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Fahren Frauen sicherer als Männer?

Die Frage ist alt, die Debatte mitunter hitzig, doch eine Antwort steht aus: Sind Männer oder Frauen die sichereren Autofahrer? In einer Umfrage haben nun die Frauen die Nase vorn. Doch wie sieht es auf der Straße aus? Wir haben Experten befragt.

veröffentlicht am 22.09.2011 um 23:14 Uhr

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Also doch: „Die Mehrheit der Deutschen hält Frauen für die sichereren Autofahrer.“ So lautet zumindest das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von „Risiko raus!“, einer Präventionskampagne der gesetzlichen Unfallversicherung. Als Grund für ihre Einschätzung nannten die Befragten: „Frauen lassen sich weniger schnell von anderen Verkehrsteilnehmern herausfordern und reagieren in Stresssituationen gelassener als Männer.“ Doch was sagen Experten zu diesem Ergebnis?

„Wenn es um die Sicherheit geht, sind Frauen eindeutig die besseren Autofahrer“, bestätigt Reinhard Herda, Leiter der City-Fahrschule in Bad Pyrmont. Sie würden nicht so aggressiv wie Männer fahren. Für die Hamelner Fahrlehrerin Jana Kaller steht dagegen fest: „Männer fahren sicherer, weil sie eher ein technisches Verständnis haben als Frauen.“ Wer mit dem Auto umgehen könne, fahre auch sicherer. Sich selbst sehe die gelernte Kfz-Mechanikerin als Ausnahme. Beide Fahrlehrer bestätigen: Frauen verhalten sich im Straßenverkehr vorsichtiger als Männer.

Bei Jungen sei die Risikobereitschaft größer als bei Mädchen, argumentiert hingegen Herda. „Es gibt nichts Schlimmeres, als einem Jungen zu sagen: Du kannst nicht fahren.“ In der Clique fahren sie deshalb gerne viel zu schnell, weil sie sonst nicht anerkannt würden – und überschätzen sich selbst. „Wenn aber die Kerle langsamer fahren würden, wären sie die besseren Autofahrer“, ist Herda überzeugt. Was Auto-Technik und Fahrzeugbedienung angeht, seien Jungen interessierter als Mädchen, mehr Fahrstunden als Jungen würden Mädchen im Durchschnitt trotzdem nicht brauchen. Allerdings gebe es selten eine Fahrschülerin, die weniger als zehn Übungsstunden ohne Sonderfahrten brauche, was Jungen manchmal schafften.

Ein großes Problem stellt Herda jedoch bei Jungen wie Mädchen fest. Es fehle vielen heutzutage „das Feingefühl für den Straßenverkehr, weil sie nicht mehr mit dem Fahrrad durch die Gegend fahren und sich mit den Regeln und Schildern beschäftigen“. Viele ließen sich von ihren Eltern im Auto von A nach B bringen, ohne dabei über Verkehrsregeln zu sprechen. So würden am Ende auch mehr Fahrstunden benötigt.

„Wichtig für sicheres Fahren ist das Miteinander“, ist Fahrlehrerin Kaller überzeugt, „die Menschen sollten nicht immer an sich denken“. Wer Rücksicht nehme und auch mal jemanden vorbeifahren lasse, wer partnerschaftlich unterwegs sei und wer sich in die Lage des anderen versetzen könne, sorge für Sicherheit auf der Straße.

Bei ihren Schülern der Fahrschule „Trend“ in Hameln gebe es durchaus Geschlechtsunterschiede: „Jungs setzen sich ins Auto und fahren einfach drauflos, sie sind nicht so abgelenkt von Gedanken daran, was passieren könnte.“ Mädchen dagegen überlegten erst dreimal, bevor sie handeln, und fahren dadurch verhaltener.

Ann-Shirley Bastian macht gerade ihren Führerschein. „Vorausschauend fahren und überall gucken, damit man alles sieht und wahrnimmt“, sieht die 17-Jährige als Patentrezept für eine sichere Fahrweise. Frauen fahren ihrer Meinung nach vorsichtiger als Männer – aber nicht unbedingt langsamer.

Grundsätzlich gilt für Fahrlehrerin Kaller: „Autofahren ist Charaktersache.“ Und Frauen seien im Allgemeinen nun einmal sozialer eingestellt als Männer. Allerdings beobachte sie als Fahrlehrerin immer häufiger, dass auch Frauen aggressiv fahren. „Sie werden oft ungehalten, wenn sie ein Fahrschulauto vor sich haben.“ Selbst Mütter mit Kindern im Auto würden da schon mal hupen, zu schnell fahren und den Weg schneiden.

Alle 13 Sekunden ereignete sich durchschnittlich im vergangenen Jahr ein Unfall auf deutschen Straßen, heißt es im Bericht des Statistischen Bundesamtes. Fast jede Minute wurde ein Mensch bei einem Verkehrsunfall verletzt, alle zwei Stunden starb ein Mensch im Verkehr. Das Jahr 2010 sei das unfallreichste seit 1999 gewesen.

Im Landkreis Schaumburg haben sich in dem Zeitraum von 2008 bis September 2011 insgesamt 6865 Verkehrsunfälle mit Sachschäden ereignet, wie Gabriela Mielke, Pressesprecherin der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg, den Polizeistatistiken entnimmt. Hauptverursacher seien meist, nämlich in 4533 Fällen, männliche Verkehrsteilnehmer gewesen, in 2332 Fällen weibliche, das entspricht knapp 34 Prozent aller Verkehrsunfälle.

Dieser Prozentsatz ergebe sich auch bei Verkehrsunfällen mit Leicht- oder Schwerverletzten, erläutert Mielke. „Das bestätigt also nicht unbedingt das Klischee, dass Bagatelldelikte im Straßenverkehr vor allem von Frauen ausgeübt werden“, so Mielke.

Dennoch lasse sich mit den reinen Zahlen schlecht eine Aussage treffen, gibt Mielke zu bedenken: „Wir wissen schließlich nicht, wie die Fahrleistungen des Unfallverursachers waren“, ob der Unfallverursacher also viel oder wenig Auto fährt. Genauso unbekannt sei, wie viele Verkehrsteilnehmer zum Zeitpunkt des Unfalls insgesamt unterwegs waren.

„Tatsächlich sind Männer in absoluten Zahlen häufiger in Unfälle verwickelt als Frauen“, sagt Dr. Walter Eichendorf, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, und verweist auf Daten des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2009. Unterschiedliches Fahrverhalten von Frauen und Männern könne ein möglicher Grund dafür sein. Allerdings ließe sich nur mit mehr Daten wie zur Fahrdauer oder zum Kontext der Fahrt klären, ob „Männer tatsächlich eine höhere Unfallwahrscheinlichkeit haben als Frauen“.

Dass Männer häufiger in Unfälle verwickelt sind, hängt mit ihrer offensiven Fahrweise zusammen, urteilt hingegen Fahrlehrerin Kaller. „Sie sind oft am Limit, und manche überschreiten es auch.“ Da werde schon mal ein 50-Jähriger zum 15-Jährigen, wenn er glaube, ein Wettrennen veranstalten zu müssen, egal ob in der Stadt oder auf der Autobahn. Wem ein Autofahrer mit aggressiver Fahrweise begegnet, rät die Fahrlehrerin: „Nicht darauf einlassen und nicht reagieren.“

Denn im Grunde ist es ganz einfach: Wer sich ablenken lässt oder die Beherrschung am Steuer verliert, geht ein höheres Unfallrisiko ein, sagt Eichendorf. „Eigentlich eine Binsenweisheit, aber Tausende Unfälle wegen unangepasster Geschwindigkeit sowie der Nichtbeachtung der Vorfahrt und des Vorranges zeigen, dass man daran immer wieder erinnern muss.“ Die Kampagne „Risiko raus!“ wirbt mit mehr als 700 Plakaten an Autobahnen und Raststätten für mehr Aufmerksamkeit und Risikobewusstsein.

Die Befragten aus der eingangs erwähnten Umfrage nannten als wichtigste Eigenschaften, um unfallfrei ans Ziel zu gelangen, die Einhaltung der Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen (41 Prozent) sowie die volle Konzentration auf den Straßenverkehr (25 Prozent). Seltener genannt wurden eine defensive Fahrweise (11 Prozent), die Fahrzeugbeherrschung (10 Prozent) und eine langjährige Fahrpraxis (10 Prozent).

Was die Ursachen von Verkehrsunfällen in Deutschland betrifft, weisen Frauen nach einer Tabelle des Statistischen Bundesamtes Plus- und Minuspunkte gegenüber Männern auf, sagt Dr. Karl-Friedrich Voss, Diplom-Psychologe und amtlich anerkannter verkehrspsychologischer Berater. Zu den Stärken gehören die Verkehrstüchtigkeit, die das Fahren unter Alkohol- und Drogeneinfluss ausschließt, die Geschwindigkeit, das Überholen, die Sicherung der Ladung sowie die Beleuchtung. Schwächen der Frauen liegen laut Voss beim Beachten der Vorfahrt, bei allem, was mit Wenden, Rückwärtsfahren sowie mit Aus- und Einfahren zu tun hat, beim Verhalten gegenüber Fußgängern und bei falscher Straßenbenutzung.

„Bei Annahme einer Vergleichbarkeit der Verkehrsbeteiligung innerhalb und außerhalb von Ortschaften macht es den Eindruck, als würden Frauen einfache Regeln, auch vor Fahrantritt, konsequenter befolgen als Männer“, berichtet Voss und führt als Beispiel die Verkehrstüchtigkeit an. Allerdings machten Frauen an bestimmten Stellen im Straßenverkehr öfter Fehler, zum Beispiel bei der Vorfahrt.

Können also Männer und Frauen voneinander im Straßenverkehr lernen? Sehr wohl, meint der Psychologe. Den männlichen Verkehrsteilnehmern empfiehlt Voss, einfache Regeln so konsequent zu befolgen wie Frauen. Von den Männern könnten Frauen lernen, „indem sie das üben, was sie für eine Umsetzung der Verkehrsregeln brauchen“. Dies seien unter anderem die Einschätzung der Entfernung von beweglichen und festen Objekten in der Fahrzeugumgebung und auch die Verständigung mit anderen Verkehrsteilnehmern.

Einen Unterschied stellt Verkehrspsychologe Voss außerdem heraus: „Frauen beurteilen die Verkehrslage eher gleichrangig nach den Gesichtspunkten ,Was will ich?‘ und ,Was will ich nicht?‘, während bei Männern die Frage ,Was will ich?‘ eher im Vordergrund steht.“

Grafik: www.risiko-raus.de



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