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Feministin Alice Schwarzer will die Prostitution abschaffen / Andere meinen: Sexarbeit und Menschenwürde sind vereinbar

Freie Selbstbestimmung?

Ob freiwillig oder erzwungen, ob im privaten Umfeld, auf dem Straßenstrich oder im Bordell, der Aufruf „Prostitution abschaffen“, den Alice Schwarzer in ihrer Frauenzeitschrift „Emma“ veröffentlichte, er sieht im Kauf und Verkauf sexueller Dienstleistungen immer und auf jeden Fall einen Verstoß gegen die Menschenwürde. Beide, Frauen und Männer, begäben sich unter ihre menschliche Würde, wenn sie an dieser Form „moderner Sklaverei“ teilhätten, einer Sklaverei, die zudem die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zementiere, so heißt es im Aufruf. Unsere Zeitung sprach mit zwei Frauen, die sich beruflich mit dem Thema beschäftigen und die, aus so unterschiedlichen Arbeitsfeldern sie kommen, beide dem Emma-Aufruf entschieden widersprechen.

veröffentlicht am 11.11.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 30.05.2017 um 13:08 Uhr

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Da ist zum einen Theologin Katharina Friebe. Sie arbeitet als Referentin im Verband „Evangelische Frauen in Deutschland“ in Hannover, dem Dachverband für insgesamt 38 evangelische Frauenverbände. Anders als etwa die ehemalige Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche, Margot Käßmann, die zu den Erstunterzeichnerinnen der „Prostitution-Abschaffen“-Kampagne gehört, bezeichnet Katharina Friebe den Ansatz des Emma-Aufrufs als verfehlt. „Ja, es ist ein Fehler, die Dienstleistung Prostitution einerseits und kriminelle Verhältnisse im Sexgewerbe andererseits so miteinander zu vermischen, wie Alice Schwarzer es tut. Nicht die Prostitution an sich verstößt gegen die Würde des Menschen, sondern gewisse Arbeitsbedingungen, an denen man etwas ändern kann und muss.“

Dorothee Türnau, in Hannover als Diplom-Sozialpädagogin bei „Phoenix“ tätig, der einzigen Beratungsstelle für Prostituierte in Niedersachsen, zeigt sich geradezu „erschüttert“ von der „Emma“-Kampagne. „Das ist wirklich heftig, gerade jetzt, wo sich die Regierung neu formiert und man in die gegenteilige Richtung fortschreiten müsste, nämlich das Prostitutionsgesetz endlich so auszubauen, dass es den Sexarbeiterinnen konkret weiterhilft“, sagt sie. „Man redet immer nur über die problematischen Fälle und übersieht dabei, dass viele der Frauen sich selbstbestimmt für diese Tätigkeit entschieden haben.“ Wenn etwas gegen die Menschenwürde verstoße, dann die Anmaßung, den Frauen, die eine autonome Entscheidung für die Sexarbeit getroffen haben, von oben herab zu unterstellen, sie seien zu dieser Art Autonomie gar nicht fähig.

Tatsächlich kann man Alice Schwarzers Postulate in genau diesem Sinne interpretieren. Zwar sagt sie nicht direkt, es könne keine Freiwilligkeit in Bezug auf die Entscheidung, als Prostituierte zu arbeiten, geben. Immer wieder auch betont sie, ihr Appell richte sich nicht gegen die Prostituierten selbst, sondern gegen das „System Prostitution“. Dieses „System“ aber, so Schwarzer, es degradiere Frauen grundsätzlich zum „käuflichen Geschlecht“, unabhängig davon, ob die einzelne Prostituierte das nun so sieht oder nicht.

Sie zieht Parallelen zur aus gutem Grund abgeschafften Sklaverei, die lange Jahrhunderte wie selbstverständlich akzeptiert wurde, nicht nur von den Sklavenhaltern, sondern eben oft genug auch von den Sklaven, die sich nicht vorstellen konnten, außerhalb der Sklaverei zu überleben.

„Der Vergleich zur Sklaverei liegt aber daneben“, meint Dorothee Türnau. „Prostituierte verkaufen eben nicht sich selbst und ihren Körper, sondern sie verkaufen eine Dienstleistung. Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung dagegen ist sexualisierte Gewalt und ein Straftatbestand. Dass das gegen die Selbstbestimmung und Menschenwürde verstößt, daran besteht kein Zweifel. Doch darf man daraus nicht den Umkehrschluss ziehen, dass alle Prostituierten quasi Opfer eines menschenunwürdigen ,Systems‘ sind.“ Es müsse darum gehen, verbindliche Rahmenbedingungen für ein freies Dienstleistungsverhältnis zwischen erwachsenen Menschen zu gestalten.

