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Vom Aktentransport bis zum Urteil – diese Menschen sorgen dafür, dass in Hameln Recht gesprochen werden kann

Gesichter des Gerichts

HAMELN. 140 Mitarbeiter arbeiten derzeit in Hameln beim Amtsgericht. 16 von ihnen sind Richterinnen und Richter – was aber machen die anderen Mitarbeiter? Vom Posteingang über die Sicherheit bis zur Aktenbearbeitung gibt es viele Berufsfelder im Gericht. Es sind die Menschen, die nicht unbedingt im Sitzungssaal zu sehen sind, aber im Hintergrund dafür sorgen, das Gericht am Laufen zu halten.

veröffentlicht am 09.05.2016 um 07:33 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:14 Uhr

Andrea-Tiedemann-Redakteurin-Lokales-Dewezet

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Reporterin zur Autorenseite

HAMELN. 140 Mitarbeiter arbeiten derzeit in Hameln beim Amtsgericht. 16 von ihnen sind Richterinnen und Richter – was aber machen die anderen Mitarbeiter? Vom Posteingang über die Sicherheit bis zur Aktenbearbeitung gibt es viele Berufsfelder im Gericht. Es sind die Menschen, die nicht unbedingt im Sitzungssaal zu sehen sind, aber im Hintergrund dafür sorgen, das Gericht am Laufen zu halten. In Hameln wird daher regelmäßig Nachwuchs gesucht. Wer sich für eine Ausbildung beim Amtsgericht interessiert, kann sich bei Ramona Schelenz unter ramona.schelenz@justiz.niedersachsen.de melden.

Der Rechtspfleger-Anwärter

Johannes Michaelis sitzt vor einer Akte, der „Schönfelder“ – ein unter Juristen bekanntes Gesetzeswerk – liegt vor ihm. Der 21-Jährig ist auf dem Weg, Rechtspfleger zu werden. Aber was macht er da überhaupt? Rechtspfleger arbeiten ziemlich selbstständig, fast wie Richter, und können viele Sachen in Eigenverantwortung regeln. „Mir gefällt der Betreuungsbereich am besten“, sagt Michaelis, „da ist man am nächsten am Leben dran“. Denn als Rechtspfleger in Betreuungssachen hat man nicht nur Kontakt zu den betreuten Personen, sondern auch zu den Berufsbetreuern. „Das macht es lebensnaher, sonst ist es eher abstrakt.“ Nach dem Abitur hatte der 21-Jährige auch mit einem Jura-Studium geliebäugelt, dann aber entschieden, dass er zwischen all der rechtlichen Theorie auch immer mal wieder ein bisschen Praxis braucht. Im Übrigen sind die Studienzeiten durch das durchgehende Gehalt abgesichert, während der Ausbildung ist Michaelis Beamter auf Widerruf. „Gerade für die Nachlass-Sachen und für die Betreuung sollte man ein gutes menschliches Gespür mitbringen.“ Wer lieber gern still vor sich hin arbeitet, wird vermutlich bei den Grundbuchsachen glücklich werden. Auch Handelsregister, Zwangsvollstreckungen, Zwangsversteigerungen sowie Insolvenzen werden von Rechtspflegern betreut – die Bereiche werden zwischen den Mitarbeitern aufgeteilt. Eins aber sollten alle können: sich gepflegt ausdrücken. Am Ende der Ausbildung stehen eine thematische Diplomarbeit und sechs Klausuren. Da Rechtspfleger nach Bedarf eingestellt werden, sind die Übernahmechancen sehr gut.

Die Justizwachtmeisterin

Sandra Hänecke ist eine der ersten, die morgens das Gericht zum Leben erweckt: Sie leert den Nachtbriefkasten, schaltet Monitore und Kameras ein. Noch bevor das Gericht öffnet, beginnt sie damit, Post und Akten vorzusortieren. Doch die Hauptaufgabe von Hänecke und ihren Kollegen ist es, die Sicherheit im Gebäude zu gewährleisten – für das Publikum, aber auch für die Mitarbeiter. „Die Information am Eingang muss immer besetzt sein.“ Wenn Einlasskontrolle ist, müssen Gäste durchsucht werden, regelmäßig werden Inhaftierte aus der Jugendanstalt abgeholt und mit Fußfesseln gesichert. Mit speziellen Situationstrainings wird für Gefahrenquellen sensibilisiert. „Ich bin froh, wenn nichts passiert“, sagt Hänecke, die über gelegentliche pubertäre Sprüche zum Thema Frau und Justizwachtmeisterdienst gelassen hinweghört. „Aber es kann auch mal zur Sache gehen.“ Der Job könne vereinzelt gefährlich werden – das sollte man sich klar machen, wenn man sich dafür entscheidet. Bei einer Bombendrohung verlassen die Justizwachtmeister als letztes das Gebäude und im Zweifel ist Hänecke es, die sich schützend vor einen Richter werfen muss. Gleichzeitig ist Einfühlungsvermögen gefragt, weil Besucher des Amtsgerichts freundlich begrüßt werden möchten.

