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Für Proteste haben Hebammen keine Zeit

Geburtsbegleitung – das ist finanzieller Luxus für uns“, erklärt Andrea Seher (36), die sich vor vier Jahren in Rinteln mit ihrer Praxis „Bauchgefühl“ niedergelassen hat. „Seit die Kosten der Versicherung für selbstständige Hebammen so erheblich angestiegen sind – inzwischen auf fast 4000 Euro pro Jahr – haben viele von uns die Betreuung von Geburten abgegeben. Es lohnt sich einfach nicht, zumal damit ein großer Zeitaufwand verbunden ist.“

veröffentlicht am 17.10.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 16:02 Uhr

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Anders als freiberufliche Hebammen arbeiten die bei einem Krankenhaus angestellten Hebammen in festgelegten Schichten. Nach acht Stunden am Bett der Gebärenden werden sie abgelöst. Dauert eine Geburt 24 Stunden, dann haben die werdenden Mütter mit vier verschiedenen Hebammen zu tun. Die freiberuflichen Hebammen dagegen sind die gesamte Geburts-Zeit für ihre „Patientin“ zuständig. Zudem müssen sie zuvor immer in Rufbereitschaft stehen: Geburten verlaufen nur selten in einer Arbeitszeit zwischen 9 und 16 Uhr. Und ganz egal, wie lange es dauert, bis ein Kind das Licht der Welt erblickt, es ist immer dieselbe Pauschale, die die Hebamme erhält: 285 Euro für eine Krankenhausgeburt, 548 Euro für eine Geburt im eigenen Zuhause oder einem Geburtshaus.

„Mit persönlich macht es nicht so viel aus, dass ich bei der Geburt eines Kindes nicht dabei bin“, meint Andrea Seher. „Ich war viele Jahre lang in einem Krankenhaus angestellt und habe schon so viele Geburten miterlebt. Doch weiß ich, dass die meisten Mütter glücklich wären, könnte ich ihnen in auch in dieser Situation zur Seite stehen.“ Natürlich habe sie darüber nachgedacht, ob sie nicht auch eine Geburtsbegleitung anbieten solle. „Aber alles spricht für mich dagegen: Ich müsste viel zu viele Geburten übernehmen, um meine Kosten wieder zu erwirtschaften. Die Zeit habe ich gar nicht bei einer Wochenstundenzahl, die auch ohne Geburten meistens bei über 60 Stunden liegt.“

Natürlich müssen auch selbstständige Hebammen wie Andrea Seher in eine Haftpflichtversicherung einzahlen. Für die „außerklinische Tätigkeit ohne Geburtshilfe“ beläuft sich das auf knapp 400 Euro im Jahr. Dass dieser Beitrag so viel niedriger liegt als derjenige von Hebammen, die Geburtshilfe leisten, liegt paradoxerweise am Fortschritt der medizinischen Leistungen rund um das Gebären. „Vor 20 Jahren starben viel mehr Kinder, wenn ein Behandlungsfehler gemacht wurde. Heute werden sie gerettet und werden trotz vielleicht schwerer Behinderungen erwachsen. In solchen Fällen muss dann ein entsprechend hoher Schadensersatz gezahlt werden.“

Kirsten Dornbusch, lang erfahrene Hebamme aus Bückeburg, ist teilselbstständig. Mit einer halben Planstelle arbeitet sie im Kreiskrankenhaus Stadthagen auf der Geburtsstation, ansonsten bietet sie die üblichen Dienste einer freien Hebamme an: Kurse zu Geburtsvorbereitung, Hausbesuche, Beratungsgespräche, Hilfe bei der Betreuung des Säuglings. „Ich liebe die Geburtshilfe“, sagt sie. „Doch es sind immer fremde Frauen im Krankenhaus, niemals ’meine‘ Schwangeren, die ich betreue.“

Vier Wochen vor einer Geburt müsste sie rund um die Uhr abrufbar sein, eine Leistung, die für den Alltag extrem belastend ist, von den Krankenkassen aber nicht honoriert wird. Zudem: „Dauert eine Geburt sehr lange, 16, 18, 24 Stunden, bin ich die nächsten beiden Tage natürlich auch geschlaucht und nicht voll einsatzfähig.“ Mit einer Anstellung sei das Leben als Hebamme entspannter und auch finanziell lohnender, nur: „Es gibt ja kaum noch solche Anstellungen!“ Je mehr kleine Krankenhäuser geschlossen würden, desto schwieriger sei es für Hebammen, einen Krankenhausarbeitsplatz zu bekommen. „Die meisten von uns werden in die Selbstständigkeit gezwungen. Gerade für Anfängerinnen ist das aber gar nicht gut und stellt oft eine Überforderung dar.“

Um so überraschender, dass Ulrike Torneden (33) sogar freiwillig ihre Anstellung im Sana-Klinikum von Hameln aufgegeben hat. Sie arbeitet zusammen mit ihrer Kollegin Simone Kelch als Team in der Praxis „Zwergen-Power“, beide gehören zu den wenigen Hebammen, die es sich leisten, „ihre“ Frauen auch bei der Geburt zu begleiten. „Ja, das bedeutet 365 Tage im Jahr abrufbereit zu sein“, sagt sie. „Aber keine Sekunde bereue ich den Schritt in die Selbstständigkeit!“ Da die beiden Frauen einen Konsilvertrag mit dem Sana-Klinikum abschließen konnten, fallen die Geburtsbegleitungen in den Versicherungsbereich der Klinik.

