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Wie die Jugendwerkstatt Hameln vom Vorzeigeprojekt zum Sanierungsfall wurde

Es war einmal

In Hameln geht eine Ära zu Ende – die Ära der vom Kirchenkreis Hameln-Pyrmont betriebenen Jugendwerkstatt. Nach fast genau 40 Jahren schließt diese diakonische Einrichtung für benachteiligte Jugendliche Ende Juni ihre Tore. Eine zuletzt bestehende gemeinnützige Gesellschaft (gGmbH), die aus zwei im Jahr 2012 gegründeten gGmbHs nach knapp zwei Jahren hervorgegangen war, wird vom 1. Juli an abgewickelt. Die Kündigungen der letzten verbliebenen Mitarbeiter zum 30. Juni und zum 30. September sind erfolgt. Einige Klagen gegen diese Kündigungen sind beim Arbeitsgericht noch anhängig – ändern werden sie am Ende der Einrichtung nichts mehr. Die Jugendwerkstatt der Kirche wird damit Geschichte sein.

veröffentlicht am 29.06.2015 um 00:00 Uhr

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Es waren die ersten Jahre einer zunehmenden Arbeitslosigkeit, die insbesondere junge Erwachsene und Schulabgänger ohne Schulabschluss betraf. Damals, im Jahr 1976, wurde zunächst eine Jugendarbeitslosenselbsthilfe einschließlich der Einrichtung einer Holz- und Fahrradwerkstatt in Räumen der Nordwestdeutschen Hefe- und Spritwerke, heute besser bekannt als der Hefehof, gegründet. Unter der Leitung des Diakons Gustav Begemann entstand 1979 ein Möbellager und eine Transportgruppe. Männer des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont entschlossen sich damals im Kirchenkreistag für die Übernahme der Trägerschaft und Weiterführung der Einrichtung als Diakonische Jugendhilfeeinrichtung – die Jugendwerkstatt war entstanden.

Es war ein erfolgreicher Start, wie sich an den Zahlen der beruflichen und sozialen Eingliederung ausländischer Jugendlicher ablesen lässt: Von 165 in der Maßnahme lernenden Jugendlichen konnten 62,5 Prozent in einer Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt übergeleitet werden.

Unter wechselnden Führungen weitete die Jugendwerkstatt ihre Aktivitäten in den folgenden Jahren immer weiter aus. Zu Ausbildungsmaßnahmen für Schlosser kamen 1984 die Tätigkeitsbereiche Metalltechnik, Farb- und Raumgestaltung; zwei Jahre später auch die Tischlerei. Als Klaus-Dieter Jösten im Jahr 1989 die Leitung der Jugendwerkstatt übernahm, wurde zusätzlich eine sozialpädagogische Betreuungsmaßnahme für straffällig gewordene Jugendliche im Rahmen der jugendrichterlichen Weisung eingerichtet und die Berufsfelder um den Bereich Hauswirtschaft erweitert.

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Hilfe für Jugendliche: Die Einrichtung als soziale Anlaufstation.

Überregional machte die Einrichtung erstmals stärker von sich reden, als sie als erstes dezentrales soziales Expo-Projekt registriert wurde und zur Expo das Expo-Café einweihte. Große Beachtung fanden auch die Besuche des Bundespräsidenten Johannes Rau und des Ex-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Ein Kraftakt, der nur bewältigt werden konnte, weil Jösten Zugang zu vielen Sponsoren und Spendern fand, war der Erwerb von Gebäuden in der Ruthenstraße, ein Schock allerdings auch die Zerstörung des Gebäudes Ruthenstraße 10 im Jahr 2002 durch einen Großbrand. Zum Richtfest für den Neubau im Dezember erschienen immerhin mehr als 500 Gäste.

Was bis dahin mit zeitweise gut 600 Jugendlichen, die hier beruflich und sozialpädagogisch gefördert wurden, und bis zu 60 Mitarbeitern wie ein sozialpolitischer Modellfall aussah, sollte allerdings wenige Jahre später einen scharfen Knick erfahren – die im Wesentlichen aus Mitteln des Arbeitsamtes finanzierten Maßnahmen konnten vom Jahr 2004 an nicht mehr im Arbeitsamtsbezirk Hameln beantragt werden, sondern wurden zentral von Nürnberg ausgeschrieben und marktwirtschaftlichen Bedingungen unterworfen. Der Knackpunkt dabei, wie Jösten und Superintendent Philipp Meyer übereinstimmend berichten: „Da die Mitarbeiter der Jugendwerkstatt nach dem am öffentlichen Dienst ausgerichteten Tarif der Kirche bezahlt wurden, konnten andere private Träger sich zu günstigeren Preisen bewerben.“ Urplötzlich war das von Jösten betriebene Netzwerk ausgehebelt, der Abwärtstrend begann. Jösten: „Das könnte der Anfang vom Ende gewesen sein.“

Was die diakonische Einrichtung finanziell noch dank vorher erwirtschafteter Überschüsse und großzügig erlangter Spenden noch zwei bis drei Jahre durch Vortrag ins jeweils nächste Haushaltsjahr ausgleichen konnte, erwies sich dauerhaft aber als Finanzfalle, aus der es trotz der Zuschüsse von Landeskirche, Kirchenkreis, Landkreis und EU-Mitteln dauerhaft kein Entrinnen gab – die Jugendwerkstatt wurde zum defizitären Betrieb mit Finanzierungen aus „tausendundeinem Topf“, wie Jösten sich erinnert.

