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Wie ein Vater mit seinem kranken Sohn von Syrien ins Weserbergland geflüchtet ist

Folter, Flucht und Menschenschmuggler

Ich habe die Hölle auf Erden überlebt und bin nach einer abenteuerlichen Flucht im Paradies angekommen“, sagt Ammar Cheikho, schaut auf seinen neben ihm auf dem Sofa schlafenden Sohn und streichelt ihm durch sein schwarzes Haar. Der Syrer kann wieder lächeln. Er glaubt, dass er nicht mehr am Leben wäre, wenn er seiner Heimat nicht den Rücken gekehrt hätte. Vor 14 Monaten ist der Bauer aus dem Norden Syriens mit seinem schwer kranken Jungen nach Deutschland gekommen. „Wäre ich dort geblieben, hätte auch Ziwar keine Überlebenschance gehabt“, meint der junge Mann. Die Blutkrankheit, an der sein Junge leide, könne in Syrien nicht behandelt werden. Es habe Zeiten gegeben, da sei sein Sohn dem Tode sehr nahe gewesen.

veröffentlicht am 03.02.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:21 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

In Hameln fühlen sich der 29-jährige Familienvater und der siebenjährige Junge sehr wohl – und vor allem sicher. „Wir sind den Deutschen sehr dankbar, dass sie uns aufgenommen haben. Sie sind sehr nett und helfen, wo sie nur können.“ Auch Ehefrau Rojin Maish (25) und die Kinder Mohamad (5) und Simov (6) sind inzwischen vor Krieg und Terror geflohen. Sie warten in der türkischen Stadt Izmir auf die Erlaubnis, nach Hannover fliegen zu dürfen. Die Ausländerbehörde der Stadt Hameln und die deutsche Botschaft in Ankara hätten einer Familienzusammenführung aus humanitären Gründen zugestimmt, erklärt die auf Migrationsrecht spezialisierte Anwältin Susanne Schröder. „Seit ich weiß, dass meine Frau und die Kinder nicht mehr in Syrien sind, kann ich endlich wieder ruhig schlafen“, sagt der Bürgerkriegsflüchtling.

In Derbassie hat der Kurde Mais und Baumwolle angebaut. Ein Dokument, das Ammar Cheikho den deutschen Behörden vorgelegt hat, weist ihn als „geheimes Mitglied“ der kurdischen „Azadî Partiya“ aus. Azadî, das heiße Freiheit, erklärt der Familienvater, der 2004 in der syrischen Armee gedient hat und kurz vor seiner Flucht gemeinsam mit anderen gegen das Regime des Präsidenten Baschar al-Assad demonstriert hat. Die syrische Polizei habe ihn im Frühsommer 2012 festgenommen und gemeinsam mit vielen anderen Männern in ein Verlies gesperrt. „In dem Keller unter der Wache waren bestimmt 70 bis 80 Personen. Mich und drei weitere Regimegegner haben sie an einer Wand angekettet“, erzählt der Flüchtling leise. Wieder schaut er zu seinem Sohn, streichelt den Arm des Kindes, wohl, um sich zu überzeugen, dass der Junge schläft. „Sie haben mich mit geflochtenen Stromkabeln geschlagen und mit Füßen getreten – eine Woche ging das so. Durch die Tritte ist bei mir ein Hoden geplatzt. Ich hatte furchtbare Schmerzen, dachte: „Die bringen dich um. Ich überlebe das nicht.“ In den Zellen, behauptet der Flüchtling, seien Männer totgeprügelt worden. Man habe die Opfer sogar gefilmt. Es grenze an ein Wunder, dass er diese Hölle überlebt habe, meint Ammar Cheikho. Nach acht Tagen Folter wurde der politisch aktive Bauer entlassen. „Ich musste mich schriftlich verpflichten, nie wieder an einer Demonstration gegen Baschar al-Assad teilzunehmen.“

Schwer verletzt schleppte sich der Gefolterte in ein Krankenhaus. Vier Wochen sei er in der Klinik behandelt worden, erzählt er. „Ich habe noch niemals zuvor so schlimme Schmerzen gehabt, wie in dieser Zeit.“

Überall in Syrien sind die Spuren des Bürgerkrieges unübersehbar – wie hier in Hama. dpa

