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„Für Pendler ein interessanter Wohnort“

Es wird schleichend teurer, auf dem Land zu leben: Kläranlagen, einst für Zuwachs ausgelegt, sind nicht mehr ausgelastet. Die Systeme müssen aber trotzdem vorgehalten werden, auch wenn weniger Einwohner weniger Wasser verbrauchen. Langsam steigt die Gebühr auch für den Haushalt, der sich bemüht, sparsam mit den kostbaren Ressourcen umzugehen. Das Prinzip gilt genauso für die Abfallbeseitigung und ähnliche Einrichtungen der Daseinsvorsorge.

veröffentlicht am 31.01.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Kathrin Klette,Kirsten Elschnerund Jan Peter Wiborg

Aber auch teilweise leer stehende Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen drücken auf die Etats einiger Kommunen im Landkreis. Jede Zusammenlegung wiederum schafft Zuwachs – auch für die Zeit- und Kostenbudgets von Familien, weil sie für den Einzelnen Wege verlängert, nicht mehr finanzierbare Kosten für die öffentliche Hand müssen auf diese Weise stillschweigend privatisiert werden. Alles Folgen der Landflucht, des Bedürfnisses der Menschen, vom Land wieder in die Stadt zu gehen, sei es wegen der Arbeitsplätze oder wegen des Trubels?

Für Schaumburg könne er diese Entwicklung nicht erkennen, sagt Landrat Jörg Farr. „Was ich beobachte, ist die demografische Entwicklung, die bundesweit festzustellen ist. Was ich nicht feststelle, ist, dass die Menschen aus dem Umkreis wieder in die Stadt Hannover wollen.“ Durch die geografische Nähe zu vielen großen Städten wie Hannover, Minden oder Hameln sei es auch schwer, zu sagen, „was sind wir eigentlich genau, ländliches Gebiet oder doch eher Ballungsraum?“

Wer den Trubel der Stadt braucht, das Kulturangebot, für den ist Schaumburg sicherlich eine „Ecke“ zu weit weg vom Leben in der Stadt. Die 40 Minuten mit dem Zug oder die 30 Minuten über die Autobahn erscheinen da zu weit. „Gerade für Pendler beispielsweise sind wir aber ein interessanter Wohnstandort und wollen auch attraktiv für Pendler sein.“ Von Landflucht im eigentlichen Sinn des Wortes könne in seinen Augen bei Schaumburg nicht die Rede sein. „Wir haben in den vergangenen Jahren auch stark aufgesiedelt. Und ich kenne niemanden, der sich hier seinen festen Wohnort geschaffen hat und jetzt wieder zurück in die Großstadt möchte.“

Die Grafik zeigt die Einwohnerentwicklung im Landkreis Schaumburg von 1980 bis 2025. Grafik: Lindemann/Foto: rg

Nicht selten ist aber der Arbeitsplatz ein Grund, den Wohnort zu wechseln. Nach Angaben von Bernd Dittmer, Leiter des Job-Centers Schaumburg, mangelt es im Landkreis vor allem an qualifizierten Jobs für Hochschulabsolventen – und das in allen Fachbereichen. Menschen, die Schaumburg für ein Studium verließen, kämen nur selten zum Arbeiten zurück. Darüber hinaus sieht Dittmer „kein Riesendefizit“. Es gebe einen „bunten Mix“ an Arbeitsfeldern. Sehr gut sei der Landkreis im Handwerk aufgestellt. Zukunftschancen liegen ihm zufolge zum einen in der Logistikbranche – aktuell bedingt durch die Ansiedlung großer Märkte in Lauenau und Bantorf –, zum anderen im Pflegedienst: Hier stehe der Landkreis überdurchschnittlich gut dar.

