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Gesamtklinikum – von Großstädtern lernen

Immerhin: Der christliche Krankenhaus-Konzern Agaplesion hat dem Eimsbütteler Turnverein einen der modernsten Fußballplätze in der Hansestadt Hamburg beschert. Statt auf schwerem roten Sand, wie früher auf dem traditionsreichen Sparbier-Sportplatz an der Hohen Weide, dürfen Hamburgs Stadtteil-Fußballer nun auf einer hochwertigen Kunstrasenanlage kicken – ganzjährig, unabhängig von Wind und Wetter.

veröffentlicht am 05.06.2012 um 10:48 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:26 Uhr

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Lars Lindhorst

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Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite

Rund 1,4 Millionen Euro hat sich die Agaplesion AG dem Vernehmen nach die neue Sportanlage kosten lassen. Sie war Teil einer Vereinbarung, die der Klinikbetreiber im Zuge eines Klinikumneubaus in der Hansestadt mit dem damaligen Bürgermeister Ole von Beust getroffen hatte. Ein Teil des alten öffentlichen Sportplatzes musste deshalb erst den Baumaschinen, dann einem fünfstöckigen Krankenhaus-Gebäude weichen. Es hagelte Protest.

Das „Agaplesion Diakonieklinikum Hamburg“ ist im Februar 2011 eröffnet worden. Nach fast einem Jahrzehnt Planung. Und jetzt, da sich abzeichnet, dass der Agaplesion-Konzern auch auf dem Schaumburger Gesundheitsmarkt aktiv wird, dient Hamburg zu einem guten Teil als Modell für das geplante Gesamtklinikum in Vehlen. Unlängst sind Mitarbeiter der Schaumburger Krankenhäuser bereits nach Hamburg gereist, um sich Eindrücke von der Großstadt-Klinik zu verschaffen. Denn es gibt so einige Parallelen zwischen dem bereits eröffneten Klinikum in der Großstadt Hamburg und dem geplanten im Schaumburger Land. Und von Hamburg könnten sich die Schaumburger Krankenhaus-Planer schon mal „die effiziente Art des Baus“ abschauen – das sagt jedenfalls Ralph Freiherr von Follenius, Sprecher der Krankenhausprojektgesellschaft in Schaumburg.

So wie in Schaumburg, wo das Gesamtklinikum die bestehenden Krankenhäuser in Rinteln, Bückeburg und Stadthagen vereinigen soll, ist das Agaplesion-Diakonieklinikum in Hamburg ebenfalls aus der Fusion von drei bestehenden Krankenhäusern hervorgegangen. Die Frankfurter Agaplesion AG ist auch in Hamburg als „starker Partner“ mit Finanzkraft bei der Zusammenlegung der drei Krankenhäuser eingestiegen: Die bis dahin unter kirchlicher Trägerschaft gelaufenen Hamburger Häuser Elim, Bethanien und Alten Eichen sind zu einem Komplex mit 385 Betten zusammengeführt worden. Durch die Fusion wurden in Hamburg, wie in Schaumburg geplant, Kapazitäten an einem Standort gebündelt. Aus drei Verwaltungseinheiten wurde schließlich eine. Das verschlankt die Organisationsstrukturen und spart Kosten.

Gut 101 Millionen Euro hat das Hamburger Diakonieklinikum gekostet, mit rund 18 000 stationären Aufnahmen rechnen die Betreiber pro Jahr. Zwei Drittel der Baukosten hat dabei die Stadt Hamburg getragen. Geplant waren in Hamburg Kosten von bis zu 120 Millionen Euro; die Höchstgrenze haben die Krankenhausbauer zwar deutlich unterschritten, jetzt soll aber noch der Neubau eines modernen Ärztehauses an Hamburgs Hoher Weide folgen. Ähnlich ist die Lage in Schaumburg: Geplant ist ein Gesamtklinikum mit 435 Betten, die Verantwortlichen gehen von einer jährlichen Fallzahl von etwa 21 000 aus. 95 Millionen Euro der insgesamt 130 Millionen Euro Gesamtkosten trägt das Land Niedersachsen. Nach drei Jahren Bauzeit wurde das Hamburger Klinikum im Februar 2011 eröffnet; in Schaumburg rechnen die Planer mit der Fertigstellung nach zwei Jahren. Erst jüngst hatte Claus Eppmann, zweiter Geschäftsführer bei der Krankenhausprojektgesellschaft, diese Planung für Schaumburg als „ambitioniertes Ziel“ ausgegeben.

Wie Ralph von Follenius im Gespräch mit unserer Zeitung erneut betonte, sollen die angepeilten Baukosten für das Gesamtklinikum Schaumburg in Höhe von 130 Millionen Euro aber keinesfalls überschritten werden. Dort hat sich der potenzielle ProDiako-Partner Agaplesion das Limit gesetzt. Damit der Kostenrahmen nicht doch gesprengt wird, sei die Krankenhausprojektgesellschaft Schaumburg derzeit in intensiven Gesprächen mit dem Land Niedersachsen.

