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Was in Fundgrube, Familienannoncen und Co. zu entdecken ist / SZ und LZ starten neue Serie

Geschichten hinter den Kleinanzeigen

Eine der ersten privaten Kleinanzeigen, die in Zeitungen aufgegeben wurden, erschien in England und stammt aus dem Jahr 1695. Es handelte sich um eine Heiratsanzeige, wie sie vom Sinn her auch heute noch in jeder Tageszeitung zu finden ist: „Ein 30-jähriger Gentleman, der von sich sagt, er sei sehr wohlhabend, sucht als Gattin eine junge Dame, deren Vermögen 3000 Pfund beträgt oder mehr.“ Wer das liest, kann schon neugierig werden, um was für eine Art von „Gentleman“ es sich da wohl gehandelt haben mag und ob sich tatsächlich eine reiche junge Dame auf ihn einließ.

veröffentlicht am 08.02.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:15 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Um solche Neugier zu befriedigen, werden wir in den nächsten Wochen einigen Kleinanzeigen aus unserer Zeitung hinterherspüren und Menschen und Geschichten entdecken, die dahinter stecken.

Ingeborg Lütkemeier aus der Geschäftsstelle der Schaumburger Zeitung hat täglich mit Kunden zu tun, die eine Kleinanzeige aufgeben wollen. Viele von ihnen geben ihre Texte nicht übers Telefon oder das Internet durch, sondern kommen dafür direkt in die Klosterstraße 32/33 nach Rinteln oder in die Geschäftsstelle der Landes-Zeitung in Bückeburg in der Langen Straße 20, um vor Ort mit den Damen über die bestmögliche Gestaltung ihrer Anzeige zu sprechen. Sie erinnert sich sofort an einen alten Herrn, der eine Zeit lang beinahe monatlich erschien, um eine Kontaktanzeige aufzugeben. „Ob er schließlich erfolgreich war, das weiß ich nicht“, meint sie. „Ich glaube, er wollte auch einfach ganz gern mit uns plaudern.“ Auf jeden Fall riet sie ihm lieber davon ab, in der Anzeige umstandslos zu schreiben: „Kommt mich doch mal besuchen.“

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Überhaupt spielt die Beratung durch die Damen in der Geschäftsstelle beim Aufgeben einer privaten Kleinanzeige eine große Rolle. „Ich berate mit Herz und Seele“, so Ingeborg Lütkemeier. „Man kann nämlich echte Fehler machen und dadurch den Erfolg der Anzeige verhindern.“ Immer mal käme es vor, dass jemand zum Beispiel mit einer Wohnungsanzeige zugleich auch seinen Frust über Vormieter loswerden will („aber bitte nicht wieder ein Mietnomade!“), oder vorhabe, eine Kontaktanzeige mit einem Klagelied über bisher gescheiterte Beziehungen zu eröffnen. Häufig auch fällt den Anbietern von Möbeln oder Haushaltsgeräten einfach keine treffende Beschreibung ein.

„Da springen wir dann mit unserer langen Erfahrung ein“, sagt sie. „Wir raten auch dazu, für die Interessenten lieber eine Festnetznummer anzugeben als eine Handynummer, aus der man nicht entnehmen kann, wo man die gekauften Dinge dann abholen müsste. Oder wir weisen darauf hin, dass es sinnvoll ist, bei einem Vermietungsangebot auch den jeweiligen Ortsteil zu nennen und zu erwähnen, wenn es einen Garten, einen Balkon oder eine Garage gibt.“

Wer, wie einmal ein jüngerer Mann, umstandslos formulieren wolle: „Er, verheiratet, sucht Sie für schnellen Sex“, der werde aber abgewiesen. „Anzeigen, die gegen die guten Sitten verstoßen oder sich in einer rechtlichen Grauzone bewegen, die können wir nicht annehmen.“

In erster Linie aber geht es um harmlose Dinge, die entweder dienstags in der „Fundgrube“, unter der Woche oder samstags im großen Privatanzeigenteil erscheinen. Da sollen Kleidung, Autos, Möbelstücke oder PCs den Besitzer wechseln, es werden Haushaltshilfen, Gärtner oder Babysitter gesucht, Flohmarkthändler suchen nach günstigen Artikeln oder Sammler nach Ergänzungen ihrer Sammlungen.

