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Ganz gleich, ob homo oder nicht?

Im August vor zehn Jahren wurde in den Niederlanden die erste gleichgeschlechtliche Ehe geschlossen. Vor zehn Jahren wurde auch in der Bundesrepublik die sogenannte „Homo-Ehe“ legal. Distanz zum Thema ist aber immer noch häufig zu spüren – manche Standesämter weigern sich gar, homosexuelle Paare zu trauen.

veröffentlicht am 31.08.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.01.2019 um 09:04 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Homo-Ehe“, so nennen viele die „eingetragene Lebenspartnerschaft“ gleichgeschlechtlicher Paare. In dieser umgangssprachlichen Bezeichnung drückt sich immer noch etwas von der Distanz aus, mit der vor zehn Jahren das entsprechende Gesetz der damals rot-grünen Bundesregierung in großen Teilen der Bevölkerung aufgenommen wurde.

„Das ist doch keine richtige Ehe“, so hieß es – und die Kritiker hatten insofern recht, als dass die Lebenspartnerschaft den Paaren in entscheidenden Punkten immer noch weniger Rechte einräumt, als es in einer „normalen“ Ehe der Fall ist.

Das kümmerte aber Ute Ax und Karin Meyer-Ax aus Sachsenhagen wenig, die sich als erstes Paar im Landkreis Schaumburg noch am selben Tag, an dem das neue Gesetz in Kraft trat, vor dem Standesamt das Ja-Wort gaben. Und auch Sunny und Anna Kunze, die in Rinteln das Bistro „Cho’s“ führen und als erste Rintelner im Jahr 2003 ein großes Hochzeitsfest feierten, hatten weniger den rechtlichen Rahmen ihrer Ehe im Auge, als vielmehr das Bedürfnis, sich selbst, den Freunden und der Familie zu zeigen, wie ernst sie es miteinander meinen. „Ich hätte Sunny auch geheiratet, wenn sie ein Mann gewesen wäre“, sagt Anna. Und Sunny: „Wenn alles so passt und man spürt, dass man den Menschen fürs Leben gefunden hat, dann ist es gut, aufs Ganze zu gehen.“

Wer nun vermutet hatte, in ganz Deutschland und auch im Landkreis Schaumburg würde ein Run auf die Standesämter beginnen, der lag falsch. Auf den ersten Blick sehen die Zahlen zwar recht eindrucksvoll aus. Von etwa 63 000 gleichgeschlechtlichen Paaren entschied sich bis zum Jahr 2010 etwa ein Drittel dafür, ihre Lebenspartnerschaft auf dem Standesamt eintragen zu lassen.

Tatsächlich aber gibt es ungleich mehr „inoffizielle“ homosexuelle Partnerschaften, als die vom Mikrozensus erfassten. Die Auskünfte sind freiwillig und viele Lesben und Schwulen geben darin ihre sexuelle Orientierung gar nicht an.

Im gesamten Landkreis Schaumburg haben sich bisher nur etwa 50 Paare auf den Standesämtern „verpartnert“ und oft ist die letzte solcher „Hochzeiten“ schon einige Jahre her. In Stadthagen gibt es aktuell zehn eingetragene Lebenspartnerschaften, in Bad Nenndorf neun, in Bückeburg sind es ebenfalls neun, in Rinteln und Hessisch Oldendorf zum Beispiel aber nur drei.

„Man kann die Leute ja schließlich nicht zwingen“, meint ein Standesbeamte. Genau betrachtet gab es bis zu der letzten Gesetzesänderung im Jahr 2010 auch nur wenige zweckrationale Gründe, eine „Homo-Ehe“ einzugehen.

Was nämlich auf der einen Seite eine Gleichstellung von Homosexuellen und Heterosexuellen zu sein schien, erwies sich auf der anderen Seite als ausdrückliche Benachteiligung. Wer sich mit seinem Lebensgefährten „verpartnerte“, übernahm damit den vollen Pflichtenkatalog zwischen Ehegatten, an erster Stelle die finanzielle Verantwortung für den weniger oder gar nicht verdienenden Partner. Die steuerlichen und versicherungsrechtlichen Vorteile aus so einer Verantwortungsgemeinschaft aber standen den Paaren bis vor Kurzem nicht zu, und ob sich durchsetzen lässt, dass das Ehegattensplitting auch für die eingetragene Lebenspartnerschaft umgesetzt wird, ist immer noch fraglich, obwohl im Mai 2011 der Europäische Gerichtshof in einem Grundsatzurteil entschied, dass die Benachteiligung von eingetragenen Lebenspartnern in Deutschland nicht mit EU-Recht im Einklang steht.

„Ja, wirklich, ist das alles so?“ fragt Sunny Kunze und lacht dabei. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, um so etwas habe ich mich nie gekümmert.“

Diese Sorglosigkeit liegt sicher auch daran, dass es für Homosexuelle kaum Anlaufstellen im Landkreis gibt: keine Lesben- oder Schwulenkneipe, keine speziellen Beratungsstellen, keinen Interessenvertretungsverband. Wer Kontakt zur Szene sucht, diskutieren, fordern und sich beraten lassen will, der fährt nach Hannover. „Und dafür haben wir überhaupt keine Zeit“, sagt Anna Kunze.

