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„Morgens früh holten sie uns“

Erinnerungen von Hamelner Sinti aus der Nazi-Zeit

HAMELN. 72 Jahre nach dem Nationalsozialismus sind die Verbrechen der Nazis in den Erinnerungen vieler Sinti noch sehr präsent. Die Kinder und Jugendlichen von heute kennen die im Dritten Reich erlittenen Leidensgeschichten ihrer Urgroßeltern, entweder aus deren eigener Erzählung oder durch Überlieferung. In Gesprächen mit der Dewezet haben Hamelner Sinti Erlebnisse, Erinnerungen und Überlieferungen aus der Nazizeit geteilt.

veröffentlicht am 31.08.2017 um 18:11 Uhr
aktualisiert am 31.08.2017 um 19:00 Uhr

2012 wurde in Berlin das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma im Beisein von Bundeskanzlerin Angelas Merkel und dem damaligen Bundespräsident Joachim Gauck eingeweiht. Foto: dpa
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

Die Nazizeit ist für viele noch so lebendig, dass sich manche Sinti sogar erzählen, Hitler habe während der „Reichserntedankfeste“ am Bückeberg in Wehrbergen übernachtet – ausgerechnet in der Gaststätte, in der heute die Sinti-Missionsgemeinde zuhause ist. Auch wenn Hitler dort nicht einkehrte, so zeigt es doch, wie tief der Schrecken der Naziherrschaft selbst noch bei den nachfolgenden Generationen sitzt und wie gegenwärtig diese Zeit noch ist.
Diese Menschen haben ihre Erinnerungen mit uns geteilt:

Hugo Steinbach (86)

„Als ich neun Jahre alt war und gerade in die zweite Klasse sollte, kamen wir ins Lager. Morgens früh kamen sie und holten uns ab (in Hamburg; Anm. d. Red.). Wir durften nur 50 Pfund an Sachen mitnehmen. Wir kamen in ein Lager in Polen (Belzec; Anm. d. Red.). Wir waren in vielen Lagern. Ich war erst neun, aber musste arbeiten wie ein Mann. Unter Schlägen. (Zeigt seine vernarbten Augenlider und eine große Narbe am rechten Schienbein; Anm. d. Red.). Mein Bein ist lahm. Ich habe Kohlenwaggons geschoben, da war Schlacke drin, und die haben wir durchgesiebt.
Einer wollte was trinken, nur einen kleinen Schluck. Der wurde abgeschossen! Es gab nur Suppe, die war wie Wasser. Wenn ein Hund oder eine Katze von einem Auto totgefahren wurde – dann kam die rin in‘ Topp!
Meine Mutter ist dort gestorben. Mein Vater hat uns alle zusammengehalten. Ich war nie wieder in der Schule. Ich wurde gestraft fürs Leben. Habe nie mehr Lesen und Schreiben gelernt. Dann sind wir geflüchtet. Die Deutschen wollten uns abschießen. Wir standen schon in einer Reihe auf dem Acker. Da kamen die Russen und haben uns befreit.

Nach der Nazi-Zeit blieb die Angst uns noch lange in den Knochen. Wenn wir Uniformen gesehen haben, dann haben wir uns immer weggeduckt. Wir müssen aber auch vergeben, sonst wären wir ja keine Christen.“

Reilo Weiß (69)

„Mein Stiefvater, Robert Rose, hat mir erzählt, wie er in Auschwitz im KZ war. Er musste mit ansehen, wie seine Kinder getötet wurden.
Im Winter musste er ohne Hose draußen stundenlang stehen, im Sommer mit Schal und Mütze. Auf seinem Arm war die Nummer aus Auschwitz tätowiert. Er hat die Deutschen gehasst. Wenn er später was getrunken hatte, wurde er aggressiv. Nicht uns gegenüber, das nie, aber Deutschen gegenüber. Wenn dann einer sagte ,Du Zigeuner!‘, dann war das alles wieder da.
Eine kleine Entschädigung hat er wohl bekommen. Aber wie will man das Leben der eigenen Kinder entschädigen? Seitdem herrschen viele gegenseitige Vorurteile. Mein Stiefvater war nicht gut auf die Deutschen zu sprechen. Das färbte auf uns Kinder ab.
Aber heute sind wir Christen. Wir versuchen, die Deutschen lieb zu haben, deshalb möchte ich Vorurteile abbauen.“

Wiesemann Rosenberg (50)
 

„Mein Opa väterlicherseits, Rigo Rosenberg, und seine ganze Familie waren im KZ (Belzec u.a.; Anm. d. Red.). Raus haben es nur mein Opa und seine Schwester geschafft. Der Rest wurde vergast, an den Zwillingen wurde medizinisch herumexperimentiert. Die Angehörigen wurden vor den Augen meines Opas in die Gaskammer gesteckt. Sie wurden von ihm losgerissen, und er musste weiterarbeiten.


