weather-image
11°

Was ist sauberer? Wasser und Hand oder Toilettenpapier

Geschichte der Wischkultur

Manche waren amüsiert, andere fanden es ziemlich eklig, was Igor B. in einer Facebook-Gruppe über eine heikle Notsituation schrieb. Er hatte die Toilette am Rintelner Bahnhof wegen eines dringenden Geschäftes aufgesucht und zu spät entdeckt, dass es kein Toilettenpapier gab. Mutig beschloss er, sich „wie im Mittelalter“ mit Hand und Wasser zu reinigen, doch der Wasserhahn war defekt. Schließlich sammelte er Blätter auf, die er vor dem Gebäude fand – insgesamt fast eine kleine Reise durch die „Geschichte der Wischkultur“.

veröffentlicht am 26.08.2016 um 07:07 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:04 Uhr

Dürfen die Schüler an der KGS Salzhemmendorf nicht mehr auf die Toilette? Die Schulleiterin hält das für ein Missverständnis
ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Vom Finger zum Feuchtpapier“, so überschreibt eine Herstellerfirma ihre Pressemitteilung, in der sie auf den „Tag des Toilettenpapiers“ am 26. August hinweist. Im Text fällt auch der Ausdruck „Wischkultur“, der so ungebräuchlich ist, dass „Google“ bei der Suche im Internet mehrmals nachfragt, ob man nicht stattdessen „Mischkultur“ meine und dann zuerst Texte verlinkt, die mit der Treppenhausreinigung in Schwaben zu tun haben. Was den allermeisten Deutschen so normal vorkommt, nämlich sich den Hintern mit Papier abzuwischen, erscheint in anderen Kulturen geradezu abwegig. In arabischen und asiatischen Ländern würde man unbedingt von einer „Waschkultur“ sprechen. „Papier benutzen? Ekelhaft!“ Nesrin K. aus Hameln findet es schon dreist, dass der Toilettenpapier-Hersteller in seinem Pressetext suggeriert, die Reinigung mit dem Finger stehe quasi am Beginn einer Entwicklung, die ihren Höhepunkt schließlich im fortschrittlichen Gebrauch von Papier finde. „Ehrlich, ich jedenfalls war geschockt, als ich mit meiner Familie aus dem Iran nach Deutschland kam und sah, wie hier die Bäder eingerichtet sind“, sagt sie. „Papier zu benutzen, statt sich gründlich mit Wasser zu reinigen – ekelhaft!“ Gerade hat sie in ihrer Wohnung ein neues Bad einbauen lassen, und selbstverständlich kam direkt neben die Kloschüssel ein Wasserhahn mit Schlauch daran. „Wir benutzen Wasser und die Hand“, so Nesrin K. „Das ist wirklich sauber, und ich kann gar nicht verstehen, wie man es anders zu machen mag.“

Auch Darmspezialisten, wie zum Beispiel der von der „Apotheken-Rundschau“ zum Thema befragte Dr. Bernhard Lenhard aus Heidelberg, sehen in der Reinigung mit Hand und Wasser (ohne Seife) die beste Methode, den Intimbereich zu säubern. Alles, was man an dieser Stelle loswerden wolle, sei wasserlöslich, und so könne man auch kleinste Bestandteile fäkalen Sekrets entfernen, erklärt der Fachmann. Danach wäscht man sich natürlich gründlich und mit Seife die Hände.

Nicht nur Muslime erleiden oft einen Kulturschock in deutschen Bädern, so wie es Nesrin K. beschreibt. Über 90 Prozent der Italiener und Portugiesen und fast 50 Prozent der Franzosen benutzen ein Bidet, um sich nach dem Stuhlgang zu reinigen und sind oft entsetzt, wenn sie feststellen, dass so ein Sitzwaschbecken direkt neben der Toilette in Deutschland fast nirgends vorzufinden ist. In Asien und auch Amerika ist es nicht unüblich, die WCs direkt mit einem Wasserhahn auszustatten, dessen Strahl sich von hinten oder von unten auf den Intimbereich richtet. Beide Einrichtungen kann man bequem gänzlich ohne Einsatz von Toilettenpapier benutzen.

Tröstlich für die Deutschen, von denen nur etwa sechs Prozent ein Bidet besitzen, ist immerhin Bernhard Lenhards Aussage, dass die Reinigung mit trockenem, weichen Papier normalerweise einer ausreichenden Hygiene genüge. Wovor er allerdings warnt, ist ausgerechnet das Feuchtpapier, das die oben erwähnte Firma für das Nonplusultra der „Wischkultur“ hält. Die im Feuchtpapier enthaltenen Konservierungsstoffe und Duftstoffe können den Po reizen und Allergien auslösen, sagt er.

Man kann, wie Nesrin K., mit Ekel auf deutsche Toiletten reagieren. Angst vor möglichen Infektionen aber muss man nicht haben. Menschen sind zu 99,99 Prozent immun gegen Bakterien, die durch Berührung mit Stuhlgang übertragen werden könnten. Das erklärt der ehemalige Direktor des Freiburger Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene Franz Daschner in einem unterhaltsamen Interview mit der „Zeit“. Es brauche schon eine sehr hohe Anzahl von gefährlichen Darmbakterien, um sich zu infizieren. Eine Toiletten-Türklinke zum Beispiel müsste dafür schon von oben bis unten voll mit Salmonellen sein. „Das ist sie aber zum Glück normalerweise nicht“, sagt er.