Von einem Kumpel bekommt der Landwirt im Juli 2012 die Information, dass er in wenigen Tagen als Reservist zur Armee eingezogen werden soll. „Ich wollte nicht auf diejenigen schließen müssen, mit denen ich zuvor demonstriert hatte“, sagt Ammar Cheikho. „Syrer sollten nicht Syrer töten.“ Für den jungen Mann steht in diesem Moment fest: „Ich muss hier weg. Egal wie. Egal, was es kostet. Die Zeit beim Militär hätte ich nicht überlebt. Ganz sicher nicht.“ Schleuser, das weiß der Familienvater, verlangen viel Geld. Die Großfamilie legt zusammen, verhandelt mit Kontaktleuten. 20 000 US-Dollar soll die Flucht nach Deutschland für Vater und Sohn kosten. Weil der kleine Ziwar von seiner Krankheit gezeichnet ist, verlangen die Menschenschmuggler schließlich nur 10 000 US-Dollar. Viel Geld, aber die Familie bringt es auf. Jeder gibt so viel, wie er kann. Die Summe wird bei einer vertrauenswürdigen Person hinterlegt, die beide Seiten kennen. „Die Summe wird erst übergeben, wenn wir in Deutschland angekommen sind. So ist es bei uns üblich“, berichtet Ammar Cheikho. Dass die Schlepper die Not der Flüchtlinge ausnutzen, macht den 29-Jährigen nicht wütend. Er zuckt mit den Schultern, lächelt – und sagt dann: „Das ist halt deren Job. Davon leben sie.“

Die Odyssee beginnt: Ein Freund fährt Vater und Sohn mit einem VW-Bus bei Tel Abiat über die syrisch-türkische Grenze. Der Soldat, der sie bewacht, kassiert fürs Weggucken umgerechnet 130 Euro. Das sei in etwa so viel, wie ein Lehrer in Syrien pro Monat verdiene, sagt der Flüchtling.

Drüben in der Türkei setzen sich Vater und Sohn in einen Dolmus, das ist eine spezielle Art von Sammeltaxi. Der Kleinbus bringt die Syrer ins Flüchtlingslager Kiziltepe. 10 bis 15 Tage, so genau weiß er es nicht mehr, harren Ammar Cheikho und der kranke Ziwar dort aus. Dann ziehen sie um in eine Wohnung. Mit 13 Männern hausen sie in drei Zimmern. Um Geld für Nahrungsmittel zu verdienen, arbeitet der Flüchtling schwarz auf dem Bau. An manchen Tagen verdient er 5 Euro.

Ein Bekannter hat inzwischen Kontakt zu den Menschenschmugglern aufgenommen. Von Istanbul sollen Vater und Sohn nach Griechenland geschleust werden. 20 Stunden sind beide mit einem Bus unterwegs, bis sie in der türkischen Millionenstadt ankommen. Am Busbahnhof stellt sich ihnen ein Mann vor, der sich Abu Ibrahim nennt. Er ist syrischer Kurde und Mitglied einer Schmugglerbande. Abu Ibrahim nimmt Vater und Sohn die Pässe ab. Wenig später geht es mit einem VW-Transporter, in dem acht weitere Flüchtlinge sitzen, zum Meer. Sechs Stunden dauert die Fahrt zur Küste. Am Ufer liegt ein Schlauchboot mit Paddeln. „Fahrt auf die andere Seite. Es ist nicht weit. Ihr werdet erwartet“, gibt der Schleuser den Flüchtlingen mit auf den Weg. Es ist sehr eng in dem Boot. In der Dunkelheit fällt ein Mann ins Meer. „Wir haben ihn mit vereinten Kräften wieder ins Boot gezogen“, sagt der 29-Jährige. „Das Wasser war sehr dreckig.“ Nicht einmal eine gefühlte halbe Stunde dauert es, da erreichen die Bürgerkriegsflüchtlinge griechischen Boden und damit die Europäische Union. Von einem Schleuser, der am Strand gewartet hat, erhält die Gruppe neue Anweisungen. „Der Mann hat uns gesagt, wir sollen durch einen Wald gehen und Bahnschienen überqueren. Nach drei Stunden würden wir eine Stadt erreichen. Dort sollten wir uns bei der Polizei melden.“ Jeder bekommt noch einen Zettel mit einer Telefonnummer in die Hand gedrückt. „Gebt das einem Taxi-Fahrer, wenn ihr in Athen seid. Er wird euch zu einer Adresse bringen“, sagt der Menschenschmuggler.

