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Freda hat ein Handicap, aber das spielt kaum eine Rolle – so sieht ihr Alltag aus

Freundin inklusive

Über Inklusion wird viel geredet, aber kaum jemand weiß, wie umwälzend die Veränderungen sein müssen, um Inklusion Wirklichkeit werden zu lassen. Das Konzept beschreibt eine Gesellschaft, in der jeder Mensch akzeptiert wird und gleichberechtigt und selbstbestimmt an dieser teilhaben kann. Eine Wegbeschreibung.

veröffentlicht am 18.02.2016 um 16:31 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:05 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Am schönsten ist es für Freda, wenn ein Tag dem anderen gleicht. Wenn sie von Menschen umgeben ist, die sie kennt, Dinge tut, deren Ergebnis sie absehen kann und nichts Überraschendes passiert. Ein immer wiederkehrender Ablauf. Heute ist ein Tag, der aus der Reihe fällt. Die Zeitung kommt zu Besuch. Die Drittklässerin ist vorbereitet, damit umzugehen, fällt ihr dennoch schwer. Freda ist Autistin.

Das zu erkennen, ist für Außenstehende nicht einfach. Im ersten Moment unterscheidet Freda kaum etwas von ihrer gleichaltrigen Freundin Josefine, die zu Besuch ist. Sie ist zunächst ähnlich aufgedreht, ein wenig albern, so wie Kinder in dem Alter manchmal sind. Der Unterschied: Freda tut dauerhaft so, als sei der Besuch nicht vorhanden, vermeidet Blickkontakt. Dass sie dennoch sehr aufmerksam verfolgt, was passiert, ist erkennbar: Sie will sich zwar (zunächst) nicht fotografieren lassen, kommt kurz darauf aber mit ihrem eigenen Apparat und beginnt zu knipsen.

Dass Fredas Behinderung für Außenstehende nicht offensichtlich ist, macht es nicht einfacher. Es bedeutet oft, mehr zu erklären und manchmal auch, mit dem Unverständnis der Umwelt zurechtzukommen. Wäre die Inklusion, die – vereinfacht gesagt, das Gegenteil von Ausgrenzung bedeutet – in unserer Gesellschaft schon verinnerlicht, wäre Freda einfach ein Mensch mit individuellen Merkmalen. Denn in der inklusiven Gesellschaft gibt es keine definierte Normalität, die jedes Mitglied dieser Gesellschaft anzustreben oder zu erfüllen hat. Normal ist allein die Tatsache, dass Unterschiede vorhanden sind.

Inklusion ist ein Menschenrecht, das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist. Deutschland hat diese Vereinbarung im Jahr 2007 unterzeichnet, 2008 hat sich der Deutsche Bundestag mit der Ratifizierung des Gesetzes zur Übernahme der UN-Konvention verpflichtet, entsprechende Schritte einzuleiten. Die UN-Konvention formuliert den Anspruch einer uneingeschränkten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aller Menschen.

Mit der Umsetzung steht man in Deutschland allerdings noch ganz am Anfang. Dass Inklusion für Freda dennoch in weiten Teilen funktioniert, liegt daran, dass der gesellschaftliche Schutzraum sich nicht nur auf ihr Zuhause beschränkt.

Auch der Schulbesuch funktioniert gut. Freda besucht die dritte Klasse der Grundschule in Amelgatzen. Die Klasse ist eine Kombiklasse, dritte und vierte werden zusammen unterrichtet. Zusammen sind in Fredas Klasse 20 Kinder. Für Freda sei es ein Segen, dass sie die „Zwergenschule“ mit insgesamt 50 Kindern in Amelgatzen besuchen kann, sagt ihre Mutter Petra Wellhausen, denn hier seien die Bedingungen ideal.

