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„Fischwilderer-Mafia“ räumt Teiche leer

Das für jeden freien Germanen geltende Recht auf Jagd wurde bis ins hohe Mittelalter nicht angetastet. Einerseits konnten zum Beispiel Bauern so ihr Land gegen Wildschäden schützen, sich andererseits aber auch mit Nahrung versorgen. Heute hingegen ist die Jagd in Deutschland per Gesetz geregelt. Wilderer müssen mit drastischen Strafen rechnen.

veröffentlicht am 01.07.2011 um 00:00 Uhr

Von Matthias Rohde und Luisa Sofia Brockhage

Der Wilderer-Romantik, die in einigen Spielfilmen und Büchern beschworen wird, können die heimischen Experten Heinrich Stahlhut-Klipp, Jürgen Ziegler, Wilhelm Wehrhahn und Günter Steierberg nichts abgewinnen. Kreisjägermeister Stahlhut-Klipp erklärt, dass sich mit den Zeiten auch der Begriff der Wilderei verändert habe: „Wer heute absichtlich wildert, begeht eine Straftat.“

Ähnlich kommentieren Günter Steierberg, Vorsitzender des Fischervereins Schaumburg-Lippe, und Wilhelm Wehrhahn, zweiter Vorsitzender des Fischereivereins Hameln und Umgebung, die illegalen Machenschaften der Wildfischer. „Einige machen es wirklich mit Absicht; setzten sich an Flüsse oder Seen und werfen ihre Angelruten aus. Doch einige wissen scheinbar bis heute nicht, dass es hierzulande verboten ist, ohne Angelschein zu angeln“, so Steierberg. Gerade die Weser und die in der heimischen Region in großer Anzahl vorhandenen stehenden Gewässer, wie stillgelegte Kiesgruben, seien für Wilderer ein leider immer beliebter werdendes Ziel ihrer Aktivitäten.

„Diese Leute sind uns allerdings nur mit Angeln aufgefallen. In unserer Region haben wir Gott sei Dank noch keinen mit Netzen illegal fischen sehen“, sagt Steierberg. Auffallen würden den Mitgliedern des Fischereivereins diese Leute dadurch, dass sie sich an den äußersten Stellen der Gewässer „verstecken“ und verschwinden, sobald sie einen auf sie zukommen sehen.

Der Wilderer-Romantik, wie auf diesem alten Druck festgehalten und auch in der Literatur beschworen, können heute weder Jäger noch Fischer etwas abgewinnen.

Natürlich gebe es auch den klassischen Fall, dass ein Vater seinem Sohn das Angeln näherbringen möchte und ihn deswegen auf die Inselspitze mitten in der Weser führt. „Auch wenn in diesen Fällen meist kein großer Schaden entsteht, so ist dieser gut gemeinte väterliche Rat nicht erlaubt und wird von uns zur Anzeige gebracht“, so Wehrhahn.

‚Uns‘, klärt der erfahrene Fischer auf, das seien in diesem Fall die Mitglieder des Sportfischervereins, die mit der Lizenz zum Fischen nicht nur das Recht auf Fischfang erworben hätten, sondern auch die Verpflichtung eingegangen seien, das Fanggebiet des Vereins gegenüber Wilderern zu schützen. Steierberg: „Unsere Mitglieder, die an verschiedenen Tagen unterwegs sind, sprechen jeden Menschen an, der eine Angel ausgeworfen hat – vor allem die, die sie vorher noch nie gesehen haben.“ Wer die notwendigen Dokumente, die ihn zum Fischen berechtigen, nicht nachweisen könne, werde angezeigt.

Die Fischereirechte beinahe aller Gewässer in Deutschland sind verbindlich festgeschrieben. Unabhängig davon, ob es sich um ein privates oder kommunales Gewässer handelt, obliegt dem Eigentümer die Verwaltung des Fischereirechts, das zum Beispiel in öffentlichen Gewässern durch Fischereiaufseher kontrolliert wird.

Auch die Wälder sind in sogenannte Jagden eingeteilt. Nur der Inhaber einer Jagd hat das Recht, in einem begrenzten Waldstück Tiere zu erlegen. Er kann dieses Recht auch mit anderen Jägern teilen, indem er ihnen einen Gaststatus einräumt. Jagdwilderei, so Ziegler, sei in Deutschland eigentlich kein Thema mehr. Der Jäger räumt aber ein, dass es durchaus auch heute noch vorkomme, dass hin und wieder zum Beispiel aus Unwissenheit gegen das Jagdgesetz verstoßen werde. „Das Mitnehmen eines Geweihs oder Teile dessen ist beispielsweise nicht erlaubt.“

Hintergrund dieser Maßnahme, erläutert Ziegler, sei unter anderem die Tatsache, dass die Anzahl der Geweihe Aufschluss über den zu kontrollierenden Gesamtbestand einer Jagd gebe. Ein anderes Beispiel für Wilderei seien Autofahrer, die sich totgefahrenes Wild aneigneten. Auch hier gebe es eine eindeutige gesetzliche Regelung, die es ausschließlich dem Jagdpächter gestattete, ein solches Tier mitzunehmen.

Autowilderei sei seit Kurzem auch im Landkreis Schaumburg wieder in Verdacht, sagt Stahlhut-Klipp: „Es werden wieder Autos mit unbekannten Kennzeichen gesichtet, die nachts vom Wald kommen. Das ist seit gut zwei Jahren nicht mehr vorgekommen.“ Damals sei ein Männertrio angetroffen worden, das gewildert hat und auch verurteilt wurde.

„Was auch schon vorgekommen ist: Ein Gastjäger hat mehr Tiere erlegt, als ihm zugestanden wurde. Auch in diesem Fall handelt es sich um Wilderei“, so Ziegler. Auf die Einhaltung der Gesetze und Bestimmungen legen die Jäger der heimischen Region größten Wert, wie Ziegler anhand eines Beispiels erläutert: „Es gibt Waldstücke, in denen mehrere Jagden aneinandergrenzen. Grundsätzlich ist es nicht erlaubt, aus der einen Jagd heraus in die andere hinein Tiere zu bejagen.“

Käme es aber zu dem Fall, dass ein Jäger in seinem Gebiet einen Schuss abgebe und das getroffene Tier auf dem angrenzenden Gebiet des „Kollegen“ versterbe, dann müsse der Schütze den Pächter der Nachbarjagd informieren, denn er selbst dürfe die Nachbarjagd zur Jagdausübung nicht betreten.

Neben den Schusswaffen fallen auch ausgebildete Jagdhunde unter das Jagdgesetz, wie ein Jäger aus dem Landkreis, der anonym bleiben möchte, betont. „Auf einem Spaziergang durch meine Jagd habe ich eine Schweißfährte entdeckt.“ Eine Schweißfährte, das sei, so der Jäger, eine aus Bluttropfen bestehende Strecke, die gelegt werde, um mit Jagdhunden das Nachsuchen von getroffenen Tieren zu trainieren.

„Ich habe dann zwei mir unbekannte Männer angetroffen, die einen Jagdhund dabeihatten, der eindeutig in der Ausbildung war.“ Die Erklärung der beiden Wilderer sei so einfach wie dreist: „Die erzählten mir doch tatsächlich, dass sie zwar Jagdpächter seien, aber diese Jagd viele Kilometer entfernt sei, und da die Ausbildung eines Jagdhundes viel Zeit erfordere, sei es ihnen nicht möglich, diese weiten Strecken so häufig zu fahren.“

Solche Glücksfälle, bei denen Wilderer auf frischer Tat ertappt werden, sind höchst selten, und gerade was die in den vergangenen zehn Jahren enorm gewachsene Fischwilderei betrifft, macht sich bei Wehrhahn nur wenig Hoffnung breit: „Für die legalen Fischer an der Weser ist es eine Katastrophe, dass die Wasserschutzpolizei nicht mehr vor Ort ist.“ Gerade die mit Motorbooten zu Werke gehenden „Banden“ könnten sich selbst bei ihrer Entdeckung auf einen erheblichen Vorsprung den Verfolgern gegenüber verlassen, so der leidenschaftliche Fischer, der auch einige Zahlen nennt: „Optimal wäre ein Ertrag von rund 25 Kilogramm pro Hektar, aber da kommen wir schon lange nicht mehr hin.“

Die Menschen würden seiner Ansicht nach immer dreister, und außerdem seien die Strafen, mit denen Wilderer belangt würden, nicht hart genug. Der Mitgliedsbeitrag in einem Sportfischer- oder Angelverein liege zwischen 60 und 110 Euro pro Jahr. Rechne man dann noch die Kosten für Ausrüstung, Anfahrt und Köder dazu, berücksichtige zudem die Fangquoten, dann, so Wehrhahn, werde klar, dass sich die rund 1500 Mitglieder des hiesigen Vereins ihr Hobby einiges kosten lassen. „Pro Jahr melden nur etwa ein Viertel unserer Mitglieder überhaupt einen Fang, daran kann man sehen, wie weit die Bestände bereits jetzt zurückgegangen sind.“

Allerdings, so Wehrhahn, machte ihm nicht nur die „Fischwilderermafia“ Sorgen: „Wenn es um die schrumpfenden Fischbestände in und um die Weser geht, dann haben wir es natürlich nicht nur mit Wilderern in Gummistiefeln, sondern auch mit Wilderern mit schwarzen Flügeln zu tun.“ Für ihn sind die Kormorane eine Gefahr.

In jedem Fall entstünde durch die Fischwilderei nicht nur ein wirtschaftlicher Schaden für die Inhaber der Fischereirechte, sondern auch ein Schaden für Natur und Umwelt: „Wilderer scheren sich nicht um Größe und Gewicht ihres Fangs, selbst dann nicht, wenn der gefangene Fisch noch viel zu klein ist. Damit wird auch der Bestand des nächsten Jahres schon auf bedrohliche Weise dezimiert.“

In der Regel zu zweit patrouillieren die Mitglieder des Sportfischervereins auch nachts an der Weser und den Kiesgruben und treffen dabei auch mal auf angetrunkene Wilderer: „Natürlich informieren wir in solchen Fällen umgehend die Polizei, denn wir dürfen zwar Kontrollen Anglern vornehmen, aber niemanden festnehmen.“

Literaturtipps:

Detlef Creydt: Begegnungen auf Leben und Tod: Förster und Wilderer im Solling

Otto Busdorf: Wilddieberei und Förstermorde.

Herbert Wotte: Jagd im Zwielicht. Von Jagdherren, Jägern und Wilderern.



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