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Ertrinken ist ein stiller Tod: „Blubb und weg“

Wespenstiche sind Routine, Schnittverletzungen durch Muscheln auch. Doch ein Deutschrusse, der sich mit einem Beil den Daumen abhackt, das kommt eher selten vor. Der Camper wollte für seinen Grill Buchenholz spalten, erzählt Jürgen Tielke, Wachleiter beim DLRG Rolfshagen am Doktorsee: Das ging schief. DLRG-Retter stoppten die Blutung, bis der Notarzt kam.

veröffentlicht am 07.08.2012 um 00:00 Uhr

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„Der Horror, das sind für uns Badeunfälle, wenn jemand ertrinkt“, sagen Tielke und sein Stellvertreter Markus Held. „Ertrinken ist ein stiller Tod. Blubb und weg. Wer am Ertrinken ist, der hat meist nicht mehr die Kraft, um Hilfe zu rufen“.

Die DLRG-Retter am Doktorsee haben einen speziellen Blick auf Schwimmer entwickelt: „Schauen Sie, die drei Mädchen da, die im Wasser Ball spielen, die können gut schwimmen. Da hinten, der junge Mann, der ist unsicher. Man sieht es an seinem Schwimmstil. Solche Leute behalten wir im Blick.“ Dafür liegt ein Fernglas griffbereit auf dem Tisch. Jüngst ist ein Schlauchboot auf dem See umgekippt. „Klar schauen wir sofort nach, ob einer drunterliegt.“

Mehrmals am Tag machen die Retter mit dem Boot ihre Kontrollrunden auf dem See. Der neue Viertakter blubbert leise am Heck, selbst wenn Bootsführer Richard Bischof am Steuer Gas gibt. Sie kennen ihr Revier im Schlaf: Die Kaninchenbucht, die halb versteckt liegt, dort, wo die Jugendgruppen zelten, die Pappelhalbinsel, den Nordstrand, die Untiefe am Hecht.

Es war am frühen Morgen, erzählt Tielke, da schwammen zwei Jugendliche durch den See. „Plötzlich waren die Köpfe weg. Zum Glück haben wir gesehen, die Jungs kriegen Probleme und waren rechtzeitig da. Die beiden haben einfach die Strecke zum anderen Ufer unterschätzt.“ Verblüfft habe ihn nur die Reaktion der Eltern, als die Jugendlichen mit dem DLRG-Boot am Campingplatz anlandeten. Die haben die Kinder groß angeschaut: „Wo habt Ihr denn gesteckt? Wir warten schon mit dem Frühstück auf Euch.“

Drei Boote sind am Doktorsee stationiert, die fahren bei jedem Wetter. Zu Ostern, erzählt Tielke, hatte ein Segler um Hilfe gerufen. Dessen Boot war gekentert, seine Frau unter Segel und Takelage. Tielke sprang ins eiskalte Wasser und wünschte sich in diesem Moment nichts mehr als einen Neoprenanzug. Aber ein DLRG-Retter bleibt trotz Gänsehaut immer professionell. Die Frau hat er gerettet.

Wenn die große Rutsche an den „Doktorseeterrassen“ läuft, sind auch die DLRG-Helfer vor Ort. „Da ballt sich die Jugend“, sagt Tielke, irgendwas ist immer. „Pflaster-klebe-Zeit.”

Auch Kleinkinder, die mit Schwimmflügeln im Wasser paddeln, lassen sie nicht aus den Augen. Jüngst haben sie einen Jungen von der Badeinsel geholt. Hin schaffte er es, zurück reichte die Puste nicht mehr. Dann kam die Angst. „Der saß auf der Plattform und heulte. Wir waren sofort da.“

Überhaupt die Eltern, Tielke kann manchmal über deren Sorglosigkeit nur staunen. Da gehen Mutter und Vater ins Wasser, das Kind spielt am Strand und sieht, die Eltern schwimmen weg. Logisch, dass es hinterherrennt. Als das Kind untertauchte, war zum Glück ein DLRG-Retter schon da. Die Eltern, sagt Tielke, haben sich von uns eine schöne Standpauke anhören müssen.

