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Erst spät besteigen Frauen die Kanzel

Kaum 25 Jahre ist es her, da galt in den meisten Evangelischen Landeskirchen noch eine Art Zölibat für Pastorinnen. Heirat war für eine Pastorin nicht drin, es sei denn, sie wollte damit automatisch ihren Beruf aufgeben. Erst das neue Pfarrergesetz von 1978 billigte Männern und Frauen im Kirchenamt fast überall gleiche Rechte zu. „Zum Glück war die Niedersächsische Landeskirche schon 1971 so weit“, sagt die Rintelner Pastorin im Ruhestand Karin Gerhardt (59). „Ich hätte sonst niemals Theologie studiert, weil ich auf jeden Fall heiraten und Kinder bekommen wollte.“

veröffentlicht am 12.06.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:23 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

In den 1960 Jahren begann die heftige Diskussion um Frauen im Pastorenamt. Bis dahin durften selbst studierte Theologinnen nur als sogenannte „Pfarramtshelferinnen“ arbeiten. Kindergottesdienste, Konfirmationsunterricht für die Mädchen, Seelsorge möglichst nur für den weiblichen Teil der Gemeinden waren durchaus gern gesehen. Doch dass eine Frau kirchliche Ehen schließt, Tote beerdigt, predigt, tauft und das Abendmahl austeilt – nein! Lange hatte man verdrängt, dass Frauen schon längst die Kanzeln bestiegen hatten, während des 2. Weltkrieges, um verwaiste Pfarrstellen wieder mit Leben zu füllen. Doch wie in vielen anderen Bereichen auch änderte sich das, sobald der Krieg vorüber war.

Trotzdem gab es Theologiestudentinnen, sei es, weil sie wissenschaftlich arbeiten, sei es, dass sie Lehrerin werden wollten. Immer dringlicher wurde ihre Forderung, dass auch sie ordiniert und für das Pastorenamt zugelassen werden könnten.

„Heiratet das Zeug doch weg!“, so zitiert die Evangelische Presseagentur den Ausruf eines entsetzten Pastors, der darin wohl den letzten Ausweg sah, um die Frauenordination zu verhindern. Vergeblich. 1964 wurde der Weg frei gemacht für unverheiratete Theologinnen, 1971 dann in Niedersachsen auch für verheiratete.

Karin Gerhardt gehörte zu den ersten Theologiestudentinnen in Niedersachsen, die ihr Studium mit dem festen Vorsatz begannen, später Pastorin zu werden (In der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe hätte sie diesen Beruf nicht wählen können. Dort wurde das neue Pfarrgesetz erst im Jahr 1991 umgesetzt.)

Unter 70 Theologiestudenten waren nur fünf Frauen, die diesen Weg beschritten. „Als ich mich zur Griechischprüfung anmeldete, gab es jede Menge Kommilitonen, die mich fragten: „Was? Wozu diese Mühe? Du heiratest ja doch und wirst eh nie Pastorin!“, sagt sie. „Es war schon stressig. Wir Frauen mussten immer viel besser sein als die Männer, um gehört zu werden, auch noch Ende der 70er Jahre, als immer mehr Frauen Theologie studierten.“

Ihr Studium sei davon geprägt gewesen, dass man die Studentinnen nie ganz ernst nahm, Einser-Examen hin oder her. „Viele Professoren, viele Mitstudenten glaubten einfach nicht daran, dass wir mal ein Amt übernehmen würden.“ Und sie fühlten sich so im Recht damit. Bevor eine historisch-kritische Auslegung der Bibel sich immer mehr durchsetzte, schien Apostel Paulus die entscheidenden Worte zur Rolle der Frau in der Kirche für immer festgeschrieben zu haben: „Das Weib schweige in der Gemeinde!“ Hatte denn Christus selbst nicht aus gutem Grund nur Männer zu seinen Aposteln berufen? War nicht er der „Bräutigam“ und seine Gemeinde die „Braut“? Nichts erschien abwegiger, als dass eine Frau quasi in die Christus-Rolle schlüpfe und das Abendmahl austeile.

Nach und nach aber gewann ein anderer Bibelsatz die Oberhand, auch von Paulus stammend, aus seinem Brief an die Galater: „Hier ist nicht Jude, nicht Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

Im Nachhinein kann sich Karin Gerhardt nur immer wieder wundern, wie schnell die Maxime zumindest in Bezug auf die Frauen Bedeutung gewann. „Nach dem Studium, als ich mein Vikariat begann, habe ich gar keine Ressentiments mehr gespürt“, sagt sie. „In den Gemeinden hatte man da schon die ersten Pastorinnen erlebt, die etwas älteren Vorkämpferinnen, die Pfarrstellen übernahmen und ganz offensichtlich ein großer Gewinn für die Kirche und ihre Mitglieder vor Ort waren.“

Die Hamelner Pastorin Christine Brendel, mit 42 Jahren fast zwei Studentengenerationen jünger als die Rintelnerin, hat dementsprechend ganz andere Erfahrungen während ihres Werdegangs gemacht. In Bayern, wo sie aufwuchs, wurde das neue Pfarrgesetz erst 1975 verabschiedet, aber als sie zehn Jahre später ihr Theologiestudium begann, bekam sie von allen Seiten her positive Reaktionen.

