weather-image
15°
×

Friedrichs „Rossballett“ zum Leben erweckt

Das wird ganz was Großes!“, ist sich Diana Krischke sicher. Die Augen der jungen Frau blitzen vor Begeisterung, wenn sie in die bunt colorierte historische Kostümmappe schaut und auf dem Stellplan komplizierte Choreografien erläutert. Nur eines sieht man der Oberbereiterin der Bückeburger Hofreitschule nicht an: Eineinhalb Jahre harte Arbeit, Planung und Vorbereitung, Organisation und Abstimmung.

veröffentlicht am 19.07.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:26 Uhr

4298_1_orggross_k-klaus

Autor

Redakteur zur Autorenseite

Und auch von Lampenfieber ist jetzt, kurz vor der Premiere, nichts zu spüren. „Ich mache mir eher Gedanken darüber, dass wir nichts vergessen,“ erzählt sie. Im Gepäck der Bückeburger sind nämlich auch 50 Wassereimer und vier Schiebkarren, jede Menge Sattel- und Zaumzeug. Allein die Packlisten füllen einen ganzen Ordner. An solche „Kleinigkeiten“ werden die Zuschauer des Spektakels kaum denken, sie werden heute und an den folgenden Abenden nur Augen für die edlen Pferde und ihre Reiter in den prächtigen Kostümen haben. Sie werden der Barockmusik lauschen, Sänger, Tänzer und Artisten beklatschen. Vom Aufwand hinter den Kulissen ahnen sie jedoch nichts.

Rückblende: Potsdam, Sommer 1750. Friedrich II. von Preußen bittet anlässlich des Besuchs seiner Schwester Wilhelmine von Bayreuth zu einer nicht enden wollenden Reihe von höfischen Festlichkeiten. Wer Rang und Namen hat im europäischen Adel, ist geladen. Für Friedrich, den man später „den Großen“ nennen wird, eine willkommene Gelegenheit, den noch jungen preußischen Staat in seiner ganzen Pracht zu präsentieren. Höhepunkt der Feiern ist nach Überlieferung zeitgenössischer Chronisten das „Carrousel de Berlin“, eine Aufführung mit zahllosen kostümierten Pferden, geritten von den besten Reitern des Landes und geschätzten Gästen. Lyrische Gesänge, barocke Bläsermusik und höfische Tänze begleiten das Spektakel, an dessen Gestaltung Friedrich persönlich mitgewirkt hat.

Ein „Pferdekarussell“ war damals weit mehr als nur die Darbietung höchster Reitkunst. Es wurden auch historische Ereignisse oder Geschichten aus der Mythologie aufgegriffen. So trafen in Friedrichs „Rossballett“ in vier Quadrillen als Römer, Griechen, Perser und Karthager kostümierte Reiter aufeinander. Nach Deutung von Historikern eine Parabel auf den Machtanspruch Preußens, das sich vor diesen ruhmreichen Völkern des Altertums nicht zu verstecken brauchte.

Gut vorbereitet: Oberbereiterin Diana Krischke. Foto: kk

260 Jahre später: In Berlin und Potsdam werden die Feierlichkeiten zu Friedrichs 300. Geburtstag vorbereitet. Ausstellungen und Konzerte werden konzipiert – und von den Höfischen Festspielen Potsdam eine Wiederaufführung des Pferdekarussells. Als Partner kommen nur Meister ihres Fachs in Frage: thematisch versierte Historiker, in alter Aufführungspraxis geübte Musiker und ausgewiesene Experten barocker Reitkunst.

„Vor ungefähr eineinhalb Jahren sind die höfischen Festspiele auf uns zugekommen,“ berichtet Diana Krischke stolz. Der gute Ruf der Fürstlichen Hofreitschule hatte sich bis nach Potsdam herumgesprochen. Schließlich gibt es in Europa sonst niemanden, der die Kunst barocker Reitquadrillen und die hohe „Schule über der Erde“ so beherrscht – und dabei ausschließlich edle Hengste historischer Pferderassen einsetzt. So haben sich neben den Reiterrinnen und Reitern aus Bückeburg und ihren Helfern auch 25 Andalusier, Berber, Lusitanos, Murgeser und andere Barockpferde auf den Weg nach Potsdam gemacht. Natürlich nicht auf den eigenen vier Hufen, sondern komfortabel gefahren von einer Pferdespedition.

