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„Eigentlich“ stehen auf Schwangerschaftsabbruch immer noch Gefängnis- und Geldstrafen

Es gibt kein Recht auf Abtreibung

Wer meint, in Deutschland existiere ein „Recht auf Abtreibung“, der irrt sich. Tatsächlich sind Abtreibungen nach Paragraf 218 „rechtswidrig“, wenn sie nicht auf einer medizinischen Grundlage beruhen oder nach einer Gewalttat geschehen.

veröffentlicht am 10.11.2016 um 16:28 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 17:20 Uhr

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Der Staat verzichtet allerdings auf eine Strafverfolgung, solange der Abbruch innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate erfolgt, und zwar nach einem Beratungsgespräch, das mindestens 72 Stunden vor dem Eingriff stattgefunden haben muss. Schwangerschaftsabbrüche sind also nur indirekt erlaubt, sie bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone. Das bedeutet: Kein Krankenhaus, und wenn es die einzige Klinik im ganzen Land wäre, muss sie anbieten, kein Mensch kann dazu verpflichtet werden, gegen seinen Willen an Schwangerschaftsabbrüchen mitzuwirken, keine Krankenkasse hat grundsätzlich die Behandlungskosten zu übernehmen.

Ob aber nun verboten oder nicht, Abtreibungen werden immer und überall da vorgenommen, wo Frauen ungewollt oder ungeplant schwanger werden. Dieses Argument, dass Verbote Abtreibungen nicht verhindern, gehörte auch zu den ersten, die gegen den Paragrafen 218, der Abtreibungen unter Gefängnisstrafe stellte, vorgebracht wurden: Man müsse das Abtreibungsverbot zumindest für die ersten drei Monate lockern oder ganz abschaffen, damit die betroffenen Frauen nicht zu zweifelhaften, lebensgefährlichen Methoden griffen, das forderten erste Frauenrechtlerinnen, aber auch Politiker der Weimarer Republik.

1926 wird erstmals die Gefährdung für Leib und Leben der Schwangeren im Sinne einer „medizinischen Indikation“ als Abtreibungsgrund anerkannt.

Bereits im Jahr 1929 gab es eine Anti-Paragraf-218-Kampagne unter dem Motto: „Ich habe abgetrieben; ich habe geholfen abzutreiben“, die an die viel spätere Stern-Kampagne aus dem Jahr 1971 erinnert. Da hatte Alice Schwarzer 374 Frauen dazu aufgefordert, sich öffentlich mit Foto zu ihren Abtreibungen zu bekennen. Dadurch wurde zwar einerseits die immer heftiger gewordene Diskussion um das Abtreibungsverbot in der Bundesrepublik Deutschland noch einmal zusätzlich angeheizt. Doch behielten die Abtreibungsgegner insgesamt die Oberhand, stellte doch das Bundesverfassungsgericht 1975 fest, dass der „Lebensschutz der Leibesfrucht“ grundsätzlich und zwar für die gesamte Dauer der Schwangerschaft Vorrang habe vor dem Selbstbestimmungsrecht der Frau. Eine „Fristenlösung“, die, unabhängig von speziellen Gründen, den Schwangerschaftsabbruch bis zum dritten Monat erlaubt, konnte auf dieser Basis nicht in Frage kommen. Es gibt sie bis heute nicht. Erst im Jahr 1995 aber trat eine Regelung in Kraft, die auch die soziale Situation einer schwangeren Frau als Abtreibungsgrund zuließ, ohne dass ihre Probleme gleich quasi lebensbedrohliche Ausmaße haben mussten. Rechtmäßig wurde eine Abtreibung aufgrund individueller und sozialer Nöte deshalb noch nicht, aber sie wird geduldet. Keine Frau, die nach der „Beratungsregel“ einen Abbruch vornehmen lässt und keine Ärzte, die diesen Eingriff vornehmen, müssen dafür ins Gefängnis gehen.

