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Über das harmlose Durchbrechen eines Rollenverständnisses: Zwei Frauen im Gespräch

„Feministin, was soll ich sonst sein?“

Der Internationale Frauentag soll ein Anlass sein, herumzufragen, ob es noch Frauen gibt, die sich frei heraus als „Feministin“ begreifen. Dabei zeigt sich schnell: Diese Umfrage gestaltet sich schwierig. Die übliche Antwort besteht in einer mal vorsichtigen, mal entschiedenen Distanzierung, meistens mit der Begründung: Na ja, so radikal und männerfeindlich bin ich nun nicht. Schließlich aber sind da doch zwei schon etwas ältere Frauenpersönlichkeiten, die eine aus Rinteln, die andere aus Hameln. „Klar, bin ich Feministin, was soll ich denn sonst sein“, sagt Theologin Karin Gerhardt (59), und Helga Altkrüger-Roller (67), Soziologin und Buchautorin, meint: „Natürlich, ich bin für die Frauen, also bin ich Feministin. Ich habe kein Problem mit diesem Begriff, auch wenn er von vielen Leuten nicht gerade im schmeichelhaften Sinn gebraucht wird.“

veröffentlicht am 08.03.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:12 Uhr

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Arztberuf lässt sich

nur schlecht mit Familie vereinbaren

Sie sei schon immer und wie von selbst Überzeugungstäterin gewesen, so Helga Altkrüger-Roller. „Das Erste, was ich rund um den Feminismus aufnahm, war Simone de Beauvoir und ihr Buch ,Das andere Geschlecht‘“, sagt sie. „Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, die erschienen mir als Traumpaar, eine gleichberechtigte, offene Beziehung ohne Heirat, frei und voller gegenseitiger Achtung, ohne eine Institution dazwischen zu schalten.“

Sie selbst habe allerdings schon sehr früh geheiratet, weil nichts anderes übrig blieb, wenn ihr Freund mal bei ihr übernachten wollte. „Aus meiner ersten Studentenbutze musste ich ausziehen, weil der Vermieter das Auto meines Freundes in der Nähe der Wohnung entdeckt hatte – damals gab es ja noch den Kuppelei-Paragrafen. Wir wollten zusammen sein, also mussten wir heiraten.“

Auch Karin Gerhardt fallen sofort Situationen aus ihrer Zeit als junge Erwachsene ein. „Als ich studieren wollte, hieß es ringsum: ,Mädchen und Abitur? Rausgeschmissenes Geld, die heiratet ja doch‘. Und dann die Häme, der Spott, wenn Frauen den Führerschein machten, oder die süffisanten Bemerkungen, wenn ich während des Studiums in der Bücherei las und lernte: ,Dein Mann und deine Kinder kriegen wohl nichts mehr zu essen.‘ Als Frau bewegte man sich in einem Umfeld, wo es ständig zurückgespiegelt wurde, wenn man ganz harmlos die traditionelle Rolle durchbrach. Und wenn man emanzipiert war, kam die Reaktion: ,Du hast wohl was gegen Männer‘.“

Helga Altkrüger-Roller studierte während der Zeit der Studentenbewegung in Frankfurt bei Größen wie Horkheimer, Adorno und Mitscherlich; sie wählte Fächer wie Industriesoziologie, Sozialpsychologie, Politik, und hätte doch zuerst am liebsten Sport studiert, um dann Sportjournalistin zu werden. „Tja, das ging ja nun gar nicht“, meint sie. „Die Vorstellung, dass eine Frau über die Bundesliga schreibt oder im Fernsehen kommentiert, die schien so absurd – das konnte ich vergessen.“ Sie erinnert daran, dass es nicht lange her ist, noch nicht mal 40 Jahre, dass der Ehemann seiner Frau untersagen konnte, erwerbstätig zu sein, weil bis 1977 noch eine gesetzlich vorgeschriebene Aufgabenteilung in der Ehe bestand, der Mann als Versorger, die Frau als Hausfrau. „In solchen Zeiten eine Frau ausgerechnet als Sportjournalistin, wo viele schon darum kämpfen mussten, überhaupt einen Job anzunehmen, abwegig.“

Karin Gerhardt hatte zuerst vor, Medizin zu studieren, doch wurde ihr schnell klar, dass sich der Arztberuf nicht mit den Aufgaben als Mutter und Ehefrau vereinbaren lassen würde. Als Theologiestudentin dann, die Pastorin werden wollte, war es schon Normalität, gefragt zu werden, ob Frauen so etwas überhaupt können. „Wenn man bedenkt, dass es bis zum Jahr 1990 noch keine weiblichen Pastoren in Schaumburg-Lippe gab, dann wird einem auch bei solchen Rückblicken noch mal klar: Die Rechte für Frauen sind nicht vom Himmel gefallen, sie wurden hart erkämpft.“

Beide Frauen sind nicht in dem Sinne Feministinnen, dass sie selbst für das Recht auf Abtreibung auf die Straße gegangen wären oder für „Gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ demonstriert hätten. Es waren eher die allgemein politischen Demonstrationen, an denen sie teilnahmen. Sie sind beide verheiratet, und wenn Helga Altkrüger-Roller keine Kinder hat, so sollte das keine direkte Verweigerung der Mutterrolle sein, es ergab sich so. „Ich weiß noch, wie mein Mann von seinen Kollegen angesprochen wurde, dass es so ungerecht sei: Wir als Doppelverdiener und sie als Familienväter, von deren Gehalt mehrere Menschen leben mussten. Und gerade auch die Mütter, viele feindeten Frauen wie mich an: berufstätig und ohne Kinder.“ Beide Frauen erzählen auch von Männern in ihrer Berufswelt, von denen sie großartig unterstützt und gefördert wurden.