„Aus dieser Perspektive ist es eine Katastrophe, dass die kleinen Schulen verschwinden.“ Intellektuell ist Schule ein Kinderspiel für Freda, sie hat sogar eine Klasse übersprungen, konnte bereits lesen, bevor sie in die Schule kam: „Freda hat ein Faible für Buchstaben“, sagt ihre Mutter.

Was sie nicht kann: Allein über die Straße gehen, zum Beispiel. Für den Weg vom Auto über den Parkplatz bis zum Eingang der Schule hat sie mit ihrer Mutter lange geübt. Zu groß war die Angst. In der Schule steht Freda eine Schulbegleiterin der Paritäten zur Seite. „Sie ist eine große Stütze, ohne sie würde es nicht gehen“, sagt die Mutter. Sie hilft Freda vor allem, sich zu organisieren, „das ist für den Lehrer nicht möglich“.

„Die Pausen sind gut“, sagt Freda, sie hat sich inzwischen entschieden, auf Fragen zu antworten. Textil, Kunst und Englisch seien auch gut. Auf die Frage, was passieren würde, wenn Frau Pape nicht mehr da wäre, sagt sie: „Ganz doof.“

„Freda kann nicht sagen: ,Ich brauche Hilfe‘“, sagt Wellhausen. Einmal in der Woche geht sie in die Autismusambulanz, um verschiedene Dinge zum Beispiel im Rollenspiel zu üben. „Was andere Menschen fühlen, muss Freda lernen wie Vokabeln“, erklärt Wellhausen. Sie kann die Mimik im Gesicht eines Menschen nicht deuten. Wichtig sei, Fredas Selbstwertgefühl zu stärken. Was für Freda gut ist, ist allerdings nicht automatisch für alle Autisten gut und wichtig: „Kennst Du einen Autisten, kennst Du keinen Autisten“, zitiert die Mutter.

Und wie geht es

nach der Grundschule weiter?

Und wie geht es nach der Grundschule für Freda weiter? Das bereitet auch Wellhausen Bauchschmerzen: Eine große Schule, in der die Kinder permanent den Klassenraum wechseln müssen, sei eine Riesenhürde für Schüler, die sich schwer strukturieren können, sagt sie. An Kindern wie Freda merke man, woran das System krankt. Und was Inklusion – und sogar Integration – am Ende schwermache.

Ira Begemann (Name von der Redaktion geändert) geht da noch einen Schritt weiter: Aus ihrer Sicht wird Inklusion bisher in keiner Hamelner Grundschule umgesetzt. Für ihre Tochter, die aufgrund einer Chromosomenbesonderheit eine Entwicklungsverzögerung hat und im Sommer eingeschult werden soll, haben die Begemanns vergeblich nach einer Schule gesucht, die ihr Kind inkludiert und nicht nur integriert. Für Ira Begemann ist das ein wesentlicher Unterschied: Inklusion bedeute nämlich unter anderem die selbstverständliche Teilnahme am Unterricht – also ohne Integrationshelfer, der nur für ein bestimmtes Kind zuständig ist. Der stigmatisiere das Kind bereits, mache es zu einem Außenstehenden. Die Erfahrungen, die sie in Grundschulen gemacht hat, hätten sie abgeschreckt: „In einer sollte ich die Eltern sogar auf mein Kind vorbereiten“, sagt sie.

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise eine inklusive Schule in Hannover: Die Grundschule Am Lindener Markt ist dauerhaft mit zwei Lehrkräften ausgestattet. Damit ihr Kind die Schule besuchen kann, werden die Begemanns bald umziehen, sie haben sogar ihr Haus verkauft.

