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Die Gebärden für Dativ und Akkusativ müssen wir selbst erfinden

Gebärdensprache ist keineswegs international

Gebärdensprachen sind gewachsene Sprachen, die sich in den verschiedenen Ländern unterschiedlich entwickelt haben. Das bedeutet, dass jedes Land eine eigene nationale Gebärdensprache hat. Weltweit gibt es etwa 200 Gebärdensprachen, und die sind teilweise sehr verschieden.

veröffentlicht am 23.01.2018 um 10:39 Uhr

Die deutsche Mimik, die in der Gebärdensprache dazugehört, die den Handbewegungen erst Sinn und Zusammenhang verleiht, wo die Handbewegung allein missverständlich ist.

Autor:

Alex Lehn

Natalia hält es kaum auf dem Stuhl. Energisch streckt sie den Arm aus, wedelt mit der Hand, um die Aufmerksamkeit ihres Mitschülers an der Tafel zu bekommen. „Die!“, lautiert sie. „Die, die, die!“ wieder und wieder buchstabiert sie mit den Fingern den korrekten Artikel vor. Merke: Vorsagen und Reinrufen geht auch mit Gebärden. Lehrer Heinrich Töws lächelt nachsichtig und tritt dann vor sie, um mit seinem breiten Kreuz die Sichtachse zu blockieren. Farhad, der junge Iraker an der Tafel, soll erst einmal selber nachdenken.

Natalia, die temperamentvolle junge Frau aus Moldawien ist eine von zehn Teilnehmern in einem speziellen Integrationskurs für Gehörlose bei der Diakonie Stiftung Salem in Minden. Natürlich ist Natalia kein Flüchtling: Zusammen mit ihrem Mann Andrian ist sie auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland gekommen – wie so viele aus dem von Armut und Arbeitslosigkeit geplagten osteuropäischen Land. Aber die Ankunft der Flüchtlinge hat auch hier die Zusammensetzung des Kurses verändert: „Es ist der mit Abstand vom Altersdurchschnitt her jüngste und auch fitteste Kurs“, sagt Ralf Isermann von der Gehörlosenberatung.

Seit 20 Jahren gibt es diese Sprach- und Integrationskurse bei der Diakonie. Nun treffen hier Saleh, Omar und Yousef aus Syrien, Ali aus dem Iran und Farhad aus dem Irak auf Damian aus Polen, Anna aus Russland und Veerakun aus Thailand. Der älteste Teilnehmer ist 45, der jüngste 21 Jahre alt, Frauen sind in der Minderheit. Theoretisch müsste das eine Menge sozialen Sprengstoff bieten.

Die Gebärdensprache kennt auch keine Artikel. Hier müssen die Teilnehmer trotzdem lernen, dass es zwar „die Uhr“, aber „unter der Uhr“ heißt.
  • Die Gebärdensprache kennt auch keine Artikel. Hier müssen die Teilnehmer trotzdem lernen, dass es zwar „die Uhr“, aber „unter der Uhr“ heißt.

Aber die Ankunft der Flüchtlinge hat auch hier die Zusammensetzung des Kurses verändert."

Ralf Isermann, Gehörlosenberatung

Tut es aber nicht, sagt Isermann. Die meisten blühen erst einmal auf, wenn sie hier sind. Endlich Menschen, mit denen sie sich verständigen können. Und dann ist erst einmal ziemlich egal, wo die herkommen und welcher ethnischen Gruppe sie angehören.

Auf der Flucht und in den Unterkünften sind die Gehörlosen häufig doppelt isoliert. Bei der Verteilung in die Einrichtungen wird auf ihr Handicap keine Rücksicht genommen, wie auch der Deutsche Gehörlosen Bund kritisiert. Wer Pech hat, landet irgendwo, wo es kaum Unterstützungsstrukturen gibt. Und dann beginnt das große Warten: Auf irgendjemanden, der in der Lage ist ihnen zu sagen, wie es weitergeht. Auf einen Anhörungstermin, der mangels geeigneter Dolmetscher immer wieder aufgeschoben wird. Auf diesen oder jenen Bescheid, den sie nicht verstehen. Auf den Beginn des Integrationskurses. Auf den Nachzug von Angehörigen. Immer ist alles noch ein Stück komplizierter und langwieriger als ohnehin schon.

Und auch das mit dem Verständigen ist eben so eine Sache: Die Gebärdensprache ist nämlich keineswegs international. Sie hat sich regional ganz unterschiedlich entwickelt. Experten sprechen von 130 bis 200 Gebärdensprachen weltweit – je nachdem, welche Dialekte man als eigenständige Sprache mitzählt und welche nicht.

„Am ehesten klappt das noch, wenn es um konkrete Handlungen geht, die mit der Gebärde nachgeahmt werden“, sagt Ralf Isermann. Trinken zum Beispiel wird durch eine Geste ausgedrückt, die das Führen einer Tasse, einer Flasche oder eines Bechers zum Mund nachahmt, bei Asiaten eher einer Schale – das versteht man. Schwierig werde es bei abstrakten Konzepten: Wochentagen, zum Beispiel. Von komplexen Behördenangelegenheiten einmal ganz zu schweigen.

