weather-image
×

Für die Gaukler der Lüfte wird es eng

Der Mensch und seine Natureingriffe: Ihretwegen sind von den einst 1450 in Deutschland heimischen Großschmetterlingsarten bereits 34 ausgestorben, viele sind gefährdet. Dabei sind die Falter oft nicht nur ausgesprochen schön, sie sind auch von großem Nutzen für das Überleben anderer Tiere. Doch es gibt auch noch Menschen, die sich für den Bestand der Schmetterlinge einsetzen.

veröffentlicht am 05.05.2011 um 11:20 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 10:51 Uhr

4301_1_orggross_f-westermann

Autor

Redakteur zur Autorenseite

Sicher, sie sind ja ganz hübsch anzusehen, wie sie da durch die Luft flattern, aber braucht die Welt überhaupt Schmetterlinge? „Aber natürlich“, erklärt Carsten Heinecke und dann zählt der Diplom-Biologe auf: Vögel ernähren sich von den Raupen, viele von ihnen würden ohne sie aussterben. Ähnlich schlecht ginge es den Fledermäusen, könnten sie nicht mehr auf Nachtfalter als Nahrung zurückgreifen. Und als Blütenbestäuber würde der Schmetterling eine auf für den Menschen in der eigenen Nahrungskette spürbare Lücke hinterlassen.

Heinecke befasst sich seit Jahren mit den Gauklern der Lüfte und hat in Oldenburg eine Schmetterlings-AG ins Leben gerufen, in der sowohl Schmetterlings-Fachleute als auch interessierte Schmetterlings-Laien zusammenarbeiten; jeder kann mitmachen, sagt Heinecke, und etwas für den Schutz der Schmetterlinge tun, egal ob mit Doktorhut oder Pudelmütze, ob Schriftsteller oder Schrauber. Die Ziele sind schnell benannt: der Schutz der heimischen Schmetterlinge und ihrer Lebensräume, die Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungen, Exkursionen und Fortbildungen zum Thema Schmetterlinge, die Erfassung und Dokumentation der Schmetterlingsfauna des Oldenburger Landes.

Heinecke hat 2008 für Deutschland und das Bundesland Niedersachsen einen Bericht zur Gefährdungssituation der Schmetterlinge verfasst. Von 1450 in Deutschland vorkommenden Großschmetterlingsarten sind 34 inzwischen ausgestorben, 451 (31 Prozent) sind bestandsgefährdet, 79 Arten werden als extrem selten geführt, 150 werden in der sogenannten Vorwarnliste der Roten Liste aufgeführt: „Ungefähr die Hälfte aller Großschmetterlingsarten Deutschlands sind also entweder ausgestorben, in ihrem Bestand gefährdet oder bei fortschreitender Biotopzerstörung absehbar gefährdet“, bilanziert Heinecke. Diese Situation verschärfe sich noch auf Landesebene: In Niedersachsen seien nur ungefähr 30 Prozent der insgesamt 1033 Großschmetterlingsarten nicht gefährdet. Noch eindrücklicher zeichnet sich die Situation bei den Tagfaltern ab: In Niedersachsen sind 82 Prozent der insgesamt 112 bodenständigen Arten gefährdet.

4 Bilder
Der Aurorafalter.

Bei der Ursachenforschung kann Uli Thüre als stellvertretender Landesgeschäftsführer des Nabu Niedersachsen auf die üblichen Verdächtigen verwiesen: überdüngte Wiesen, Umweltgifte, Klimawandel, Hochleistungsäcker mit Raps- oder Maiskulturen, um die rasant steigende Zahl der unersättlichen Biogas-Anlagen zu füttern. Durch den großzügigen Gebrauch von Unkrautvernichtungsmitteln verschwinden immer mehr der noch übrig gebliebenen Nahrungspflanzen für Raupen und Nektarquellen für Falter.