Was die beiden immer noch beeindruckt, ist die Erinnerung an den Termin auf dem Standesamt und die „coole“ Ansprache von Standesbeamtin Stefanie Ruboks. „Wir hatten schon ganz konkret davon gehört, dass manche Beamte sich weigerten, homosexuelle Paare zu trauen“, erzählt Sunny Kunze. „Bei uns aber ging es sehr locker zu, es war eine fröhliche, entspannte Stimmung. Wenn wir uns in der Stadt treffen, dann grüßen wir uns immer noch.“

Im Grunde hätten sie eine echte, romantische Hochzeit gehabt, ohne an irgendwelche wirtschaftlichen Vorteile zu denken, sondern einfach nur so, aus Liebe.

Redakteur Felix Hau (40) und Goldschmied Christoph Braun, die ebenfalls in Rinteln leben und schon seit ihrer Jugend ein Paar sind, für sie kam die „Homo-Ehe“ nicht in Frage. „Wir hatten nie die Absicht zu ,heiraten‘, weil wir beide der Ansicht sind, dass eine Partnerschaft kein Versprechen für die Ewigkeit sein kann oder auch nur soll“, so Felix Hau, der für einen anthropologischen Verlag arbeitet. „Außerdem genügt es uns, dass wir in einer Partnerschaft ,leben‘; wir müssen nicht auch noch ‚öffentlich erklären‘, dass wir’s tun.“

Gefragt, ob damals im Freundes- und Bekanntenkreis viel diskutiert wurde, als die gesetzlichen Möglichkeiten für die eingetragene Partnerschaft geschaffen wurden, ob es Freude, Erleichterung oder auch Empörung gab, schüttelt er den Kopf. „Ich kann mich an keine großartigen Gespräche erinnern“, meint er. „Wir alle haben das gar nicht weiter ernst genommen. Was mich betrifft, ich habe mein Seelenheil noch nie von den berühmten ‚äußeren Umständen‘ abhängig gemacht. Wir hatten nicht wirklich erwartet, dass der Staat unser Leben irgendwie angenehmer machen will.“

Trotzdem ziehen die beiden eine Ehe inzwischen doch zumindest in Erwägung. „Der Grund dafür ist ein rein pragmatischer, der sich auf rechtliche Dinge bezieht“, erklärt Felix Hau. „Da ist ja vom Gesetzgeber erst in diesem Jahr ernstlich an einer Beseitigung der Ungleichbehandlung gearbeitet worden. Bis dato war es so, dass man sich zwar einige der Pflichten von Ehegatten aufgehalst hat, im Gegenzug jedoch kaum irgendwelche ihrer Rechte in Anspruch nehmen konnte. Das ist seit Angleichung der Verhältnisse im Erbschaftsrecht oder bei der Krankenversicherung anders.“

Anna und Sunny Kunze feiern jedes Jahr am 29. August ihren Hochzeitstag. In diesem zehnten Jahr der „Homo-Ehe“ hatten sie besonderes Glück. Der 29. war ein Montag, da hat das „Cho’s“, in dem sie beide so viel zu tun haben, sowieso immer seinen Ruhetag.

Das Lebenspartnerschaftsgesetz in Deutschland

Am 1. August 2001, trat das Lebenspartnerschaftsgesetz in Kraft. Gleichgeschlechtliche Partner können seitdem eine der Ehe ähnliche Gemeinschaft in der Regel vor dem Standesamt schließen. Ihnen stehen damit Rechte von Ehepartnern zu, etwa bei Erbangelegenheiten. Ebenso übernehmen sie Pflichten, beispielsweise in puncto Unterhaltszahlungen. „Sie tragen füreinander Verantwortung“, steht im Gesetzestext. Das erste gleichgeschlechtliche Paar, das 2001 den Bund fürs Leben einging, heiratete in Hannover.

Nach den aus dem Mikrozensus resultierenden Daten des Statistischen Bundesamtes waren 2009 bundesweit rund 19 000 gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften eingetragen, davon 12 000 zwischen Männern und 7000 zwischen Frauen. Die Gesamtzahl homosexueller Beziehungen wurde für das Jahr mit etwa 63 000 angegeben. 5000 Partnerschaften waren zu diesem Zeitpunkt bereits wieder geschieden.

Schwulen- und Lesbenverbände kämpfen bis heute um Rechte, die Homosexuellen gegenüber heterosexuellen Ehen verwehrt bleiben. Vor allem fordern sie ein gleichberechtigtes Adoptionsrecht. In anderen Punkten, etwa der Gleichstellung bei der Krankenversicherung, der betrieblichen Hinterbliebenenrente oder bei Bezügen für die Partner von Beamten, erfuhr das Lebenspartnerschaftsgesetz in den zehn Jahren seines Bestehens einige Reformen, die meist durch gerichtliche Entscheidungen vorangetrieben wurden.

So befasste sich das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig in den vergangenen zehn Jahren acht Mal mit der Gleichstellung von konventioneller und sogenannter Homo-Ehe. Die Richter entschieden beispielsweise, dass auch Beamte in eingetragenen Lebenspartnerschaften Ehegattenzuschlag erhalten. Dem Anspruch auf Familienzuschlag erteilten sie hingegen eine Absage. epd



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