Was für manche vielleicht übertrieben klingt, fuße auf einer Erkenntnisbasis, die in den meisten europäischen Ländern bereits besser umgesetzt werde als in Deutschland, sagt Inklusions-Expertin Professor Jutta Schöler. „Überspitzt könnte man sagen: Solange es in Deutschland Gymnasien gibt, sollten wir nicht von Inklusion sprechen.“ Sie kann die Entscheidung der Eltern, nach Linden zu ziehen, verstehen. „Eine inklusive Schule in Deutschland zu finden, ist, wenn man es streng nimmt, nicht möglich.“

„Wir haben die Hamelner Schulen in Sachen Inklusion als sehr zögerlich kennengelernt“, sagt Manfred Begemann. Bei der Umsetzung der optimalen Förderung, wie sie beispielsweise die Grundschule Am Lindener Markt praktiziert, sind die Hamelner Grundschulen sehr zurückhaltend. Die Grundschule Wangelist könne sich einen Start mit ein bis zwei Kindern mit Beeinträchtigung pro Klasse vorstellen. Damit ist aber die zweite Lehrkraft in der Klasse nicht gewährleistet. „Ich hoffe, dass diese kleine Pflanze des inklusiven Gedankens in naher Zukunft doch noch erblühen kann. Es muss nur eine Schule mal den Anfang machen.“

Der Schulleiter von Fredas Grundschule, Günter Ehling, bringt es auf den Punkt: „Wir sind auf dem Weg zur Inklusion.“ Als diese in Niedersachsen per Erlass 2012 quasi übergestülpt wurde, sei man nicht gut aufgestellt gewesen. So ein System ist träge, sagt Ehling, man brauche nicht nur die Mittel, um die räumlichen Voraussetzungen zu schaffen, sondern auch Fortbildungen. Zudem müsse geschaut werden, an welcher Stelle Lehrer oder besser Sozialpädagogen eingesetzt werden sollten. Aus Ehlings Sicht sollte auch nicht jede Förderschule geschlossen werden.

Allerdings: Wenn ein Kind mit besonderem Förderbedarf einen Schulbegleiter hat, sollte man, wenn möglich, in der Klasse eine Situation herstellen, die vermittelt: Dieser Helfer ist für alle da, meint Ehling. „Das fängt schon damit an, wo die Person sitzt.“ Mit den Kräften vom Paritätischen Dienst in Hameln habe das immer gut geklappt, auch in Kirchohsen. Eine gute Ausbildung sei die Grundlage, nur Bufdis einzusetzen, reiche nicht.

In der deutschsprachigen Übersetzung des Gesetzestextes der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wird durchgängig Integration als synonym für Inklusion verwendet. Das ist eigentlich nicht korrekt, denn Inklusion geht über Integration hinaus – kann aber über sie erreicht werden (aus: Grundwissen Inklusion, Jutta Schöler).

Einige gute Beispiele hat auch Jutta Schöler. Wie die mit dem von Schöler initiierten Jakob-Muth-Preis 2015 ausgezeichnete, inklusive Grundschule in Espelkamp. Auch die Schule in Linden sei gut, das Problem: Die Schulen haben Magnetwirkung und nehmen aufgrund ihrer Attraktivität oft mehr als zwei Kinder mit Behinderungen auf und geraten so wieder unter Druck. „Schule muss sich insgesamt verändern“, sagt Schöler. Echte inklusive Schulen setzen ein geändertes Wertesystem voraus – es müssen Grundlagen geschaffen werden, die eine Integration gar nicht erst erfordern.

Und was bedeutet das praktisch? Eine ganze Menge, unter anderem: zusätzliches pädagogisches Personal, das der gesamten Lerngruppe, die nicht mehr als zwei Kinder mit besonderem Förderbedarf aufnehmen sollte, zur Verfügung steht, sagt Schöler. Die Entwicklung von Freda in der Grundschule Amelgatzen hält sie dennoch für eine Erfolgsgeschichte. Dass Freda viel Hilfe braucht, sei okay: Inklusion heißt eben auch: In jeder Klasse wird die individuelle Begleitung für den Lernenden zur Verfügung gestellt, die er benötigt. Viel entscheidender sei die Weichenstellung in den Köpfen, damit die nächste Prüfung der UN im Jahr 2015 nicht wieder die Note mangelhaft verteilt.



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