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Flexibel, offen, angestellt auf Leihbasis

Leiharbeit ist für Schaumburg nichts Neues. Es gibt sie bereits seit den neunziger Jahren“, sagt Jörg Lücking. Er ist Teamleiter bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Stadthagen und betreut den Arbeitgeberservice. „Schaumburg war sogar relativ früh dabei.“ Allerdings habe es seit den sogenannten Hartz-Reformen der Schröder-Regierung 2005 einen Anstieg bei der Zeitarbeit gegeben. Damals erreichte der Anteil der Zeitarbeitsstellen an den insgesamt bei der BA gemeldeten offenen Stellen mit mehr als 46 Prozent einen Rekordwert. Seitdem haben Lücking und seine Kollegen „relativ stabile Werte“ bei den Zugängen um die 30 Prozent zu verzeichnen.

veröffentlicht am 13.07.2012 um 00:00 Uhr

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Eines der Unternehmen, die in der Personaldienstleistungsbranche tätig sind, ist die ZAG Personal und Perspektiven. Zu diesen Dienstleistungen gehört auch die Zeitarbeit. Die ZAG hat in Stadthagen eine Filiale. „Wir haben derzeit 100 Mitarbeiter, im vergangenen Jahr haben wir sogar die Hunderter-Marke geknackt“, erklärt Melanie Wilharm, die Geschäftsführerin der Stadthäger ZAG-Vertretung.

Derzeit sind ihre Mitarbeiter an 30 Firmen in Schaumburg, Barsinghausen und Wunstorf verliehen. Insgesamt sind es seit Jahresbeginn 2011 fast 140 Betriebe gewesen, die auf die Dienstleistung Zeitarbeit zurückgegriffen haben. „Die namhaften und erfolgreichen Unternehmen der Region arbeiten mit uns zusammen.“ Dazu gehören jedoch nicht allein Industriebetriebe, die Gabelstaplerfahrer, Mechatroniker und Lagerarbeiter ausleihen, auch das Handwerk ist „mit allen denkbaren Berufen“ als ZAG-Kunde vertreten. Bei der Kreishandwerkerschaft ist Zeitarbeit durchaus ein Thema aufgrund der speziellen saisonalen Bedingungen einzelner Gewerke. „In der Regel wird aber versucht, mit dem Stammpersonal zu arbeiten“, sagt Wilfried Arndt. Allerdings wird bei Auftragsspitzen schon auf die Leiharbeiter zurückgegriffen. Nach Angaben von BA-Teamleiter Lücking sei zu beobachten, dass sich der Fokus in der Zeitarbeit verstärkt auf Fachkräfte ausrichtet, weil die Bedarfe der Firmen hier stetig zunehmen.

Bei der Zeitarbeit, die oft auch als Leiharbeit bezeichnet wird, schließen das Zeitarbeitsunternehmen und der Arbeitnehmer einen Vertrag, sodass dieser dann bei dem Zeitarbeitsunternehmen beschäftigt ist. Das Zeitarbeitsunternehmen leiht seinen Mitarbeiter dann an einen anderen Betrieb aus und bekommt dafür eine bestimmte Summe als Entgelt. Die Differenz zwischen dieser Summe und dem Gehalt für den Arbeitnehmer bleibt dann beim Zeitarbeitsunternehmen. Jüngst hatte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in einem Bericht zur Entwicklung der Weltwirtschaft gefordert, dass in Deutschland die Rahmenbedingungen für sogenannte atypische Beschäftigungsverhältnisse verbessert werden. Zu den von der UN-Organisation benannten „atypischen Beschäftigungsverhältnissen“ gehören außer den befristeten Verträgen und Teilzeitstellen auch Zeitarbeit sowie gering bezahlte und kurzfristige Jobs.

In Schaumburg sind im Bereich der IG Metall laut Thorsten Gröger „Betriebe, die Leiharbeit in einem nennenswerten Umfang ausnutzen, die Ausnahme“. Gröger ist der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Nienburg-Schaumburg. Dies liege einerseits daran, dass die jeweiligen Arbeitnehmervertretungen und Geschäftsführungen andere Flexibilitätsinstrumente gefunden haben. Andererseits sei eine längere Einarbeitungszeit für Fachkräfte etwas, was der vorübergehenden Leiharbeit widerspreche.