„Nicht nur ein Zellhaufen“

„Die holen sich da eh nur ihren Zettel ab!“ – dieses Vorurteil über das vorgeschriebene Beratungsgespräch vor einem Schwangerschaftsabbruch existiert durchaus. Dabei wird unterstellt, dass die Schwangeren-Konfliktberatung den „Schutz des werdenden Lebens“ gar nicht groß zur Sprache bringe, wenn Frauen sich sicher zu sein scheinen, dass sie eine Schwangerschaft abbrechen wollen. „So ist es ganz und gar nicht“, meint dazu Ulrike Dommnich, die seit 35 Jahren schwangere Frauen in der Arbeiterwohlfahrt (AWO) berät. Alle Beratungsstellen seien dazu verpflichtet, zugunsten des werdenden Lebens zu argumentieren.

Frauen brauchen eine Bescheinigung, dass ein Beratungsgespräch bei einer dafür anerkannten Stelle stattgefunden hat.

Ulrike Dommnich, Beraterin der Arbeiterwohlfahrt

„Ja, Frauen brauchen eine Bescheinigung darüber, dass ein Beratungsgespräch bei einer dafür anerkannten Stelle stattgefunden hat“, erklärt Dommnich. „Und ja, bei uns bekommt auch jede Frau nach dem Gespräch diesen ‚Zettel‘ – anders als etwa bei der katholischen Caritas, die zwar beraten, aber aus Prinzip keine Bescheinigung ausstellen.“ Doch in jedem Fall würden diese Gespräche „ergebnisoffen“ geführt. „Meiner Erfahrung nach gibt es kaum eine Frau, die nicht bereit ist, sich einem offenen Gespräch zu stellen“, sagt sie. „Das Vorhaben eines Schwangerschaftsabbruchs ist immer konfliktbehaftet, immer. Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, in der die Frauen in die Lage kommen, den Konflikt wahrzunehmen und darüber zu sprechen.“

Die Entscheidung für den Abbruch einer Schwangerschaft sei eine der einschneidensten Entscheidungen, die ein Mensch in seinem Leben trifft. „Und der Hintergrund ist fast immer die Frage: ‚Kann ich einem Kind überhaupt gerecht werden, kann ich ihm geben, was es braucht“, so Ulrike Dommnich. „Das betrifft auch Frauen, die bereits Kinder haben.“ Genau deshalb sei es so bedeutungsvoll, alle nur möglichen finanziellen und psychologischen Hilfen zu nennen, die für eine Fortführung der Schwangerschaft sprechen können. Immerhin – in geschätzten zehn Prozent der Beratungsfälle entschließe sich eine Schwangere, das Kind doch zu bekommen.

Man kann Abbrüche nicht verhindern. Aber man kann verhindern, dass Frauen daran zugrunde gehen.

Heidemarie Hanauske, AWO-Geschäftsführerin

„Ich habe allerdings schon so viele sehr traurige Gespräche geführt“, sagt Ulrike Dommnich. „Oftmals gibt es eben keine befriedigende Lösung des Konflikts.“ Die Beraterinnen würden in den Gesprächen nichts verharmlosen, niemals einfach sagen, es sei ja nur ein „Zellhaufen“, den man entferne. „Es ist wichtig, meine ich, tatsächlich von einem ‚werdenden Leben‘ zu sprechen“, so Dommnich. „Nur so kann man sich der ethischen Grundfrage stellen, wirklich bewusst seine Entscheidung treffen und sie dann auch verarbeiten.“ Trauer und Abschiednehmen gehöre bei den meisten Frauen unvermeidlich zu einem Abbruch dazu. Immer wieder auch spreche sie mit Frauen, die erschüttert darüber sind, dass sie überhaupt in diese Situation kamen.

So unlösbar die Spannung zwischen dem „Schutz des werdenden Lebens“ und dem „Selbstbestimmungsrecht der Frauen“ meistens erscheinen muss, Ulrike Dommnich spricht sich ebenso wie AWO Geschäftsführerin Heidemarie Hanauske eindeutig für straffreie Abtreibungsmöglichkeiten aus. „In katholischen Ländern, wo Abtreibungen weitgehend tabu oder gar verboten sind, liegen die Abbruchraten deutlich höher als in liberalen Ländern“, so Hanauske. „Man kann Abbrüche nicht verhindern. Aber man kann verhindern, dass Frauen daran zugrunde gehen.“



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