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Frühwarnsystem für die großen Krisen

Anleger kennen das Problem aus der Vergangenheit bestens – plötzlich kippt die Börse und die Kurse fallen innerhalb von kurzer Zeit fast ins Bodenlose. Wo institutionelle Anleger dank computergestützter Programme meist noch rechtzeitig den Ausstieg schaffen, klammern sich Kleinanleger oft an die Hoffnung, mit ihrem Portfolio baldmöglichst wieder die Gewinnzone zu erreichen. Dass dies nicht selten trügerische Hoffnungen sind, zeigt vor allem das Phänomen der „verlorenen Dekade“, wie es im Fachjargon der Banker heißt. Anleger, die zu Hochzeiten der Dot.com-Krise investiert haben, sitzen zum Teil noch heute ihre Verluste aus.

veröffentlicht am 03.08.2012 um 00:00 Uhr

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Zwar weiß im Prinzip jeder Marktteilnehmer, dass die Kurse niemals nur in eine Richtung marschieren und die Börsen in schöner Regelmäßigkeit von Krisen gebeutelt werden. Entscheidend ist dabei nur, „den rechtzeitigen Absprung vor dem Krisenausbruch zu schaffen. Aber keineswegs zu früh. Denn solange weitere Gewinne möglich sind, will niemand den anderen beim Geldverdienen einfach nur zugucken. Doch genau hier steckt das Problem – zumindest für Kleinanleger“, wie Tobias Brill, Julia Hiltermann, Katharina Jünemann, Kai Pieles und Mirko Reinken in ihrem von der Zeitung „Die Welt“ preisgekrönten Essay „Krisenfrühwarner für Kleinanleger: Möglich wär’s“ schreiben. Ihr Text basiert auf dem Ergebnis einer gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeit, die sie zum Thema „Geldanlage bei Inflationsrisiken und politischen Risiken“ im Rahmen eines von der Postbank ausgeschriebenen Wettbewerbs zum „Postbank Finance Award 2012“ als Studenten der Hochschule Weserbergland (HSW) angefertigt hatten. Ihre Hauptthese: „Es gibt eindeutige Signale, die symptomatisch für aufkommende Krisen sind. Ein Blick zurück auf die finanzwirtschaftliche Krisenhistorie spiegelt ganz klare Muster wider, die ein solches Dilemma eindeutig charakterisieren. Die Mittel, die es zur Erkennung und zum Verständnis der Muster braucht, sind weder mathematisch hochkomplex, noch setzen sie ein Studium voraus. Wir sind überzeugt, dass ein Index mit der richtigen Auswahl an Assets die Vorboten einer Krise zuverlässig voraussagen kann.“ Genau das will das Team mit dem von ihm entwickelten Frühwarnindex „FWSI 40“ erreicht haben.

