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Fast ein Glaubenskrieg: Eisen oder Barhuf?

Mit seinen dicken Lederchaps, den Stiefeln mit Stahlkappen, in der behandschuhten Hand die Zange mit dem glühenden Hufeisen gibt Jörg Schlesinger aus Aerzen das Bild eines Hufschmieds ab, wie auch seine Kollegen vor hundert Jahren an Pferden gestanden haben mögen.

veröffentlicht am 30.03.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Hans Weimann

Norwegermischling Frisco hebt brav den Huf. Jürgen Baumgart, der sogenannte Aufhalter, der dem Schmied assistiert, muss gar nicht viel tun. Dann zischt es, stinkt nach verschmortem Hufhorn, Qualm steigt auf. Frisco zuckt mit keinem Ohr. Er kennt die Prozedur. Alle sieben Wochen kommt der Schmied zu ihm, dann sind die alten Eisen abgelaufen, die Hufe nachgewachsen.

Es sieht martialisch aus, wenn sich das rot glühende Eisen in den Huf brennt, und die Ferienkinder auf dem Reiterhof Schulze in Hohenrode fragen schon mal: Tut das nicht weh? Nein, tut es nicht, wenn der Hufschmied sein Handwerk versteht.

Hufpflege ist eine hohe Kunst. Denn mit der Metallbearbeitung ist es nicht getan, ein Hufschmied arbeitet an einem lebendigen Tier, das setzt entsprechende anatomische Kenntnisse des Pferdegangwerks und seiner Mechanik voraus. Grundsätzlich gilt: Pferde haben „Vierradantrieb“, die Power kommt von hinten.

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  • Es zischt und qualmt, wenn Hufschmied Jörg Schlesinger (r.) und Jürgen Baumgart dem Criollo Chico neue Eisen aufbrennen. Fotos: wm

Da gibt es unendlich viel zu beachten: Die Winkelung des Hufes muss passen, damit die Sehnen der Pferdebeine nicht überbeansprucht werden, jeder Nagel muss millimetergenau sitzen, sonst geht er „ins Leben“, da wo es dem Pferd wehtut. Und jeder Pferdehuf ist anders.

Was die Sache zusätzlich vertrackt macht, ist für Laien kaum verständlich: Fachleute nennen das den Hufmechanismus. Auch bei beschlagenen Pferden muss der Huf abrollen, sich weiten und verändern können.

Schmiedearbeit ist Vertrauenssache. Macht der Schmied Mist, geht das Pferd lahm. Gute Schmiede sind rar, wer einen hat, hält ihn fest. Denn ein Schmied muss beides können: Pferdeflüsterer und gleichzeitig ein guter Handwerker sein, ein „Ironmen“, wie die Metallbranche im Internet für dieses Berufsbild wirbt.

Mit Hufschmieden ist es wie mit Zahnärzten. Adressen von guten Hufschmieden gibt man nur an Freunde weiter. In den diversen Internetforen sammeln sich die Hilferufe: „Suche dringend Hufschmied!“

Jörg Schlesinger, wie seine Kollegen Elmar Anschütz, Dirk Böllhöfer und Dieter Zimmermann, die ebenfalls hier in der Region arbeiten, sind vor allem im Sommer, in der Reit- und Turniersaison, gut ausgebucht.

Mit seinem Schmiedeanhänger, auf dem alles verstaut ist, was er für sein Handwerk braucht, also Amboss, Zangen, Hämmer und der Gasbrenner, das moderne „Schmiedefeuer“, fährt Schlesinger zu seiner Kundschaft auf den Reiterhöfen und privaten Ställen.

Hufeisen muss er nicht mehr selbst anfertigen, die gibt es als Rohlinge in verschiedenen Größen für Ponyhufe bis zu den XXXL-Ausführungen für Shire Horses, Kaltblüter, die es auf über eine Tonne Gewicht bringen. Schlesinger arbeitet nach, passt die Eisen an, es wird geschliffen, gehämmert und gebohrt.

Reiten, einst exklusives Vergnügen von Gutsherren und dem Landadel, ist ähnlich wie Golf zu einem Volkssport geworden – damit ist die Zahl der Pferde im Land gestiegen, die Zahl der für die Hufpflege benötigten Schmiede aber nicht im gleichen Tempo mitgewachsen. Das liegt, sagt Schlesinger, auch daran, dass zu wenig Nachwuchs ausgebildet wird, viele auch nach der Ausbildung wieder abspringen.

Schmiedearbeit ist nichts für Weicheier, da muss man zupacken können und sie ist auch nicht ungefährlich. Pferde, die durchdrehen, können Schmiede erheblich verletzen. Gegen die Wucht eines Huftrittes ist ein Punch von Boxlegende Mike Tyson ein sanftes Streicheln. Rösser, die „schmiedefromm“ sind, wie das unter Reitern heißt, ist deshalb ein Qualitätsmerkmal und eine Eigenschaft, die man Pferden geduldig anerziehen muss.

Wie man Hufschmied wird, ist gesetzlich geregelt. Seit 2006 gibt es eine neue Hufbeschlagverordnung. Danach gehören Hufschmiede zur Berufsgruppe der „Metalldesigner“.

Angeschoben hat das Gesetz noch Gerhard Schröder in seiner Amtszeit als Bundeskanzler. Ein Gesetz, das helfen sollte, staatlich geprüfte Hufschmiede und Hufpfleger zu unterscheiden.

Ganz zufrieden sind die Lehrschmieden mit dem Gesetz nicht: Weder der Ausbildungsgang noch die Tätigkeit der Hufpfleger sei eindeutig genug definiert und gegenüber den staatlich geprüften Hufschmieden abgegrenzt.

Es gibt verschiedene Wege in den Beruf. Und alle sind steinig und teuer. Rund zweieinhalb Jahre muss finanziell überbrücken, wer Hufschmied werden will, schildert Volker Carstensen, Hufbeschlaglehrmeister an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover.

Der zwingend notwendige Einführungslehrgang kostet um die 1500, der viermonatige Lehrgang an einer der zehn Lehrschmieden in Deutschland um die 4500 Euro. Zwei Jahre dauert die Lehrzeit bei einem staatlich geprüften Hufbeschlagsschmied. Am Ende steht die staatliche Prüfung.

Selbstständige Hufschmiede nagen nicht am Hungertuch, aber zu einem Porsche reicht es selten. Denn Hufbeschlag ist Handarbeit, damit zeitaufwendig. Ein Rundumbeschlag mit neuen Eisen kostet um die hundert Euro. Kein Schnäppchenpreis, aber durchaus dem Arbeitsaufwand angemessen, betont Carstensen.

Aus Sicht der Reiter könnte man sagen: Gott hat bei seiner Schöpfung die Hufeisen vergessen. Bereits die Römer kannten Hufbeschlag aus Bronze und Eisen. Hufeisen waren jahrhundertelang der klassische Hufschutz.

In den letzten Jahren ist über Sinn oder Unsinn des Hufbeschlags unter Reitern ein regelrechter Glaubenskrieg entbrannt. Denn die Öko-Bewegung, der Gedanke einer artgemäßen Tierhaltung, ist auch an Reitern nicht spurlos vorbeigegangen. Deshalb stehen Pferde nicht mehr angebunden in Ständern wie früher auf den Bauernhöfen, sondern in geräumigen Boxen mit Auslauf oder in einem Offenstall.

Diese Philosophie setzt sich auch beim Thema Hufbeschlag fort. Hufpflegerin Caro Liebner aus Aerzen, deren Schüler auch in Hohenrode Pferde versorgen, schwört auf Barhuf. Wenn sie zu Hufmesser und Raspel greift, gleicht die Prozedur am Pferdehuf eher einer Pediküre.

Ihr Prinzip: Es ist wie beim Menschen, wer schmerzfrei barfuß durch den Wald laufen will, muss sich erst eine dicke Hornhaut an den Füßen antrainieren. Bei Pferden werde die notwendige Härte der Hufe durch spezielle Hufpflege, wie geeignete Fütterung und Haltung, erreicht. Das braucht seine Zeit. Wer sein Pferd von Eisen auf Barhuf umstellen will, muss vor allem eins haben – Geduld.

Caro Liebner sieht das so: „Ein Pferd, das 23 Stunden in der Box steht, wo auf weichem Einstreu die Hufe vor sich hin gammeln, hat keine Chance, wenn der Besitzer das nicht ändert. In freier Wildbahn legen Pferde zwischen ihren Ruheplätzen, Weide- und Futterstellen 20 bis 30 Kilometer zurück und bewegen sich dabei über eine Vielzahl von unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten von Geröll, Sand bis zu Gras“.

Skeptiker halten dagegen: Die Evolution habe den Menschen als zusätzliches Gewicht auf dem Pferderücken vergessen einzuplanen. Und Waldwege sind auch nicht mehr das, was sie vor hundert Jahren einmal waren. Waldwege sind heute häufig Schotterpisten, weil Holz, ein Wirtschaftsgut abgefahren werden muss. Und Schotter hält auf die Dauer kein Pferdehuf aus.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung formuliert das in ihren Richtlinien für Reiten und Fahren so: „Der Idealfall, dass das Pferd ständig ohne Eisen gehen kann, ist nur selten gegeben“.

Als Kompromiss zwischen Barhuf und Eisen gelten bei Geländerreitern sogenannte Hufschuhe, wie sie beispielsweise Martina Kölling und Uwe Hausmann von der Wanderreitstation Strücken für ihre Pferde verwenden.

Da gibt es unterschiedliche Modelle und Konstruktionen mit Klettverschlüssen oder Schnallen. Doch auch für Hufschuhe muss man den Huf bearbeiten und anpassen, das An- und Ausziehen braucht Zeit, nicht jedes Pferd kann damit laufen.

Gute Hufschuhe haben ihren Preis: Um die 300 Euro muss man für vier Stück ausgeben, dafür halten sie aber auch, je nach Gebrauch, ein paar Jahre. Selbstverständlich wird in der Branche immer weiter mit alternativen Materialien und Konzepten experimentiert. Da gibt es Hufbeschlag aus Kunststoff, wahlweise zu kleben oder aufzunageln.

Georg Stinauer, ein Hufschmied aus Bayern, hat jüngst ein geteiltes Hufeisen entwickelt, dem vorn eingesetzte Gummiprofile wie ein Gelenk mehr Flexibilität verleihen soll.

Im Schaumburger Land vertreibt das der Stadthäger Peter Wanjura. In einer Testphase sind diese Eisen unter anderem an der Fürstlichen Hofreitschule in Bückeburg und von Privatreitern ausprobiert worden. Nach einigen Verbesserungen unter anderem bei der Legierung will Wanjura im April mit dem Vertrieb dieser speziellen Eisen beginnen.

Am Ende einer jeden Diskussion einigen sich die Verfechter jeder Glaubensrichtung meist auf den Konsens, dass es Patentlösungen für einen Hufschutz schlichtweg nicht gibt. Es kommt eben darauf an, wofür das Pferd gebraucht wird, wo es laufen soll, nur in der Halle oder auf dem Reitplatz, und wenn, in welchem Gelände und wie oft. Fragen, die jeder Reiter, jede Amazone für sich selbst beantworten muss.

Eine Entscheidung, die kein Reiter aussitzen kann, denn ohne Huf kein Pferd. Schon sprichwörtlich in Reiterkreisen ist die chinesische Fabel: Wegen des fehlenden Nagels ging das Hufeisen verloren; wegen des fehlenden Hufeisens ging das Pferd verloren; wegen des verloren gegangenen Pferdes konnte die Nachricht nicht überbracht werden; wegen der nicht überbrachten Nachricht wurde zuerst der Krieg, dann das Königreich verloren.

Hufbeschlagschmied ist kein Job für Weicheier. Wer mit glühenden Eisen an nervösen Rössern hantiert, muss Pferdeflüsterer und guter Handwerker sein. Die Ausbildung ist anspruchsvoll und teuer. Adressen guter Schmiede gibt man nur an Freunde weiter.



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