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Für eine Lehrstelle gehen sie in den Knast

Einen ganz besonderen Ausbildungsplatz haben derzeit die zwei jungen Menschen, die ihre Ausbildung hinter den Mauern und Zäunen der Hamelner Jugendanstalt machen. Denn im Gegensatz zu den 14 inhaftierten Azubis verbüßen diese zwei keine Haftstrafe, sondern machen von der Möglichkeit Gebrauch, gemeinsam mit den Gefangenen in der Jugendanstalt eine Ausbildung zu machen.

veröffentlicht am 10.02.2011 um 18:07 Uhr
aktualisiert am 11.02.2011 um 12:46 Uhr

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Endlich Feierabend. Ein harter und zugleich lehrreicher Arbeitstag liegt hinter Jan Leibelt. Jetzt will er möglichst schnell nach Hause, duschen und den Rest des Tages genießen. Doch eine Hürde muss der 20-jährige noch meistern, bevor er das Gelände verlassen kann: An der Pforte empfängt Sabrina Franke den Auszubildenden. „So, bitte einmal durch die Schleuse gehen“, sagt sie. Beide lachen. Man kennt sich, und es ist jeden Tag das gleiche Ritual. Wenn der junge Mann zur Arbeit kommt und wenn er wieder geht, werden er und sein Rucksack akribisch kontrolliert.

Leibelt absolviert seine Ausbildung nämlich nicht irgendwo, sondern in der Jugendanstalt Hameln. Der Pressesprecher der Jugendanstalt, Dietmar Müller, erklärt: „Diese Kontrollen sind in zweierlei Hinsicht aus Sicherheitsgründen notwendig. Einerseits haben wir dafür Sorge zu tragen, dass keine unerlaubten Gegenstände in die Haftanstalt gelangen, andererseits wird damit den Insassen auch klar demonstriert, dass der externe Auszubildende als ‚Schmuggler‘ nicht in Frage kommt.“

Jeden Morgen lässt sich Jan Leibelt freiwillig einschließen. Mit der Gewissheit, zum Feierabend garantiert wieder „freigelassen“ zu werden. „Am Anfang war das schon ein komisches Gefühl, aber das hat sich ziemlich schnell gelegt“, erinnert er sich. In rund einem Monat wird Leibelt den ersten Teil der Gesellenprüfung zum Konstruktionsmechaniker ablegen und dafür schweißt, schraubt und büffelt er aktuell mit Nachdruck. Von seinem Vater hat er damals den Tipp bekommen, dass in der Jugendanstalt auch Ausbildungsplätze angeboten werden. Anfänglich waren seine Familie und Freunde natürlich skeptisch, ob ein Ausbildungsplatz in einer Haftanstalt das Richtige sei. Mittlerweile aber haben sich die Skepsis und mit ihr sämtliche Vorbehalte gegen eine Ausbildung hinter Gefängnismauern in Luft aufgelöst.

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Jan Leibelt (links) bereitet sich auf eine Schweißübung vor. Sein Meister und Werkstattleiter Lars Herrmann ist überzeugt: „Jan wird den ersten Teil der Gesellenprüfung bestehen.“

Leibelts Ausbilder, der Leiter der Metalllehrwerkstatt, Lars Herrmann: „Wir bilden hier aktuell 14 Inhaftierte und zwei Externe aus. In den letzten drei Jahren haben hier sieben Externe ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.“ Ohnehin sei die Erfolgsquote der Ausbildung hoch. Das aber liege vor allem daran, dass man in der Jugendanstalt in der Lage sei, den Inhaftierten eine Ausbildung anzubieten, die den individuellen Ressourcen entsprächen.

Das Betriebsklima schätzt Leibelt als sehr gut ein. Auch von einem raueren Umgangston als in „Freiheit“ kann er nicht berichten. Manchmal werden zwar „Sprüche“ gemacht, aber die unterschieden sich in keinster Weise von denen, die er während des Berufsgrundbildungsjahrs erlebt habe. Einen Vorteil der Berufsausbildung in der Jugendanstalt sieht der 20-jährige darin, dass sich die Berufsschule ebenfalls in der Jugendanstalt befindet. Pressesprecher Müller: „Unsere Berufsschule ist eine Außenstelle der Hamelner Eugen-Reintjes-Schule.“

Unterschiede bei der Ausbildung zwischen Inhaftierten und Externen macht Werkstattleiter Herrmann nicht. Allerdings räumt er ein: „Es gibt dennoch Bereiche, die sind zum Beispiel für Inhaftierte absolutes Tabu, wie zum Beispiel der Schrank mit den Spezialgeräten oder der Umkleideraum für uns Ausbilder. Der Externe hingegen darf dort tätig werden, beispielsweise, um eine Maschine zu holen.“

Rein formal sind die externen Azubis Bedienstete des Landes Niedersachsens, tragen deswegen auch weiße Namensschilder – im Gegensatz zu den roten für Inhaftierte und den grünen für Besucher. Dass das Betriebsklima dauerhaft gut bleibt, dafür sorgen Herrmann und sein Team. „Natürlich machen die Inhaftierten nach Feierabend ganz andere Erfahrungen als ein Externer. Deswegen ist es zum Beispiel wichtig, dass sich die externen Auszubildenden bei ihren Erzählungen über Erlebnisse zurückhalten.“ Denkbar ungünstig für das Klima wäre zum Beispiel der Bericht eines Externen über die Party am letzten Wochenende oder auch über pikante Details einer sich unter Umständen anbahnenden Liebesbeziehung, so die Experten.