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Johannes Michaelis Alter: 21 Jahre Beruf: Rechtspfleger (Anwärter) Voraussetzungen: Hochschulzugangsberechtigung, unter 40 Jahre Arbeitsbeginn: 8 Uhr Ausbildung: drei Jahre Fachhochschulstudium, davon ein Jahr Praxis (Duales Studium)

Der Justizfachwirt

Jan Friedrichs muss viele Sachen im Blick haben – denn er arbeitet an den Schnittstellen des Gerichts. Als Justizfachwirt hat er gerade seine Ausbildung abgeschlossen. Seine Aufgabe ist es vor allem, zu organisieren und zu sortieren. Welche Post muss wohin? Auch Empfangsbekenntnisse gehören zu seinem Job – auch wenn es erstmal nur eine Formalie ist: Bei Gericht ist dies sehr wichtig, schließlich werden Fristen in Gang gesetzt. „Ich arbeite den Richtern und Rechtspflegern zu“, sagt der 23-Jährige, der auch für die Aktenverwaltung zuständig ist. Der Richter gibt zum Beispiel einen Hinweis, wer zum Termin geladen werden soll, Friedrichs kümmert sich dann daraum, dass dies auf formell korrektem Weg geschicht. Derzeit ist er in der Geschäftsstelle der Zivilabteilung eingesetzt. „Hier laufen viele Anrufe auf.“ Manchmal reicht ein Blick in die Akte, bei juristischen Fachfragen wird verbunden. Auch wenn er keine Rechtsauskünfte geben darf, muss er schon ein bisschen die Hintergründe kennen, um zu wissen, wie der Stand des Verfahrens gerade ist.

Die Gerichtsvollzieher-Anwärterin

Klebt sie immer noch in fremden Wohnungen den Kuckuck auf? Andrea Koj ist Gerichtsvollzieher-Anwärterin, das heißt, sie möchte nach erfolgreich abgeschlossener Berufsausbildung Gerichtsvollzieherin werden. Das mit dem Kuckuck aufkleben steht bei ihrem Job aber nicht mehr im Fokus. „Die Büroarbeit überwiegt, sagt die 33-Jährige, die zuvor mehrere Jahre als Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte gearbeitet hat. Dennoch: „Man sollte schon aufgeschlossen sein.“ Denn der Außendienst sei weiterhin wichtig, persönliche Gespräch ließen sich nicht immer ersetzen und haben eine andere Verbindlichkeit. „Vom Hartz-IV-Empfänger bis zum gut betuchten Geschäftsmann lernt man sehr verschiedene Lebensstile kennen.“ Und eben auch Armut sowie sehr persönliche Einblicke in Lebensgeschichten. Mal muss Koj bei einem Schuldner eine Vermögensauskunft einholen, manchmal auch schlicht nur einen sogenannten Titel zustellen – zum Beispiel ein vollstreckbares Urteil. Manchmal aber muss Koj auch tatsächlich eine Wohnung nach pfändbaren Gegenständen durchsehen. Das Wissen dafür lernt sie nicht in der theoretischen Ausbildung, sondern eignet sich selber an. Ein bisschen Lebenserfahrung ist also vonnöten – im Zweifel hilft eine Recherche im Internet. Ständige Konflikte gebe es in dem Job zwar nicht, auch wenn das mediale Bild so aussieht, ein „hitziges Gespräch“ gehört aber durchaus mal dazu.

Die Richterin auf Probe

Empathie. Das ist das wichtigste, was man für den Richterberuf mitbringen sollte, sagt Anna Kristina Scheffner. Als sogenannte Assessorin durchläuft sie verschiedene Stationen im Staatsdienst – vom Landgericht bis zur Staatsanwaltschaft. Während der letzten 14 Monate hat sie in Hameln ein „Mischdezernat“ betreut, also verschiedene Rechtsgebiete abgedeckt. „Den Großteil machen die roten Akten aus“, sagt Scheffner – rote Akten, das bedeutet Strafsachen. Hier gilt es nicht nur, Sitzungen zu leiten und zum Beispiel Zeugen zu vernehmen, sondern auch, die Urteile zu schreiben. Im schnitt sind diese sechs bis sieben Seiten lang – manche aber auch bis zu 30. Hinzu kommen bei Scheffner Ordnungswidrigkeiten-Verfahren – etwa, wenn jemand zu schnell oder mit dem Handy am Ohr gefahren ist und gegen den Bußgeldbescheid Einspruch eingelegt hat. Zudem bestimmen Betreuungsverfahren ihren Alltag. Wenn sie mit Menschen spricht, die vielleicht eine Betreuungsperson brauchen, zieht Scheffner allerdings keine Robe an. „Da nehme ich eine andere Rolle ein, gehe mehr auf die persönlichen Belange der Betroffenen ein.“ Sie entscheidet darüber, ob eine Betreuung eingerichtet wird oder wieder aufgehoben wird. Das ist vom Gesetz vorgeschrieben. Alles andere – von der Aufklärung der Betreuer bis zum Abschlussbericht, übernimmt dann der Rechtspfleger. Assessoren müssen sehr flexibel sein – denn als Richter auf Probe wird man immer dort eingesetzt, wo gerade Bedarf ist. Am Ende dieser Zeit, die zwischen drei und fünf Jahre dauern kann, steht die Bewerbung auf eine feste Planstelle. Wer sich für eine solche Stelle interessiert, braucht allerdings einen langen Atem. Denn allein bis zur Probezeit ist es ein weiter Weg: Zunächst muss ein Jurastudium abgeschlossen werden – Zivilrecht, Strafrecht, Verwaltungsrecht und vieles mehr wird dort gelernt. Am Ende steht ein „Klausuren-Marathon“, das Erste Staatsexamen. Dann schließt sich ein Referendariat an, in dem man die Praxis kennenlernt. Am Ende steht noch einmal eine sehr große Prüfung an, das Zweite Staatsexamen.



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