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Fehlt auch für Kühe bald der Landarzt?

In manchen Bereichen ist die Sorge um eine niedrige Frauenquote so gar kein Thema: Wenn Sonja von Brethorst, Sprecherin der Tierärztlichen Hochschule, über das Gelände der „TiHo“ in Hannover geht, trifft sie nur selten auf männliche Studierende: Die Studentinnen sind unter den angehenden Tierärzten mit 84 Prozent ganz klar in der Mehrheit. Da es an anderen Hochschulen kaum anders aussieht, gerät der hohe Frauenanteil immer wieder in den Blick, wenn es darum geht, ein aktuelles Problem zu erklären: Dem, dass nicht nur für menschliche Patienten die Landärzte rar werden könnten.

veröffentlicht am 26.10.2011 um 06:00 Uhr

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Kuh sucht Arzt? „Die Gründe sind sehr vielfältig“, ist von Brethorst überzeugt. Tatsächlich gibt es zu den Ursachen bereits mehrere Studien. Dabei wird eben diese Frauenquote angeführt, aber nicht nur. „Es ist generell schwierig, Leute dafür zu begeistern, auf dem Land zu arbeiten“, sagt die Geschäftsführerin der Bundestierärztekammer, Katharina Freytag. Das gilt für die Veterinärmedizin wie für viele andere akademische Berufe. In Gießen haben die Veterinärmediziner in diesem Sommer sogar mit einem Praxistag für die Arbeit auf dem Land geworben. „Viele Studenten kommen aus der Stadt, und die, die vom Land kommen, haben keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft“, sagt Klaus Doll, Professor an der Klinik für Wiederkäuer und Schweine an der Uni Gießen. Hinzu kommt: Die Nutztierhaltung ist auf bestimmte Regionen konzentriert: Norddeutschland, Ostdeutschland und Bayern. Für viele junge Absolventen sind das keine Traumregionen – auch das Weserbergland nicht. „Viele junge Menschen wollen einfach nicht mehr aufs Land ziehen“, vermutet auch Dr. Rüdiger Schmitz, Tierarzt für Groß- und Kleintiere aus dem Hessisch Oldendorfer Ortsteil Langenfeld. In der Stadt sei eben das kulturelle Angebot weitaus größer.

Der Bedarf nach Landtierärzten ist jedoch ungebrochen. Es gebe zwar immer weniger landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland, „aber die Tierzahlen ändern sich kaum“, sagt Doll. Das heißt: Die Betriebe werden stetig größer. Es gehe in der Nutztierpraxis darum, den gesamten Tierbestand gesund zu halten: Vorbeugung vor Krankheiten, Beratung, Haltung, Vergabe von Medikamenten und Impfungen. Diesen Wandel gab und gibt es auch im Weserbergland. „Die Arbeit geht immer mehr von der Einzeltier- zur Bestandsbetreuung“, bestätigt Tierärztin Dr. Annette Kloene aus Eimbeckhausen, ehemalige Hameln-Prymonter Kreisstellenvorsitzende der Tierärztekammer Niedersachsen. Und diese Arbeit würde immer mehr von großen spezialisierten Praxen geleistet. „Früher hatten wir vielleicht zehn Großtierpraxen, heute sind es drei oder vier.“ Einen akuten Mangel an Landtierärzten sieht sie deshalb in der Region nicht: „Es hat sich gezeigt, dass es reicht.“ In Regionen wie Ostfriesland oder Holstein sehe das schon anders aus. Dort wird bereits dringend nach Nachwuchs gesucht.

Liegt also letztlich der Grund für die drohende Misere allein an zimperlichen jungen Tierärztinnen, die sich lieber in einer schicken, städtischen Kleintierpraxis um Hund und Katze kümmern wollen, statt sich in Ställen die Hände schmutzig zu machen – während sich die jungen Männer lieber gleich auf ganz andere Berufsfelder stürzen? Sonja von Brethorst von der Hochschule in Hannover will dieses Bild nicht gelten lassen. Im Praktischen Jahr, wenn sich die angehenden Tierärzte in der Hochschulklinik und auch außerhalb ihre ersten Sporen verdienen, sei ländliche Arbeit ein Renner: „Unsere Rinderklinik ist eher überfüllt“, sagt sie, schränkt aber ein: „Das heißt natürlich nicht, dass diese Leute später alle in eine Rinderpraxis gehen.“ In Niedersachsen gab es im vergangenen Jahr 46 Fachärzte für Rinder – davon waren 39 Männer. Allgemein scheinen die Frauen jedoch das Feld aufzurollen: Bei den insgesamt 3734 Tierärzten im Bundesland sind sie in den jüngeren Altersgruppen bis 49 Jahre klar in der Überzahl, erst bei den Älteren stellen die Männer wieder die Mehrheit.

Der Grund für den drohenden Mangel an Landtierärzten liegt möglicherweise auch noch ganz woanders: Junge Tierärzte verdienen schlecht, sagt Katharina Freytag von der Tierärztekammer. Der Bundesverband der Veterinärmedizinstudierenden Deutschland befragte Assistenten in den ersten fünf Berufsjahren. Etwa die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten verdiente weniger als 2000 Euro. Und das – im Falle der Ärzte für Kuh, Schwein und Co. – bei mitunter deutlichen Abstrichen in der Lebensqualität: „Der Job an sich ist nicht das Problem, sondern, dass man immer abrufbereit sein muss“, sagt Tierarzt Dr. Schmitz. „Die Freizeit ist nicht mehr frei planbar – das Leben wird vom Beruf bestimmt.“ Kleintierpraxen hingegen böten feste Sprechstunden und somit geregelte Arbeitszeiten. „Die sind viel besser mit Kindern und Familie vereinbar.“ Sonst sei es spätestens bei einer Schwangerschaft mit der Praxis für Großtiere vorbei.

Das sieht die Obernkirchener Tierärztin Dr. Isabelle von Götz ganz ähnlich. Die 40-Jährige ist Mutter von zwei Kindern und hat seit 2003 als selbstständige Veterinärin eine Praxis in Obernkirchen. Zwar behandelt sie auch Pferde; Kühe und Schweine allerdings nur selten. Das liegt vor allem an den Arbeitszeiten, sagt sie. „Oft finden Geburten nachts statt, das lässt sich mit zwei Kindern nur schwer vereinbaren“, sagt Dr. von Götz. Als Alternative für berufstätige Mütter sieht die Tierärztin dann nur große Tierkliniken, in denen auch im Schichtdienst gearbeitet wird. Aber als Tierärztin auf dem Lande sieht sie, was Arbeitszeiten betrifft, keine andere Möglichkeit, auf die Behandlung von Kühen oder Schweinen zu verzichten. Einen weiteren Grund für den Trend sieht Isabelle von Götz darin, dass „sich Kleintierpraxen eher lohnen“. Haustierhalter hätten oftmals eine persönlichere Beziehung zu den Tieren, mehrmalige Behandlungen eines Tieres seien deshalb durchaus an der Tagesordnung. Dies würde auf Vieh eher weniger zutreffen.

Die „Einstellung zur Work-Life-Balance“ sei bei den angehenden Tierärzten eine andere als bei den derzeitigen Praxisinhabern, vermuten dann auch die Autoren einer Untersuchung zur Nutztiermedizin an der Freien Universität Berlin. Und dazu zählt wohl auch ein Aspekt, den Dr. Annette Kloene erwähnt: „Diese harte körperliche Arbeit“, sagt die 65-Jährige, „die will doch heute niemand mehr.“

Manchmal prallen Welten aufeinander: Viele junge Tierärzte stammen aus der Stadt, 85 Prozent sind Frauen. Doch gebraucht werden sie vor allem auf dem Land, wo Milchkühe gehalten, Schweine gemästet und Hühner gezüchtet werden.



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