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Auf den Spuren der „Flugwachen“ im Weserbergland

Geheime Beobachter

Mit Recherchen für die Dorfchronik Frenke fing es an. Bei der Aufarbeitung von Geschehnissen in der Kriegs- und Nachkriegszeit berichteten ältere Einwohner von der „Flugwache“. Plötzlich tauchten auch Fotos auf: Sie zeigten einige schon in die Jahre gekommene Luftwaffensoldaten vor einer kleinen Holzbaracke – der „Flugwache“. Weitere Nachforschungen ergeben: Die erste Flugwache stand auf dem Ilseberg unweit Latferdes.

veröffentlicht am 18.08.2018 um 11:36 Uhr

Die historische Aufnahme zeigt die Wachmannschaft in Hemeringen. Foto: Hölscher/PR

Autor:

Cord Hölscher
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Aufgrund der leichten Bauweise sind Spuren davon heute nicht mehr zu finden. Aber irgendwann zog die Flugwache um auf den ebenso baumlosen, aber etwas höheren „Kleinen Berg“, der zwischen den Dörfern Frenke, Börry und Brockensen zu finden ist. Hier betrieb die deutsche Luftwaffe von nun an eine „Flugbeobachtungswarte“.

Während die bei Kriegsbeginn auf dem Ilseberg errichtete Station – sie bestand aus einer kleinen Holzbaracke und einem daneben befindlichen kleinen hölzernen Beobachtungsstand – noch eher provisorischen Charakter hatte, wurde die nachfolgende Station auf dem Kleinen Berg wesentlich dauerhafter errichtet. Sie war viel massiver. Vermessungen an den Fundamentresten für Turm und Holzbaracke im Jahre 1998 wiesen auf folgende Maße hin: Länge unklar, wohl 8,70 bis 11,20 Meter, die Breite betrug 2,90 Meter.

Die Holzbaracke soll drei kleine Räume enthalten haben (einen Dienst-, Aufenthalts- und Schlafraum) und wurde von einem über dem Eingangsbereich befindlichen, über eine Leiter zu erreichenden Holzturm überragt. Neben den erwähnten älteren Männern, meist Weltkriegsteilnehmern der umliegenden Dörfer, die dort als Luftwaffenangehörige Dienst taten, wurden mit zunehmendem Kriegsverlauf Luftwaffenhelferinnen verpflichtet und dort eingesetzt. Es waren die Einflüge feindlicher Maschinen zu erfassen und zu melden. Aus Frenke haben etwa der Landwirt Ludwig Ricke und der Dachdeckermeister Wilhelm Mönkemeier neben ihrer Arbeit zeitweise dort Dienst getan.

Die erste Flugwache stand auf dem Ilseberg in der Nähe Latferdes. Foto: Hölscher/pr
  • Die erste Flugwache stand auf dem Ilseberg in der Nähe Latferdes. Foto: Hölscher/pr
Ihre Aufgabe: Feindeinflüge beobachten und weitermelden. Foto: Hölscher/pr
  • Ihre Aufgabe: Feindeinflüge beobachten und weitermelden. Foto: Hölscher/pr
Das Bild zeigt die Fundamentreste der Flugüberwachung am Kleinen Berg im Jahre 1998. Foto: Hölscher/pr
  • Das Bild zeigt die Fundamentreste der Flugüberwachung am Kleinen Berg im Jahre 1998. Foto: Hölscher/pr

Zeitgenössische Bilder scheinen von der Station auf dem Kleinen Berg nicht überliefert. Anhand der Betonfundamente, die beim Aufmaß 1998 teils schon sehr eingewachsen waren, kann man sich auch nur noch ein unvollständiges Bild machen. Und eine Prüfung wenige Jahre später ergab, dass die verbliebenen Fundamentreste mittlerweile zerstört oder zugeschüttet worden sind.