Dort hieß es dann in den vergangenen Tagen proben und noch einmal proben. Geübt wurden Reitfiguren, zusammengefügt unterschiedliche Teile des Programms, die bisher separat erarbeitet worden waren. Anprobiert wurden die prächtigen Kostüme, die Reitern wie Pferden auf den Leib geschneidert worden waren. „Darum durften wir auch nicht mehr zu- oder abnehmen,“ schmunzelt Diana Krischke. Einige Tausend Euro kostet so ein Kostüm, aufwendig gearbeitet nach den historischen Vorbildern. Da finden edle Stoffe Verwendung, werden Goldbänder für Pferdeschweif und -mähne verarbeitet. Reiherfedern schmücken Turbane, falsche Tigerfell-Mäntel oder Diamant-Helme zieren die Hauptdarsteller. Die Kostüme machen einen der größten Posten im Etat der Festspiele aus, sind zum Teil von Sponsoren gefördert.

Und an dieser Stelle kommen die oben erwähnten Puzzleteile wieder ins Spiel. Es ist nämlich ein Glücksfall, dass die historischen Entwürfe im Nationalmuseum in Stockholm erhalten geblieben sind. Und das kam so: Friedrich wollte seiner Schwester, Königin Luise Ulrike von Schweden, eine Freude machen und schickte ihr die Entwürfe. Auf verschlungenen Wegen landeten diese im Museum – wo sie zufällig von Historikern wieder ausgegraben wurden.

Ein einziges Kostüm ist sogar im Original erhalten – auf einem Schloss in Schottland. Und das hat eine ganz spannende Geschichte: Der junge schottische Edelmann Patrick Home of Billie tourt 1750 durch Europa, macht den regierenden Fürstenhäusern seine Aufwartung. Auf Empfehlung von Lordmarshall George Keith, auch ein Schotte, darf er beim „Carrousel“ de Berlin mitreiten. Der junge Patrick schlägt sich wacker – und verliebt sich bis über beide Ohren in die Hofdame Sophie von Brand. Die hübsche Sophie erliegt dem charmanten Werben des Kiltträgers, beide wollen heiraten. Doch für eine Hochzeit muss der König seine Zustimmung geben. Schlitzohr Friedrich hat im Prinzip nichts dagegen, knüpft seine Einwilligung aber an eine Bedingung: Patrick soll mit seinem ganzen Vermögen von Schottland nach Preußen übersiedeln. In der historisch verbürgten Geschichte gibt es kein Happy End: Der junge Adelige kehrt ins Land seiner Väter zurück, mit ihm reist sein Kostüm. Aber wer weiß: Vielleicht ist der Geschichte ja heute Abend ein glückliches Ende beschert? Die Episode ist nämlich als zweite musische Handlungsebene in die Aufführung eingearbeitet worden.

Und was erwartet die Zuschauer sonst noch? Diana Krischke weiß gar nicht, was sie zuerst erwähnen soll. Zu sehen sein werden Schauquadrillen, allegorische Schaubilder zu Pferde und natürlich die „Schule über der Erde“, also barocke Reitfiguren wie Levade, Piaffe oder Kapriole, für die die Bückeburger gerühmt werden. Hofreitmeister Wolfgang Krischke, seine Frau Christin und Tochter Diana haben monatelang an der Choreografie nach den historischen Vorbildern gefeilt. „Dabei hat uns die Mathematik oft genug einen Strich durch die Rechnung gemacht,“ berichtet Diana von den Tücken im Detail. Wünschenswerte Figuren ließen sich nicht ohne Weiteres einbauen, da es für manche Bilder schlicht an Platz für so viele Pferde fehlte. Das lässt sich schon mit Lineal, Zirkel, einem großen Bogen Papier und entsprechender Erfahrung in der theoretischen Planung erkennen – und darin ist Christin Krischke Expertin.