Sofort da zu sein – das ist es, was sich Tielke und sein Team wünschen. Doch das ist nicht einfach, wenn Hunderte im Wasser sind, und oft einfach Glück.

Glück, wie es ein Mann aus Detmold hatte. Er suchte sein Kind, das nicht mehr auf der Luftmatratze paddelte, rannte in Sorge ins Wasser, immer weiter, bis er untertauchte. Der Mann konnte nämlich nicht schwimmen. Die DLRG-Retter haben ihn hochgeholt und mit Sauerstoff beatmet, bis der Rettungshubschrauber einschwebte. Der Mann hat überlebt.

„Aber glauben Sie, der hat sich danach bei uns bedankt?“ Was Tielke noch mehr ärgert: Dessen Krankenkasse, die AOK, habe sich geweigert, den Sauerstoff zu bezahlen.

Alle vier Jahre, erzählt Tielke, gibt es einen Todesfall am See. Das sind tragische Geschichten, die vergisst man nicht und die wollen sie auch nicht erzählen.

Da erinnern sich die Retter lieber an die komischen Situationen, die mit Happy End. Wie die Suche nach einem vermissten jungen Mädchen. Die Eltern waren schon in Panik, eine Rettungshundestaffel aus Bad Nenndorf rückte an. Dann stellte sich heraus, das junge Mädchen hatte sich selbst in der Toilette eingeschlossen: aus Liebeskummer.

Fünf bis 15 Retter sind an normalen Sommertagen am Doktorsee. Wenn Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen Ferien haben, sogar rund um die Uhr. Bei „Doktorsee in Flammen“ wacht die komplette Besatzung: 35 Leute.

Zur Stammcrew zählen Richard Bischof, Jan Hendrik Reese, Manon Lehmann, Christian Lampe, Marcel Tielke, Carina Ackmann und Sarah Bohne. Retten ist nämlich nicht nur Männersache.

„Bufdi“ Frederic Frevert vom Bundesfreiwilligendienst war ein Jahr dabei und ist jetzt gerade fertig geworden. Dem DLRG will er treu bleiben.

Im DLRG-Haus gibt es Schlafräume mit elf Betten im ersten Stock, Sanitärräume, eine Küche, einen Aufenthaltsraum und selbstverständlich eine Zentrale, wo Verletzte versorgt werden.

Nachdem vor Jahren die Station abgebrannt ist, haben sie die Retter in Eigenregie wieder aufgebaut. Hilfreich sei damals gewesen, dass Gerd Tadge die notwendigen Beziehungen für Baumaterial hatte. Und weil die DLRG-Leute zuerst die neuen Fenster bekamen, haben sie praktisch das restliche Haus um die schönen großen Fenster drum herumgebaut. Jetzt fehlt nur noch eine Heizung, sagt Tielke. Uwe Deppe, Geschäftsführer der Doktorsee GmbH, habe bereits zugesagt, noch vor dem nächsten Winter werde eine eingebaut.

Der Doktorsee ohne DLRG – kaum vorstellbar. Die Camping- und Freizeitanlage wirbt mit dem bewachten Badestrand und steuert einen Obolus zum Betrieb der Wachstation bei. Dazu muss man wissen: DLRG-Retter schieben ehrenamtlich Wachdienst, ohne Entgelt. Der Verein finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Es muss nicht immer Bargeld sein. Jüngst hat das VW-Autohaus in Hessisch Oldendorf den defekten Transporter unentgeltlich repariert. Und Richard Hartinger, der Wesergold-Chef, ließ Mineralwasser und Apfelschorle für die ganze Saison anliefern.

Wer in der Station Dienst tun will, muss den DLRG-Retter in Bronze haben, mindestens. Die meisten sind weiter ausgebildet. Es gibt Leute mit Bootsführerschein, Taucher und Mitglieder mit der Fachausbildung Rettungsdienst. Markus Held, der stellvertretende Wachleiter ist sogar im Hauptberuf Rettungssanitäter.