Hunderte von Flug-wachen waren damals über das ganze damalige Reichsgebiet verteilt

Was hat es mit der „Flugbeobachtung“, deren Grundzüge schon auf die Reichswehr und das Jahr 1932 zurückgehen, nun auf sich gehabt? Die Quellenlage ist dürftig. Aus einer kurz nach dem Krieg verfassten Denkschrift des Generals der Flieger, Wolff, ist zu erfahren, dass die Flugwachen über vier Meter hohe Türme verfügten und das der Beobachtungsstand verglast und damit rundum geschlossen war. Der Ausstieg nach oben war möglich. Über das Reichsgebiet verteilt gab es schachbrettförmig angelegt Hunderte solcher Flugwachen.

Die nächste Flugwache – das zeigen entsprechende Bilder – hatte ihren Sitz in Hemeringen; etwa 20 bis 25 Kilometer entfernt. Betrieben wurde das System des Flugmeldedienstes im norddeutschen Raum durch das Luftgau-Nachrichten-Regiment 11. Dessen II. Abteilung war zunächst in Hannover stationiert, später in Bremen und bestand aus den Flugmelde-Reserve-Kompanien 9 (Bremen) und 10 (Hannover-Braunschweig). In Hannover und Braunschweig betrieb die Reserve-Kompanie 10 je ein Flugwachkommando, (Fluko). Dort liefen die Meldungen der vielen angegliederten Flugwachen ein. In unserem Fall gehörten in dieser Region Hannover-Braunschweig 60 Flugwachen (FluWa) dazu.

Jede Flugwache hatte in den ersten Kriegsjahren elf Soldaten. Ein Flugwachzug mit zehn Wachen und zugehörigem Verwaltungspersonal bestand demnach aus rund 120 Mann. Bei den beiden Fluko-Zügen in Hannover und Braunschweig dienten je 40 Soldaten. Die Ausbildung des FluWa-Personals erfolgte im Flugzeugerkennungsdienst (etwa anhand von Wiking-Modellen im Maßstab 1:50) und in der Vermittlung von Grundkenntnissen im Fernsprechbau und -betrieb).

Die von den Flugwachen eingehenden Meldungen wurden in den Flugwachkommandos gesammelt, gesichtet, zusammengestellt und weitergemeldet. Nutznießer der Meldungen waren die Gefechtsstände der Jäger und der Flak, die Fliegerhorste, der Luftschutz- und Eisenbahnwarndienst, die Nachbar-FluKos und die Kleine Luftmelde-Sammelstelle beim eigenen Luftgau.

Das bisherige Verfahren erwies sich mit zunehmenden Feindeinflügen als zu schwerfällig und langsam. Die Meldung wurde im Laufe des Verfahrens allein dreimal schriftlich aufgenommen. Daher wurde nun auf das mündliche „Reportageverfahren“ umgestellt. Die Beobachter in den FluWas erhielten Kopfhörer und Sprechgarnitur und wurden direkt mit den Zeichnern an der Übersichtskarte im Fluko verbunden. Da immer nur höchstens 15 bis 20 FluWas an ein Fluko angeschlossen werden konnten, wurden die alten Fluko-Räume unterteilt. So entstanden die „Klein-Flukos“ (die alten Flukos wurden „Haupt-Flukos“).

Mannigfache weitere organisatorische Regelungen wurden getroffen. Soldaten wurden verstärkt herausgezogen und durch Helferinnen ersetzt. Etwa zwei Drittel der waren lediglich mit nur zwei Helferinnen und sechs Soldaten besetzt. Am 28. August 1943 wurde die Umstellung offiziell vollzogen. Das neue System war erfolgreich. Von der Auffassung bis zur Meldung an den Nutznießer verging weniger als eine Minute. Die Umstellung erfolgte zunächst bevorzugt in den wegen ihrer Lage besonders betroffenen Luftgauen VI (Münster) und XI (Hannover). Nach dem Krieg wurden die Flugwache schon bald zerstört und die Bretter und andere Materialien für andere Bauvorhaben genutzt.



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