Gerade die Vielfalt blühender Wildpflanzen ist es, die vielen Schmetterlingsarten fehlt, sagt Carsten Heinecke: „Und andere sind eng an bestimmte Lebensräume wie Trockenrasen oder Feuchtwiesen gebunden und verschwinden gemeinsam mit diesen aus unserer Landschaft.“ Da Schmetterlinge ein Indikator für die Artenvielfalt sind, zeigt ihr Fehlen in einem Habitat die Gefährdung der Lebensgemeinschaft aus Pflanzen und Tieren an. Wer Schmetterlinge schützt, erhält damit indirekt auch all die anderen Arten, die ähnliche Ansprüche an ihren Lebensraum stellen.

Heinecke hat sich intensiv mit der Ökologie der Schmetterlinge auseinandergesetzt, dabei falle auf, dass besonders solche Arten gefährdet seien, die nur in einem bis zwei Lebensräumen vorkämen. Besonders betroffen seien Arten, die auf Feuchtbiotope oder Magerrasen spezialisiert seien, da diese Lebensräume zunehmend verschwinden würden. Schlechte Zeiten also für Spezialisten wie den Hochmoor-Bläuling, der für seine Entwicklung hauptsächlich Moosbeeren-Bestände in windgeschützten, sonnigen Hochmoorgebieten mit bewaldeten Randstrukturen, die als Ansitz dienen, benötigt. Der ökologische Anspruch, so Heinecke, von Schmetterlingen sei aber meist sehr komplex und kann für Raupen und Falter sehr unterschiedlich sein, bei manchen Arten genüge schon die Veränderung oder Zerstörung einer Habitatstruktur oder eines Lebensraumes, um die Tiere zu verdrängen: „Aus diesem Grund sind so viele Schmetterlinge in unserer von menschlichen Eingriffen geprägten Kulturlandschaft so selten geworden“, erklärt der Diplom-Biologe, um darauf hinzuweisen, dass zuweilen schon ein veränderter Mährhythmus eine Schmetterlingspopulation stark beeinträchtigen kann. Verbauung, Aufforstung und Zerschneidung der Landschaft, der neue Energiemarkt mit seinen Monokulturen, aber auch künstliche Lichtquellen wie Straßenlaternen, Leuchtreklamen, Telefonzellen machen den Tieren das Leben immer schwerer: Die vom Licht angelockten Falter bleiben oft in der Nähe der Lichtquelle sitzen – und werden am nächsten Morgen zum gern genommenen Happen für hungrige Vögel.

„Die Forstwirtschaft“, antwortet Rudolf Pähler auf die Frage, wer bei der Suche nach den Schuldigen für den Falterrückgang immer übersehen wird: Die Forstwirtschaft, die in den vergangenen Jahrzehnten im ganz großen Rahmen – und ohne Not – die Landschaft verändert. Aber das, so Pähler, „will ja niemand wissen, weil Bäume so toll sind“. Pähler ist eine Autorität bei Schmetterlingen: Nach vier Jahren und rund 5000 Stunden Arbeit hat er jetzt den ersten von zwei geplanten Bänden vorgelegt: „Die Schmetterlingsfauna von Ostwestfalen-Lippe und deren Entwicklungstendenzen in den letzten Jahrzehnten.“ Besprochen und dargestellt werden in diesen beiden Bänden etwa 1200 Groß- und teilweise auch Kleinschmetterlingsarten aus Ostwestfalen-Lippe und angrenzenden Gebieten in Nordhessen und Südniedersachsen. Teilweise wurden auch die Randgebiete von den Regierungsbezirken Arnsberg und Münster mitberücksichtigt. In Band 1 werden 13 Familien mit 728 Schmetterlingsarten besprochen. Pähler nennt ein Beispiel: Wenn die Schwarzpappeln im Wald vernachlässigt werden – und das sei der Fall –, dann werde es für das Blaue Ordensband eng; je nach Region: In Nordrhein-Westfalen ist die Art vom Aussterben bedroht, in Hamburg, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz ist sie stark gefährdet und in Mecklenburg-Vorpommern, im Saarland und in Sachsen-Anhalt gilt die Art als gefährdet. Viel ist vom Klima geprägt, sagt Pähler, vielfach sind die geografischen und geologischen Bedingungen dafür entscheidend, wo die Falter leben. In Baden-Württemberg mit seinen höheren Durchschnittstemperaturen seien deutlich mehr Arten zu finden – Pähler beziffert die gesamte Artenanzahl auf 1600. Wer sich für das Pähler-Werk interessiert: Das gibt es nur bei ihm und kostet 39 Euro plus Porto. Kontakt: rudolf@paehler.biz oder Rudolf Pähler, Arndtstraße 50, 33415 Verl.