Vom Haus auf der DLRG-Insel, einer erhöhten Position, hat man einen guten Überblick über den Schwimmbereich. Der wird inzwischen von einem Vorhang bis zum Grund begrenzt, um die Algen abzuhalten. Das heißt, mit dem Motorboot kann man dort nicht mehr einfahren. Deshalb haben sich die DLRG-Retter ein Rettungsbrett angeschafft, das sieht aus wie ein Surfbrett und funktioniert auch so. Der DLRG-Schwimmer ist schnell bei einem Verunglückten und kann ihn auf das Brett ziehen.

Das Wasser ist super, sagen alle. Vor allem im Schwimmbereich, seit der Vorhang da ist. Aber der See sei nicht zu unterschätzen. Ein Kiessee ist eben kein Freibad. Es geht flach hinein, dann kommt plötzlich eine Stufe, der Boden fällt auf 3,50 Meter tief ab.

Dann die Temperaturunterschiede: am Uferbereich ist es badewannenwarm, weiter im See kommt die kalte Strömung. Die Retter erleben besorgt, dass offensichtlich immer weniger Jugendliche sicher und ausdauernd schwimmen können. Früher war Schwimmunterricht in der Schule selbstverständlich, sagt Tielke, und da gab es noch keine Spaßbäder, wo viele nur herumplanschen.

Tielke empfiehlt, wer in Not kommt, sollte sich im Wasser auf den Rücken legen, treiben lassen, bis Hilfe kommt. Da verbraucht man am wenigsten Kraft. Und vor allem nicht in Panik geraten. Doch auch er weiß, das ist im Ernstfall leichter gesagt, als getan.

Weil die DLRG-Helfer in der Erstversorgung von Verletzten ausgebildet sind und ihre Station entsprechend gut ausgerüstet ist, gibt es am Doktorsee keine eigene DRK-Station mehr. Diesen Job machen die Rolfshäger jetzt als „First-Responder-Team“ mit. Das erhöht natürlich die Zahl der Fälle: 21 Einsätze waren es über Pfingsten.

Vier bis fünf sind es an einem normalen Badetag. Held und Tielke sagen, da gibt es nichts, was wir nicht schon gesehen haben: Ein Junge klemmt sich die Finger in der Fahrradkette; eine Seniorin stürzt auf der Stufe eines Toilettenhauses und bricht sich das Handgelenk.

Ruft jemand auf dem weitläufigen Campingplatzgelände über die Rettungsleitstelle um Hilfe, wird die DLRG automatisch mit alarmiert. Was Sinn macht, denn die DLRG-Retter sind vor Ort und haben auf dem weitverzweigten Campinggelände die nötige Ortskenntnis. Zuletzt haben sie einen Notarzt zu einem Herzinfarktpatienten auf der Pappelhalbinsel eskortiert.

Was passiert, wird im Wachbuch festgehalten. 5000 bis 7000 Wachstunden kommen pro Saison zusammen, je nachdem wie viel Sonnenschein es während der Ferienzeit gibt. Bei größeren Fällen schreibt der Wachhabende ein Protokoll. Und dann ist da noch Richard Bischof, der professionelle Fotograf, der alles im Bild festhält.

Kontakt: Die Retter erreicht man über (0 170) 6 14 16 11 oder über 112.

Es ist Sommer, es ist heiß – alle wollen ans Wasser. Retter der Deutschen

Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) haben dann Hochbetrieb. Am Doktorsee wachen während der Ferien in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen die DLRG-Retter aus Rolfshagen über Nichtschwimmer und Schwimmer.

Alle vier Jahre gibt es einen Todesfall

Markus Held (r.) lässt hier die Rettung eines verunglückten Schwimmers mit einer Spezialtrage üben, die beim Verdacht auf Wirbelsäulenverletzungen eingesetzt wird. Foto: pr.

Jens Hensel ist hier mit dem neuen Rettungsbrett des DLRG im Schwimmbereich des Doktorsees unterwegs. Foto: tol



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