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Beim Bookcrossing werden Bücher ausgesetzt – um ihren Weg im Internet zu verfolgen

Freiheit für den ollen Schinken

In der Literatur ist die Reise ein zentrales Thema. Etliche Autoren haben sich mit dem Aufbruch in unbekannte Welten befasst, Eindrücke ihrer Welterkundung niedergeschrieben und für die Nachwelt festgehalten. Doch was, wenn nicht das Buch von einer Reise handelt, sondern es selbst reist und in der Welt herumkommt? Diese Idee verfolgen Plattformen wie bookcrossing.com.

veröffentlicht am 24.08.2015 um 19:50 Uhr
aktualisiert am 09.02.2016 um 08:29 Uhr

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Regenfest in einer Plastiktüte verschlossen, wartet es auf seinen Finder, seinen Retter und neuen Besitzer. Wo es mal landen wird? Das weiß es nicht. Vielleicht bewegt es sich nie von der Stelle oder aber es reist Dutzende Kilometer umher. So geht es Tausenden Büchern, die überall in Deutschland aber auch der ganzen Welt, versteckt liegen. Sie alle gehören zu „Buch-Reise-Aktionen“ wie bookcrossing.com, was übersetzt so viel bedeutet wie Bücher-(Über)Fahrt. Die Idee: einem Buch die Freiheit schenken und schauen, wo es einmal landen wird und was andere Leser zum Inhalt zu sagen haben. Gemacht wird das ganze aus reiner Freunde an der Sache. Reich wird damit niemand.

Mitmachen kann jeder, der einen Internetzugang hat. Denn nur dort erhält man eine Kennnummer, mit der man jedes beliebige Buch kennzeichnen kann. Verpackt und mit dem Hinweis versehen setzt man es dann aus – egal wo – und schickt es auf Reisen. Dabei kann man das Buch seinem Schicksal überlassen oder aber auf der Internetseite von bookcrossing einen Hinweis hinterlassen, wo das Exemplar zu finden ist. Wer ein Buch findet, erhält auf der Plastiktüte und auch auf dem Aufkleber auf der Innenseite des Buches einen Hinweis, was zu tun ist. Lesen muss man das Buch nicht unbedingt, es kann auch ungelesen auf eine neue Reise gehen. Wichtig aber: die Internetseite von bookcrossing aufrufen und unter der Kennnummer des jeweiligen Buches angeben, wo man das Buch wieder in die Freiheit entlassen hat. Nur so kann nachvollzogen werden, welche Strecke das Buch bereits hinter sich hat. Das kann auch anonym gemacht werden: um anzugeben, wo man ein gefundenes Buch wieder freigelassen hat, muss man sich nicht registrieren.

Zum Beispiel das alte Kinderbuch „Puckis erstes Schuljahr“ von Magda Trott. Es ist am 24. Juli in Braunschweig gestartet und wurde dann während eines Urlaubes in der Almbachklamm in Marktschellenberg in Bayern ausgesetzt. Allein das sind schon 783 Kilometer. Um nach Hameln in die Redaktion der Dewezet zu gelangen, legte es weitere 747 Kilometer zurück und hat nun, einen knappen Monat, nachdem es gestartet ist, bereits 1530 Kilometer zurückgelegt. Wohin das Buch als nächstes reisen wird? Das weiß niemand. Nur so viel: Irgendwo in Hameln, an einer exponierten, gut einzusehenden Stelle, wurde es wieder in die Freiheit entlassen. Vielleicht wird es wieder von einem Urlauber mitgenommen? Vielleicht reist das Buch nun in eine ganz andere Ecke von Deutschland oder sogar ins Ausland?

Ins Ausland haben es Bücher, die in Deutschland gestartet sind, bisher nur selten geschafft. Doch viele legen beachtliche Strecken zurück. So zum Beispiel „Dahls Wörterschrank“. Gestartet ist das Buch 2009 in Mohrkirchen (Schleswig-Holstein) und wanderte dann lustig durch Deutschland: Köln, Würzburg, Coburg, Kiel, Nürnberg, Braunschweig, Stuttgart, Hamburg und Grömitz sind nur einige Stationen. Der letzte Eintrag zum Buch ist vom 15. April, derzeit befindet es sich auf Reisen. Abgesehen von der weiten Strecke, die das Buch bereits zurückgelegt hat, hat es noch eine weitere Besonderheit. Jeder Finder darf sich darin verewigen. Die Aufgabe: ein besonders schwieriges, langes oder ungewöhnliches Wort eintragen. Auch Wortneuschöpfungen sind willkommen. Erlaubt ist, was gefällt. Und so finden sich im Buch Einträge wie Perpendikel, Rokoko, Aquädukt aber auch Supercalifragilisticexpialigetisch und Wallpampa (Mischung aus Walachei und Pampa).

Manche registrierte Mitglieder von bookcrossing.com schicken sich Bücher gegenseitig zu oder bilden ganze Bücherketten beziehungsweise Bücherringe, in denen – ähnlich wie bei Kettenbriefen – untereinander getauscht und weitergereicht wird. Manche Bücher werden auch in extra angelegten Tausch-Schränken (zum Beispiel in der Uni Bremen und an zahlreichen Orten in Hannover) hinterlegt, werden als Preis beim Geo-Caching (einer Art Schnitzeljagd) versteckt oder bei meet ups (so werden die Gruppentreffen genannt) getauscht. So kommen manche Bücher zu beachtlichen Reisestrecken.

Auch Edith alias Landmaid aus der Nähe von Stadthagen ist ein begeistertes Mitglied bei bookcrossing. „Als ich 2003 per Zug reiste, entdeckte ich ein bei bookcrossing registriertes Buch im Abteil. Da mich das Buch selbst nicht interessierte und ich damals dachte, dass das Zeitalter des Computers komplett an mir vorbeigehen würde, habe ich es an Ort und Stelle gelassen“, erzählt sie. Als sie sich dann doch einen Computer zulegte, habe sie sich an die Seite erinnert. Seitdem sei kein Tag vergangen, an dem sie nicht eine Mitteilung über den neuen Verbleib eines ihrer Bücher bekommt. Kein Wunder: hat Landmaid doch über 9038 Büchern die Freiheit geschenkt beziehungsweise sie wieder in diese entlassen. Welches ihrer Bücher die weiteste Reise gemacht hat, weiß Landmaid nicht. „Jedoch habe ich einmal einen Journal-Eintrag bekommen, dass das Buch auf einem Aida-Schiff durchs Mittelmeer schippert“, sagt Edith. Den Vorteil an bookcrossing fasst Edith kurz aber doch treffend zusammen: „Über bookcrossing kommt man an so schöne Bücher heran – ohne dass neue Bäume gefällt werden müssen und manchmal sogar Bücher, die man sich niemals gekauft hätte, die dann aber voll das Highlight sind.“

Mit 7769 reisenden Büchern hält Deutschland derzeit den Rekord. Mehr Bücher sind in keinem Land unterwegs. In den USA reisen aktuell 5039 und in Italien 2451 Bücher. Von den über 7000 Büchern in Deutschland, reisen 557 durch Niedersachsen. In Hameln befindet – oder befand – sich, abgesehen von „Puckis erstes Schuljahr“, nur ein Buch. „Mailman“ wurde (so kann man es in den Reisedaten des Buches online lesen) aus den Niederlanden mitgebracht und auf dem Campingplatz an einen anderen Camper mit englischem Nummernschild weitergereicht. Gut möglich also, dass der Roman nun bald im englischen Königreich seine Runden dreht. Natürlich tauchen nicht alle Bücher wieder auf. Manche verschwinden spurlos oder brauchen Jahre, bis sie wieder in der Online-Liste geführt werden.

In Hameln sind derzeit 83 bookcrossing-Mitglieder registriert, Aerzen hat drei, Bad Münder sieben und auch Salzhemmendorf sieben. Bei den weltweiten Mitgliederzahlen haben die USA die Nase vorn – immerhin wurde die Aktion auch dort gegründet. Knapp 350 000 amerikanische Bookcrosser sind derzeit angemeldet, in Deutschland nehmen etwa 75 000 am Buchtausch teil.

Info: Woher kommt die Idee

Bookcrossing beschreibt sich selbst als „Bibliothek für die ganze Welt“. Die Idee, Bücher durch die Welt reisen zu lassen und ihren Weg zu verfolgen, stammt von den Amerikanern Ron Hornbaker, Bruce Pedersen und Heather Pedersen. Sie alle mochten „Where is George?“ (Wo ist George?). Bei der amerikanischen Aktion werden Dollarnoten gekennzeichnet und ihr Weg durch die USA kann im Internet verfolgt werden. 2001 riefen die drei die Website ins Leben und starten ihre eigene Aktion. Es geht ihnen aber nicht nur darum zu schauen, wo Bücher landen. Auf ihrer Homepage beschreiben sie, ihr Ziel sei es, Menschen durch Bücher miteinander zu verbinden. Anstatt Bücher im Regal verstauben zu lassen, solle man ihnen ein neues Leben schenken und andere Leser glücklich machen.



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