Entstanden sei die Idee, auch Nicht-Strafgefangenen eine Ausbildung in der Jugendanstalt zu ermöglichen, als es in der Region einen Mangel an Lehrstellen gab, so die Anstaltsleiterin Christiane Jesse. „Es gab eine Zeit, da wurden unsere Ausbildungsmöglichkeiten hier in der Jugendanstalt mit der Aussage kritisiert, man müsse erst kriminell werden, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen.“ Sowohl die Ausbildungsmeister signalisierten damals ihre Bereitschaft, die Anstaltstore für externe Azubis zu öffnen, als auch das Land Niedersachsen sein Portemonnaie, um die Ausbildung zu finanzieren, so Jesse weiter. Darüber hinaus ist die Leiterin der Jugendanstalt davon überzeugt, dass von der gemeinsamen Ausbildung von Inhaftierten und Externen nicht nur die Auszubildenden profitieren, sondern die Gesellschaft insgesamt. „Im Vollzug gilt der Angleichungsgrundsatz, also: Das Leben in einer Haftanstalt soll den allgemeinen Lebensverhältnissen so weit wie möglich angepasst werden. Die externen Auszubildenden repräsentieren die Realität von jungen Heranwachsenden in Freiheit und bringen dadurch Normalität in die Betriebe.“

Der Leiter der beruflichen Ausbildung in der Jugendanstalt, Wolfgang Kraske: „Seit 1989 haben hier bei uns 87 externe Auszubildende ihren Gesellenbrief erworben.“ Zahlreiche der anstaltseigenen Ausbildungsbetriebe genießen mittlerweile weit über die Gefängnismauern hinaus einen guten Ruf in der heimischen Region. Kraske: „Einige unserer Ausbildungsplätze sind direkt bei der Arbeitsagentur gemeldet.“ Andererseits habe sich die Möglichkeit einer Ausbildung in der Jugendanstalt unter den Jugendlichen herumgesprochen, sodass es zahlreiche Initiativbewerbungen gäbe, wie zum Beispiel im Fall von Jan Leibelt. Aktuell stünden noch einige wenige Ausbildungsplätze zur Verfügung, wie Kraske betont: „Sowohl im Bereich Elektronik als auch im Metallbereich haben wir noch freie Ausbildungsplätze, Zerspanungsmechaniker zum Beispiel oder Kfz-Mechatroniker oder auch Köche.“ Interessenten sollten sich bis zum 1. Mai in der Jugendanstalt melden.

Auch in der Elektrowerkstatt in der Haftanstalt werden neben Inhaftierten Externe ausgebildet. Nicht jeder externe Azubi geht derart offen mit seinem exklusiven Ausbildungsbetrieb um wie Leibelt. Für Werkstattleiter und Elektromeister Andreas Quiring ist es ohnehin wichtig, den Gleichbehandlungsgedanken nicht aus dem Auge zu verlieren. „Wenn hier morgens die Arbeit beginnt, dann stehen hier elf Auszubildende, die einen Gesellenbrief anstreben – zehn Inhaftierte und ein Externer.“ Seine Aufgabe sei es nicht, die Straftat eines Inhaftierten zu bewerten, sondern ihn bei seiner Ausbildung fachlich zu unterstützen. „Es kommt aber nicht nur auf das Fachliche an, auch im sozialen Bereich müssen wir hier tätig werden“, erklärt Quiring. Henning S. hat drei Jahre und sieben Monate seiner insgesamt neunjährigen Haftstrafe „abgesessen“. 2008 hat er eine Ausbildung zum Elektroniker Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik begonnen. Vor einiger Zeit hat er den ersten Teil der Gesellenprüfung abgelegt und bestanden – mit der Bestnote 1. „Mein erstes Ziel ist jetzt natürlich der Gesellenbrief, aber ich möchte danach mein Abi nachmachen und dann vielleicht auch irgendwann studieren“, gibt der 19-Jährige zu. Allzu weit allerdings möchte er im Moment noch nicht vorausplanen, auch wenn Qurinig bestätigt: „Mir sind zwei ehemalige Inhaftierte bekannt, die nach ihrer Entlassung ihr Fachabitur gemacht haben.“ Unabhängig aber, ob ein Auszubildender inhaftiert sei, oder als Externer nur zur Ausbildung in die Haftanstalt kommt, für den Elektromeister ist die erfolgreiche Berufsausbildung ein wichtiger Baustein im Leben eines jungen Menschen – selbst, wenn es hier und da Phasen gäbe, in denen ein Auszubildender einmal einen „Hänger“ hätte. „Wir geben hier nicht so schnell auf.“



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