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Elisabeth Schmelzer engagiert sich seit 30 Jahren für einen anderen Umgang mit Lebensmitteln

Essen, was andere wegwerfen

Bei der zweiten Demonstration der „Wir-haben-es-satt!"-Bewegung für eine bäuerliche, ökologischere Landwirtschaft und gutes Essen hat sich Elisabeth Schmelzer einen Presseausweis besorgt. Sie hat sich akkreditieren lassen und hatte damit Zugang zum Pressezelt und zu den Experten. Ihr Wunschinterviewpartner war die Fernsehköchin und Buchautorin Sarah Wiener, mit der sie auch ein längeres Gespräch führte. Und im Gegensatz zu vielen anderen Fernsehköchen, die ihre Sendungen eher als begleitendes Verkaufs-Vehikel zu einer eigenen Produktlinie sehen, hat Sarah Wiener tatsächlich etwas zu sagen.

veröffentlicht am 10.02.2014 um 00:00 Uhr

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Autor:

von Frank Westermann

Sie hat darüber gesprochen, dass sie durchaus Fleisch isst, aber nur, „wenn ich weiß, dieses Tier hatte ein gutes Leben, hat den Wind gespürt, in die Sonne geblinzelt und das gegessen, was es artgemäß essen würde. Und ist nicht als Industrieprodukt gestorben, sondern als Mitgeschöpf.“ Denn jeder wisse heute, dass in der modernen Massentierhaltung „Tierquälerei in gigantischem Ausmaß“ stattfinde. Trotzdem nehme die Zahl und Größe der Tierfabriken in Deutschland immer weiter zu.

Elisabeth Schmelzer ist 60 Jahre alt und kein bisschen leise. Seit fast 30 Jahren engagiert sich die Mindenerin konsequent für die Bewahrung der biologischen Vielfalt und einen lebendigen Planeten für uns und unsere Kinder mit Projekten und Aktionen. Ihre Motivation sind alle Menschen, die sich trotz besseren Wissens gegen den Planeten und seine Geschöpfe entscheiden. Sie will Ehrenamt und bürgerliches Engagement auf die Bühne der Öffentlichkeit heben und Netzwerke knüpfen. Elisabeth Schmelzer ist der Kopf und Motor von „GreenFairPlanet“.

Ihr Engagement für Umwelt und Natur begann am 26. April 1986. Es war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die sie wie viele andere auch auf die deutschen Straßen trieb und gegen Atomkraft demonstrieren ließ. Seitdem organisiert sie Mahnwachen, Kerzenaktionen, Friedensmärsche, lädt Zeitzeugen aus Fukushima und Tschernobyl ein und ruft zu Demonstrationen für die Energiewende auf.

Unter freiem Himmel findet eine „Schnippelparty“ in Minden statt. pr

Und hier unterscheidet sich die Mindenerin von vielen Umweltaktivisten; sie ist für etwas. „Gegen etwas sein, ist einfach, aber für etwas zu sein und zu zeigen, wie es anders geht, das lässt keinen Platz für eine negative Denkweise im Engagement für Veränderungen“, erzählt sie. Was Elisabeth Schmelzer auch unterscheidet, ist die grundsätzliche Einstellung: „Es ist ein Ehrenamt – und Ehrenamt soll Spaß machen im freundschaftlichen Miteinander.“ Es gebe genug Knüppel, die einem zwischen die Beine geworfen würden, weiß sie zu berichten. Da sei es umso wichtiger, Menschen und Netzwerke um sich zu haben, die sich gegenseitig ergänzten und unterstützten, um mit geballter Energie etwas zum Guten zu ändern, Menschen, mit denen man lachen, feiern und etwas bewegen könne. Leise Töne mit Pfiff und klare Worte sind es, die sie mag. Von sich behauptet sie, dass ihre Berufung Begeisterungsfähigkeit und Organisationstalent sei.