Befragt man Menschen, die über 70 Jahre alt sind, so erinnern sich die meisten daran, wie sie als Kind damit beauftragt wurden, Zeitungsseiten zu zerreißen, die entstandenen Quadrate zu durchlöchern und an einem Bindfaden aufzufädeln – als noch bis weit in die Nachkriegsjahre hinein übliches Toilettenpapier. Erst im Jahr 1928 wurde in Deutschland eine Toilettenpapier-Fabrik gegründet, vom schwäbischen Unternehmer Hans Klenk, der die gewisse Anrüchigkeit seines Produktes mit dem Spruch bewarb: „Verlangen Sie eine Rolle Hakle, dann brauchen Sie nicht ‚Toilettenpapier‘ zu sagen.“ Eine wirklich tolle Alternative zu den Zeitungsseiten hatte er damit allerdings nicht geboten. Seine Rollen bestanden aus tausend Blatt rauen Krepppapiers. Das sehr viel angenehmere weiche Tissuepapier erreichte West-Deutschland erst Ende der 1950er-Jahre, aus Amerika. In Deutschlands Osten, der ehemaligen DDR, konnte man bis zum Mauerfall weiterhin nur Krepppapier kaufen.

Doch Zeitungs- und Krepppapier scheinen ein wahrer Luxus zu sein, wenn man bedenkt, wie man sich hierzulande reinigte, bevor Zeitungen überhaupt in großen Massen zur Verfügung standen. Moos, Blätter, Stroh waren die Mittel der Wahl. Die alten Römer benutzten übrigens ein Schwämmchen, das sie auf einem Stab befestigten, der nach jedem Gebrauch in einen Eimer mit Salzwasser gestellt wurde, um dann dem nächsten Abortbenutzer zu dienen – ein weiteres Argument dafür, dass Menschen alles in allem recht robust aufgestellt sind gegen die Berührung mit fremden Darmbakterien.

Es ist also weniger der Hygiene-Aspekt, der für eine „Wasch-“ statt einer „Wischkultur“ spricht. Wirklich bedenklich ist der hohe Toilettenpapierverbrauch in Deutschland. Durchschnittlich etwa 18 Kilogramm davon benötigen die Deutschen pro Kopf und Jahr. Das sind, nach Informationen von „Greenpeace“ aktuell sieben Kilo mehr als noch im Jahr 2001. Immerhin kaufen 51 Prozent der Kunden Recycling-Produkte. 2001 aber waren es noch fast 80 Prozent. Frischfaserpapier wird aus den Zellstoffen im Holz von Kiefern, Fichten, Birken und Eukalyptusbäumen hergestellt. Zehn solcher Bäume müssten für jeden Menschen gefällt werden, der sein Leben lang nur Toilettenpapier aus frischen Fasern benutzt. Wer zu dieser Verschwendung nicht beitragen will, sollte nur Recycling-Papier mit dem blauen Umweltengel kaufen.

Doch auch Recycling-Papier hat seine umweltbelastenden Seiten in der Herstellung. Der gänzliche Verzicht auf den Einsatz von Papier reduziert den Wasserverbrauch, den Einsatz von Chemikalien und die Emission von CO2. Wer weder ein Bidet noch einen toilettennahen Wasserhahn besitzt, könnte eine kleine Gießkanne bereitstellen. Zum Abtrocknen wäre ein Handtuch ausreichend. Bliebe noch die Überwindung, die eigenen Ausscheidungen mit der Hand zu berühren. Da aber Ekelgefühle ein Ergebnis jeweiliger kultureller Prägung sind (kleine Kinder stecken sich manchmal sogar freudig Kot in den Mund), ließe sich da eine Umgewöhnung durchaus erreichen.

Nun, das wird kaum in größerem Rahmen geschehen. Menschen wie etwa die Toilettenpapiersammlerin Gaby Faehndrich aus Leverkusen wären darüber auch sehr traurig. Auf ihrer Internetseite präsentiert die Physik-Ingenieurin 330 verschiedene Sorten, samt Daten zu Herkunft, Material und Struktur. Drei ihrer Blätter stammen aus Bückeburg.

Was den Titel der Pressemitteilung des Toilettenpapierherstellers betrifft, dieses „Vom Finger zum Feuchttuch“, so kann man nach dem Studium der „Geschichte der Wischkultur“ kaum zu einem anderen Schluss kommen, als dass es eigentlich umgekehrt heißen müsste: „Vom Feuchttuch zum Finger.“ Dass Feuchttücher zu sogenannten „Verzopfungen“ in den Abwasserrohren führen, sie also unnötig belasten können, leuchtet wohl ein. Aber auch die Benutzung von Papier stellt sich keineswegs als ein perfektes Ende der Entwicklung dar.

„Happy End“ heißt lustigerweise ein recht beliebtes, besonders weiches Toilettenpapier. Ein echtes Happy End bestünde allerdings darin, auf diese Papierverschwendung irgendwann wieder ganz zu verzichten.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt