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Andreas Berg, Einkaufsleiter für Obst und Gemüse, spricht über aktuelle Trends und die Auswirkungen der Hitzewelle

Gespür für Geschmack

Trends erkennen und frühzeitig auf sie reagieren: Das ist Hauptaufgabe von Andreas Berg. Er ist Einkaufsleiter für Obst, Gemüse und Blumen bei der Edeka Minden-Hannover. Wichtig sind einerseits Verbraucherwünsche wie der nach Single-Melonen oder nachlassenden Begeisterung für bestimmte Obst- und Gemüsesorten – andererseits beobachtet er die Entwicklung des Wetters sehr genau. Intensiv hat er sich darum auch mit den Folgen des heißen Sommers in diesem Jahr auseinander gesetzt.

veröffentlicht am 20.09.2018 um 14:42 Uhr

Bei Obst und Gemüse kann der Verbraucher nach der langen Hitzeperiode oftmals sehen, dass die Preise höher liegen als im vergangenen Jahr. Foto: pixabay

Autor:

Monika Jäger
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Was hat der trockene Sommer mit den Lebensmittelpreisen zu tun? Sie sagen: Das ist kompliziert. Wieso?
Andreas Berg: Wir sprechen ja vor allem über Obst und Gemüse, und gerade bei Gemüse muss man genau hinschauen: Wie wächst das denn? Unter der Erde? Über der Erde? Im Glashaus? Regional? In Südeuropa oder Übersee? Das sind jeweils verschiedene Themen.


Dann fangen wir doch mit Obst an.
Das ist leicht. Das sind vor allem die Äpfel, bei denen die Ernte in diesen Tagen losgegangen ist. 2017/18 war ein Krisenjahr. Die gute Nachricht: Jetzt reifen wesentlich mehr Äpfel, und darum wird es eine sehr, sehr deutliche Preisentwicklung nach unten geben. Europaweit wird eine Rekordernte von 12,6 Millionen Tonnen erwartet. Letztes Jahr waren es zehn Millionen Tonnen.


Wieso sind Äpfel so beliebt?
Der Apfel ist ein Vitaminspender, Symbol für Erntezeit und Herbst – das gilt immer noch. Auch wenn wir inzwischen gewohnt sind, dass alles immer verfügbar ist, haben Verbraucher im Herbst doch noch mal mehr den Blick aufs Heimische.

Andreas Berg ist verantwortlich für den Einkauf von Obst, Gemüse und Blumen bei der Edeka Minden-Hannover.Foto: pr
  • Andreas Berg ist verantwortlich für den Einkauf von Obst, Gemüse und Blumen bei der Edeka Minden-Hannover.Foto: pr
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Und die Sorten, die ich hier im Supermarkt finde, sind alle von hier?
Im Prinzip ja, je nach Sorte. Der Pink Lady als letzter Apfel, der gepflückt wird, kommt bei uns zurzeit noch aus Übersee. Frühe Äpfel wie Cox oder Delbar Esteval findet man hingegen jetzt im Laden, und dann sind sie von hier.


Also Fazit: Es war ein Apfelsommer.
Unbedingt. Was bemerkbar sein wird, ist die etwas schwächere Farbe. Die Schale färbt sich durch die Unterschiede in der Temperatur zwischen Tag und Nacht rot. Die letzten Tage sind da oftmals entscheidend. Aber es wird sicherlich nicht nur grüne Äpfel geben. Mit dem Geschmack hat die Farbe übrigens nichts zu tun. Wir haben in diesem Jahr einen sehr hohen Zuckeranteil, und es wird sehr süße Äpfel geben. Was wir nicht endgültig abschätzen können, ist die Lagerqualität. Falls es vor der Ernte noch mal Stress für die Frucht gibt, könnte diese leiden. Dann gibt es im Frühjahr weniger Äpfel aus den Lagern.


Wie viel Konkurrenz kommt aus der Industrie?
Das ist ein sehr großes Thema. Im vergangenen Jahr hat die Industrie uns die Ware weggekauft, da gibt es immer einen Wettlauf. Dieses Jahr ist alles ganz entspannt.


Das ist bei den Kartoffeln anders. Die sind klein und wenige.
Im Norden und im Westen gab es etwas mehr Regen, im Süden und Osten war es sehr, sehr schwierig. Das Gut wird knapp, und die Preise steigen. Die Pommes werden teurer – die Kartoffelknollen bleiben ja einfach nur klein. Der Kunde will doch keine kleinen Stücke Pommes haben.

Na und? Es gibt Smileys, Röstis, Wedges, das ist doch gepresste Kartoffel.
Das ist eine Riesenindustrie, wenn man mal in die Tiefkühltruhen reinschaut. Aber Pommes bleiben Pommes. Die Pommes-Kartoffelsorte ist sehr speziell, die heißt Agria und wird eben richtig groß. Doch die Agria, die wächst nicht. Und nun kauft die Industrie alles auf, was sie nur bekommen kann, um keine Produktionsengpässe zu bekommen. Das verknappt den Markt, und die Kartoffeln werden insgesamt teurer.


Besonders schlimm in Deutschland, die Deutschen sind Kartoffelesser.
Ja, und wir merken, dass in Jahren, wo Kartoffeln knapp werden, auch viel mehr für Einkellerung gekauft wird. Denn die Leute wissen, dass im Winter die Ware noch mal teurer werden wird. Beim Verbrauch gibt es allerdings ein deutliches Nord-Süd-Gefälle: Denken Sie an Maultaschen und Spätzle in Süddeutschland. Übrigens Endivien- und Feldsalat ist auch ein klassischer Süd-Artikel.


Wie ehrlich sind die Preise?
Das sind die ehrlichesten, die es gibt, wir arbeiten mit den Erzeugern direkt und ohne Zwischenschritte. Wir wissen, welcher Markt da ist wie der Bauer arbeitet, was er anbaut. Das heißt aber andersherum auch, dass die Kartoffeln in diesem Jahr tatsächlich teurer sein werden. Vermutlich sogar bis zu 30 Prozent.


Aber wenn die Kartoffeln teuer werden, könnten Sie doch auch auf Ananas oder Bananen ein paar Cent draufschlagen.
Nein, der Markt regelt sich international und alles ist reichlich vorhanden. Da erwarte ich überhaupt keine Preissteigerungen.


Trotzdem steuern Sie doch die Nachfrage auch. So gibt es inzwischen beispielsweise viel mehr Melonensorten als früher in den Märkten.
Ja, aber auch da geht es nach den Trends: Verbraucher wollen wohlschmeckende Ware – und auch kleinere Melonen, die man auf einmal verzehren kann. Wir fahren regelmäßig zu sogenannten „Open Field Days“, wo die Erzeuger ihre Angebote präsentieren. Unsere Dessertmelonen kommen in der Regel aus Südspanien. Anders als die Bauern, die natürlich gerne möglichst hohe Erträge wollen, legen wir Wert auf guten Geschmack. Entsprechend bestellen wir die Ware.

Wenn wir beim Geschmack sind: Erklären Sie mir, warum Tomaten oft so fad sind.
Es gibt ja viele Sorten, die schmecken. Wir haben im Moment bei uns im Lager 45 verschiedene Sorten Tomaten. Wir als Edeka Minden glauben, dass wir gerade in diesem Bereich regional sehr gut aufgestellt sind, weil wir auch die Sorte bestimmen. Wir besprechen, welche Tomatenarten bei unseren Erzeugern angebaut werden. Und: Wir verkaufen die Tomaten zu angemessenen Preisen. Fest steht: Wir möchten die Aromatomate. Die wird dann unter unserem Label verkauft.


Bei welchen Preisen sollte ich als Verbraucher aufmerken?
Tomaten, das ist schon der umkämpfte Markt. Rund zwölf Prozent des Obst- und Gemüsegeschäfts, das sind Tomaten, etwa so viel wie Äpfel und Birnen, die liegen auch bei etwa zwölf Prozent.