„GreenFairPlanet“ begann im Jahr 2000, als die erste Teilgenehmigung für die Müllverbrennungsanlage in Minden sie dahin katapultierte, wo sie heute noch zu finden ist: „Mitten im Geschehen“, sagt die 60-Jährige und lacht.

Damals war ihr und ihrem Mann Lothar wohl seltener zum Lachen zumute, denn es war ein Kampf mit einem wirtschaftlichen Riesen, den beide und ihre Mitstreiter in der „BIMI“, der Bürgerinitiative Minden-Info mit Erfolg für die Mindener Bürger aufnahmen. Einzigartig für Deutschland erreichten sie eine Reduzierung der Abgasemissionen um 50 Prozent. Danach ging es Schlag auf Schlag: Ihr Mann wurde zum deutschland- und europaweiten Experten in Sachen Müllverbrennungsanlagen. Es folgte das Bürgerbegehren gegen den Verkauf der Mindener Stadtwerke, der Nachweis, dass sich Dioxin in der Weser befindet. Trinkwasserverunreinigungen in Petershagen, die erste Resolution gegen die Einleitung von K+S in die Weser, Gefahren durch das Atomkraftwerk Grohnde waren weitere Schlagworte. „Es war und ist ein Kampf mit harten Bandagen“, sagt Elisabeth Schmelzer: „Da ist das Retten von Lebensmitteln schon eine ganz andere Hausnummer.“

Acht Jahre lang hat ihr Mann Lothar den BUND Minden geleitet; zu den Umweltschützern kam das Ehepaar Schmelzer, weil es im Jahr 2000 noch die Vorschrift gab, dass nur Verbände, aber keine Einzelpersonen Akteneinsicht bei Bauvorhaben erhielten. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Gründung von „GreenFairPlanet“.

Genug Schnittmengen gibt es zwischen „GreenFairPlanet“ und dem BUND Minden noch heute, denn die grundsätzliche Misere hat sich nicht geändert. Mehr als 840 Millionen Menschen hungern weltweit; 40 Millionen neue Mastplätze für Hühner und 2,5 Millionen Mastplätze für Schweine sind in Deutschland geplant; das Höfesterben in Deutschland geht unvermindert weiter (jedes Jahr schließen 10 000 Betriebe), Deutschland importiert Ernährungsgüter im Umfang von über 18 Millionen Hektar; die Antibiotika-Resistenzen aus der Tiermast bedrohen die Gesundheit von jedem; drei multinationale Unternehmen kontrollieren weltweit über 50 Prozent des Saatguthandels; jedes Jahr stirbt ein Drittel der Bienenvölker in Europa und in den USA und nicht zuletzt gehört der Kreis Minden-Lübbecke mit mehreren Hunderttausend geplanten, zusätzlichen Mastplätzen zu den Spitzenreitern in Nordrhein-Westfalen.

Während Lothar Schmelzer der Experte für den technischen Umweltschutz ist, organisiert Elisabeth Schmelzer Projekte und Aktionen überwiegend für Jugendliche und Schüler immer mit dem Blick über den Tellerrand ohne das regionale aus den Augen zu verlieren. Dabei hilft ihr das weltweite Netzwerk, zu dem Umwelt- und Hilfsorganisationen, kirchliche Hilfswerke, Stiftungen, Sozialverbände, Künstler und Aktivisten ebenso gehören wie heimische Vereine, Interessengemeinschaften, Kultur- und Begegnungsstätten, Jugendzentren und Privatpersonen. Rund 80 Prozent der Aktivitäten, so schätzt sie, laufen über die Vernetzung, die ihr Anliegen auf die große öffentliche Bühne bringen.

Und manchmal belohnt der Zufall die Engagierten. Für eine Schnippelparty in Minden, bei der abgelaufene Lebensmittel verarbeitet und anschließend als Essen verteilt wurden, hatte sich der WDR angekündigt, daraus wurde ein Beitrag für die Sendung „Hier und Heute“. Es waren fast 15 Minuten Sendezeit, das erfreut natürlich. Vier Wochen später rief die Redakteurin an und erklärte, dass die Quote so gut gewesen sei, dass man noch einen Beitrag mit ihr zum Thema Lebensmittelverschwendung machen wollte – diesmal für die Sendung „Daheim und unterwegs“. Das ergab 50 Minuten reine Sendezeit, in der Elisabeth Schmelzer und die Obernkirchener Neuaktivistin Janica Reinkensmeier zeigen konnte, wie jeder im Alltag mit einfachen Mitteln und Tricks Lebensmittelverschwendung vermeidet und wie aus Resten noch was Leckeres gezaubert werden kann.

Geschnippelt wurde auch im Januar auf der Grünen Woche in Berlin. Zum vierten Mal ist Elisabeth Schmelzer dabei und mobilisiert 200 Männer und Frauen, sich für gutes Essen und gute Landwirtschaft einzusetzen. Rund 800 Menschen, darunter eine größere Anzahl von jungen Leuten aus dem Landkreis Schaumburg, sind schon am Vorabend der Demo dabei: Sie haben sich an lange Tische gesetzt und Karotten, Zwiebeln, Kohlköpfe klein geschnitten – Gemüse, das von Biobauern gespendet wurde, aus Überschuss oder weil es falsch gewachsen war und selbst in Bioläden keine Käufer mehr fand. Am nächsten Tag wurden aus diesem Gemüse Suppen gekocht und im Anschluss der Demo „Wir haben Agrarpolitik satt“ beim Supp’n Talk in der Heinrich-Böll-Stiftung an die Teilnehmer verteilt. „Schnippel-Disco“ nennt sich diese Gemüse-Aktion. Demonstriert wurde für eine andere Landwirtschaft, für einen sanfteren Abschied vom Fleisch, einen sorgfältigeren Umgang mit Lebensmitteln, für das Ende der Massentierhaltung. Es ist eine Bewegung, die sich an der Ernährungsfrage entwickelt. Sie rückt seit langem in die Mitte der Gesellschaft vor und wird dort schon bald die Bedeutung erhalten, wie vor vier Jahrzehnten die Bewegungen gegen die Atomkraftwerke: Damals rückte der Fallout in den Fokus, heute sind es Rinderwahnsinn, Gammelfleisch und Bienensterben, hinter denen wiederum Massentierhalter, Landspekulanten und Lebensmittelfälscher stehen. Immer mehr Menschen haben das einfach satt. Fernsehköchin Sarah Wiener hat es im Gespräch mit Elisabeth Schmelzer so formuliert: „Eltern kochen nur noch selten für ihre Kinder – weil sie es selber nicht mehr können oder weil sie überlastet sind. Generationen verlieren derzeit nicht nur elementare Fertigkeiten und die Rückkopplung an unsere Natur, sondern auch die Kontrolle über eine selbstbestimmte, gesunde Ernährung bis ins hohe Alter.“ Elisabeth Schmelzer selbst sieht einen weiteren Grund: „Wir beklagen die Lebensmittelverschwendung und fragen nach den Ursachen. Aus meiner Sicht fehlt das Wissen über Lebensmittel.“ Ihre Vision für eine Schule der Zukunft ist ein Gesamtkonzept zur Wertschätzung der Lebensmittel aus ökologischer, ökonomischer und sozialer Sicht: Ernährungsbildung in Form von Lebensmittelkunde und Kochunterricht müssten in die Lehrpläne integriert werden.

Der Ernährungssektor verursacht Schätzungen zufolge 16 bis 22 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland. Doch ein Großteil der Nahrungsmittel wird gar nicht gegessen, sondern weggeworfen. Allein in Deutschland werden elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Jahr entsorgt, schätzen Experten. Elisabeth Schmelzer ist eine Frau, die sich gegen die Verschwendung einsetzt.



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