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Erziehung muss sein, auch bei Hunden – doch warum muss sie so streng sein?

Gleichberechtigung funktioniert nicht

Streng und konsequent mit seinem Hund umzugehen, das fällt vielen Hundebesitzern schwer. Doch eine autoritäre Hundeerziehung ist wichtig, nicht nur für den Menschen, sondern auch für das Tier. Eine klare Rangordnung erleichtert das friedliche Miteinander und schafft Zufriedenheit – an beiden Enden der Leine.

veröffentlicht am 14.09.2015 um 19:10 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 14:00 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Hunde, die ständig kläffen, die Menschen „bespringen“ wollen, die ihr „Häufchen“ mitten auf der Straße hinterlassen, sich mit anderen Hunden Duelle liefern und am Tisch um Essen betteln, solche unerzogenen Hunde sind anstrengend für jeden, der mit ihnen zu tun hat. Erziehung muss sein, keine Frage. Mancher ist schon froh, wenn er verhindern kann, dass das Tier jeden Besucher erst mal abschleckt. Andere dagegen absolvieren mit ihren Hunden eindrucksvolle Parcours im Rahmen des Hundesports. Und ein Jäger wie Karl-Heinz Strohmeyer aus Emmerthal, der Jagdhunde trainiert, sagt: „Mit netten Worten allein erreicht man gar nichts.“

Disziplin. Konsequenz. Konzentration. Das sind die Stichworte, die wohl in jedem Gespräch über Hundeerziehung fallen. Viele Hundebesitzer hören das nicht gern. Die Vorstellung, auch mal richtig streng zu ihrem tierischen „Freund“ zu sein, dem rührenden „Hundeblick“ nicht nachzugeben, sondern kühl auf Gehorsam zu bestehen, kurz: Zu akzeptieren, dass der Hund geführt werden muss in einer Beziehung, die keineswegs gleichberechtigt ist, das passt nicht in jedes Weltbild über das Verhältnis von Hunden und Menschen.

„Untereinander gehen Hunde unglaublich brutal miteinander um“, so Karl-Heinz Strohmeyer. „Sie beißen sich zurecht, so lange, bis die Rangordnung eindeutig feststeht. Von Freundschaft kann da keine Rede sein, nur von Macht oder Unterwerfung. Das muss man im Blick haben, wenn man mit einem Hund zusammenleben, gar zusammenarbeiten will.“ In einem Wolfsrudel sei das nicht anders. Sowohl Wölfe als auch Hunde wollen und müssen wissen, wo ihr Platz in der Familien-Gruppe ist. „Man kann sich eine Kommode mit vielen Schubladen vorstellen. Jedes Gruppenmitglied wohnt quasi in einer der Schubladen. Doch niemals, niemals darf ein Hund oben auf der Kommode stehen. Oben, da gehört der Hundebesitzer hin.“

Karin Heinrich, Trainerin für Junghunde und in der „Trickgruppe“ des Hundesportvereins Exten bei Rinteln, sieht das nicht anders. „Hunde sind natürlich keine Wölfe mehr, nachdem sie mindestens 15 000 Jahre vom Menschen domestiziert wurden. Für sie steht die Beziehung zum Menschen im Mittelpunkt. Deshalb ist es so wichtig, diese Beziehung zu stärken, zu lenken und eine so enge Bindung aufzubauen, dass das Tier weiß: Was mein Mensch mir ’sagt‘, das ist gut und richtig.“ Der Hund braucht Sicherheit in seiner Bindung an den Menschen. Dann wird er ihm auch gehorchen.

Sieht man den Tieren im Extener Hundesportverein zu, wie sie zusammen mit ihren Besitzern die verschiedenen Übungen in einem Parcours trainieren, bemerkt man schnell, dass sie dabei fast ununterbrochen auf den Menschen bezogen bleiben. Besonders auffällig ist das, wenn sie zwischen vier abgedeckten Futterstellen hindurchgehen sollen, ohne daran zu schnüffeln. Ihr Blick geht, wenn alles schon gut läuft, kein einziges Mal in Richtung Futter, sondern ist stets auf ihren menschlichen Führer gerichtet.

Ähnlich ist es in der Trickgruppe. Anfangs sind die Tiere in der Gruppe oft sehr unruhig, wollen sich vielleicht auch mit dem Nachbarhund anlegen oder ziehen es vor, einen großen Abstand zu den anderen zu halten. Zum Schluss dann aber bilden sie ein dicht zusammenstehendes Team, die anderen Hunde lenken nicht mehr ab, interessant sind nur noch die Aufgaben, die zusammen mit dem Besitzer anzugehen sind. „Der Hund spürt: ’Mein Mensch passt schon auf‘, und kann sich dann auf die Sache konzentrieren“, so Karin Heinrich.

Auch sie spricht von der unabdingbaren Konsequenz bei der Hundeerziehung. Nicht umsonst heißt das Parcours-Training „Rally Obedience“, also „Rally Gehorsam“.