Information

Der Mann für Obst und Gemüse

Rund 1500 Filialen der Edeka zwischen Norderney und Cottbus beliefert Andreas Berg mit Obst, Gemüse und Blumen. Dabei bedient er ebenso das regionale Segment unter dem Label „Bauer’s Beste“ wie auch die Gut-und-Günstig-Angebote.

Die Edeka Minden-Hannover setzt im Jahr 8,3 Milliarden Euro um, Tendenz steigend. Zur Einordnung: Ein 2000-Quadratmeter-Supermarkt verkauft nach Angaben der Edeka rund 40 000 Kilo Äpfel pro Jahr.


Wie geht es dem Gemüse sonst so nach dieser Hitzeperiode?
Alles hat Stress: Wenig Wasser, viel Sonne. Da findet die Auswahl auf den Feldern schon statt – beim Eisbergsalat zum Beispiel. Das sehen die Verbraucher auch an den Preisen, die da zurzeit schon 25 Prozent höher als im Vorjahr sind. Das führt auch dazu, dass die Hersteller von Mischsalaten in Tüten nicht mehr alles anbieten können.

Auch Gurken sind teuer. Wegen der Hitze haben die Pflanzen die Blüten abgeworfen – das verknappt die Verfügbarkeit. Aber so etwas kann sich auch schnell ändern: Aktuell erwarten wir den Beginn der spanischen Gurkenernte – dann sinken die Preise wieder.


Sind Gurken dieses Jahr auch kleiner?
Ja, aber das ist nicht schlimm. Denn kleine Gurken, Paprika, Cocktailtomaten zum Selbermischen, das ist aktuell ein Riesentrend: Snacking ist das Motto.


Sind Verbraucher bereit, für Lebensmittel mehr auszugeben, weil sie gesünder essen wollen?
Beides. Beim Preiseinstieg unter „Gut und Günstig“ haben wir Zuwächse, aber auch bei der Mini-Gurke: Snacken ist nun einmal teurer. Die Schmerzgrenze ist produktbezogen, aber alles über drei Euro pro Verpackung oder Kilo wird schwierig.


Sind die Richtlinien dafür, was nicht in den Verkauf darf, weil es bestimmten Normen nicht entspricht, ein Problem?
„Du bist nicht schön, du kommst nicht ins Regal“, das gibt es nicht. Krumme Möhren und schrumpelige Kartoffeln nimmt die Industrie auf. Es ist aktuell zwar schick zu sagen, man möchte essen, was nicht der EU-Norm entspricht, aber den Markt dafür gibt es einfach nicht.

Können Sie mir erklären, warumgefühlt in jedem Tiefkühlgericht Brokkoli drin ist?
Nein. Vermutlich, weil er grün ist und so Farbe auf den Teller kommt. Im Verkauf merken wir keinen plötzlich gestiegenen Run auf Brokkoli.


Man isst Blumenkohl …
… das volatilste Gemüse, das es gibt. Entweder er wächst, oder er wächst nicht. Das ist ein ganz sensibles Produkt. Für uns bedeutet das, dass wir zwei Wochen vorher vermuten müssen, ob wir dann Blumenkohl anbieten können oder nicht.


Das heißt, Sie haben doch eine Kristallkugel?
Erfahrung, Wetterprognosen, Historienwerte – all das und mehr fließt in unsere Arbeit ein. Wir sind viel auf den Feldern unterwegs, sprechen mit Bauern, sehen uns die Produktion an. Auch logistische Themen sind wichtig. Vor allem aber beobachten wir die Trends.


Was ist der aktuelle Trend?
Ein gutes Beispiel ist das große Thema „Beeren“. Die sind seit ein, zwei Jahren der Renner. Aber so ein Heidelbeerbäumchen braucht fünf bis sechs Jahre, bis es zum vollen Tragen kommt. Daran sieht man: Wir haben schon vor längerer Zeit bei unseren Erzeugern den Beerenanbau angeschoben – und das aktuelle Interesse der Verbraucher bestätigt unsere Prognose.



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