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Studie aus Hamburg: Wann Politiker zurücktreten und wann Journalisten wegschauen

Erst der Artikel, dann der Rücktritt?

Je intensiver über eine mögliche Strafverfolgung von Politikern berichtet wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit für einen Rücktritt. Ob jedoch berichtet wird und es zu einem Rücktritt kommt oder nicht, hängt maßgeblich davon ab, ob zeitgleich ein mediales Großereignis stattfindet. Eine Fußball-Weltmeisterschaft oder eine Naturkatastrophe machen einen Rücktritt weniger wahrscheinlich. Zu diesem Schluss kommen zwei Forscher der Hamburg Media School (HMS) in einer aktuellen Studie.

veröffentlicht am 25.09.2017 um 14:36 Uhr
aktualisiert am 25.09.2017 um 16:50 Uhr

Ob ein strafverfolgter Politiker zurücktritt, hängt nicht allein von der Schwere des Falls ab, sondern auch davon, ob und wie stark darüber berichtet wird. Foto: Pixabay

„Die Medien berichten deutlich weniger über Fälle einer Immunitätsaufhebung im Zuge der Strafverfolgung, wenn ihre Aufmerksamkeit und Ressourcen durch zeitgleich stattfindende, konkurrierende Geschehnisse gebunden sind“, erläutert Dr. Marcel Garz, Leiter der Media-Bias-Forschungsgruppe an der Hamburg Media School.

Für ihre Untersuchung haben die beiden Forscher 269 Fälle der Immunitätsaufhebungen deutscher Abgeordneter zwischen dem 1. Januar 2005 bis zum 31. Dezember 2014 untersucht und über 700 damit in Verbindung stehende Artikel in sechs überregionalen deutschen Tageszeitungen ausgewertet.

Zu den Zeitungen, die im Rahmen der Studie berücksichtigt worden sind, gehören Bild, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Handelsblatt, Süddeutsche Zeitung, Die Tageszeitung und Die Welt.

Christian Wulff trat am 17. Februar 2012 als Bundespräsident zurück, einen Tag, nachdem die Staatsanwaltschaft die Aufhebung seiner Immunität beantragt hatte. Foto: dpa
  • Christian Wulff trat am 17. Februar 2012 als Bundespräsident zurück, einen Tag, nachdem die Staatsanwaltschaft die Aufhebung seiner Immunität beantragt hatte. Foto: dpa

„Auch wenn nicht alle Immunitätsaufhebungen mit einer Verurteilung enden, so hat uns zunächst einmal die hohe Zahl der Fälle überrascht“, erläutert Garz. „Interessant war aber vor allem, mit welcher Deutlichkeit wir den Verdrängungseffekt von Großereignissen auf die Berichterstattung nachweisen konnten.“ Zwischen Berichterstattung und Rücktrittwahrscheinlichkeit besteht den Forschern zufolge nicht nur ein statistischer, sondern auch ein kausaler Zusammenhang. Das Ausmaß der Beeinflussung sei erheblich: Wenn wegen eines konkurrierenden Ereignisses nicht über eine Immunitätsaufhebung berichtet werde, gehe die Rücktrittswahrscheinlichkeit gegen Null, bilanzieren sie.

„Unsere Studie verdeutlicht, dass die Medien eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, strafverfolgte Politiker für ihre Handlungen verantwortlich zu machen“, so Garz. Medienkritische Anmerkungen haben die Forscher auch: So wird zum Beispiel angemerkt, dass eventuell nicht berichtet wird, wenn es sich um einen Amtsträger handelt, der auf einer ähnlichen politischen Linie liegt, wie die Zeitung, die berichtet. In diesem Fall käme ein Großereignis, das Arbeitskraft bindet, möglicherweise gerade recht.

„Journalisten, die ihre Kontrollfunktion ernst nehmen, sollten aufpassen, dass sie nicht Opfer eines geschickten Timings von Immunitätsverfahren werden.“ Ansonsten bestehe die Gefahr, dass Politiker nur deshalb nicht zur Verantwortung gezogen werden, weil die Berichterstattung über Olympia wichtiger erscheint.

red

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