„In dem Moment, wo wir das Haus betreten, sind wir abgesichert“, sagt sie. „Dadurch müssen wir auch nicht die hohe Private Haftpflichtversicherung zahlen.“ Die Nachfrage nach Hebammen, die nicht nur Vor- und Nachbereitung leisten, sondern auch als vertraute Menschen bei der Geburt dabei sind, sei sehr groß, die werdenden Mütter müssen sich dafür so früh wie möglich anmelden. „Wir können das überhaupt nur in Teamarbeit bewältigen. Früher, als meine Kollegin noch alleine arbeitete, war das eine so große Anstrengung - es ging gar nicht mehr.“ Teamarbeit, das bedeutet, einen gemeinsamen Leitfaden im Umgang mit den Schwangeren zu befolgen. „Wir kennen immer alle Frauen und geben ihnen Ratschläge, die sich nicht widersprechen. Manchmal liegen ja auch zwei Mütter gleichzeitig in den Wehen oder eine Geburt folgt der anderen. Dann können wir uns problemlos abwechseln und die Frauen haben trotzdem eine ihnen gut bekannte Hebamme zur Verfügung.“

Auch Ulrike Torneden bekommt nur die Pauschale für jede Geburt, unabhängig davon, wie lange sich diese hinzieht. Geregelte Arbeitszeiten gibt es für sie nicht. „Selbstständig zu sein ist aber ein ganz anderes Arbeiten als die feste Anstellung in einer Klinik. Bei uns folgt nicht eine Geburt auf die nächste mit Frauen, die wir später nie mehr wiedersehen. Es ist alles sehr viel persönlicher. Man weiß, wie die Frauen ’ticken‘, wie man ihnen am besten helfen kann. Und man freut sich selbst so auf das Kind, das kommen wird.“

Doch ist es nicht leicht, passende Kolleginnen für so ein Team zu finden, auch bieten nur wenige Kliniken Konsilverträge an. Viel häufiger ist es so, dass Hebammen mit Belegbetten die hohe Privathaftpflicht zahlen müssen. Zusammen mit den insgesamt niedrigen Verdienstmöglichkeiten führt das dazu, dass werdende Mütter kaum noch die Wahl haben, wie und wo sie ihre Geburten erleben wollen. Das Geburtsgeschehen mit einer unbekannten Hebamme durchzustehen, die obendrein oft mit mehreren Geburten gleichzeitig zu tun hat, die Regel, nicht die Ausnahme.

Deshalb also der im Moment bundesweit ablaufende Protest von selbstständigen Hebammen, die gegen ihre aktuellen Arbeitsbedingungen protestieren. Etwa 7,50 Euro netto verdienen sie und ihre Kolleginnen im Durchschnitt, bezogen auf eine Arbeitswoche mit etwa 60 Arbeitsstunden, rechnet Andrea Seher vor. Das liegt an den vielen Nebenkosten für Selbstständige (unter anderem Versicherungen, Auto, Praxismiete, Weiterbildung) und daran, dass die Abrechnungssätze mit den Krankenkassen kaum der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit entsprechen.

Kein Wunder also, dass bereits im Jahr 2010 von den insgesamt rund 15.000 selbstständigen Hebammen nur noch jede vierte eine Geburtsbegleitung anbot, mit stark abnehmender Tendenz. Im Verlauf der letzten 18 Jahre haben sich allein die zu zahlenden Versicherungsprämien um das Zwanzigfache erhöht. Am vergangenem Mittwoch streikten Hebammen in Hannover. Sie verlangen andere Versicherungsregelungen und höhere Sätze der Krankenkassen. Andrea Seher, Kirsten Dornbusch und Ulrike Torneden waren allerdings nicht dabei. „Unmöglich, dazu habe ich nicht die geringste Zeit“, so Andrea Seher. „Und auch jetzt, tut mir leid, muss ich schnell los, ich bin schon zehn Minuten zu spät dran.“

Schon Wochen vor der Geburt betreuen Hebammen werdende Mütter. Man lernt sich kennen, spricht über Hoffnungen und Ängste. Steht dann die Geburt endlich kurz bevor, ist es meistens gar nicht die eigene Hebamme, die einen auf die Geburtsstation eines Krankenhaus begleitet. Dort arbeiten nämlich angestellte Hebammen, die wiederum mit der vor- und nachgeburtlichen Betreuung der Mütter nichts zu tun haben. Einer der Gründe dafür: Die hohen Kosten einer Haftpflichtversicherung für selbstständige Hebammen.



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