Im Kurs müssen die Teilnehmer vier Dinge auf einmal lernen: Die deutsche Schriftsprache mit ihrer komplizierten Grammatik. Die deutschen Laute, um dann lautlos mit den Lippen Worte zu formen. Die deutschen Gebärden, die anders sind als die, die sie in der Heimat gelernt haben. Und die deutsche Mimik, die in der Gebärdensprache dazugehört, den Handbewegungen erst Sinn und Zusammenhang verleiht, wo die Handbewegung allein missverständlich oder mehrdeutig ist.

Bei der Diakonie unterrichten sie deshalb im Tandem: Heinrich Töws ist Lehrer für Deutsch als Fremdsprache und hat als solcher auch eine entsprechende Anerkennung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Irina Pleis ist selbst gehörlos und gibt sonst Gebärdensprachkurse an der Volkshochschule. Wenn sie die Aufmerksamkeit ihrer Schüler will, lässt sie die Absätze auf den Boden klacken wie eine Flamenco-Tänzerin. Der bedächtigere Töws klopft auf den Tisch. Die Erschütterungen sind auch für die Teilnehmer spürbar, die über gar kein Hörvermögen mehr verfügen.

130 bis 200 Gebärdensprachen weltweit – je nachdem, welche Dialekte man als eigenständige Sprache mitzählt

Die beiden Lehrer sind ein echter Glücksgriff, sagt Isermann. Töws, weil er sich so bereitwillig auf diese völlig neue Unterrichtssituation eingelassen hat, zur Vorbereitung sogar selbst einen Gebärdensprachkurs belegte. Und Pleis, weil sie sich nicht nur als Dolmetscherin versteht, sondern als Co-Lehrerin, die Töws auch klar signalisieren kann, wenn sie denn Eindruck hat, die Teilnehmer haben etwas noch nicht verstanden. Die Integrationskurse für Gehörlose orientieren sich zwar an den „normalen“ Integrationskursen und benutzen die gleichen Materialien, beim Sprachniveau werden aufgrund der komplexen Lernsituation aber in der Regel Abstriche gemacht. Töws besteht trotzdem darauf, die vorgesehenen Grammatiklektionen durchzupauken – auch wenn das bedeutet, dass er die Gebärden für Dativ und Akkusativ selbst erfinden muss.

Die Gebärdensprache kennt auch keine Artikel. Hier müssen die Teilnehmer trotzdem lernen, dass es zwar „die Uhr“, aber „unter der Uhr“ heißt. Sich einfach nur verständigen zu können, ist nicht genug, findet Töws. Er will, dass seine Schützlinge in den Abschlussprüfungen gut abschneiden.

Die beiden Lehrkräfte sind allerdings ein Glücksgriff, nach dem Isermann lange suchen musste: Es gibt nicht viele Lehrer, die sich so einen Kurs zutrauen, die meisten sind zudem ausgebucht, der Markt ist völlig leer gefegt. Weil es meist zwei bis drei Jahre dauert, bis ein neuer Kurs zustande kommt, hat die Diakonie hier oft das Nachsehen. Dafür kommen die Teilnehmer dann aber auch aus Ostfriesland, Wedemark, Osnabrück und Paderborn angereist.

Aus Erfahrung weiß Isermann allerdings auch: Irgendwann zeigen sich die ersten Risse in der Euphorie der ersten Wochen. Manchmal reicht ein Gewitter, ein Feuerwerk, schlechte Nachrichten aus der Heimat, um einen Teilnehmer mit traumatischen Erinnerungen tagelang außer Gefecht zu setzen. Irgendwann reicht das Vokabular auch, um vom Grauen des Krieges und der Flucht zu erzählen. Aus manchen brechen diese Erzählungen geradezu heraus, andere schweigen länger.

Manchmal verlaufen sie sich auch auf anderen Wegen. Dann muss Isermann mal wieder einem Kursteilnehmer, der ihm freudestrahlend erzählt, er käme nicht mehr, weil er jetzt Arbeit hat, behutsam klar machen, dass Schwarzarbeit weit unterhalb des Mindestlohns nicht unbedingt eine gute Sache ist. Und das er bitteschön doch lieber in den Kurs zurückkehren solle.

Und der erfahrene Berater weiß, dass es nicht die letzte Enttäuschung dieser Art sein wird. „Natürlich versuchen wir, die Teilnehmer auch über den Kurs hinaus zu betreuen und zu vermitteln“, sagt er. Aber der Weg ist lang. „Ich habe keine genauen Zahlen, aber ich schätze, dass gut zwei Drittel der Gehörlosen immer mal wieder oder dauerhaft auf Sozialleistungen angewiesen sind.“ Und das betrifft schon die, die hier aufgewachsen und zur Schule gegangen sind. „Natürlich gibt es auch immer wieder schwarze Schafe unter den Betrieben, die Eingliederungsleistungen abstauben, damit billige Arbeitskräfte gewinnen und die Leute dann auf die Straße setzen, wenn der Zuschuss der Arbeitsagentur ausläuft.“

Auf der anderen Seite bekommt er, je länger der Kurs dauert, mit, wie viel diese Menschen auf sich genommen haben, um überhaupt soweit zu kommen: die Überfahrt übers Mittelmeer, die Fußmärsche durch halb Europa, manche verloren unterwegs ihre Mitreisenden, mussten sich allein durchschlagen.

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