Bevor zu Fuß und dann auf dem Rücken der Pferde trainiert werden konnte, musste also zunächst erst einmal ein Drehbuch her. Was folgte, waren verschiedene Proben, zum Beispiel in einer Reithalle in Hobbensen. Dort waren dann auch erstmals die Potsdamer Turmbläser mit von der Partie. Die Gruppe unter der Leitung von Bernhard Bosecker ist auf die Wiederaufführung barocker Bläsermusik des preußischen Hofes spezialisiert und gern gesehener Gast auf Festivals in der ganzen Welt.

Für das „Carrousel de Sanssouci“ werden die Musiker auf weitgehend unbekannte Stücke aus friderizianischer Zeit zurückgreifen, die so oder so ähnlich auch beim „Carrousel de Berlin“ erklungen sein dürften. Denn welche Musik im August 1750 tatsächlich gespielt wurde, ist nicht überliefert. Gespielt wird auf Originalinstrumenten, um ein Höchstmaß an Authentizität zu erreichen. Musikstücke mussten „zurückentwickelt“ werden, haben sie sich doch zum Teil im Laufe der Jahrhunderte gewandelt. Ursprünglich passgenau zu den Gangarten der Pferde komponiert, haben sie sich im Laufe der Zeit zu konzertanter Musik entwickelt. Bei der Aufführung müssen die Musiker Improvisationstalent beweisen, richten sie sich doch mit den Tempi nach der Figuren der Pferde. Und die müssen schon mal spontan abgewandelt werden, weiß Diana Krischke aus Erfahrung: „Auch ein Pferd kann einmal einen schlechten Tag erwischen, geschweige denn die Reiter“.

Apropos Reiter: Die zu finden, war gar nicht so einfach. „Es gibt nicht so viele gut reitende Männer mit entsprechenden Pferden,“ schmunzelt Diana. Ja wenn nur auch Frauen erlaubt wären… Doch die hatte Friedrich in seinen Original-Entwurf nicht vorgesehen. Neben Schaubildern und barocker Reitkunst werden Tjoste gezeigt, ritterliche Zweikämpfe in voller Rüstung mit stumpfen Waffen. „Real-Tjoste“, fügt Frau Krischke stolz hinzu, also Schaukämpfe ohne Tricks und doppelten Boden. Doch wer nun wagemutige Film-Stuntmen erwartet, sieht sich getäuscht: Die Kampfkunst zu Pferde ist ein Spezialgebiet der Geschichtswissenschaft. In Potsdam steigen also im Bemühen um Authentizität hochkarätige Historiker und Museumsleute (natürlich entsprechend trainiert) in den Sattel. Sie kommen zum Beispiel extra aus Australien zum Spektakel.

Für die kammermusikalischen Elemente des Pferdekarussells sorgt das Ensemble Celeste Sirene, Sänger, Schauspieler und Artisten ergänzen das zweieinhalbstündige Programm. Hinter den Kulissen sorgen Dutzende Kostüm- und Maskenbilder, Ton- und Lichttechniker und natürlich Pferdepfleger für einen reibungslosen Ablauf. Alle Fäden laufen beim künstlerischen Leiter Kaspar von Erffa zusammen.

Doch lohnt sich der Riesenaufwand für nur vier Aufführungen? Diana Krischke sieht Chancen darüber hinaus, nicht nur für die Hofreitschule. Wenn das Programm ein Erfolg werde, könnte es noch häufiger aufgeführt werden. Doch so weit denkt die junge Reiterin heute Abend sicherlich nicht. Dann freut sie sich nämlich, dass sie den strengen Auflagen des großen Friedrich ein Schnippchen geschlagen hat – sie darf dem historischen Frauenverbot zum Trotz mitreiten: als Grieche.

Infos im Internet:

www.carrousel-de-sans- souci.de

www.hofreitschule.de

Die Puzzlesteine lagen versteckt in Stockholm und Potsdam, in Bückeburg und Schottland. Historiker und Musiker, Reitkünstler, Kostümbildner und Choreografen haben sie gesucht, rekonstruiert und nach 262 Jahren wieder zu einem Gesamtkunstwerk zusammengefügt. Heute wird vor dem Lieblingsschloss Friedrichs des Großen in Potsdam „Le Carrousel de Sanssouci“ aufgeführt – ein Pferdekarussell mit Musik, Tanz, Gesang und Artistik. Mit von der Partie: die Akteure der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige