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„Es geht um das Gefühl, gemeint zu sein“

Wenn Swantje, Jonas, Alexander und die anderen am morgigen Sonntag konfirmiert werden, wird das ein besonders lebendiger, fröhlicher Gottesdienst, das wissen alle. Nicht nur Angehörige kommen dann in die evangelisch-reformierte Jakobuskirche, auch viele der unbeteiligten Gemeindemitglieder wollen das Fest nicht verpassen. Die insgesamt zwölf Jugendlichen sind zwischen 14 und 16 Jahre alt und gehören zu verschiedenen Kirchengemeinden, teils in Rinteln und Bückeburg, teils auf den Dörfern ringsum. Was sie verbindet: Sie alle besuchen die Tagesbildungsstätte „Schule am Waldkater“ der Rintelner Lebenshilfe. Am normalen Konfirmandenunterricht teilzunehmen wäre für die meisten von ihnen eine Überforderung gewesen. Hätte man sie trotzdem in ihren eigenen Gemeinden integrieren sollen? Pastor Heiko Buitkamp meint: Nein.

veröffentlicht am 28.05.2011 um 00:00 Uhr

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Tatsächlich hatte es einen guten Grund, dass sein Vorgänger, Pastor Martin Hausmann, vor 30 Jahren auf die Idee kam, einen gesonderten Konfirmandenunterricht und ein eigenes Konfirmationsfest für die geistig behinderten Kinder aus der Lebenshilfe einzuführen. Meistens wurden diese Kinder nämlich gar nicht konfirmiert, zumindest dann nicht, wenn sie echte Probleme hatten, dem Unterricht zu folgen, kein Gebet richtig auswendig lernen konnten oder ihnen das artikulierte Sprechen all zu schwer fiel. Es war damals schon etwas Besonderes, dass wenige Jahre zuvor mal zwei Konfirmanden aus der Lebenshilfe kamen. „Die Familien mit geistig behinderten Kindern sahen sich von dem gesellschaftlichen Ereignis der Konfirmation praktisch ausgeschlossen“, so Buitkamp.

Pastor Martin Hausmann kam aus Hamburg in die Weserstadt, wo in Altona seit Ende der 60er Jahre ein kirchliches Augenmerk auf behinderte Kinder und Jugendliche gelegt wurde, seine Schwester arbeitete in Bremen im Auftrag der Kirche für behinderte Menschen. Von Beginn an war es Hausmanns Anliegen, auch in seiner neuen niedersächsischen Gemeinde die Jugendlichen aus der Lebenshilfe in die Kirche zu holen.

Weder in der Lebenshilfe noch in den Kirchengemeinden des Landkreises hatte irgendjemand Erfahrung damit, wie ein Konfirmationsunterricht für geistig Behinderte aussehen sollte. Es gab keine Bücher darüber, keinerlei Lehrmaterial, keine besonderen Lieder, kein Konzept. Erstmals in den 1970er Jahren wurden in Loccum Fortbildungen zum Thema angeboten.

Die Konfirmanden Markus Bauer (v.r.), André Günther, Marie Hirschel, Jasmin Eckermann, Saskia Stark und Jennifer Knorr von der „Schule am Waldkater“ bei der Generalprobe in der Jakobuskirche. Fotos: pr.

Die pädagogische Herausforderung bestand darin, vollkommen unterschiedlich begabte Kinder unter einen Hut zu bekommen. Die Spannbreite der Möglichkeiten, die Geschichten aus der Bibel zu verstehen, zu begreifen, wer Jesus Christus ist, was es mit Ostern auf sich hat und warum man Gottesdienste feiert, erweist sich immer wieder als riesengroß. Während ein Kind vielleicht spastisch gelähmt und oft geistesabwesend im Rollstuhl sitzt, kann das andere mit schöner Betonung vorlesen; während manche nur mühsam ganze Sätze sprechen, lernen andere durchaus vergnügt das „Vaterunser“ und die Liedtexte auswendig.

Solche Unterschiede sind auch sofort zu sehen, als die Gruppe von Heiko Buitkamp sich in der Kirche zur Generalprobe für die Konfirmation trifft. Sie werden am Sonntag ein Stück zur Arche Noah aufführen. Noah tritt darin auf, ebenso wie seine Frau, allerlei Tiere und sogar der liebe Gott persönlich.

Jeder einzelne Jugendliche bekommt eine Rolle in dem Stück. Marcel wollte so gerne den Noah spielen und er ist auch wirklich ein Schauspieler, der die Gefühle von Staunen, Erschrecken, Demut und Freude sehr gut ausdrücken kann.

Nur sprechen, das ist nicht seine Sache. Die Lösung: Jennifer, die sehr gut und lebendig liest, wird sein Sprachrohr sein. Von der Kanzel aus spricht sie die vielen Sätze, zu denen Marcel dann die entsprechenden Pantomimen macht.

Das Zusammenspiel der Konfirmanden klappt ganz ausgezeichnet. Seit drei Jahren kennen sie ihren „Pastor Heiko“, der jeden Donnerstag zu ihnen in die „Schule am Waldkater“ kommt, um zusammen mit der Heilerziehungspflegerin Julia Engewicht und der ehrenamtlichen Mitarbeiterin Biggi Appel einen Unterricht abzuhalten, der den Jugendlichen großen Spaß macht. Es wird gebastelt, gemalt, gesungen, erzählt und auch gebetet. Inzwischen gibt es durchaus Literatur, die sich mit dem Glaubensunterricht für geistig behinderte Menschen beschäftigt, doch hat Heiko Buitkamp immer die umfangreiche Mappe im Gepäck, in der Pastor Hausmann seine über Jahre gesammelten Ideen und Materialien abheftete.

Musik, viel Musik wird gemacht. Bis zu seinem Tod vor fünf Jahren war immer auch der Rintelner Musikpädagoge Manfred Harting am Unterricht und der Vorbereitung von Gottesdiensten beteiligt. Selbst, wer die Liedtexte nicht gut behalten kann, summt die Melodie mit, wiegt sich im Takt, wenn Julia Engewicht auf der Gitarre spielt, nutzt die Orffschen Instrumente mit Begeisterung und versteht über die emotionale Ebene, dass die meisten Lieder von der Liebe sprechen und davon, dass es einen Gottvater gibt, der jeden Einzelnen beschützt.

Es ist ja auch ein geschützter Raum, in dem sich die Jugendlichen bewegen. Sowohl Pastor Hausmann als auch Pastor Buitkamp wissen von Kindern, die zunächst am Konfirmandenunterricht in ihrer Heimatgemeinde teilnahmen und dann ganz verzweifelt waren, weil sie spürten, dass sie durch ihre eingeschränkte Auffassungsgabe auch sozial nicht wirklich zur Gruppe gehörten.

Aus Sorge vor dieser Art der Ausgrenzung verzichten viele Eltern dort, wo es nicht, wie ungewöhnlicherweise in Rinteln, diese Zusammenarbeit zwischen Lebenshilfe und Kirchengemeinde gibt, auf die Konfirmation ihrer Kinder.

Martin Hausmann erinnert sich sogar an einen Fall vor vielen Jahren, wo ein katholisches Kind in seine Gruppe aufgenommen wurde, weil es in seiner Gemeinde gar nicht konfirmiert werden durfte. „Dort war man der Meinung, ein Mensch, der nicht in der Lage sei, den Unterschied zwischen natürlicher und geistiger Speise beim Abendmahle zu begreifen, der könne nicht die Berechtigung erhalten, an der Kommunion teilzunehmen.“

Da hat nun speziell die evangelisch-reformierte Kirche von jeher keine Probleme: „Bei uns kann jeder am Abendmahl teilnehmen, einfach, weil er ein Mensch ist“, so Hausmann.

Trotzdem kann man natürlich fragen, welchen Sinn es haben soll, schwer geistig behinderte Kinder durch die Konfirmation zu „erwachsenen“ Gemeindemitgliedern zu machen. Man erwirbt mit diesem Schritt in die Glaubensmündigkeit ja auch Erwachsenenrechte, wie das aktive Wahlrecht, das Recht, Pate zu werden, eventuell Nottaufen auszuführen und überhaupt als ein Mensch wahrgenommen zu werden, der aus voller persönlicher Überzeugung „Ja“ zu seiner Zugehörigkeit zur Kirche sagt. Die meisten der Kinder, die nun konfirmiert werden, können mit diesen Dingen eher wenig anfangen.

Pastor Buitkamp aber lächelt nur zu diesen Überlegungen, die ihm eher abwegig erscheinen. „Darum geht es doch gar nicht“, sagt er. „Zwar lernen die meisten der Konfirmanden das ,Vaterunser‘ und das Glaubensbekenntnis. Vor allem aber lernen sie, über ihr eigenes Erleben rund um Themen wie Geburt und Tod, die Liebe, Traurigkeit oder ein Gefühl des Verlorenseins zu sprechen. Dass man beten kann, wenn man bedrückt ist oder seine Freude ausdrücken will. Und es geht darum, den Eltern Zuspruch zu bieten und sie darin zu bestärken, dass auch ihr Kind an einem Ritus teilhat, der im Leben der allermeisten Jugendlichen eine große Rolle spielt.“

Ähnlich sieht es auch Martin Hausmann. „In den Zeitungen stehen die Namen der Konfirmanden, sie werden von den Banken angeschrieben, die Verwandtschaft trifft sich, macht Geschenke, feiert den jungen Erwachsenen – sind diese Kinder denn nicht genauso wichtig? Auch sie sollen diesen Anlass haben, wo sie fühlen: ,Ich bin gemeint!‘“ Zudem kann er durchaus von Konfirmanden berichten, die ernsthaft über ihr Verhältnis zu Gott nachdenken, die Zweifel haben und ihn wieder verlieren, die die Liebe Gottes suchen und finden.

„Ich bin sehr froh, dass damals der Brückenschlag zwischen Lebenshilfe und Kirche gelang, dass die pädagogischen Mitarbeiter dort immer weiter so engagiert sind. Ohne ihre intensive Mitarbeit könnten wir das ja gar nicht machen.“

Es gibt Unterricht und ganze Schulen für geistig behinderte Kinder. Weniger verbreitet ist Konfirmationsunterricht für Behinderte. Es gibt sogar Kirchenvertreter, die meinen, Konfirmation oder Kommunion sei bloß Nichtbehinderten vorbehalten. Das ist in der Rintelner Jakobuskirche nicht der Fall. Hier werden am morgigen Sonntag geistig behinderte Kinder aus verschiedenen Kirchengemeinden konfirmiert.



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