Zeitarbeit wird nach Angaben von Martin Wrede, dem Geschäftsführer der Stadthäger Geschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer Hannover, von den Unternehmen dazu benutzt, dass sich Arbeitnehmer vorstellen können. „Dies kann ein Weg in eine reguläre Beschäftigung sein“, zählt er einen Vorteil auf. Dabei gehe es im Wesentlichen nicht um Billigverträge, sondern darum, dass hoch qualifizierte Arbeitnehmer für die Betriebe gewonnen werden können.

Auch bei der ZAG in Stadthagen sehen Mitarbeiter die Zeitarbeit als Sprungbrett. „Wir haben aber auch viele Mitarbeiter, die seit Jahren für uns tätig sind“, führt ZAG-Geschäftsführerin Melanie Wilharm aus. Die Gründe dafür sieht sie nicht nur darin, dass sich die Zeitarbeiter ausprobieren können und in anderen Berufen als den gelernten ihren Lebensunterhalt verdienen können. „Wir merken bei Auftragsschwankungen zwar, dass unsere Mitarbeiter die Ersten sind, die den Entleih-Betrieb verlassen müssen.

Diese sind aber auch die Ersten, die wieder eingestellt werden.“ Das Unternehmen sei zudem branchenübergreifend breit aufgestellt und könne deshalb von Kündigungen absehen, da es das Ziel sei, die Mitarbeiter auf andere Unternehmen umzuverteilen.

Zudem sei die von den Zeitarbeitern geforderte Flexibilität und Offenheit für Neues mittlerweile bei Personalchefs gern gesehene Faktoren. „Klassische Leiharbeit bedeutet wechselnde Arbeit in wechselnden Firmen. Unsere Mitarbeiter müssen daher nicht nur flexibel und offen für Neues sein, sondern auch wach“, führt Wilharm weiter aus.

Ein weiterer Vorteil liegt nach Ansicht von BA-Teamleiter Lücking darin, dass auch „Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt sonst kaum Chancen haben, genommen werden“.

Aus Sicht der Gewerkschaften soll Leiharbeit nur dazu genutzt werden, Vakanzen und Auftragsspitzen abzufangen, führt der IG-Metall-Bevollmächtigte Thorsten Gröger weiter aus. „Deshalb sollen Leiharbeiter auch gleich vergütet werden wie die Stammarbeitnehmer.“

Dies hatte die Gewerkschaft bei den Tarifverhandlungen im vergangenen Frühjahr auch teilweise durchgesetzt und auch eine Übernahmepflicht nach 24 Monaten für Leiharbeiter ausgehandelt. „Wir lehnen Leiharbeit dort ab, wo sie über die Ausnahmen zur Abdeckung von Auftragsspitzen und Vakanzen – die schnell und umgehend abgefangen werden sollen – hinaus geht, ab“, macht der Gewerkschafter deutlich. Allerdings ist die Kernforderung nach der Gleichbezahlung, das sogenannte „equal pay“, nicht umgesetzt worden.

Auch aus Sicht der ZAG ist die Bezahlung ein wichtiger Faktor. „Wir zahlen nach Tarifvertrag und Sondergratifikationen sowie in die betriebliche Altersvorsorge ein“, betont ZAG-Geschäftsführerin Melanie Wilharm.

Doch gerade die Gleichbezahlung sei aus Sicht der Bundesarbeitsagentur ein wichtiger Punkt. Wenn Zeitarbeit in erster Linie zur Abfederung von Leistungsspitzen genutzt wird und die Entgelte „so nah wie möglich an ,equal pay‘, ist es eine gute Sache zum Erst- oder Wiedereinstieg in den Beruf“, hebt Jörg Lücking hervor, „daneben steigere dies die Akzeptanz bei den Arbeitnehmern.“

Unter der Regierung Schröder erreichte der Anteil der Zeitarbeit in Deutschland Rekordwerte. Auch heute sind Arbeitnehmer, die an Schaumburger Unternehmen „verliehen“ werden, noch gängige Praxis. Aus Sicht der Gewerkschaften hat sich für Leiharbeiter einiges verbessert, Kritik gibt es dennoch.

„Forderung nach gleicher Bezahlung nicht umgesetzt“



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