scanner. Die Kassiererin arbeitet seit 1996 bei real. In dieser Zeit hat sie Stammkunden gewonnen, die nur zu ihr an die Kasse kommen. Mit ihnen plauscht sie gern. Einen Kunden fragt sie nach der Gesundheit seiner Frau, mit einem älteren Ehepaar witzelt sie. Ihr Ziel sei es, dass die Kunden mit einem Lächeln gingen, sagt Cwiklinski. Auch sie lächelt fast immer.

Wenn ältere Herren mit gedämpfter Stimme nach

Dessous fragen

Dabei ist der Arbeitsplatz der rund 30 real-Kassiererinnen einer der stressigsten in der Stadtgalerie. Im Sekundentakt piepsen die Scanner, rascheln Einkaufstüten, knistern Plastikverpackungen, schrammelt Musik von der Decke. Hinzu kommt, dass die Mitarbeiterinnen mitunter kiloschwere Artikel heben. Zwei Stunden lang sitzen sie an ihren Kassen, dann legen sie eine Pause ein. Cwiklinski wirkt entspannt. Den Lärm höre sie gar nicht mehr. Sie möge es, „wenn die Kunden bis hinten stehen“, sagt sie und zeigt in den Markt. Besonders gern habe sie verkaufsoffene Sonntage oder das Weihnachtsgeschäft. „Das ist Power, das macht Spaß.“

Um 10.45 Uhr eilt Putzfrau Wolff mit einer real-Tüte vorbei. Drei Minuten später steuert Rehberg Gang 5 an, „Aufbewahrung und DVD-Player“, und verschwindet durch den Hintereingang.

11.16 Uhr, über Hameln reißen die Wolken auf, in der Galerie wetteifern die Deckenleuchten mit den Sonnenstrahlen. Theoretisch ließen sich mit den Lampen vorbeiziehende Wolken imitieren. Die Galerie verzichtet aber darauf. Gegen Mittag ist das Center voller als am Vormittag. Teenies knutschen, Kinder toben, ältere Männer in farbigen Funktionsjacken sitzen auf den Holzbänken und warten auf ihre Frauen, die Einkaufstaschen zwischen die Füße geklemmt. Gegen 14 Uhr endet die Schicht von Rehberg. „Mein Kollege macht jetzt die Sachen, die ich ihm liegengelassen hab.“

14.44 Uhr, Auftritt Helga Reineke. Die Dame mit den Perlohrringen und den French Nails hat wohl jeder Kunde schon einmal gesehen. Reineke ist eine von drei Mitarbeiterinnen an der Kundeninformation. Auch Reineke ist seit Tag eins dabei. Auch Reineke nennt ihre Kollegen eine zweite Familie. Auch Reineke hat ihre Stammkunden. Sie arbeitet schnell. Nur drei Minuten nach Arbeitsbeginn hat sie die Frau eines gestrandeten Kunden am Telefon darüber informiert, dass das Auto des Paares nicht mehr anspringt, hat drei Gutscheine verkauft und zwei Taler-Sammelhefte an den Mann gebracht. Dabei spricht Reineke so schnell, wie sie arbeitet. „Ich sage immer: So wie es in den Wald reinruft, so … Wissen sie?“, sagt Reineke. Sie erklärt Kunden, welche Artikel sie wo finden, sie entwertet Parkkarten, sie empfiehlt Imbisse. Es gebe keine Frage, die sie nicht beantworten könne. Am witzigsten finde sie übrigens die Herren, die mit gedämpfter Stimme fragten, wo sie Dessous für ihre Frauen fänden.

15 Uhr, die zweite Schicht des Sicherheitsmannes Holland beginnt. Er läuft Streife und achtet darauf, dass die Kunden die Hausordnung einhalten. Auch zu einer Schlägerei vor Burger King wird er gerufen. Doch der Mann, der einen Jugendlichen geschlagen haben soll, ist weg.

16.33 Uhr, SB-Kasse bei real. Cwiklinski steht am Ausgang und beobachtet die Kunden. Es sei ein ruhiger Tag gewesen, sagt sie. Wie viele Menschen sie täglich bediene, wisse sie nicht. Eine Menge seien es aber schon, sagt sie. Es sind wohl Hunderte. Ihre Schichte endet um 17 Uhr. Um 20 Uhr geht auch Reineke nach Hause. Die Stadtgalerie schließt.

Um 21.24 Uhr ist Holland immer noch da, er rüttelt an einer der roten Türen, zu. Er macht seinen Schließgang durch die Galerie. „Bis zehn müssen alle draußen sein“, erklärt er. Wer danach noch in einem Geschäft arbeitet, braucht eine Sondergenehmigung. Am längsten schuften an diesem Tag die Putzfrauen bei Nordsee. Auch bei Street One brennt noch Licht.

Rund 50 Türen muss Holland bei seinem Rundgang aufschließen, hinter sie schauen und sie wieder verriegeln. Alle sind mit Bewegungsmeldern gesichert. „Ich hab selbst noch niemanden hier gefunden“, sagt er und zieht den Schlüssel aus dem Schloss, der an einer Kette an seiner Hose hängt. Aber Kollegen hätten schon Obdachlose entdeckt, die in der Galerie übernachten wollten. Holland überprüft das Parkdeck. Zwei Autos stehen dort. Das eine gehört dem Senior, mit dessen Frau Helga Reineke telefonierte. Wem das andere gehört, ist unklar. Es bleibt über Nacht dort stehen.

22.02 Uhr. In der Stadtgalerie endet ein langer Tag. Zwölf Stunden lang können die Kunden einkaufen, die Arbeit hinter den Kulissen dauert wesentlich länger. Am nächsten Morgen geht alles wieder von vorne los, wischt Wolff den Boden, sitzt Cwiklinski an der Kasse, öffnet Rehberg die Türen. Am Nachthimmel scheint der Mond. Holland schließt die letzte Tür ab.

5.36 Uhr. Jens Holland schließt die Tür auf. In der Nacht hat es geschneit. Nur eine Fußspur führt durch den Schnee. Holland arbeitet für First Class Security Hameln. Sein Job ist es, die Stadtgalerie zu bewachen. Vor ihm und den vielen anderen Beschäftigten liegt ein aufregender Tag.

Zwölf Stunden lang können die Kunden einkaufen, die Arbeit hinter den Kulissen dauert wesentlich länger.

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Es ist ein ewiger Kreislauf: Katrin Wolff von der Reinigungsfirma GFG hat zwei Stunden Zeit, die Böden zu wischen. Haustechniker Sörn Rehberg repariert auch Kinderspielgeräte. Kassiererin Sybille Cwiklinski plauscht mit einem Kunden. Helga Reineke an der Kundeninformation ist so etwas wie das Gesicht der Stadtgalerie. Gegen 22 Uhr schließt Jens Holland die letzte Tür ab.rom



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