Ein in Schaumburg nicht so stark verbreitetes Arbeitsmodell bilden sogenannte Telearbeitsplätze. Dabei leistet man einen Teil der Arbeitsstunden im Büro und einen Teil am heimischen Computer ab. Eine Möglichkeit für Menschen, die in dörflichen Regionen leben wollen, aber in großen Städten arbeiten müssen. Im Job-Center Schaumburg sind drei derartige Arbeitsplätze eingerichtet. Dittmer zufolge ist das eine Lösung, die dem heutigen Bedürfnis nach Flexibilität entgegenkommt.

Gefragt ist Schaumburg dagegen bei Pendlern, sagt Landkreissprecher Klaus Heimann. Laut einer Erhebung des Statistischen Landesamts vom 31. Dezember 2010 gab es in Schaumburg 37 292 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, womit der Landkreis in Bezug auf die Zahl der Einwohner statistisch gesehen leicht schlechter dasteht als einige der benachbarten Landkreise.

Zum einen hatte Schaumburg unter einem starken Strukturwandel zu leiden, einige Betriebe hätten dichtgemacht oder Arbeitsplätze abgebaut. Der Statistik zufolge nahm die Zahl der Schaumburger Beschäftigten von 1980 bis 1990 um 3,5 Prozent und von 1990 bis 2000 um 3,4 Prozent zu, während die Zahl in den darauf folgenden zehn Jahren – ähnlich wie in den anderen umliegenden Landkreisen – um ganze 9,1 Prozent zurückging. Auf der anderen Seite werde die Zahl der Pendler in der Statistik nicht erfasst.

„Der erfasste Pendlerüberschuss in Schaumburg liegt bei 12 000“, vermutlich liege die tatsächliche Zahl aber eher bei 20 000. Chancen für die Zukunft bei Schaumburger Arbeitsplätzen sehen Heimann wie auch Dittmer im Logistikbereich und in den demografieabhängigen Bereichen. Jedoch ergäben sich aktuell auch positive Entwicklungen im Bereich Industrie, beispielsweise im Industriegebiet Süd in Rinteln. Als „typische Zeichen des demografischen Wandels“ bezeichnet Klaus Heimann die zu Beginn genannten Erscheinungen, auf die der Landkreis – was seine Zuständigkeiten betrifft – mit „flexiblen Anpassungsstrategien“ reagieren will. Arbeitsgruppen im Kreishaus und auf der Ebene der „Regionalen Entwicklungskooperation Weserbergland“ mit den Landkreisen Nienburg, Holzminden und Hameln-Pyrmont beschäftigen sich mit einzelnen Aspekten. Ob sich die Prognosen des Gutachtens aus dem Jahr 2009 bewahrheiten – der Landkreis soll bis 2025 rund 10,7 Prozent seiner Einwohner verlieren – das lässt Heimann erst einmal dahin gestellt, verweist auf viele neu entstehende Arbeitsplätze, meist in Orten in der Nähe der Autobahn 2, die wie eine Lebensader für das Gewerbe der Umgebung wirkt.

Hoffnung gibt es für Bahnfahrer, die täglich nach Hannover pendeln. Das „Netzwerk Erweiterter Wirtschaftsraum Hannover“ – eine freiwillige Kooperation der Region Hannover und der sieben umliegenden Landkreise inklusive Schaumburg – strebt eine GVH-Reform an, die auch die Ausweitung des günstigen Regionaltarifs des Großraumverkehrs Hannover bis Bückeburg auf der Bahnstrecke nach Minden fordert. So sollen auch Bahnkunden westlich von Haste in den Genuss günstiger GVH-Tickets kommen. Ein Gutachten soll im Sommer Ergebnisse liefern. Bindende Entscheidungen kann das Netzwerk ohne Zustimmung der Regionsversammlung und der Kreistage aber nicht treffen.