„Die Prostitution insgesamt als menschenunwürdig zu bezeichnen, wird den Beteiligten und ihrer Arbeit nicht gerecht. Diese Arbeit existiert, sie ist Teil des Wirtschaftslebens, die Frauen verdienen damit ihren Lebensunterhalt, und sie haben inzwischen das gesetzlich verbriefte Recht dazu. Trotzdem führen viele Prostituierte wegen der allgemeinen Stigmatisierung ein Doppelleben, sie werden nicht gehört, weil sie gar nicht wagen, sich zu outen.“

Katharina Friebe sieht noch einen weiteren Aspekt. „Es scheint, als stelle es bei vielen das Weltbild auf den Kopf, wenn sie Prostitution als etwas Selbstbestimmtes ansehen sollen“, meint sie. „Prostituierte sind in den Augen der Gesellschaft fast immer ,gefallene Mädchen‘ und nicht etwa erwerbstätige Frauen.“ Daran habe sich auch mit der Legalisierung nicht viel geändert, auch nicht dadurch, dass es seit einem Jahr den Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen gibt, dazu Interessenvertretungen von Prostituierten, die ihre Arbeit so angesehen wissen wollen wie andere Arbeit auch.

„Das Selbstbild der Prostituierten wird auch aus weltanschaulichen Gründen ignoriert, vielleicht nicht in den Äußerungen vieler Männer, die es einfach praktisch finden, dass man sich Sex einkaufen kann, aber da, wo es um eine sachliche gesetzliche Regelung angemessener Arbeitsbedingungen geht.“

Sexualität, das sei immer noch ein Reizthema. Wer offen sage: „Ich mache damit gutes Geld“, der starte damit fast automatisch einen Angriff auf eine Gesellschaft, die, wider besseres Wissen, an einem Ideal festhalten will, das Sex immer mit Liebe und Beziehung verbindet. Der springende Punkt sei ein anderer: „Es muss bei einem Aufruf gegen ,Sklaverei‘ insgesamt gegen menschenverachtende, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse gehen“, so Katharina Friebe. „Importierte Bauarbeiter, Erntehelfer, Schlachter in den Fleischfabriken, sie laufen, ebenso wie Prostituierte, Gefahr, wie Sklaven gehalten und eingesetzt zu werden. Es ist, meine ich, unsinnig, die Arbeit im Sexgewerbe abzutrennen von derjenigen in anderen Arbeitsfeldern. In unserer Konsumgesellschaft gibt es so viele Menschen, deren Menschenwürde wir missachten.“ Die Prostitution sei da kein Sonderfall, durch deren Abschaffung man eine „moderne Sklaverei“ aus der Welt schaffen könne.

Dorothee Türnau, die im Verein „Phoenix“ täglich mit Prostituierten und ihren Fragen und Problemen zu tun hat, betont ebenfalls, dass sexuelle Dienstleistungen keinen Sonderstatus haben dürften. „Schon der Begriff der Zwangsprostitution ist höchst problematisch“, sagt sie. „Schließlich sind Nötigung, Vergewaltigung und Menschenhandel an sich längst Straftatbestände, ob sie nun im Sexgewerbe stattfinden oder in einer Fabrik. Den Frauen, die als selbstständige Prostituierte arbeiten, ist nicht damit geholfen, wenn man ihre Arbeit in den Kontext von Ausbeutung und Menschenhandel einordnet. Damit behindert man die notwendige Diskussion mit allen Betroffenen darüber, in welche Richtung es bezüglich bundeseinheitlicher Kontroll-Regelungen gehen soll.“

Wenn im November der Deutsche Frauenrat seine Mitgliederversammlung hat, wird auch Katharina Friebe dabei sein. „Ich hoffe, dass es uns dann gelingt, eine einheitliche Position zu finden, bei der das Argument der freien Selbstbestimmung ernst genommen wird. Von einer Fremdbestimmung auszugehen auch da, wo Frauen freiwillig in der Prostitution arbeiten, das wäre jedenfalls in meinen Augen menschenverachtend.“

„Prostitution abschaffen!“ – dazu rief „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer in einer spektakulären Kampagne auf. Fast hundert Prominente unterzeichneten den Aufruf, und tatsächlich: Wäre es um unsere Gesellschaft nicht besser bestellt, wenn niemand auf die Idee käme, Sex sei eine Ware wie jede andere, Sexarbeit ein Beruf wie andere Berufe auch? Und körperliche Intimität habe jedem jederzeit gegen Geld zur Verfügung zu stehen? Es kann durchaus einleuchten, die Prostitution mit

allen Mitteln als menschenunwürdig aus der Welt schaffen zu wollen – nur auf den ersten Blick allerdings.

Leuchtreklame auf der Großen Freiheit in Hamburg, Tätigkeitsfeld unzähliger sogenannter „Sexarbeiterinnen“.



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