Ohne Konsequenz des Hundeshalters kann ein Hund keinen Gehorsam lernen. „Die Sache ist die: Hunde haben einen sehr kleinen Verstand“, sagt Karl-Heinz Strohmeyer. „Sie reagieren überwiegend über den Instinkt, und würden von sich aus niemals Stöckchen apportieren, über ein Hindernis springen oder einer angewiesenen Fährte folgen. Deshalb legt man mit der Erziehung Automatismen fest.“ Was zum Beispiel das Apportieren betrifft, so müsse man dem Tier den Fang aufdrücken und das Stöckchen hineinlegen. Bis es versteht, dass es zubeißen und den Stock halten soll, das könne sehr lange dauern, bis zu 200 Mal müsse man das üben. „Und dann kommt der Moment, wo der Hund es begreift. Dann sitzt das auch fest.“

Jedenfalls sitzt es fest, wenn man danach keine Auflehnung duldet. „Spielen und Herumtollen ist eine Sache“, so Strohmeyer. „Gehorchen eine andere.“ Während des Lernen ist der Trainer geduldig und spart nicht mit Lob und Belohnung, sei es in Form von Leckerlis (nicht Strohmeyers Sache, aber doch ein guter Anreiz), sei es mit erhöhter liebevoller Aufmerksamkeit für das Tier. Weiß der Hund aber bereits, was er zu tun hat, verweigert sich aber seiner Aufgabe, dann muss er auf der Stelle „abgestraft“ werden. Fünf bis zehn Sekunden beträgt die Zeitspanne für eine Strafe, etwa in Form eines harten Leinenzuges, sonst versteht das Tier nicht, wofür er bestraft wird.

Karin Heinrich erzählt, dass ihr Welpe bereits im Alter im Alter von zwölf Wochen wusste, wo er hinmachen darf und wo nicht. „Das ging relativ schnell durch positive Bestätigung“, sagt sie. Die Haupterziehungsarbeit, diejenige, die den Alltag des Zusammenlebens von Mensch und Hund betrifft, sie sollte möglichst früh erfolgen. „Das Hundegehirn macht ab der 16. Woche mehr oder weniger zu“, betont Karl-Heinz Strohmeyer. „Bis dahin lernen die Welpen relativ gut und es fällt auch leichter, diese Dinge mit ihnen einzuüben. Sie wiegen ja nicht viel, man kann sie eben, ähnlich wie ein Kind, mit relativ einfach Mitteln im Zaum halten.“

„Strafe“ – das ist ein hartes Wort. Karin Heinrich spricht es kein einziges Mal aus, ebensowenig wie ihre Kollegin Claudia Wallenstein-Winter, die Geschäftsführerin im Hundesportverein Exten. Karl-Heinz Strohmeyer hat da weniger Probleme. „Eine Strafe kann zum Beispiel auch darin bestehen, den Hund zu erschrecken. Sich zu erschrecken, das hassen sie, das wollen sie unbedingt vermeiden.“ Viele Menschen würden zusammenzucken, wenn er sich so äußere. „Aber die Sache ist die: Bei der Jagd brauche ich Hunde, die meine Mitarbeiter sind, nicht meine zärtlichen Freunde. Und mein Hund-Mitarbeiter kann sich nun mal nicht aussuchen, was er zu tun hat, er darf nicht sagen: ’Heute habe ich keine Lust‘“.

Sowas mache man natürlich nicht mit einem Freund. „Und deshalb sollte man sich gut überlegen, ob ein Hund der Freund für die Freizeit sein soll, oder ob man, in welchem Umfang auch immer, mit ihm arbeiten will.“ Bei anderen Tieren, mit denen der Mensch sich zusammentut, sei das nicht anders. „Warum wohl benutzen Reiter Zügel, Kandare oder eine Gerte? Wie erzieht man einen Elefanten dazu, schwere Lasten zu ziehen? Oder eben die Schlittenhunde den Schlitten? Mit der einen oder anderen Art von Konsequenz.“ Prügel sei selbstverständlich tabu, und mindestens genau so der Liebesentzug. „Hunde sind psychisch auf eine funktionierende Beziehung zum Menschen angewiesen. Liebesentzug ist in meinen Augen einfach Tierquälerei.“

Was aber nun haben die Hunde davon, wenn sie „arbeiten“, sei es im Hundesportverein, wo sie auch lernen können, Fährten zu lesen und Dinge oder Menschen zu suchen, sei es als Jagdhund oder als Hund in einer Schutzhundstaffel? „Freude und Friede“, mit diesen Begriffen könnte man zusammenfassen, was die erfahrenen Trainer zu sagen haben. „Friede“, weil Hunde, die zuhause „auf der Kommode sitzen“, statt in einer der Schubladen, sich unwohl, verunsichert, gestresst, eben anführerlos fühlen. Und „Freude“, da sie für gute Arbeit belohnt werden und insgesamt das große Bedürfnis haben, es ihren „Herren“ recht zu machen.

„Man darf auch nicht vergessen, dass wir die Hunde auf gewisse Fähigkeiten hin gezüchtet haben“, erklärt Karl-Heinz Strohmeyer. „Ein Hütehund wird traurig, wenn er still liegen muss, ein Jagdhund unglücklich, wenn es nichts zu jagen gibt.“ Die Lehrzeit sei oft hart für die Tiere, weil es für sie so ist, wie für Kinder, die in die Schule gehen und Schularbeiten machen müssen. Beherrschen sie dann aber das Gelernte und klappt die Zusammenarbeit, dann können Hunde richtig glücklich und zufrieden sein. Und ihre Führer auch.



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