Die Flüchtlinge gehen zur griechischen Polizei. Man habe ihnen Fingerabdrücke abgenommen, Fotos gemacht und ein Dokument erstellt, erzählt Ammar Cheikho. Die Polizisten hätten von jedem Flüchtling 100 Euro verlangt und einen Bus nach Athen bestellt. Der habe aber nur 60 Euro gekostet. 24 Stunden später erreichen die Syrer Athen. In einem Café, in dem nur Kurden sitzen, bekommen die Flüchtlinge Essen und Trinken, als sie sagen: „Wir kommen von Abu Ibrahim.“ Mit Taxis werden die Syrer zu verschiedenen Kontaktleuten gebracht. Vater und Sohn bekommen ein Zimmer in einer Wohnung. Miete müssen sie nicht bezahlen. Wochenlang warten sie auf die Weiterreise nach Deutschland. Vom griechischen Staat, sagt Ammar Cheikho, habe er in dieser Zeit keine Unterstützung erhalten. Der Vater bringt sein krankes Kind in eine Klinik. Es benötigt eine Blutwäsche. 15 Tage liegt Ziwar im Krankenhaus. „20 000 Euro sollte ich für die Behandlung meines Sohnes bezahlen“, sagt er. „Ich war verzweifelt.“ Der Syrer wendet sich an eine Hilfsorganisation. Wie sie heißt, weiß er nicht. Nur, dass dort eine blaue Flagge mit gelben Sternen wehte. „Sie haben die Krankenhausrechnung bezahlt“, sagt der Vater.

Mitte Oktober werden Ammar Cheikho und Ziwar von den Schleusern mit gefälschten blauen Pässen ausgestattet. Er kann nicht lesen, welcher Nation er angehören soll. Die Buchstaben sind lateinisch, nicht arabisch. Mit einem Flugzeug sollen Vater und Sohn nach München fliegen.

Doch irgendetwas läuft schief. Nur Ziwar könne fliegen, sagen die Menschenschmuggler. Sie würden ihn einer jungen Frau mitgeben. Diese werde ihn als ihren Sohn ausgeben. Schweren Herzens stimmt der Vater zu, denn: Ziwar ist schwer krank. Er benötigt dringend medizinische Hilfe. Deshalb lässt er den Kleinen fliegen – mit einer Fremden.

Es klappt. Ziwar landet in München, wird von Schleusern mit einem Auto nach Bad Münder gefahren. Dort wohnen Bekannte seiner Familie. Nach seiner Ankunft informieren sie Polizei und Rettungsdienst. Erst wird der Junge in der Hamelner Kinderklinik behandelt, kurz darauf zur Medizinischen Hochschule nach Hannover gebracht.

Mit einem gefälschten Papier, das er von den Schleusern bekommen hat, reist der Vater per Schiff von Griechenland zurück in die Türkei. Die Menschenschmuggler haben ihren Plan geändert. Ammar Cheikho soll mit einem gefälschten Pass von Istanbul nach Paris fliegen. Ohne Probleme kann er ausreisen. Der Grenzpolizist habe nicht einmal in seinen Reisepass geschaut. „Vielleicht haben sie ihn bestochen“, sagt der Flüchtling.

Auch am Flughafen in Paris gibt es keine Probleme. Die Passkontrolle ist nicht besetzt. Ein marokkanischer Taxifahrer besorgt ihm ein Bahnticket nach Hannover. Die bayerische Grenzpolizei führt im Zug Personenkontrollen durch. Ammar Cheikho wird festgenommen und zur Wache gebracht. Als er erzählt, dass er auf dem Weg zu seinem todkranken Sohn nach Hannover ist, haben die Polizisten Verständnis. Aber sie prüfen die Angaben des Mannes – sie lassen ihn mit seinem Sohn telefonieren. Ein Dolmetscher hört das Gespräch mit. Weil der Syrer nicht gelogen hat, habe er von der Polizei ein Zugticket und ein Dokument bekommen, das ihm einen vierwöchigen Aufenthalt in Deutschland gestattet.

„In Deutschland sind alle sehr nett“, sagt der Vater. „Ich möchte mich bei allen, die uns geholfen haben, dafür bedanken. Ihr habt uns gerettet.“

Während in der Schweiz eine Friedenskonferenz stattfindet, wird in Syrien weiter geschossen, gestorben und gefoltert. Der Bürgerkrieg soll bereits 130 000 Tote gefordert haben. Ein Vater, der mit seinem kleinen Sohn von Nordsyrien nach Hameln geflüchtet ist, erzählt, was er auf seiner monatelangen Reise erlebt hat.



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