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Geschichten erfüllen Waldwege mit Leben

Unzählige Wanderwege erschließen das Weserbergland und führen durch Wald und weites Feld, über Bergkämme und entlang der sich windenden Weser. Die meisten dieser Wege sind befestigt, Forstfahrzeuge könnten auf ihnen fahren und mindestens zwei Radfahrer nebeneinander. Manchmal aber trifft man auf wahre Waldwanderer-Abenteuerwege, den Leuten in der näheren Umgebung durchaus bekannt, ansonsten aber gar nicht so leicht aufzufinden, weil sie auf den üblichen Karten nicht unbedingt verzeichnet sind: Man muss nämlich „trittfest“ sein, wenn man ihnen folgt, darf vor Baumwurzeln, rutschigen Abschnitten, einem Zauntritt, den man übersteigen muss oder gar Blicken in Abgründe keine Angst haben.

veröffentlicht am 16.05.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 16.05.2011 um 10:17 Uhr

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Wer sie betritt, könnte ein Hobbit sein, der durchs Auenland wandert. Mit einem Unterschied: Oft erzählen diese Wege Geschichten aus der Vergangenheit. Dann nämlich, wenn engagierte Leute hier und da Informationstafeln aufgestellt haben, durch die der scheinbar weltferne Trampelpfad doch wieder eng mit dem Menschenleben verbunden ist.

Ganz abgesehen davon, dass der Wald sich diese Pfade schnell zurückerobern würde, gäbe es nicht jemanden, der sie immer wieder neu von Ästen und wuchernden Pflanzen befreit.

Der Patensteig heißt nicht ohne Grund so: Am Ende darf noch mal regelrecht gestiegen werden. Fotos: cok

Der „Philosophenweg“ zwischen Exten, Strücken und Uchtdorf bietet so ein kleines Abenteuer. Er beginnt als etwa einstündiger Rundweg direkt am Uchtdorfer Forsthaus und schlängelt sich dann auf und ab, oft in der Nähe eines Bächleins, das er kreuzt, durch den Wald. Jetzt, im Mai, ist der Wald erfüllt von Düften und Vogelgesang, von Tiergeraschel im Laub und Sonnenstrahlen, die noch das Blätterdach durchbrechen können. Waldmeister und Bärlauch blühen. Manchmal wandert man ganz schräg zum Hang, dann wieder steigt man über Felsbrocken aufwärts, die nicht zufällig dort liegen, sondern von wackeren Männern platziert wurden, damit es überhaupt ein Fortkommen gibt.

Der Philosophenweg war einst ein sogenannter „Begangspfad“, bei dem es nicht zu überraschen braucht, dass er direkt an einem Forsthaus beginnt, sollte er es doch dem Förster ermöglichen, rasch auch in abgelegene Gebiete seines Reviers vorstoßen zu können. Ab dem Jahr 1866 wurden solche Pfade überall in den südlich der Weser gelegenen Schaumburger Wäldern angelegt, immer gerade mal 60 Zentimeter breit, sodass ein einzelner Mensch ihn gut begehen konnte, dazu, wann immer möglich, auf gleichmäßigem Niveau führend, um die Kräfte der Forstarbeiter nicht unnötig zu strapazieren.

Inzwischen sind die allermeisten „Begangspfade“ längst wieder vom Wald vereinnahmt, der Philosophenweg ist einer der wenigen, die erhalten blieben, und das ist einer Gruppe Extener, Strückener und Uchtdorfer zu verdanken, die sich im Jahr 2004 zusammenschlossen, um etwa in der Mitte des Weges einen schönen Rastplatz einzurichten, mit Tisch, Bänken und einer Tafel.

Die erinnert an den ehemaligen Lehrer Vöste aus Rinteln, der lungenkrank war und auf Rat seines Arztes möglichst oft an diesen Aussichtsplatz in der Nähe der Exter hochsteigen sollte, um dort die feucht-warme, aus dem Tal aufsteigende Luft einzuatmen. Der gute Mann, dem es dadurch offenbar wirklich sehr viel besser ging, stiftete daraufhin 300 Reichsmark, damit nach seinem Tode – das war 1916 – ein Gedenkstein an seinem Lieblingsplatz aufgestellt würde, was dann auch geschah. Dankbar nimmt man diesen Platz als Wanderer an und wer Gefühl besitzt, der wird später im Strückener Waldgasthaus Homberg einen Schluck auf den Philosophen trinken.

Noch so ein besonderer Weg (bestimmt gibt es auch andere, die der geneigte Leser zu entdecken weiß) liegt nahe der Landkreis- und Landesgrenze im Extertal, ein Geheimtipp für alle, die nicht nur gemütlich daherschlendern, sondern sich auf ein kleines Waldwanderungs-Abenteuer einlassen wollen. Wer also auf und ab verschlungene Pfade liebt, einem Bachlauf mit seinen Wasserfällen folgen will, sich vor alten Schützengräben nicht fürchtet und auch mal über einen Zauntritt klettern mag, der soll den Patensteig bei Almena erobern. Die Umwelt- und Naturschutzgruppe Extertal (UNEX) legte diesen wunderbaren Weg im Jahr 2005 an und versah ihn außerdem mit Informationstafeln, die richtig spannende Geschichten erzählen.