„Nur eine Freundin meiner Großmutter dachte damals, als sie hörte, ich wolle Pastorin werden, das bedeute, ich würde einen Pastoren heiraten“, erzählt sie. Aufrufe aus Gemeinden, man wolle einen Mann als Pastor haben und bloß keine Frau, die gab es schon längst nicht mehr, als sie ihr Vikariat in Bayern absolvierte. In der Hamelner Münstergemeinde Sankt Bonifatius nun sind es zwei Frauen, die das Pastorenamt innehaben.

Ebenso wie Karin Gerhardt ist Christine Brendel der Meinung, es habe der Kirche sehr gut getan, sich für die Frauen im Pfarramt zu öffnen. „Es geht doch darum, dass die Kirche sich der Lebenswelt nicht verschließt“, sagt sie. „Die meisten Pastorinnen kennen zum Beispiel das typische Frauenproblem, wie man nämlich Beruf und Familienmutterleben unter einen Hut bringen soll.“ Da kann sie auch selbst ein Wort mitreden, ist es doch kein Zufall, dass sie als Mutter von zwei kleinen Kindern und einem beruflich sehr engagierten Mann im Moment nur eine Viertel-Stelle besetzt.

Auch die berufliche Karriere der Rintelner Theologin Barbara Schenck (45), deren Mann Heiko Buitkamp Pastor ist an der evangelisch-reformierten Kirche Sankt Jakobi, blieb nicht unberührt von der Tatsache, dass sie gerade in der Zeit, als Pfarrstellen in der evangelisch-reformierten Landeskirche knapp waren, schwanger wurde. „Bei uns Reformierten werden die Pfarrer ja von der Gemeinde gewählt“, sagt sie. „Da ist klar, dass niemand für eine Frau stimmt, die bald in den Mutterschaftsurlaub gehen wird.“

Aber auch aus einem anderen Grund noch war die Stellensuche für sie sehr kompliziert. Zwar wurde sie in ihrem Vikariat mit rundherum positiven Vorurteilen aufgenommen, weil ihre Vorgängerin, die erste Vikarin in der Gemeinde, überaus beliebt gewesen war. „Oh, wieder eine Frau, wie schön!“, hieß es überall. Doch stellte sich nach Ende der Ausbildung heraus, dass es fast unmöglich war, eine Stelle als Pastorenehepaar zu bekommen. „Man hatte Angst, eine nicht ganz unberechtigte Angst davor, dass es bald Eheprobleme geben würde, wenn sich ein Paar eine Pfarrstelle teilt und kein anderes Thema mehr hat als die Gemeindearbeit“, sagt sie. „Mein Mann hätte seine Stelle nicht bekommen, wenn wir uns als Paar dafür beworben hätten.“

In der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) sind inzwischen etwa ein Drittel aller Pfarrstellen von Frauen besetzt. Auf der leitenden Ebene allerdings sieht es ganz anders aus, und daran hat auch die Einrichtung einer Gleichstellungsstelle wenig geändert. Es glich einer Revolution, als im Jahr 1992 die Hamburgerin Maria Jepsen zur weltweit ersten lutherischen Bischöfin gewählt wurde, es war immer noch eine Sensation, dass mit Margot Käßmann 1999 eine Frau das Landesbischofsamt in Hannover übernahm und dass man sie im Jahr 2009 als erste Frau zur Ratsvorsitzenden der EKD wählte.

Karin Gerhardt, in den 1990er Jahren selbst Vorreiterin in Frauenfragen, unter anderem als Delegierte für die Europäische Ökumenische Versammlung in Graz als Vertreterin der EKD, sie hatte bei der Landesbischofswahl für Käßmann gestimmt und erinnert sich noch gut an die tief bewegten älteren Pastorinnen im Saal, die kaum fassen konnte, dass die Niedersächsische Landeskirche nun tatsächlich von einer Frau repräsentiert wurde. Doch seit die Kirchensprengel zusammengelegt werden, geht die Zahl der weiblichen Superintendenten zurück.Auf Landesebene ist in Niedersachen nur noch eine Frau präsent, die Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann; und nach Käßmanns Rücktritt und dem Rücktritt von Maria Jepsen findet sich auch in der obersten Leitung nur noch eine Geistliche, die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann.

„Die Arbeitsbelastung wird immer größer“, so Karin Gerhardt. „Dazu kommt, dass es einfach hart bleibt, sich als Frau in der Leitungs-Männerdomäne durchzusetzen. Den Pastorinnen geht es gut in ihren Gemeinden. Sie würden sich, so erfahre ich das, nur dann auf Leitungsstellen einlassen, wenn man bereit wäre, Ämterteilung und Ämter auf Zeit einzuführen.“

Frauen in evangelischen Pfarrämtern – heute keine Seltenheit mehr. Noch vor 25 Jahren aber bedeutete die Ehe für Theologinnen das berufliche Ende. Pastorinnen berichten über Ressentiments während des Studiums, die Haltung der Kirchen-Obersten und über die Schwierigkeiten, in Leitungspositionen zu kommen.



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