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Tot geborene Winzlinge sollen wie Menschen bestattet werden

Friede den Sternenkindern

Hoffentlich kommt diese versprochene Gesetzesänderung bald“, so eine Mitarbeiterin aus dem Hamelner Standesamt. „Wir bekommen hier unzählige Anrufe von Betroffenen, die fragen, ob ihre früh im Mutterleib verstorbenen Kinder nun endlich einen offiziellen Namen bekommen dürfen, endlich anerkannt werden als Menschen und nicht weiterhin eine Sache bleiben.“

veröffentlicht am 28.03.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

Noch nämlich ist es so – und das, obwohl das Regierungskabinett bereits im Mai letzten Jahres einen Änderungsentwurf für das Personenstandsrecht vorlegte, wonach ein tot geborenes Kind weder das Recht auf eine Geburts- noch auf eine Sterbeurkunde hat. Obwohl es Eltern gibt, die ihrem erwarteten Kind bereits einen Namen gaben, die sich auf ein Leben mit Nachwuchs einstellten, die die frohe Botschaft bereits verkündet hatten oder ein Kinderzimmer einrichteten, müssen sie bisher noch damit leben, dass ihre erwünschte Tochter, ihr Sohn niemals irgendwo als Person registriert wird, außer als Fallzahl in den Statistiken über Fehl- und Totgeburten.

Was im ersten Moment einfach nur grausam zu sein scheint, hat andererseits einen zunächst durchaus nachvollziehbaren Hintergrund: Tot geborene Kinder, die weniger als 500 Gramm wiegen, sind fast immer jünger als 23 Wochen, eine Altersgrenze, unterhalb derer auch ein gesunder Fötus wenig Überlebenschancen außerhalb des Mutterleibes hätte. Werdende Mütter gehen straffrei aus, wenn sie einen Schwangerschaftsabbruch noch vor der 22. Woche vornehmen lassen (nicht allerdings die handelnden Ärzte), und liegt eine medizinische Indikation vor, die sich nicht nur auf körperliche sondern auch auf seelische Probleme der Mutter beziehen kann, so ist ein Abbruch sogar bis kurz vor dem Geburtstermin erlaubt.

Zwar entschied das Bundesverfassungsgericht bereits im Jahr 1975, dass die Menschenwürde ab dem Zeitpunkt der Einnistung einer befruchteten Eizelle im Uterus beginnt, doch änderte das nichts am Abtreibungsparagrafen und nichts zum Beispiel daran, dass lebensfähige Kinder mit Trisomie 21 selbst noch in letzter Minute abgetrieben werden dürfen. Angesichts solcher Rechtslagen erschien es lange Zeit nicht naheliegend, tot geboren Frühstgeburten den Status einer Person zuzusprechen.

Das niedersächsische Beerdigungsgesetz aber sieht das schon lange anders. Tot geborene „Sternenkinder“ müssen nicht offiziell beerdigt werden (da sie nicht als „Leiche“ angesehen werden), seit 2005 aber steht ihnen das Recht auf eine Beerdigung prinzipiell zu, man darf sie beerdigen – mit Sarg und Grabstein, auf dem ein Name stehen kann, auch wenn dieser Name in keinem Personenstandsregister geführt wird. Der Hamelner Bestatter Frank Albrecht-Lübbe hat ab und zu mal mit einer individuellen Sternenkind-Bestattung zu tun.

„Dabei geht es ganz genau so zu wie auch sonst bei Beerdigungen“, sagt er. „Der kleine Sarg – meistens ist er weiß – wird auf einem Wagen zur Grabstelle gezogen und dort über zwei Seile in die Erde gelassen.“ Ein Sternenkind-Grab wird dann nicht anders angesehen als Kindergräber und Erdbestattungsgräber, wobei die Grabstelle nach der jeweiligen Friedhofsordnung entsprechend bezahlt werden muss.

So eine rundherum würdige Bestattung von tot geborenen Kindern war nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Die Rintelner Theologin Barbara Schenck erzählt, wie sie als junge Vikarin von ihrem Ausbilder schon darauf vorbereitet worden war, dass es oftmals richtig schrecklich zugeht bei Beerdigungen von Fehlgeburten. „Und dann erlebte ich es selbst, wie sich der Bestatter den winzigen Sarg für eine Frühgeburt im achten Monat unter den Arm klemmte und losmarschierte, die junge Mutter und deren Großmutter hinterher und ich voran, sonst niemand.“ Sie sei so unerfahren gewesen, dass sie kaum gewusst habe, wie sie die Situation einrenken sollte, zumal da alle Beteiligten sehr befangen gewesen seien.

Sie kann sich auch gut an ein seelsorgerisches Gespräch mit den Angehörigen einer plötzlich verstorbenen jüngeren Frau erinnern, bei dem eine 60-Jährige begann, von ihrer Frühgeburt zu erzählen, die doch schon so lange her war. „Bei dieser Frau kam alles wieder hoch, die Vorfreude auf das Kind, die Operation im Krankenhaus, das kleine tote Wesen, dass sie niemals zu Gesicht bekam und dessen Körper irgendwohin verschwand, ohne dass es ein Trauergespräch, einen Beerdigungsgottesdienst, einen echten Abschied gab.“

Da jetzt bevorsteht, dass das Personenstandsrecht geändert wird und Menschen, wenn sie es wollen, auch ein sehr früh tot geborenes Kind beim Standesamt eintragen können, denkt man auch in der evangelisch-reformierten Jakobikirche in Rinteln, wo Barbara Schencks Mann Heiko Buitkamp Pastor ist, konkret darüber nach, wie möglicherweise bevorstehende Beerdigungen dann ablaufen sollten. Wer sein Kind eintragen lässt, untersteht damit ja auch der Bestattungspflicht.

