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Extrawünsche können recht teuer werden

Ein Studium der Pharmazie setzt die Schwerpunkte eindeutig im naturwissenschaftlichen Bereich, allen voran die Chemie und die Biologie, gefolgt von Mathematik, Physik, Physiologie und so weiter. Diese historischen Wurzeln sind für den Apotheker der Neuzeit immer noch wichtiges Handwerkzeug, beispielsweise in den Beratungsgesprächen mit Patienten. Aber viele Apotheker nehmen sich selbst mittlerweile zunehmend als Medikamentenverwalter wahr.

veröffentlicht am 23.02.2011 um 18:16 Uhr

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Die Folgen des AMNOG machen das Ausmaß der Bürokratie auf drastische Weise deutlich. Dr. Oliver Schäfer, Inhaber der Neuen Apotheke in Rinteln, steht am Kassencomputer, eine Arzneimittelverordnung, kurz „Rezept“, oder wie einige Apotheker gerne sagen „einen rosa Zettel“ in der Hand. Seine Augen fokussieren in stakkatoähnlichem Wechsel den Bildschirm und das Rezept, denn die Liste der Medikamente, die den vom Arzt verordneten Wirkstoff enthalten, ist in vielen Fällen lang. Für den Apotheker besonders tragisch: „Es gibt noch viele Ungereimtheiten. Die Verpackungsgrößen sind Normgrößen des Herstellers, nach dem sich die Apotheken richten müssen. Die werden allerdings teilweise falsch gemeldet. Dadurch dauert alles länger, weil wir die Größen dann einzeln überprüfen müssen.“

Dr. Andreas Beißner, Inhaber der Löwen-Apotheke in Hessisch Oldendorf, erklärt: „Wenn das Patent eines Herstellers für ein Medikament ausläuft, dann dürfen auch andere Pharmaunternehmen dieses Medikament produzieren.“ Und dies genau sei auch einer der Hauptgründe, warum die rund 150 gesetzlichen Krankenversicherungen mit den Herstellern sogenannte Rabattverträge aushandeln. Diese bereits vor dem Inkrafttreten des AMNOG gültige Regelung zielte ebenfalls darauf ab, die Kosten im Gesundheitssystem zu senken und sorgt seitdem für Spekulationen über die Höhe der Rabatte und Verunsicherung bei den Patienten.

Für den Patienten bestünde angesichts dieser Angebotsvielfalt aber kein Grund zur Sorge, wie die Apotheker betonen. „Für den Patienten ist aber nicht der Name des Medikaments, sondern der Wirkstoff wichtig“, schildert Dr. Schäfer. Der Patient erhalte in jedem Fall genau das Präparat, das sein Arzt verordnet habe. Die zwischen Herstellern und gesetzlichen Krankenversicherungen geschlossenen Rabattverträge sind für die Apotheker bindend, nicht aber für den Patienten. Der nämlich kann auf ein bestimmtes Medikament bestehen, das den medizinischen Vorgaben, also Wirkstoff, Darreichungsform und Packungsgröße entspricht.

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Der Apotheker Dr. Oliver Schäfer fordert vor allem „klare Richtlinien von der Politik“. Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz sei „sicher gut gemeint, aber mit heißer Nadel gestrickt“. Fotos: pk/pr.