Wenn man von der Gaststätte „3er’s Eck“ in Fütig aus in den Patensteig einbiegt und über eine kleine Brücke geht, erreicht man bald die Stelle, wo einst die „Zigeunerbrücke“ über den Gersiekbach führte. Sie gehörte zum Kirchweg der Dörfler aus Hagendorf, die bis 1920 noch mitten durch den Wald wandern mussten, um nach Almena zu kommen. „Zigeunerbrücke“, ja, es waren dann später hauptsächlich „Zigeuner“, die sie nutzen. Das fahrende Volk durfte sich damals in der „Zigeunerkuhle“ nahe dem Katzengold-Vorkommen an der Extertalstraße niederlassen und wanderte von dort aus in die Dörfer, nicht gerade gern gesehen, aber doch geduldet.

Insgesamt 12 solcher Stationen mit dazugehörigen Geschichten bietet der Patensteig und damit eine perfekte Abwechslung zwischen romantischem Naturerlebnis und Einblicken in die Geschichte des Extertals. Folgt man dem Trampelpfad unter grünenden Bäumen weiter, dann staunt man über jede Menge Findlinge im Gersiekbach, riesige Steine, die mit der Saaleeiszeit vor etwa 200 000 Jahren aus Skandinavien hier anlandeten und die noch viel größer wären, wenn nicht gelangweilte Soldaten ihren Spaß daran gehabt hätten, einige der Brocken zu sprengen. Noch jetzt sieht man Sprenglöcher in den Überresten.

Die „Feenquelle“ war vielleicht wirklich mal ein Ort des Hexenkultes, damals als der ungeheure „Hexenstein“-Findling noch im Wald lag, bevor er 1933 in einer aufwändigen Aktion nach Rinteln gebracht wurde, als mit der Aufschrift „Klagt nicht – kämpft!“ zweifelhaftes Denkmal für die Gefallenen des Ersten (und später auch des Zweiten) Weltkrieges. Fotos auf einer Infotafel zeigen den damaligen Abtransport durch das Almenaer Steinbruchunternehmen von Willi Kruse, eine verrückte Arbeit, über die in der ganzen reichsdeutschen Presse berichtet wurde. In der Nähe des Hexensteins gibt es Hügelgräber, auch Steinzeitwerkzeug wurde gefunden.

Und so wandert man mitten durch den hellen Buchenwald mit seinen blühenden Waldblumen, überwindet Zäune mithilfe kleiner Holztreppen, bewundert die Wasserfälle in den Schluchten, entdeckt dicht an der Straße den Schützengraben, von dem aus Jungs und alte Männer eine letzte Schlacht gegen die Amerikaner kämpfen wollten, und kommt schließlich auf einen hellen Feldweg, der durch Rapsfelder führt. Riesige Windräder verrichten dort gelassen ihre Energie sammelnde Aufgabe, und wenn das Wetter schön ist, kann man unendlich weit in die liebliche Landschaft blicken. Bald dann spaltet sich der Patensteig. Wer die insgesamt eigentlich sechs Kilometer abkürzen will, wendet sich nach links, zurück Richtung Katzengold-Steinbruch.

Dort ist das schillernde Gestein längst abgebaut. Dafür aber kann man richtig klettern, um den Steinbruch zu erreichen, nachdem man vorher an der Ruine eines abgelegenen Gehöfts vorbeikam, der „Wüstung Hilkerberg“, wo bis Ende der 50er Jahre noch Familien wohnten, ohne Strom und Wasserleitung, dafür aber mit einem Brunnen versehen, in dessen dunkle Öffnung man nach wie vor hineinlinsen kann.

Erfüllt von den Eindrücken im Wald und von den Geschichten, die er preisgibt, bietet sich „3er’s Eck“ oder das nicht weit entfernte „Café Rickbruch“ dazu an, noch ein wenig über das Erlebte zu plaudern.

Weitere Wanderpfade, die zumindest teilweise an die ehemaligen „Begangspfade“ der Förster erinnern, gibt es zum Beispiel für alle, die nicht auf dem geraden Weg zum Klippenturm wandern wollen, sondern sich, dabei fast immer mit großartigem, aber auch gefährlich wirkendem Ausblick ins Land begleitet, im Schneckenweg rund um den Turm bewegen, bis sie dankbar in der dortigen Wirtschaft einkehren können. Auch am Hohenstein haben sich lauter Trampelpfade gebildet, die vom Blutbachtal aus zum Felsen hinauf führen.

Der alte Pilgerweg an der Paschenburg ist zwar etwa doppelt so breit wie die schmalen Förstersteige, doch auch er führt durch wilden, ungezähmten Wald und behält allerlei interessante Stationen vor, sei es die Wolfsschlucht, wo einst der Sage nach ein verliebter Graf von einer Zwergenfrau in ihre Höhle gelockt wurde, oder die Hexenteiche, in denen so mancher der Zauberei angeklagte Mensch sein Leben verlor, weil er die „Wasserprobe“ nicht bestehen konnte, oder der bezaubernde „Steingarten“ direkt an der Paschenburg, wo man den Steinmetzen bei ihrer Arbeit zusehen kann, bevor es in die Abgeschiedenheit weitergeht.

Wanderkarten erhält man in den Touristikbüros der Städte, wo man mit Glück auch weitere Tipps für verstiegene Waldwege erhält.

Oft sind es nur wenige Kilometer, die uns von Wäldern trennen, die anmuten wie aus einer anderen Zeit oder einem Fantasieroman. Sie strotzen vor Schönheit und Erzählungen. Unsere Zeitung hat ein paar Wanderwege aus der Umgebung in Augenschein genommen.



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