Und dann sind da natürlich all die Familienanzeigen rund um Geburten, Hochzeiten, hohe Geburtstage und Todesfälle. „Vor allem bei den Todesanzeigen ist viel Einfühlungsvermögen gefragt“, sagt Ingeborg Lütkemeier. „Den Betroffenen fehlen oft einfach die Worte, und dann ist es gut, wenn wir nicht nur ruhig die richtigen Fragen stellen können, sondern auch gemeinsam in unserem Fundus aus Sprüchen und Grafiken heraussuchen, was die Gefühle der Angehörigen am besten ausdrückt.“

Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt her spielen die privaten Kleinanzeigen keine herausragende Rolle. Anzeigen in der „Fundgrube“ kosten bis zur dritten Zeile gerade mal 2,80 Euro, jede weitere Zeile dann einen Euro. Samstags und unter der Woche bezahlt man 2,55 Euro pro Zeile. „Die privaten Anzeigen sind eigentlich ein unterhaltsamer Lesestoff für unsere Leser“, meint Anzeigenleiter Dirk Dreier, „also mehr ein Service als ein wirtschaftlicher Faktor, eine gute Möglichkeit, unsere Leser verstärkt ans Blatt zu binden.“ Das Internet mit Portalen wie Ebay oder Immobilien-Scout sei in Bezug auf die privaten Anzeigen ganz klar eine große Konkurrenz. „Doch wir punkten durch einen gerechtfertigten Vertrauensvorschuss, zumal wir zweifelhafte Angebote in den allermeisten Fällen gleich aussortieren. Die wenigsten lokalen Kleinanzeigen haben anonymen Charakter. Wer bei uns inseriert, weiß, dass er einer gewissen sozialen Kontrolle untersteht.“ Das unbedingte Anliegen der Seriosität bedeute allerdings nicht, dass man sich dem Gang der Zeit verschließe. „Alle Kleinanzeigen werden, auf Wunsch mit Foto, sowohl im gedruckten Blatt, als auch in unserer Online-Ausgabe veröffentlicht, wobei sie online frei zugänglich, also nicht nur auf Abonnenten beschränkt sind.“

Dass man seine Anzeige vom häuslichen Schreibtisch aus direkt übers Internet eingeben kann, es ist schon ein himmelweiter Unterschied zu den allerersten Kleinanzeigen, die im 16. Jahrhundert in den „Fugger-Zeitungen“ erschienen, als Bezugsquellen für Waren, die zuvor im Nachrichtenteil vorgestellt worden waren und unter der Überschrift: „Wo und wie alle Dinge jetzt zu kaufen sind.“

Mitte des 17. Jahrhunderts, als es üblich wurde, in den Zeitungen etwa Medikamente anzupreisen, Lotterien anzukündigen oder Stellenangebote aufzugeben, verfügte Kaiser Friedrich-Wilhelm I. über ein staatliches Anzeigenmonopol für die von Stadt- und Gemeindeverwaltungen herausgegebenen „Intelligenzblätter“, damit das Geschäft allein dem Staat zugute käme. Erst als 1848 die Pressefreiheit verkündet wurde, nahm der private Anzeigenmarkt entscheidend zu, und selbstverständlich suchten die Kunden dafür die Redaktionen vor Ort auf, um ihnen die Texte zu übermitteln.

„Ich bin ja erfreut, dass die Leute auch heute noch, trotz Telefon und Internet, zu uns in die Geschäftsstelle kommen und den persönlichen Kontakt suchen“, sagt Ingeborg Lütkemeier. „Selbst wenn es um Kontaktanzeigen geht, passiert das ganz locker, und ich bin sicher, dass wir hier schon oft zu guten Geschäften oder auch zum Beginn einer Liebesbeziehung beitragen konnten.“

Wenn nun in den nächsten Wochen ein besonderer Blick auf die verschiedenen Anzeigentypen geworfen wird, dann stellen wir auch einzelne Menschen vor, die ihre Anzeigen aufgeben und erzählen Geschichten, die damit verbunden sind. Ob allerdings der „Gentleman“, dessen Anzeige vor so langer Zeit erschien und der von sich sagte, er sei sehr wohlhabend, wirklich ein Gentleman und kein Heiratsschwindler war, das wird wohl immer ein Geheimnis bleiben.

Manchmal gibt es viel darüber zu erzählen, wenn Autos, Kleidung oder Möbelstücke ihre Besitzer wechseln. Die Kleinanzeigenrubriken in der Zeitung bieten Käufern wie Verkäufern eine ideale Plattform. In loser Folge startet unsere Zeitung eine Serie mit Geschichten, die hinter den regionalen Kleinanzeigen zu entdecken sind.



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