Ein Beispiel: Ein bei der AOK versicherter Patient bekommt von seinem Hausarzt 20 Milliliter Novalgin-Tropfen verordnet. Seit vielen Jahren hat der Patient gute Erfahrungen mit diesem Medikament gemacht, das bei mittleren bis starken Schmerzen eingesetzt wird. Was der Patient nicht weiß: Seine Krankenkasse hat mit einem anderen Hersteller einen Rabattvertrag abgeschlossen. Wirkstoff, Darreichungsform und Packungsgröße sind identisch mit dem ursprünglich verordneten Medikament. Sein Name: Novaminsulfon. Der Abgabepreis dieses Präparates liegt zwei Euro unterhalb des Originals. Besteht der Patient auf das ursprüngliche Medikament, muss er jedoch nicht nur die fünf Euro gesetzlicher Selbstbeteiligung zahlen, sondern den gesamten Abgabepreis – in diesem Fall 13,29 Euro. Die Quittung kann der Patient dann bei seiner Krankenkasse einreichen, und um Kostenerstattung bitten. Das Risiko, auf einem Großteil der Kosten sitzen zu bleiben, sei groß, warnen Experten und raten den Patienten, bevor sie von ihrer Wahlfreiheit Gebrauch machen, sich ausgiebig von den Krankenkassen beraten zu lassen. Denn wie ein anderes Beispiel zeigt, kann eine solche freie Wahl dramatische Folgen haben. Das Beispiel liefert in diesem Fall die AOK selbst, und zwar auf ihrer Internetseite. Dort wird anhand des Wirkstoffes Clopidogrel ein Medikament zur Behandlung bei Thromboserisiko (Wirkstärke 75 mg, große Packung N3/100 Stück), vorgerechnet, welche Auswirkungen die Wahlfreiheit des Patienten auf sein Portemonnaie haben kann. Bei einer solchen Verordnung erhält der Patient entweder das Vertragsprodukt seiner Krankenkasse und bezahlt dann nur die gesetzliche Zuzahlung, in diesem Fall 5,56 Euro, oder der Patient wünscht das wesentliche teurere Originalprodukt. Dafür muss er in diesem Fall 277,58 Euro auf den Tresen legen. Da die Krankenkasse aber per Gesetz nur die Kosten erstatten dürfe, die für das rabattierte Medikament angefallen wären, würde der Patient in dem hier exemplarisch skizzierten Fall abzüglich aller Kosten lediglich 30,81 Euro erstattet bekommen. Mit anderen Worten: Fast 250 Euro wären futsch.

Während einige Krankenkassen relativ umfassend und transparent über die Risiken der Wahlfreiheit informieren, halten sich andere Krankenkassen bedeckter. Aus deren Reihen sind aber ebenfalls Warnungen zu hören. Denn in einer Information der Betriebskrankenkasse „Mobil Oil“ heißt es: „Die neue Regelung ist teuer und kompliziert. Sie kann auch leicht den falschen Eindruck erwecken, Patienten könnten gegen einen Aufpreis eine bessere medizinische Versorgung wählen.“ Das sei aber in der Regel keinesfalls der Fall. „Nur in sehr seltenen Fällen braucht ein Patient ein anderes Medikament als ihm von der Krankenkasse vorgeschrieben wird. Da muss dann eben noch mal Rücksprache mit Arzt und Krankenkasse gehalten werden“, sagt Schäfer.

Beißner, der viele Jahre in der pharmazeutischen Industrie gearbeitet hat, führt aus: „Es sind aber nicht nur die gesetzlichen Vorgaben, die sich permanent ändern, sondern auch die Preise und die Vereinbarungen zwischen Herstellern und Krankenkassen.“ Alle 14 Tage bekommen die Apotheker eine CD mit den aktuellen Daten, die in die EDV eingepflegt werden müssten. „Der dafür erforderliche Zeitaufwand hat sich bei mir erheblich vergrößert, beinahe verdoppelt“, betont Beißner. Wann und in welcher Form und vor allem für welches Präparat sich die Vorgaben ändern, das wissen die Apotheker nicht. Sie müssen sich ganz auf die Software verlassen und dabei höchst wachsam sein. Das kostet, wie Schäfer sagt, eben Zeit. „Falsche Buchungen versuchen wir, tunlichst zu vermeiden. Das geht teilweise nur durch zig Telefonate“, schildert Schäfer. Passiert so ein Malheur bei einem Medikament, das nur wenige Euro kostet, hält sich der Schaden in Grenzen, wenn das aber beispielsweise bei einer Verordnung passiert, bei der es um mehrere Tausend Euro geht, dann sei das nicht nur schmerzlich, sondern könne sogar dramatische Folgen für die betroffene Apotheke haben, wie Fachleute betonen.

Da für zahlreiche Medikamente mittlerweile eine nahezu unüberschaubare Fülle an vergleichbaren Produkten auf dem Markt ist, kann es durchaus passieren, dass auf den „rosa Zetteln“ der fünf nebeneinander am Apothekertresen stehenden Patienten zwar das gleiche Medikament steht, sie alle aber ein jeweils anderes Präparat erhalten. Geradezu grotesk aber könnte es werden, wenn zwei beispielsweise an Morbus Crohn erkrankte Patienten gleichzeitig vor dem Apotheker stehen. Der Name des verordneten Medikaments: Remicade. Sein Preis: knapp 5000 Euro. Beide Patienten legen pflichtschuldigst ihre Selbstbeteiligung, einen 10-Euro-Schein, auf den Tresen. Einem Patienten jedoch gibt der Apotheker den Geldschein zurück: „Ihre Krankenkasse verzichtet für dieses Medikament auf Ihre Selbstbeteiligung.“ Beißner: „In der Tat haben die Krankenkassen die Möglichkeit, freiwillig auf die Selbstbeteiligung ihrer Versicherten zu verzichten, von dieser Möglichkeit wird aber längst nicht immer Gebrauch gemacht.“

Dass es aber durchaus einen nennenswerten Unterschied machen kann, welcher Krankenkasse man angehört, erklärt der Hamelner Apotheker Joachim Behr am Beispiel eines anderen Medikaments, das bei Hyperaktivität von Kindern verordnet werden kann. Eine Packung Concerta, so der Name des Medikaments mit 30 Retardtabletten und einer Dosierung von 18 Milligramm, kostet 46,33 Euro. Der Sprecher der AOK Niedersachsen Oliver Giebel: „Der in ganz Deutschland geltende Festbetrag für dieses Medikament liegt bei 26,06 Euro. Alles, was darüber hinausgeht, muss der bei uns Versicherte selber zahlen.“

Die Krux bei diesem Medikament liegt bei der Dosierung. Giebel: „Selbstverständlich gibt es alternative, zuzahlungsfreie Präparate, aber eben nicht in exakt dieser Dosierung, sondern das bei der AOK zuzahlungsfreie Medikament gibt es sowohl in 10- als auch 20-mg Dosierung.“ Dessen ungeachtet verzichten einige Krankenkassen aber zum Beispiel bei Concerta auf eine Kostenbeteiligung der Patienten. Behr: „Patienten der TK (Techniker Krankenkasse) müssen beispielsweise für dieses Medikament nichts dazuzahlen.“ Von der Pressestelle der niedersächsischen TK heißt es dazu: „Wir haben alle Ärzte und Apotheker darüber informiert, dass eine Behandlung mit Concerta in den Dosierungen 18, 27, 36 und 54 Milligramm ohne Mehrkosten für den Patienten durchgeführt werden kann.“ Möglich gemacht habe das eine „mehrkostenablösende Vereinbarung zwischen dem Hersteller und TK“, so eine Pressesprecherin der TK.

Experten raten in solchen Fällen: Sprechen Sie mit den lokalen Fachleuten, Ärzten, Apothekern und Krankenkassen und informieren Sie sich neben medizinischen Fragen auch über Preise, Dosierung und Packungsgrößen von Medikamenten.

Erneut sorgt ein Gesetz, das die dringend notwendigen Einsparungen im Gesundheitssystem erzielen soll, für Aufregung. Das seit dem 1. Januar in Kraft getretene Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) soll mehr als zwei Milliarden Euro weniger Ausgaben generieren. Ein Baustein des AMNOG: die Wahlfreiheit der Patienten. Doch diese „Freiheit“ hat ihren Preis.



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