Was kann getan werden? Es reicht nicht, wertvolle Lebensräume einfach unter Naturschutz zu stellen, erklärt Carsten Heinecke: Um Schmetterlinge zu schützen, müssten regelmäßig flächendeckende Verbreitungsdaten und detaillierte Informationen über die Lebensraumansprüche sämtlicher Arten gesammelt werden: Erst dann könne man beurteilen, welche Arten gefährdet sind und wie sie geschützt werden könnten: Der Schutz der Schmetterlinge müsse wieder ein öffentliches Anliegen werden, fordert er.

Heinecke selbst ist federführend bei einem Pilotprojekt in Oldenburg: Der Nabu hat für das Stadtgebiet einen groß angelegten Wettbewerb „Schmetterlingsfreundliche Gärten“ gestartet, der sich gleichermaßen an alle interessierten Gartenbesitzer wie auch Kleingärtner richtet. Heinecke: „Unser Wunsch ist, dass durch eine naturnahe Gartengestaltung die Gärten im Stadtgebiet schmetterlingsfreundlicher werden und dadurch weitere Lebensräume für Schmetterlinge entstehen. Uns ist aufgefallen, dass viele Menschen bei einer schmetterlingsfreundlichen Gartengestaltung sofort an das Pflanzen von Schmetterlingsflieder, das Dulden einer wilden Brennnesselecke und das Ausbringen einer Blumensaatmischung denken. Diese Maßnahmen decken aber nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten ab, zusätzlich können die bunten Falter auch durch viele Gestaltungselemente im Garten gefördert werden. Dazu zählen eine Kräuterspirale, heimische Laubgehölze, Obstbäume, ein naturnaher Gartenteich und eine schmetterlingsfreundliche Staudenauswahl im Blumenbeet.“ Heinecke nimmt den Wettbewerb sehr ernst: Jeder Gartenbesitzer, der mitmachen möchte, kann sich auf einen persönlichen Besuch freuen, denn vor Ort ist meistens am besten zu erklären, wie den Faltern geholfen werden kann.

Aber manchmal gibt es auch gute Nachrichten: Bei einer Kontrolle im Naturschutzgebiet „Donoperteich - Hiddeser Bent“ konnte ein Biologe im August 2010 gleich eine ganze Anzahl von Rostbinden beobachten: Die Schmetterlinge besuchten die Glockenheideblüten im Hochmoorbereich. Bemerkenswert ist, dass in diesem Lebensraum keine der in der Literatur genannten Nahrungspflanzen der Raupen (wie Silbergras oder Schafschwingel) vorkommt. Die Rostbinde wird in der „Schmetterlingsfauna von Ostwestfalen-Lippe“ für das Weserbergland“ im NRW-Teil als verschollen angegeben.

Seit April läuft die Schmetterlingszählung 2011, Teilnehmer können ab sofort ihre Beobachtungen notieren und bis Ende Oktober an den Bundesverband des BUND online oder per Post schicken. Die Melde- und Bestelladresse Bund, Stichwort: Abenteuer Faltertag, Am Köllschen Park 1, 10179 Berlin. E-Mail: schmetterling@bund.net.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt