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Es geht um Religion, Vorurteile und Angst

Sie kichern, lachen, reißen Witze, die vier etwa 18-jährigen Rintelner Jungs, die gefragt werden, ob einer von ihnen beschnitten sei. „Mein Penis gehört mir!“, sagt der eine. „Mein Schwanz bleibt ganz“, ein anderer. Und ein Dritter meint: „Das Thema ist irgendwie unangenehm. Ich will gar nicht drüber reden.“ Der Vierte wirft ein, einer seiner Freunde sei beschnitten, und die anderen stöhnen auf: „Ach wirklich? Also nein! Hätte ich nicht gedacht!“ Keinem ist wohl beim Gespräch. Fast scheint es, als habe sich zumindest bei diesen Vieren in Sachen Aufklärung rund um die Beschneidung nicht viel getan. Beschneidung der Vorhaut, das liegt in ihren Augen ziemlich nahe an einer versuchten Kastration.

veröffentlicht am 16.07.2012 um 00:00 Uhr

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Thomas Römer (Name von der Redaktion geändert), 53 Jahre alt, ein Übersetzer, der ebenfalls in Rinteln lebt, er lächelt, als er von der Reaktion der Jugendlichen hört, wird dann aber doch schnell ernst. Seit in den letzten Wochen überall in den Medien intensiv darüber diskutiert wird, ob die Beschneidung eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit darstelle und ob sie immer dann verboten werden müsse, wenn kleine Kinder aus weltanschaulichen Gründen beschnitten werden sollen, denkt er oft an die Geschichte seiner eigenen Beschneidung. Sie wäre sehr viel entspannter verlaufen, hätten nicht seine Eltern, vor allem sein Vater, fast ebenso darüber gedacht wie die Rintelner Jugendlichen: Die Vorhaut gehört zum Mann dazu!

Er ist weder Moslem noch Jude, es waren also keine religiösen Gründe, die eine Beschneidung bei ihm notwendig machten, sondern eine Phimose, die krankhafte Verengung der Vorhaut. „Eigentlich hätte ich schon als Kind beschnitten werden müssen“, sagt er. „Ich merkte, dass etwas nicht ganz in Ordnung ist. Es tat immer weh, wenn ich beim Waschen die Vorhaut zurückziehen wollte, das ging gar nicht richtig – und wenn doch, war es so, als würde dem Penis quasi der Hals zugedrückt.“ Darüber zu sprechen, schien fast unmöglich. Zwar hatte der Kinderarzt eine Bemerkung dazu fallen gelassen und die Mutter wäre vielleicht für weitergehende Untersuchungen gewesen. Der Vater aber war strikt dagegen. Das verwächst sich schon, habe er gemeint. Und so passierte erst mal nichts.

Erst als Jugendlicher wurde für Thomas Römer die Sache richtig ernst, beim Masturbieren nämlich. Die Erektionen schmerzten, von echter Lust konnte keine Rede sein, erst recht nicht, wenn die Vorhaut aus Versehen doch über die Eichel zurückgezogen wurde und sich dann nicht mehr nach vorne schieben ließ. „Im Grunde hatte ich keine Ahnung, was da eigentlich los war“, sagt er. „Es gab ja auch keinen Vergleich mit den Erfahrungen anderer. Zu erzählen, dass ich beim Onanieren Probleme habe, nein, da wäre ich mir total lächerlich vorgekommen. Und unter der Dusche beim Sportunterricht sah mein Penis ja außerdem nicht anders aus als die der anderen.“

Spätestens als er die erste Freundin hatte – „da war ich schon 20 Jahre alt, ich ahnte irgendwie, dass es nicht leicht sein würde beim Sex“ –, ließ sich eine Auseinandersetzung mit dem heiklen Thema nicht mehr abweisen. Geschlechtsverkehr war gleichbedeutend mit Quälerei. Seine Freundin bestand auf einem Arztbesuch. Man stellte fest, dass das Vorhautbändchen zu kurz sei, und ordnete eine Operation an. „Wir sollten Sie auch gleich beschneiden“, meinte der Arzt. „Und ich“, sagt Thomas Römer, „ich war so dumm und sagte Nein.“ Seine Hoffnung sei gewesen, dass die Versetzung des Vorhautbändchens allein schon ausreichen würde. „Ich hatte eine absurde Angst, dass ich durch eine Beschneidung meine Männlichkeit gänzlich verlieren würde.“

Diese Angst – so unbegründet sie in Wirklichkeit ist –, Thomas Römer teilt sie durchaus mit anderen Männern seiner Generation, unter anderem mit älteren jüdischen Männern, die aus Russland nach Deutschland kamen und hier erst erfuhren, dass zum wahren Judentum die Beschneidung der Vorhaut eigentlich unabdingbar sei. Wo männliche jüdische Kinder normalerweise bereits im Säuglingsalter beschnitten werden, um so, wie mit einer Taufe, den Bund zwischen Gott und Mensch zu besiegeln, war dieser Brauch in Russland schon seit Jahrzehnten zum Erliegen gekommen. So wenig die russischen Juden überhaupt ihren Glauben erlernen und ausüben durften, so abwegig erschien es, die Kinder der verbotenen Operation zu unterziehen.

„Ich kenne keinen einzigen erwachsenen Mann bei uns, der sich hier in Deutschland hätte beschneiden lassen“, bestätigt Marina Jalowaja, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Bad Nenndorf. „Die meisten unserer Mitglieder sind schon über 60 Jahre alt. Sie müssen in so vieler Hinsicht überhaupt erst begreifen, was es mit dem jüdischen Glauben auf sich hat. Wenn man das ganze Leben lang nicht beschnitten war, ist es einfach eine Überforderung, die Beschneidung zu verlangen.“ Es sei ja für Erwachsene auch nicht ungefährlich, meint sie, um die hingenommene Verletzung des biblischen Beschneidungsgebotes noch mal aus medizinischen Gründen zu rechtfertigen. Umso älter man wird, desto schmerzvoller kann der Eingriff werden. Allerdings kann die Entfernung der Vorhaut auch Gutes mit sich bringen, denn „hier kann sich sehr viel Schmutz und Dreck ansammeln, wenn man sie nicht regelmäßig zurückzieht“, weiß Dr. Baumann, Arzt der Onkologie des Sana-Klinikums Hameln-Pyrmont; bakterielle Entzündungen können die Folge sein.

Tatsächlich aber gilt die Beschneidung als harmlose Routineoperation, die man bei Erwachsenen mit örtlicher Betäubung und bei entsprechender Wundversorgung fast immer komplikationslos durchführt. Dass auch Landesrabbiner Jonah Sievers trotzdem die Unbeschnittenheit älterer russischer Juden hinnimmt, hat unter anderem mit seinem Verständnis für die männlichen Ängste vor diesem Eingriff zu tun. Diese Ängste sind für ihn einer der Gründe dafür, dass er sich entschieden gegen eine Verschiebung des Beschneidungsalters von männlichen Juden ausspricht. „Wenn die Kinder in der Pubertät sind, ist das natürlich ein sehr guter Zeitpunkt, um über solche Sachen wie Beschneidung zu reden“, meinte er ironisch in einem Radiointerview von 2010, und ergänzt aktuell: „Die erwachsenen Juden aus Russland können nichts dafür, dass sie unbeschnitten sind. Aus dieser besonderen Situation heraus aber ein Argument gegen die Beschneidung im Judentum ableiten zu wollen, ist einfach ein unzulässiger Hieb gegen unsere Religion.“ Die Debatte, welche momentan ganz Deutschland bewegt, lässt auch die jüdische Gemeinde in Hameln nicht kalt. „Wir haben in unserer Vorstandssitzung über das Verbot geredet, diskutiert und natürlich auch in den Medien verfolgt“, so Rachel Dohme. „Das gegebene Signal des Landgerichts ist problematisch, dennoch schrecken wir keinesfalls zurück; Beschneidungen wird es bei uns weiterhin geben.“

Thomas Römer drückte sich bis zum Alter von 30 Jahren um die eigentlich so notwendige Beschneidung herum. „Wirklich, wenn ich jetzt mitbekomme, dass auch heutige Jugendliche ähnliche Vorbehalte wie ich damals gegen die Entfernung der Vorhaut haben, tut es mir nur leid. Ich wünschte, ich hätte es schon viel früher getan.“ Tatsächlich war es gar nicht leicht für ihn, sich an die Unbeschnittenheit zu gewöhnen. „Vor der Operation quälte mich der Gedanke, dass ich vielleicht ganz unempfindlich für Lustgefühle werden würde. Die Vorstellung, dass die nackte Eichel, so empfindlich sie doch ist, an der Kleidung reiben und ungeschützt sein würde, wie sollte man damit leben?“

Viel schwerwiegender war bei ihm allerdings die Tatsache, dass seine Sexualität aufgrund der unbehandelten Phimose einfach kaum Chancen zur Entfaltung hatte. „Verrückt, dass ich so lange zögerte und dann im Nachhinein nur eine riesengroße Erleichterung spürte!“ Erst nach der Beschneidung, die problemlos verlief, sprach er mit Freunden darüber, und siehe da: Es stellte sich heraus, dass zwei von ihnen ganz ähnliche Leiden durchgestanden hatten und sich aufgrund seiner positiven Erfahrung nun endlich auch beschneiden ließen. „Allerdings“, wirft er ein, „30 Jahre lang an eine Vorhaut gewöhnt und dann plötzlich beschnitten zu sein, das bedeutet eine ganz schön große Umstellung.“ Die Methoden der Masturbation seien ohne die weiche Vorhaut ganz andere, und was den Sex betreffe, so habe es sehr lange gedauert, bis er die Furcht, es könnte doch wieder sehr wehtun, halbwegs besiegt habe.

Für Deutschland gehen Experten davon aus, dass etwa 15 Prozent aller Männer beschnitten sind, wobei die Gruppe der Moslems mitgezählt wird, zu deren Bekenntnis die Beschneidung fast ebenso bindend dazugehört wie bei den Juden. Genaue Zahlen stehen weder bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung noch bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Verfügung.

Die religiös begründete Beschneidung von Jungen soll nach dem Willen der Bundesregierung weiter straffrei bleiben. Das Kölner Landgericht hatte in einem Urteil die Auffassung vertreten, die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen sei als Körperverletzung strafbar. Seitdem ist eine Debatte um die Beschneidung entbrannt.



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