Dass es auch in Schaumburg Bestrebungen gibt, die Organisation des neuen Klinikums im Zuge der Fusionsverhandlungen zwischen ProDiako und Agaplesion zu überdenken, ist nichts Neues. Nicht unmöglich scheint aber mittlerweile auch, dass das Gesamtklinikum in Vehlen am Ende anders aussehen wird, als es der ursprüngliche Architektenentwurf einmal vorsah. Wie von Follenius verlauten ließ, sei es gut möglich, dass „Änderungen an der Kubatur“ des Klinikumbaus vorgenommen werden. Von den Architekten geplant waren drei miteinander verbundene, quadratische Gebäude. Wie diese Änderungen womöglich konkret aussehen könnten, sagte von Follenius nicht. Grundsätzlich aber seien Änderungen an der Architektur des Gesamtklinikums nicht einfach so zu machen: Sie müssten mit den Geldgebern des Landes Niedersachsen abgesprochen werden und sich eng an den Grundlagen der Zusage für die 95-Millionen-Euro-Förderung orientieren. Ergebnisse aus den Gesprächen zwischen Land und Klinikbetreibern sind bislang nicht bekannt geworden.

Organisatorisch abschauen könnten sich die Schaumburger Planer indes das Raumkonzept aus der Hamburger Klinik. Von Follenius gilt als Verfechter der Optimierung von Arbeitsabläufen (wir berichteten). Das Diakonieklinikum in Hamburg wirbt für sich mit kurzen Wegen, etwa zwischen Ambulanzen und Aufnahme der Patienten. Durch moderne IT-Technik und aufeinander abgestimmte Terminkoordination sollen Patienten möglichst schnell behandelt werden, kaum Wartezeiten entstehen.

Auch ein Kommunikationssystem, das auf den ersten Blick etwas antiquiert daherkommt, wurde in Hamburg reaktiviert: die Rohrpost. Auf zwei Kilometern Länge ziehen sich Rohre durch das Gebäude, in denen Laborproben, Post und Medikamente von Station zu Station geschossen werden. Auch dadurch sollen Arbeitsabläufe optimiert werden. Ansätze, die möglicherweise auch in Schaumburg zum Tragen kommen werden.

Medizinisch setzt die Großstadtklinik auf Spezialisierung und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Fünf große Kompetenzzentren mit speziellen Behandlungsfeldern sind im Hamburger Neubau angesiedelt worden. Die Spezialisierung in den Fachbereichen sorgt auch dafür, dass teure Leistungen nicht ausgegliedert werden müssen, sondern im Haus verbleiben und für gutes Einnahmenplus sorgen. Diagnostik und Therapie sollen durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Fachärzte verbessert werden. Darüber hinaus wird aktuell an der Verzahnung von stationärer Behandlung im Krankenhaus und Behandlung in Praxen niedergelassener Ärzte gearbeitet.

Der Sparbier-Sportplatz, auf dem früher Kinder und Jugendliche aus der Nachbarschaft ungehindert bolzen konnten, ist heute einer begrenzten Klientel zugänglich. Der einst öffentlich zugängliche Platz ist nur noch den Mitgliedern des Eimsbütteler Turnvereins vorbehalten. Genau das hat seit Beginn der Planungen Proteste insbesondere bei Bürgerinitiativen hervorgerufen. Bürger klagten ihrerseits gegen die Baugenehmigung, die Klinikbetreiber der Agaplesion AG erwirkten im Gegenzug Unterlassungsklagen. Über ein Jahr nach Inbetriebnahme des Hamburger Klinikums ist die Kritik immer noch nicht verstummt.

Seit März 2012 wird das alte Elim-Krankenhaus an der Hohen Weide abgerissen. Das 80 Jahre alte Gebäude befindet sich direkt neben dem Neubau des Klinikums auf dem Sparbier-Sportplatz; in Zukunft soll dort ein moderner „Praxenpark“ mit etlichen niedergelassenen Ärzten eingerichtet werden. Die nämlich sichern die Zuweisungen für das Klinikum und zahlen auch noch Mieten. Heikel: Erst ziemlich spät stellte sich in Hamburg heraus, dass auch das neue Klinikum auf dem alten Gelände des Elim-Krankenhauses hätte ausreichend Platz finden können; nicht zwingend sei der Bau auf dem Sportplatz gewesen, so die Kritiker. Die Klinikbetreiber argumentierten, dass das lukrative Ärztehaus jedoch immer Teil der Planungen gewesen sei. Der „Praxenpark“ – wirtschaftlich offenbar notwendig.

Für Schaumburg gilt ebenfalls, dass es nicht ohne Ärztehäuser oder Medizinische Versorgungszentren gehen wird. So erklärte von Follenius, dass durch diese Strukturen die Grundlage auch für das Vehlener Gesamtklinikum vergrößert werden solle.

Bis Ende Juni sollen die Fusionsgespräche zwischen ProDiako und Agaplesion einen Abschluss gefunden haben. Ob der Verein „Landschaftsschutz Schaumburg“, der sich gegen den Bau des Klinikums in der Gemarkung Vehlen ausspricht, wie die Initiative in Hamburg Klage gegen die Baugenehmigung des Gesamtklinikums einreichen wird, ist noch nicht klar. Aber unter Hochdruck arbeitet man unterdessen in der Stadthäger Kreisverwaltung daran, die Baugenehmigung juristisch wasserdicht zu machen. Bis Ende Juli soll das geschehen sein, und dann sollen noch in diesem Jahr in Vehlen die ersten Bagger anrollen.

Erfahrungen aus dem 2011 eröffneten Agaplesion-Diakonieklinikum in Hamburg fließen in die Schaumburger Klinikumsplanungen mit ein. Auch in der Hansestadt lief es nicht reibungslos; die Art des Neubaus und Organisationsabläufe aber könne man sich abschauen. Möglich ist, dass das Klinikum in Vehlen am Ende anders aussehen wird, als ursprünglich geplant.

Altes Krankenhaus weicht modernem „Praxenpark“



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