„Und doch war ich eine Ausnahme mit meinem Politikstudium, meinem Beruf als Soziologin“, sagt Helga Altkrüger-Roller. Als sie vor Jahren ihr Buch „Abi 1966“ schrieb und darin den Biographien ihrer ehemaligen Mitschülerinnen nachspürte, entdeckte sie, dass sie die Einzige war, die sich überhaupt irgendwie politisiert hatte. „Das lag sicher auch an meinem Vater, der mir viel Selbstbewusstsein vermittelte“, meint sie. „Eigentlich sollte ich ja ein Junge werden, ein Helmut, aber später sagte mein Vater immer, Frauen seien die besseren Menschen. Das hörte ich schon gerne.“

Dass die meisten Frauen, die an die 60 Jahre und älter sind, keinen Vollzeitberuf hatten und sich auch nicht so intensiv in einem politisch-gesellschaftlichen Umfeld bewegten, es lag daran, dass sich beides, Karriere und Familie, für Frauen fast nie vereinbaren ließen.

„Und wenn man dann noch an das damalige Scheidungsrecht denkt, das bis 1977 nach dem Schuldprinzip verlief, und eine Frau, die ,schuldig‘ geschieden wurde, quasi ohne Versorgung dastehen ließ – es ist eigentlich kaum zu fassen“, so Karin Gerhardt. „Hausfrau und Mutter zu werden bedeutete lange Zeit, sich in totale wirtschaftliche Abhängigkeit zum Ehemann zu begeben, ach, und leider bedeutet es heute ja schon fast wieder dasselbe.“

Als ihre Mutter die „Pille“ fand, gab es

einen Riesen-Aufstand

Nachdem das Scheidungsrecht erneut reformiert wurde, gibt es keine „Versorger-Ehe“ mehr, keine wirkliche Absicherung mehr für den Fall, dass ein Paar sich nach 20 Jahren Ehe mit drei Kindern scheiden lässt. „Bisher ist es ja doch meistens noch die Frau, die beruflich zurücksteckt, sich um Kinder und Haushalt kümmert und dadurch viel weniger verdient als der Mann. Zu meinen, man könne einfach so mit voller Kraft in den Beruf zurückkehren, wenn man einmal draußen war, ist eine Illusion. Die Folge wird sein: Altersarmut für eine ganze Generation von geschiedenen Frauen, die kaum eine Chance haben, sich erträgliche Rentenbeiträge zu erarbeiten. Ich rate allen jungen Frauen: Denkt an Eure finanzielle Unabhängigkeit!“

Helga Altkrüger-Roller gehörte mit zu den ersten Frauen, die beschlossen, die Pille zu nehmen. „Es war ja so schwer, an Verhütungsmittel ranzukommen, und irgendwie schien es auch kaum Frauenärzte zu geben, ich kannte jedenfalls lange keinen“, sagt sie. „Als meine Mutter dann bei mir die Pillen-Schachtel fand, gab es einen Riesen-Aufstand. Meine Eltern fanden, man mache es damit den Männern einfach zu leicht. Dabei war die Pille natürlich die eigentliche Revolution im Umgang der Geschlechter. Die Möglichkeit der konsequenten Verhütung ebnete den Weg zur Gleichberechtigung.“

Wer mit Bewusstsein all die positiven Veränderungen reflektiere, der könne doch gar nichts anderes als Feministin sein, das sagen beide Frauen. „Viele verbinden den Feminismus mit einer entschiedenen Männerfeindlichkeit“, so Helga Altkrüger-Roller. „Dabei geht es doch nur darum, dass die Hälfte des Himmels eben uns gehört.“ Und Karin Gerhardt: „Ich bin Feministin, weil Frauen in vielerlei Beziehung immer noch das ,andere Geschlecht‘ sind und weil wir nicht aus den Augen verlieren sollen, dass Frauen, vor allem weltweit betrachtet, noch so viel zu erkämpfen haben.“ Sie sei übrigens voller Dankbarkeit für die früheren „Emanzen“, die bereits im vorletzten Jahrhundert für die Rechte der Frauen auf die Barrikaden gingen. Und Helga Altkrüger-Roller ist das sowieso, veröffentlichte sie doch im letzten Jahr ein Buch voller Portraits „couragierter“ Frauen aus Hameln und Umgebung.

Heute, am Frauentag, wird um 17 Uhr in den Räumen vom Hamelner „Radio aktiv“, Deisterallee 3, aus diesem Buch vorgelesen und dazu eine Fotoausstellung eröffnet, die die zehn eindrucksvollen Frauenpersönlichkeiten präsentiert, deren Lebensgeschichten Helga Altkrüger-Roller nachspürte.

Zu der Zeit, als Karin Gerhardt und Helga Altkrüger-Roller ihr Studium begannen, hieß es noch: Können Frauen das überhaupt? Das Rollenverständnis war damals eindeutig: Küche statt Hörsaal. Die beiden Frauen gingen trotzdem ihren Weg. „Die Rechte von Frauen sind nicht vom Himmel gefallen“, sagt die Rintelnerin Gerhardt. Manches hat sich aber kaum verändert.

Informationsblätter zum Frauentag Anfang der 50er Jahre: Dr. Elisabeth Selbert war maßgeblich daran beteiligt, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ im Grundgesetz steht. In Hameln ist eine Schule nach der Politikerin benannt. dpa



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