„Wir haben Schrumpfungs- und Wachstumsbereiche“, beschreibt der Landkreis-Sprecher die nicht homogene Struktur des Landkreises. Und ob sich gerade diese Mischung aus Ländlichkeit und kleinstädtischem Gepräge auf relativ engem Raum in der Nähe zwischen dem hannoverschen Ballungsraum und den Städten Ostwestfalens zum Trumpf in Sachen Lebensqualität entwickelt, hängt nicht zuletzt von einem flexiblen Nahverkehrssystem ab: „Der öffentliche Personennahverkehr wird nicht mehr so aussehen, wie wir ihn bisher kennen“, sagt Heimann und spricht von Anrufbussystemen, „Fifty-Fifty-Taxis“ und anderen, eher kleinräumigen Angeboten, aber auch von einer harmonisierten Tarifstruktur in Bezug auf die größeren Städte.

Drastisch gesunkene Geburtenraten haben auch im Schaumburger Land die Alterspyramide meist auf den Kopf gestellt, der Zuzug bleibt vielfach aus. Wenig junge Menschen – viele Alte. Manch ein Ort im Landkreis rekrutiert seinen Zuwachs nicht mehr aus Neubaugebieten, sondern aus den wie Pilze aus dem Boden schießenden Pflegeeinrichtungen für ältere Menschen. Diesen solle mit zusätzlichen Angeboten zur Nachbarschaftshilfe so lange wie möglich die Chance gegeben werden, in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben zu können.

Was mit den vielen „vier Wänden“ wird, die künftig umgenutzt, renoviert oder abgerissen werden müssen – dazu machen sich Vertreter aus dem Landkreis im Modellprojekt „Umbau statt Zuwachs“ ihre Gedanken.

Dahinter verbirgt sich eine klare Entwicklungslinie im steten Wandel des ländlichen Bereichs. Klar ist: Die Einwohnerzahlen sinken – sei es durch die viel benannte „Landflucht“ oder den demografischen Wandel. Die meisten Kommunen sind deshalb dazu übergegangen, keine Neubaugebiete mehr anzulegen, sondern stattdessen bereits genutzte Flächen – vom Ortskern bis zum Stadtrand – möglichst effizient zu nutzen.

Eine Möglichkeit ist, freie oder durch Abriss frei gewordene Flächen innerhalb der Stadt bei Bedarf neu zu bebauen, das Stadtbild also kompakter zu gestalten. Eine andere Möglichkeit ist die Sanierung und Nachnutzung von bereits bestehenden Gebäuden wie Altbauten und Bauernhäusern, erklärt Bauingenieur Manfred Röver, der ehrenamtlich als Berater für die IG Bauernhaus tätig ist. Denn die Prognose für die Zukunft ist klar: „Schon jetzt stehen viele alte Häuser leer“, und in Zukunft würden es nicht weniger. Der klassische Fall: Jemand erbe ein altes Haus, nutze es aber nicht. Und wenn es sich nicht verkaufen lasse, verkomme es eben. Die Kommunen können es aber nicht einfach abreißen. Aus diesem Grund sei es in seinen Augen längst überfällig, dass die Förderung von Neubauten, zugunsten einer Bezuschussung für die Sanierung und Nachnutzung von Altbauten wegfalle, um das Entstehen von entsprechenden Ruinenlandschaften auf dem Land zumindest einzuschränken.

Eine wirkliche „Landflucht“ kann Röver in Schaumburg nicht erkennen, auch wenn der Trend, raus aufs Land zu ziehen, schon seit Jahren abgeflaut sei. Derzeit spüre er allerdings schon wieder eine gewisse Gegenbewegung, zumindest was das Interesse an ländlichen Anwesen betrifft. „Das sind meistens junge Familien oder Paare, die eine Familie gründen wollen.“ Diese Bewegung könne sich möglicherweise dadurch verstärken, dass bei immer mehr Leerständen auf dem Land die Grundstückspreise entsprechend sinken.

Der Landkreis Schaumburg soll nach

derzeitigen Prognosen bis 2025 jeden zehnten Einwohner verlieren. Neuansiedlungen – etwa Betriebe entlang der Autobahn 2 – können den rasanten Wandel entschleunigen. Davon haben aber die Dörfer wenig. Dort sind andere Strategien gefragt.



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