Die Bezahlung der Mitarbeiter auf einen billigeren Tarif umzustellen, war nicht möglich – dann hätte die Kirche die Trägerschaft umwandeln und einen privaten finden müssen. Zudem handelte es sich teilweise um jahrzehntelange Beschäftigungsverhältnisse, die Jösten unter allen Umständen aufrechterhalten wollte. Finanziell kam es, wie es kommen musste: 2008 betrug das Defizit 172 000 Euro, 2009 waren es 217 000 Euro und ein Jahr später 269 000 Euro, wie Gerhard Ohlendorf, der langjährige Vorsitzende des Kuratoriums, eine Art Aufsichtsrat der Jugendwerkstatt, aus seinen Unterlagen nachweisen kann. „Das musste der Kirchenkreis abdecken“, erinnert sich Ohlendorf, „das war mühsam, aber er konnte es.“ Eigentlich, so meint Ohlendorf, hätte einem Teil der Mitarbeiter schon im Jahr 2008 gekündigt werden müssen. „Das hätte mit einer gewissen Brutalität gemacht werden müssen“, erklärt Ohlendorf, „aber die hat Jösten nicht gehabt.“ Spätestens im Jahr 2009 hätte man grundsätzlich beraten müssen, wie es weitergehen könne, sagt der frühere Arbeitsgerichtsdirektor. „Aber da wurde nicht genug miteinander gesprochen und das Kuratorium nicht ausreichend eingeschaltet. Die Finanzierungsprobleme wurden nicht ordentlich kommuniziert, sondern unter dem Deckel gehalten.“

Zum großen Knall kam es dann im Februar 2011. Bei Überprüfungen durch einen Unternehmensberater waren Unstimmigkeiten aufgetreten, die nach einem Personalführungsgespräch, geleitet von Superintendent Meyer, mit Jösten zum Hausverbot für diesen und zu einer außerordentlichen Kündigung führten. Eine Klage Jöstens vor dem Arbeitsgericht Hameln wurde in erster Instanz abgewiesen, erst in der Revisionsverhandlung vor dem Landesarbeitsgericht Hannover einigten sich die streitenden Parteien auf einen Vergleich mit einer sozialen Auslauffrist der Kündigung von sechs Monaten. In dem Vergleich gestand Jösten laut Meyer zu, „dass der Kirchenkreis alle Vorwürfe gegen ihn aufrechterhält“. Strafanzeigen gegen Jösten verliefen allerdings im Sande – die Verfahren wurden von der Staatsanwaltschaft eingestellt, wie Klaus Arnecke, Ohlendorfs Nachfolger als Kuratoriumsvorsitzender, sich erinnert.

Das nach Jöstens Amtszeit erarbeitete Konzept zur Sanierung der Jugendwerkstatt erwies sich in der Folge nicht als tragfähig. Bereits im Jahr 2013 trennte sich der Kirchenkreis gütlich von 40 Mitarbeitern. Die Folge der mit Abfindungen verbundenen Kündigungen war ein Defizit von 1,1 Millionen Euro. Die Alternative wäre gewesen, Insolvenz anzumelden. „Das wollten wir aber nicht“, erklärt Meyer, „damit hätten wir die Mitarbeiter um ihre verdienten Abfindungen geprellt.“ Da der Kirchenkreis mit der jetzt deutlich verkleinerten Jugendwerkstatt den überdimensionierten Bau loswerden musste, wurde er an die Paritätische Lebenshilfe Schaumburg-Weserbergland verkauft – zum Preis von 1,1 Millionen Euro.

Dass benachteiligte junge Leute auch in Zukunft gefördert werden, liegt jetzt bei der Impuls gGmbH, die für 33 Monate finanzielle Förderung durch die N-Bank und den Landkreis zugesichert bekommen hat. Mehr als 16 Plätze wird es dabei aber nicht geben.

Die Jugendwerkstatt Hameln der evangelischen Kirche galt über Jahre als Leuchtturmprojekt für die soziale Arbeit mit jungen Menschen. Jetzt schließt sie wegen finanzieller Probleme ihre Tore. Wir blicken auf fast 40 Jahre Jugendwerkstatt zurück – auf ihre Höhen und Tiefen.



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