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… waren nicht nur die Schnecken im renaturierten Steinbruch in Liekwegen, sondern auch die Kinder, die dort Flora und Fauna erforscht haben. Spannendes Getier zwischen Steinen und Pflanzen und in mehreren Tümpeln, da gab es vieles zu entdecken.

Ganz aus dem Häuschen

Denkt Ihr auch alle ans Trinken?“ In der großen Sommerhitze ist der Flüssigkeitsnachschub besonders wichtig. Aber der Griff zur Wasserflasche kann bei den interessanten und spannenden Entdeckungen im ehemaligen Steinbruch schnell mal vergessen werden. Flora und Fauna des 22 Hektar großen Geländes haben 15 Kinder des Kindergartens Obernkirchen an einem Sommermorgen erforscht, gemeinsam mit ihren Betreuerinnen und mit Heiko Schuiling.

veröffentlicht am 10.08.2015 um 00:00 Uhr

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Autor:

Vera Skamira

Der diplomierte Sozialpädagoge, unter anderem auf Natur- und Erlebnispädagogik spezialisiert, hat die Fünf- bis Sechsjährigen ein Jahr lang an 16 Vormittagen im Projekt „Forscher der Natur“, angeboten von der Hildesheimer Sozialagentur „Cluster“, begleitet. Der Tag im Steinbruch bildete den Abschluss eines interessanten Jahres. Eine feste Kindergartengruppe – die künftigen Schulanfänger – ist in den Genuss der Waldwochen gekommen und waren bei fast jeden Wetter zu jeder Jahreszeit in der Natur unterwegs. „Von minus 10 bis plus 30 Grad haben wir alle Temperaturbedingungen erlebt“, berichtet Kindergartenleiterin Maren Witte.

Der Vormittag im Steinbruch ist schwül und warm. Fast windstill liegt das frühere Abbruchgelände in der Sonne. Den bewegungsfreudigen kleinen Naturforschern macht die Hitze jedoch nichts aus; die Ermahnung zum Trinken ist angebracht.

Um einen tischhohen Sandsteinblock – 140 Millionen Jahre alt und für das Areal gestiftet von den Obernkirchener Sandsteinbrüchen – beobachten Lena, Kimberley und Mia gespannt ein Dutzend Schnecken mit spiralförmig gestreiften Häuschen. Freiwillig haben sich die Kriechtiere nicht auf den Stein begeben. Regen am frühen Morgen hatte die feuchtigkeitsliebenden Schnecken auf die Wege gelockt. Von dort haben die Kinder die Tiere eingesammelt und auf dem Stein zusammengetragen. Ein „Igitt“ ist dort nicht zu hören. Vielmehr werden die Schnecken durch die Lupe betrachtet. Die Kinder beobachten fasziniert, wie sich die Tiere fortbewegen. Das Blättern in einem Bestimmungsbuch zeigt, dass es sich um Gartenbänderschnecken handelt. Immer mehr Tiere tragen die Kinder herbei. Aber die Schnecken sind von ihrer exponierten Position auf dem Stein scheinbar nicht begeistert, kriechen weg, werden von Kinderhänden wieder in die Mitte gesetzt. „Aber vorsichtig!“, mahnt Schuiling, der den Kontakt zwischen Kinder und Natur stets im Blick hat. Nah und begreifbar soll der Kontakt sein – und behutsam. Verständnis für die Natur möchte der Pädagoge wecken. Denn, so Schuiling: „Nur was man liebt, wird man auch schützen.“

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Abgesperrt ist keine Region im Erforschungsareal. Im weitläufigen Gelände, begrenzt von Abbruchwänden und Wald, können sich die Kinder frei bewegen und machen regen Gebrauch davon. Die Stunden im Steinbruch haben für die Kinder einen „total freien Charakter“, erläutert Schuiling. Ein paar Regeln sind dabei einzuhalten. Jeder entfernt sich nur so weit von der Gruppe, wie er die anderen Kinder und Betreuer hören und sehen kann. Und: Mit einem Stock oder Ähnlichem in der Hand wird nicht gerannt und nicht geklettert. Schuiling freut sich: Die Obernkirchener Kinder seien „eine Gruppe, auf die man sich verlassen kann.“