Man solle solche Situationen als klassische Trauersituationen ernst nehmen und davon ausgehend einen richtigen Abschied mit Ritual vollziehen, das Ritual gehöre einfach dazu, sagt das Theologenpaar. „Ein Sternenkind ist ein Gedanke Gottes, über den wir wenig wissen“, sagt Barbara Schenck. „Aber ich sehe es so, dass Leben durch Beziehungen entsteht. Wenn Eltern bereits eine Beziehung zu ihrem Kind entwickelten, auch wenn es dann so früh stirbt, dann ist da ein ganzer Mensch gestorben.“

Ähnlich sieht es auch Krankenhausseelsorgerin Birgit Hodemann, die im Hamelner Sana-Klinikum zusammen mit einer Gynäkologin, der leitenden Hebamme, Pastoren, einer Organistin und anderen Mitarbeitern im Jahr 2005 auf Wunsch von Eltern eine Gruppe gründete, die organisierte, dass Frühgeburten mit einem Gewicht von unter 500 Gramm nicht mehr, wie es immer noch in den meisten Krankenhäusern üblich ist, als „organischer Abfall“ beseitigt werden, sondern bei einem 2006 auf dem Friedhof Wehl eingeweihten Gedenkstein bestattet werden. Zwei Mal im Jahr, jeweils Anfang März und Anfang November, gibt es seitdem einen Gottesdienst mit Musik und Predigt, an dem immer zwischen zehn und 30 Paare teilnehmen, um bei der Erdbestattung ihrer Sternenkinder dabei zu sein.

„Längst nicht alle Betroffenen kommen“, sagt Birgit Hodemann. „Es ist ja auch was anderes, ob man ein Kind in der achten Woche verliert oder in der 22. Woche.“ Anfangs sei sie sich nicht sicher gewesen, ob man dann die ganze Traurigkeit wirklich deutlich ansprechen soll, die Tatsache, dass man seinem Ungeborenen niemals in die Augen sehen, niemals Hand in Hand mit ihm gehen konnte. „Doch ich weiß: Man muss es aussprechen. Dann kommen die Tränen, und der Kummer steigt noch einmal mit Macht hoch, aber für viele ist es so wichtig, richtig zu weinen, seine Gefühle zu erkennen, zu zeigen – und dann weiterzuleben.“

An die Hundert kleiner und winziger Körper werden auf diese Weise beigesetzt (es sind sehr frühe Aborte, auch Abtreibungen dabei), Bestatter Frank Albrecht-Lübbe übernimmt ehrenamtlich all’ die nötigen Vorbereitungen, die Stadt, der Friedhof, das Klinikum und der Arbeitskreis Christliche Kirchen tragen sämtliche Kosten.

Auch in Rinteln, wo es keine Geburtsstation mehr gibt, weist der Seetorfriedhof eine Fläche mit Gedenkstein aus, wo Sternenkinder anonym begraben werden können. „Wir wollten diese Möglichkeit unbedingt schaffen, auch wenn es bisher noch nicht viele Sternenkinderbestattungen gab“, sagt Silvia Wächter, im Tiefbauamt für Friedhofsangelegenheiten zuständig. „Nach und nach gibt es immer mehr Aufklärung rund um die Sternenkinder, erst recht, wenn das Personenstandsrecht geändert wurde. Ich meine, dass die Anzahl der Beerdigungen bald größer werden wird.“

Von den in den Landkreisen befragten Pastoren haben die wenigsten bereits intensive Erfahrungen mit der Beerdigung tot geborener Frühgeburten gemacht. Auch Pfarrer Winfried Moecke von der katholischen Elisabethkirche in Hameln, der schon oft die Sternenkindbestattungen auf dem Friedhof Wehl begleitete, er hat es bisher noch nie erlebt, dass Eltern ihn in Seelsorgergesprächen auf ein verlorenes Sternenkind ansprachen. „Ich glaube, viele wagen es nicht, diese Trauer so wichtig zu nehmen. Aber sie ist wichtig, und deshalb bin ich froh, dass es entsprechende Angebote gibt.“

Sternenkinder – dieser schöne Ausdruck hat ein sehr nüchternes Synonym: „Fehlgeburt mit Gewicht unter 500 Gramm“. Bevor Eltern – überwiegend übers Internet – sich zusammentaten und durch ihre Erzählungen, ihre Gefühlsäußerungen und

ihren Protest darauf aufmerksam machten, dass sie ihre tot geborenen Winzlinge nicht als Sache, sondern als bereits vorgeburtlich geliebtes

Lebewesen verstehen, kümmerte

sich keine Regierungsinstanz darum, dass die sterblichen Überreste

zumeist als „Klinikmüll“ entsorgt

werden. Das soll sich ändern.

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