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Vor 20 Jahren berichtete Ulrich Behmann über das Zugunglück – der Journalist erinnert sich

Eschede wirkt nach

Es gibt Ereignisse im Leben eines Menschen, die ihn so schnell nicht loslassen. Ein Stichwort reicht – und die Erinnerungen kommen zurück. Sie haben sich eingebrannt in unser Gehirn. Man weiß in solchen Momenten sogar, was man gemacht hat, als einen die Nachricht erreichte.

veröffentlicht am 02.06.2018 um 08:00 Uhr

Eine Brücke ist eingestürzt. Betonteile und ein Metallgeländer ragen in die Luft Foto: Ulrich Behmann
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Bei Eschede war das bei mir so – und bei den Anschlägen vom 11. September. Am 3. Juni 1998 hatte ich Urlaub; ich war zu Hause und kratzte mit einem Spachtel mühsam Tapetenreste von der Wand. Das Klingeln des Telefons war eine willkommene Abwechslung. Mein Chefredakteur war dran. Er begrüßte mich und stellte mir kurz nacheinander zwei Fragen: Die erste lautete: „Wissen Sie, was heute Vormittag in Eschede passiert ist?“ Und ob. Im Radio hatte ich gehört, dass in dem kleinen Heidedorf ein ICE verunglückt war. Die Anzahl der Toten stieg von Stunde zu Stunde. Mindestens 20 Reisende sollten ums Leben gekommen sein. Als ich Dr. Hermann A. Griesser sagte, ich wisse davon, stellte er mir eine zweite Frage, die für mich wie eine Anweisung klang: „Wann können Sie dort sein?“

Wenig später saß ich in einem VW Polo der Dewezet und fuhr zum 115 Kilometer entfernten Unglücksort. Während der knapp zweistündigen Fahrt verfolgte ich auf NDR 2 die Nachrichtenlage. Die Opferzahlen wurden stündlich nach oben korrigiert. Um 14.30 Uhr sprach die Einsatzleitung von über 50 Todesopfern. Ich konnte mir ausmalen, dass ich Grauenhaftes erleben werde. Aber ich habe nicht im Entferntesten geahnt, dass mich die Eindrücke dermaßen belasten würden. Ich war damals schon als Kriminalreporter tätig und hatte zudem mehrfach aus Kriegsgebieten im ehemaligen Jugoslawien und aus Somalia berichtet. Das Grauen, das ich bereits gesehen hatte, hätte mich abgehärtet. Dachte ich zumindest.

Aber Eschede war anders. Eschede war in Deutschland, und Eschede lag nicht weit weg von Hameln. Eschede war furchtbar.

Retter suchen in den Trümmern nach Überlebenden. Foto: ube
  • Retter suchen in den Trümmern nach Überlebenden. Foto: ube
Zusammengedrückt – ein ICE-Waggon. Foto: ube
  • Zusammengedrückt – ein ICE-Waggon. Foto: ube

Das Grauen, das ich bereits gesehen hatte, hätte mich abgehärtet. Dachte ich zumindest. Aber Eschede war anders.

Ulrich Behmann

Die Sonne schien und Vögel zwitscherten, als ich mich am Nachmittag dem abgeriegelten Unglücksort näherte. Mein Presseausweis ermöglichte mir den Zutritt zum Katastrophengebiet. Überall standen Rettungswagen und Feuerwehrfahrzeuge. In der Luft kreisten Hubschrauber. Eine Brücke war eingestürzt. Betonteile und ein Metallgeländer ragten in die Luft. Das war das erste Bild, das mir in Erinnerung geblieben ist. In einer Seitenstraße standen rechts und links der Fahrbahn Leichenwagen. So viele hatte ich noch niemals zuvor in meinem Leben gesehen. Bestatter von nah und fern warteten auf das Zeichen, die Toten abholen zu können. Von der Fahrbahn, die zu der eingestürzten Brücke führte, machte ich mir ein erstes Bild von der Lage. Ich fotografierte das Chaos. Ich sah einen Trümmerhaufen, zerfetzte miteinander verkeilte Waggons, von denen zwei aussahen wie zusammengedrückte Schuhkartons und einen ICE-Triebkopf, der quer auf den Gleisen stand – an all das erinnere ich mich noch heute. Am Rande eines Rübenackers, der mit roten, blauen, gelben und grünen Einsatzfahrzeugen geradezu übersät war, traf ich einen ASB-Sanitäter. Er saß regungslos da, hatte sein Gesicht in seine Hände gelegt. Als er zu mir hochblickte, sah ich Tränen in seinen Augen. Ohne ihn etwas gefragt zu haben, sagte er zu mir: „So etwas Furchtbares habe ich noch nie gesehen.“ Der Mann hatte bis zur totalen Erschöpfung geholfen – er war fertig.

50 Meter von ihm entfernt hievten zwei große rote Riesenkräne Wagenteile an. Es sah aus, als habe eine Riesenhand Papier zerrissen und auf einen Haufen geworfen. Notärzte kletterten in einen Berg aus scharfkantigen gezackten Metallteilen. Eine Szene werde ich niemals vergessen: Als ein Kran ein Trümmerteil mit drei Fenstern anhob, rollte mir ein abgetrennter Arm entgegen. Noch heute erzähle ich dann und wann meiner Frau oder befreundeten Feuerwehrleuten davon. Es ist wohl meine Art, mir das Erlebte von der Seele zu reden. Auch ein Auto, das von Brückenteilen und einem Waggon platt gedrückt worden war, ist mir in Erinnerung geblieben.

101 Menschen verloren ihr Leben – und 88 Reisende wurden schwer verletzt

Ich habe damals mit vielen Augen- und Ohrenzeugen gesprochen – sie standen alle unter dem Eindruck des Geschehens. Manchen fehlten die Worte. Sie weinten nur. Und dann war da noch der britische Oberstleutnant, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben war. Er hatte bereits in Bosnien und in Nordirland gedient. Seine Worte höre ich noch heute: „So etwas habe ich zuletzt in Sarajevo gesehen. Die Brücke sieht aus, als wäre sie gesprengt worden.

Die schrecklichen Bilder haben auch mich zutiefst geschockt. „Als Reporter macht man seinen Job – und damit ist es gut. Du darfst das nicht an dich ranlassen, Junge“, hatte mir einmal Hanns Joachim Friedrichs mit auf den Weg gegeben. Ich hatte Mr. Tagesthemen als junger Journalist in Hamburg getroffen. In Eschede versuchte ich, seinen Rat zu befolgen. Aber ich habe es nicht geschafft, zu verdrängen oder zu vergessen.

Damals war ich stolzer Besitzer eines C-Netz-Telefons. Der Handy-Vorgänger wog sieben Kilogramm. Am Abend klingelte das Autotelefon. Der stellvertretende Chefredakteur Wolfhard F. Truchsess, der damals die Politik-Redaktion leitete, war dran. Er wartete auf den Text und drängelte. Ich habe ihn vertröstet, denn am Abend des schrecklichen Tages, der 101 Menschen das Leben gekostet hatte und bei dem 88 Reisende schwer verletzt worden waren, hatte ich anfangs mit einer Schreibblockade zu kämpfen. So viele schlimme Eindrücke spukten in meinem Kopf herum. Ich wusste damals nicht, wie ich anfangen sollte. Am Ende habe ich es geschafft und Redaktionssekretärin Heidrun Tanneck den Text telefonisch durchgegeben. Die Überschrift war ein Zitat – sie lautete: „So etwas Furchtbares habe ich noch nie gesehen“.


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