Zum Klettern wird von den Jungen gern ein Hügel genutzt, von dem die Kinder mit Wonne auf dem Hosenboden herunterrutschen. Auch das ist erlaubt. Die Eltern sind instruiert worden, den Kindern möglichst alte Sachen anzuziehen. Für einen feinen Sonntagsbesuch bei der Oma ist Guilianos karierte Hose nun wahrhaftig nicht mehr zu gebrauchen. Der Stoff am Gesäß ist schwarz.

Auffällig ist, dass unter den Kindern kein Streit entsteht. Das Austoben einerseits, die spannende Umgebung, die frische Luft und die Sicherheit in der Gemeinschaft andererseits schaffen eine gelöste Stimmung. Die Betreuerinnen sind für technische Details wie Schuhschnürungen gefragt: „Maren, kannst Du mir die Schleife zubinden?“

Der fünfjährige Aziiz findet einen Tümpel im hinteren Steinbruchbereich am spannendsten. Das künstlich angelegte Wasserloch ist voller Leben. Kaulquappen wuseln durch das Wasser und Fadenmolche leben dort. Die interessantesten Bewohner sind jedoch Gelbbauchunken. Die vom Aussterben bedrohte Tierart ist der Grund dafür, dass die Obernkirchener Kinder und alle Naturfreunde den alten Steinbruch in seiner renaturierten Form erleben können.

Eine Gelbbauchunke hat Aziiz in einem Lupenglas aus dem Wasser gefischt und kann das Tier nun genau und in Ruhe betrachten, bevor er den Wasserbewohner wieder in sein Element entlässt. Für die Kinder ist es bald Zeit, wieder in die „Zivilisation“ zurückzukehren – mit vielen tollen Erfahrungen und Erinnerungen.

Hintergrund: Der Alte Steinbruch Liekwegen ist ein 22 Hektar großes Naturschutzgebiet der Stadt Obernkirchen und der Gemeinde Nienstädt. Geprägt ist das Gelände von einem Mosaik aus offenen Sohlflächen, flachen Kleingewässern und wassergefüllten Senken, Steilwänden, Geröll- und Abraumhalden und großen Steinblöcken. Daneben sind bewaldete Randbereiche in das Schutzgebiet einbezogen.

Der Steinbruch, der einen bedeutsamen Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten darstellt, sollte nach Ende des Abbaus 2003 rekultiviert werden. Dafür sollte er mit Erde verfüllt und aufgeforstet werden. Nachdem jedoch in dem Gebiet die Gelbbauchunke, eine vom Aussterben bedrohte Amphibienart, gefunden wurde, erwarb der Landkreis Schaumburg das Gelände mit Fördermitteln der Europäischen Union und stellte es unter Naturschutz.

Zum Erhalt des Lebensraums sind regelmäßige Pflegemaßnahmen notwendig, darunter gezielte Gehölzentnahmen, Abschiebung von Oberboden und Schaffung von Kleingewässern. Darüber hinaus werden rund zwölf Hektar des Geländes mit Pferden beweidet, darunter auch mit drei im Wisentgehege Springe gezüchteten Sorraias, einer ursprünglich aus Portugal stammenden Pferderasse.

Im Naturschutzgebiet kommen 60 Brutvogelarten, neun Amphibien- und Reptilienarten, mehrere Heuschreckenarten und weitere Insektenarten vor. Durch das Naturschutzgebiet verläuft seit Mai 2010 ein Naturerlebnispfad, der zu 50 Prozent mit Mitteln der Europäischen Union aus dem EFRE-Programm und zu 30 Prozent mit Mitteln des Landes Niedersachsen finanziert wurde.



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