Meine Oma hatte noch die KZ-Nummer tätowiert. Sie war in Auschwitz und Bergen-Belsen. Mein Opa hat mit uns über diese Zeit gesprochen und viel erzählt. Er sagte uns, wir müssen uns an die Gesellschaft anpassen, weil wir eine andere Hautfarbe und eine andere Sprache haben. Deshalb müssen wir zur Schule gehen, eine Lehre machen und uns integrieren, damit so was nicht wieder passiert.
Die Deutschen heute können nichts dafür. Aber es ist eine Vergangenheit, die wehtut. Ich habe meine eigenen Vorfahren nicht kennenlernen können. Sie fehlen jetzt. Das bedeutet Traurigkeit und Schmerz. Was damals passiert ist, hat auch mich geprägt. Vor allem, vorsichtig zu sein und mich an die Gesetze zu halten. So habe ich es auch an die Jüngeren aus unserer Familie weitergegeben. Denn das war eine schlimme Sache, das darf nicht noch mal passieren.
Aber ich habe immer viele deutsche Freunde gehabt und komme schon immer gut mit ihnen aus. Und warum ist das so? Weil ich so lebe, wie es mein Opa mir gesagt hat! Klar, andere kennen mich nicht und hauen mir die Tür vor der Nase zu. Aber eine deutsche Familie aus Hamburg wollte mich sogar mal adoptieren, weil ich ihrem verstorbenen Sohn so ähnlich sah, und sie mich so mochten. Das ging natürlich nicht, schließlich habe ich meine eigenen Leute. Aber ich besuche sie immer noch.“

Rudolf Freiwald (70)
 

„Sie waren gerade auf der Durchreise, als sie in Warburg von der Polizei kontrolliert und weggenommen wurden. Die Männer kamen in Arbeitslager. Meine Mutter, Caroliné Freiwald, kam in die Erziehungsanstalt Schweicheln bei Herford. Da war sie bis zu ihrem 16. Lebensjahr. Dann suchte ein Bauer eine Magd, und meine Mutter hatte sich nichts bei gedacht, wollte nur weg vom Heim.
Dann war sie bis 21 bei dem Bauern in Heidelbeck (im Kalletal; Anm. d. Red.), bis mein Opa sie dort abgeholt hat. Sie musste dort sehr schwer arbeiten: Kuh- und Schweineställe ausmisten, die Kühe melken, sämtliche Arbeiten verrichten und am 20. April Hitler seine Fahne raushängen.
Dann kamen die Amerikaner und wollten was zu essen. Meine Mutter hat ihnen gesagt, wo sie alles finden. Da hat der Bauer mit ihr geschimpft. Doch die Amerikaner haben den Bauern an die Wand gestellt und gesagt, wenn er nicht sofort aufhört, dann erschießen sie ihn. Die Amerikaner haben dann in seinem Bett geschlafen.“ (lacht)

Ramona Weiß (59)
 

„Meine Oma war mit meinem Opa im Lager in Polen. Vier von ihren acht Kinder sind dort gestorben, ermordet worden. Ich kann nicht sagen, in welchem Lager das war, aber eine meiner Tanten ist in Starachowice zur Welt gekommen. Meine Mutter, Sophie Weiß, ist mit fünf oder sechs Jahren ins Konzentrationslager gekommen. Sie selbst konnte nicht lesen und schreiben. Aber bei uns Kindern hat sie später sehr darauf geachtet, dass wir es lernen.
Meine Oma hat immer gesagt, wir sollen die Leute jetzt nicht hassen. Die haben nichts damit zu tun, was früher gemacht wurde. Aber ich krieg manchmal immer noch Wut! Wenn ich im Fernsehen sehe, was früher mit uns angestellt wurde.“



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