Basis der auf acht Einzelthesen beruhenden Arbeit waren eine umfangreiche Befragung, in der 109 Experten in nationalen und internationalen Konzernen der Finanzdienstleistungsbranche und Institutionen, wie zum Beispiel das Institut der deutschen Wirtschaft, angeschrieben wurden und rund ein Drittel den Fragebogen beantwortete. Hinzu kamen eigene Erkenntnisse, die sich die fünf Studenten auch dank eines umfangreichen Literaturstudiums und der Auswertung zahlreicher statistischer Daten angeeignet hatten. Bei ihren acht Thesen gingen die Studenten, die ihr Studium mittlerweile mit dem Bachelor of Arts bzw. Bachelor of Science erfolgreich abgeschlossen haben, davon aus, dass es sehr unterschiedliche Anstöße gibt, die Finanzmärkte in die eine oder andere Richtung zu bewegen. Die Zahnradgrafik verdeutlicht, was gemeint ist: Wird eines der inneren Zahnräder bewegt, hat dies Auswirkungen auf die anderen Teile des Modells. Kommt etwa These 7 – symbolisiert durch das unterste blaue Zahnrad – zur Wirkung und damit in Bewegung, ändert sich die ganze Konstruktion und damit auch das Verhalten der Anleger und der Kurs der Finanzmärkte, je nachdem, ob es sich beispielsweise um den Preis bestimmter Rohstoffe, der Aktien oder auch die Höhe der Leitzinsen handelt. 50 Prozent des 40 Positionen umfassenden Frühwarnindexes werden durch Aktienwerte bestimmt, wobei die jungen Experten möglichst konjunkturanfällige Werte wie Automobil-, Luftfahrt- und Chemie-Aktien sowie Papiere von Banken und Versicherungen auswählten. Gewichtet wurden die Aktienwerte des Indexes anhand der aktuell erwarteten Intensität ihrer Kursschwankungen im Verhältnis zum gesamten Aktienmarkt, gemessen durch den sogenannten Beta-Faktor. „Damit sind sie einerseits aufgrund ihrer Branchenzugehörigkeit selbst und andererseits dank ihrer hohen Schwankungsanfälligkeit optimal geeignet, eine Prognose für die in naher Zukunft zu erwartende Marktschwankung zu liefern“, erläutert Tobias Brill von der Sparkasse Weserbergland diesen Ansatz. Zu den weiteren Bestandteilen des Frühwarn-Instruments zählen unter anderem auch Rohstoffe – natürlich ist Gold als Fluchthafen mit dabei –, der ifo-Geschäftsklimaindex, Leitzinsen, einzelne Devisen, das im VDAX verankerte „Angstbarometer“ und Immobilienwerte. Insgesamt ist es eine Kombination aus sowohl schnell als auch weniger schnell reagierenden Titeln. Um den Nachweis anzutreten, dass sich mit dem „FWSI 40“ tatsächlich die großen Krisen der vergangenen 25 Jahre rechtzeitig hätten erkennen lassen, setzte das Team die Kurskurve des Instruments ins Verhältnis zu dem 100 Werte umfassenden FAZ-Index. Eindeutig nachweisbar war dabei ein frühzeitiges Signal, dass Ende 1999 die Blase der „New Economy“, auch bezeichnet als Dot.com-Krise, kurz vor dem Platzen stand. Auch der Kursrutsch aufgrund der Immobilienkrise in den USA wird angezeigt, ehe die Kurse tatsächlich zu fallen begannen. Nicht ganz so eindeutig wird die Krise nach der Lehman-Pleite prognostiziert, was wenig erstaunlich ist, weil der Lehman-Zusammenbruch sich zwar angedeutet hatte, dann aber doch eher überraschend erfolgte und in seinen systemischen Auswirkungen nicht vorhersehbar war, da es eine vergleichbare Pleite noch nicht gegeben hatte. Ob Kleinanleger durch Heranziehen des „FWSI 40“ tatsächlich vor massiven Kapitalverlusten bewahrt werden können, ist eine andere Frage. Dies liegt daran, dass Frühwarnsysteme die Unart haben, wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung verstärkend zu wirken, wenn sich alle Marktteilnehmer nach ihnen richten.

Geldverdienen in Krisenzeiten? Wie erkennen Kleinanleger (und auch große Investoren), dass sie ihre Aktien an den Börsen schleunigst verkaufen sollten, ehe die Kurse ins Bodenlose fallen? „Es gibt eindeutige Signale“, sagen fünf Studenten der Hochschule Weserbergland, die gemeinsam einen eigenen Index zur Anlageberatung entwickelt haben.

Das Team der Hochschule Weserbergland, das den Frühwarnindex „FSWI 40“ erarbeitet und für die vergangenen

25 Jahre überprüft hat (v.l.): Kai Pieles (Postbank/BHW), Julia Hiltermann (Commerzbank), Tobias Brill (Sparkasse Weserbergland), Katharina Jünemann (Commerzbank) und Mirko Reinken (Finanz Informatik). Foto: pr.



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